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Wir führten dieses Gespräch im Juli 1999 um uns die Jahre, die uns sehr mit Andrea verbunden haben, zu vergegenwärtigen. Zwei Frauen aus der Gruppe, die vom 12.4.89 bis zum 17.12. 1993 im Knast waren, stellten Fragen an die anderen, die zusammen mit Andrea draußen gekämpft haben. Gemeinsam verfaßte Texte sind im Anhang zu finden.
: Bevor wir 1989 wegen der Aktion in der Frankfurter Börse verhaftet wurden, waren wir Teil eines Diskussions- und Orga-nisierungsprozesses, in dem es darum ging aus den Erfahrungen der Jahre vorher gemeinsam Konsequenzen zu ziehen. In diesem Zeitraum, Sommer 1987, haben wir Andrea kennengelernt und uns zusammengeschlossen.
Wir kamen aus verschiedenen Widerstandsbereichen und suchten nach einer verbindlichen Organisierung. Wir wollten nicht mehr von einer Initiative zur nächsten springen, sondern selbst eine lange politische Kampfphase bestimmen. Regionale Verankerung war uns ebenso wichtig wie internationaler Befreiungskampf. Wir versuchten langfristig zu denken und handeln, orientiert an revolutionären Interventionslinien, um daran verschiedene Aktivitäten und Aktionen zu entfalten. Stichworte darin waren z.B. der Aufbau eines revolutionären internationalen Zentrums, Organisierung an der Basis, Volksküche, internationale Diskussion. Es ging uns darum handlungsfähig zu sein, in aktuelle politische Situationen eingreifen zu können und darin auch gesellschaftliche Präsenz herzustellen. Wir waren noch in der Diskussion und Planung der ersten praktischen Schritte,
als die Gefangenen aus der RAF und dem Widerstand am 1.2. 1989 ihren 10.
Hungerstreik für ihre Zusammenlegung in große Gruppen, mit
einer Kette begannen. Zwei Gefangene fingen an, und im Rhythmus von zwei
Wochen kamen immer zwei weitere dazu, damit es ein langer Kampf werden
konnte. Für uns bedeutete das, in dieser Situation schnell zu handeln,
obwohl wir noch Zeit gebraucht hätten für die Planung unserer
Projekte. Aber wir wollten unmittelbar solidarisch sein und die hungerstreikenden
Gefangenen in ihrem Kampf unterstützen. Wir besetzten das Grünen-Büro
in Frankfurt um politischen Druck zu machen und einen Ort zu haben, wo
sich viele treffen und aktiv werden können. Es wurden öffentliche
Plakatklebeaktionen organisiert, Kundgebungen am Knast, Barrikadenaktion
vor dem Neubau des Oberlandesgerichts, politische Veranstaltungen etc. Am 12.4.1989 wurden wir zu dritt nach einer militanten Aktion gegen die Frankfurter Wertpapierbörse verhaftet.Wir setzten mit Molotowcocktails die Computer in Brand, um damit das Börsengeschäft zu schädigen. Die Aktion sollte auch in die Eskalation des Hungerstreiks eingreifen, da die ersten aus der Kette bereits seit 71 Tagen streikten. Wir schlossen uns gleich dem Hungerstreik an, der am 12.5. gemeinsam beendet wurde. Im Juni wurde ein weiterer Genosse aufgrund einer Zeugenaussage auch wegen der Börsenaktion verhaftet. Kurz danach wurde die Besetzung des Grünen-Büros beendet. Andrea war, wie ihr auch, bis zum Schluß daran beteiligt. Einige Monate später habt ihr eine Solidaritätsgruppe zu dem Prozeß gegen uns gegründet, der im Februar 1990 begann. : Ihr habt in einem der regelmäßig erscheinenden Prozeßinfos gesagt, daß „der Hungerstreik ein Einschnitt in Zusammenhänge und Beziehungen war und sie und die Entwicklung der letzten Jahre auf der Punkt gebracht hat“. Woran entwickelten sich damals die Widersprüche und was war eure Position darin ? : Die politischen Gefangenen begannen den Hungerstreik neben dem Ziel veränderter Haftbedingungen unter anderem mit dem Satz in ihrer Erklärung, daß es darum ginge, das revolutionäre Projekt neu zu formulieren. Mit dieser Zielsetzung, das Projekt des revolutionären antiimperialistischen Widerstandes aus den 80er Jahren neu zu bestimmen, waren wir einig. Es wurde aber sehr deutlich - und das machte die Widersprüche aus -, daß ganz unterschiedliche Schlüsse aus der Erfahrung der autonomen und antiimperialistischen Bewegung der 80er Jahre gezogen wurden. Auch aus den Erfahrungen der bewaffneten Linken, und auch aus den vorherigen Kämpfen der Gefangenen. Die hauptsächliche Interpretation der Hungerstreikerklärung war ein Widerspruch zwischen militanter Intervention und dem Versuch möglichst viele unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte zu vereinen. Wir waren der Ansicht, daß es diese Verbindung braucht, sonst führt es nur zu Abstrichen an den eigenen Konzeptionen. Das kennzeichnet ein wenig die Widersprüche, die sich dann z.B. auch in der Grünen-Bürobesetzung, als Info- und Aktionszentrum zeigten. Diese Vorgehensweise war innerhalb der Hungerstreikmobilisierung relativ isoliert und wurde kritisiert, daß sie taktisch dem Hungerstreik schade. Die Gefangenen selber hielten eine Interventionslinie zumindest ab einem bestimmten Zeitpunkt für verfehlt - und machten das auch öffentlich in jeder erdenklichen Art und Weise deutlich. : Es gab zu dem Hungerstreik, wie auch zu seinem Abbruch sehr unterschiedliche Einschätzungen. Auch zwischen uns drinnen und euch draußen wurde das Unverständnis immer größer. Aus unserer Sicht hatte die Wegnahme der Eskalation durch den Abbruch die Situation geöffnet. Wir hatten die Einschätzung, daß in der politischen Diskussion und weiteren Initiativen die Ziele der Gefangenen erreicht werden können. Trotzdem gab es natürlich auch das Gefühl von Niederlage, da es nur minimalste Zugeständnisse vom Staat gab. Was sich später als absolut falsch herausgestellt hat, war die Annahme, daß eine gesellschaftliche Kraft mobilisiert und handlungsfähig war.
: Der hauptsächliche Dissens von uns aus war nicht in der Frage,
ob es richtig war den Hungerstreik abzubrechen, sondern zu den Begründungen
und Rechtfertigungen. Da wurde eine Einschätzung der politischen
und sozialen Situation in diesem Land und international deutlich, die
mit unserer überhaupt nicht zusammenpaßte. Ein Beispiel: während
von den Gefangenen und dem mit ihnen konform gehenden Spektrum von einem
Durchbruch zu neuen demokratischen Verhältnissen in Deutschland gesprochen
wurde, begriffen wir die Situation als einen Zusammenbruch linker und
linksradikaler Perspektiven und Vorstellungen. Wir sahen die Kraft nicht,
die da angeblich entstanden ist. Deswegen sagten wir, es geht gerade darum
diese Kraft aufzubauen. : Ich weiß, daß Andrea sehr stark versucht hat mit uns im
Knast in der Diskussion zu bleiben und uns die Sachen zu vermitteln. Seien
es die Auseinandersetzungen, die im Grünen-Büro weiterliefen
oder an der Entscheidung, den Hungerstreik abzubrechen. Ich muß
heute sagen, daß ich sie in der Situation emotional nicht verstanden
habe. Ich sah nicht, wie die vorhergehenden Diskussionen an Organisierung,
an Neuaufbau - wir hatten damals Neukonstituierung gesagt - zu dem Hungerstreikverlauf
im Widerspruch steht. Das habe ich damals nur schwer verstanden. Andrea
versuchte, uns das zu vermitteln und ist aufgelaufen. Wir haben uns sehr
viel gestritten. : Wir bildeten die Gruppe zum Börsenprozeß, weil Leute aus Frankfurt, ihr, im Knast wart. Ein ganz einfacher Grund. Es war klar, daß wir euch unterstützen. Aber auch klar war, daß wir versuchen werden, eine Diskussion zu führen über die Erklärung zur Börsenaktion, über die inhaltlichen Punkte, die über den unmittelbaren Zusammenhang mit dem Hungerstreik hinausgingen. Stichwort Umstrukturierung, Stadtsanierung, imperialistische Zentren. Es ging uns um den Versuch, in bestimmten Gebieten - Frankfurt als eine wichtige ökonomische, politische und militärische Finanzregion für den westeuropäischen Imperialismus - eine Basisbewegung und Widerstand zu entwickeln und auf die Straße zu bringen. Das stand in dem Kontext, den du zu Anfang nanntest, mit einer längerfristigen Initiative und Organisierung. Wir gingen von der Einschätzung aus, daß nur eine akkumulierende Wirkung von vielen Initiativen und Interventionen auf unterschiedlichsten Ebenen des Widerstandes bis zu Aktivitäten von militärisch kämpfenden Gruppen, in der Lage ist eine Wirkung zu erringen und Druck zu entfalten. Daraus entsteht eine gesellschaftliche Gegenkraft. So war auch die Prozeßgruppe und ihr Info „Kein Friede mit den Banken“, aus dessen Name sich dann später der Name unserer Gruppe ableitete, ein Versuch, diese Diskussion, auch mit euch Genoss/innen im Knast, weiterzuführen.
: In Frankfurt und bundesweit. Das Prozeßinfo wurde bundesweit vertrieben, und so hatten wir die Mobilisierung zum Prozeß angelegt, die sich auch grundsätzlich gegen den „ Anti-Terror-Paragraphen“ 129a richtete. Damit sollte auch der Bezug gegen die anderen zu dieser Zeit laufenden Gerichtsprozesse hergestellt werden, sei es das erste große Verfahren gegen die PKK, nordirische Genossen und Genossinnen, und andere aus dem militanten Widerstand der BRD. : Später schätzten wir eure Arbeit sehr, nachdem wir anfangs heftige Kritik an der Prozeßgruppe hatten, weil die Diskussion mit uns erst spät anfing. Wir warfen euch Objektverhältnis vor. Das andere war, daß wir zu dem Zeitpunkt noch an dieser Vorstellung gesellschaftlicher Breite festhielten und eher eine Art Bürgerinitiative zum Prozeß wünschten. Das hat sich dann sehr schnell geändert. Die Prozeßinfos waren für uns nach den zehn Monaten Knast die ersten Zeitungen, bei denen wir das Gefühl hatten, wir sind Teil der Diskussion. Wichtig fanden wir, daß es in den Ausgaben nicht nur um den Prozeß ging, sondern daß ihr da auch z.B. zum Golfkrieg oder Hungerstreik in Spanien Artikel brachtet. Es wurde vermittelt, woran Initiativen liefen und womit ihr euch auseinandergesetzt habt. : Andrea hat euch und anderen Gefangenen nicht nur viel geschrieben und viele Besuche gemacht, sondern sie hatte auch überhaupt viel geschrieben. Das sieht man jetzt ja auch bei der Zusammenstellung für die Broschüre. Andrea war ein Mensch, die viel aufgeschrieben hat. Gedanken, Briefe, Flugblätter, Versuche, kleine und große Textbeiträge. Dieses Talent, in relativ schneller Zeit etwas zu formulieren, ist auch dem Prozeßinfo zu gute gekommen. Sie hat viel daran mitgearbeitet. Unsere gemeinsame Diskussion, und das merkt man den Prozeßinfos auch an, war nicht immer so ausformuliert oder schon so klar, aber eins war klar, wir müssen versuchen politische Überlegungen zur Diskussion zu stellen. Wir müssen dafür ein öffentliches Forum schaffen. Wir gingen davon aus, wenn eine linksradikale Bewegung, oder auch nur eine revolutionäre Widerstandsgruppe, sich neukonstituieren will, muß sie sprechen. Auch auf die Gefahr hin, kritisiert zu werden oder möglicherweise falsch zu liegen. : War das schon ein Grundstein für den Ansatz, Erkennbarkeit und Präsenz zu schaffen, wie es dann später auch in der Mobilisierung gegen den Weltwirtschaftsgipfel 1992 und im Zusammenhang mit den anti-faschistischen und anti-rassistischen Initiativen deutlicher wurde? : Ich will es anders sagen: Nicht im Prozeßinfo war es Grundstein,
sondern umgekehrt, auch in den Prozeßinfos zu versuchen es umzusetzen.
In unseren politischen Initiativen ab 1988 war es bereits angesiedelt.
Z.B. führten wir das nach 1989 in der Kampagne gegen das Finanzzentrum
Frankfurt fort, mit den Sleep-Ins, Mitarbeit im Häuserrat, Filmwochen
gegen Wohnungsnot... Das waren alles Ansätze um eine Präsenz
zu schaffen, öffentlich zu sein, erkennbar zu werden und die eigenen
Sachen zur Diskussion zu stellen. : Andrea war da manchmal sehr wankelmütig. Sie hat z.B. in der Diskussion mit euch versucht eine Brücke zu bauen und zu vermitteln, im gleichem Atemzug konnte sie aber, wenn sie z.B. eure Erklärungen oder die anderer Gefangener las, in einem Ausmaß darüber schimpfen und sie in der Luft zerreißen. In einer Absolutheit, die anderen aus unserer Gruppe zu viel war, auch wenn sie grundsätzlich die Kritik geteilt haben. Das hat Andrea auch ausgemacht: sie war sehr schnell und rigide und sehr grundsätzlich - konnte es aber im konkreten zu den Leuten dann wieder aufheben. : Wie habt ihr euch nach dem Urteil gegen uns (sieben Jahre), also dem Ende der Prozessgruppe, weiter organisiert?
: Ihr habt eben als ein Ziel der Diskussionen genannt, daß es darum ging, verschiedene Momente - öffentliche Präsenz, Basisorganisierung, militante Intervention - zusammenzubringen und Trennungen aufzuheben. Wie habt ihr euch mit dem Kampf der RAF auseinandergesetzt? : Die RAF gehörte sehr stark in die Auseinandersetzung dieser Jahre.
Wir haben uns nicht in dem Widerspruch Militanz ja oder nein bewegt, auch
nicht, nachdem die RAF 1992 eine Feuerpause verkündete. Für
uns war wichtiger, was wir zuerst in einem der Prozeßinfos ausdrückten:
in dieser Phase geht es darum den Sinn revolutionärer Politik wieder
neu zu entwickeln. Für uns war selbstverständlich, daß
die RAF und die RZs darin eine Rolle spielen mußten. Sie waren ein
kontinuierlicher revolutionärer Organismus, der zumindest in den
70er- und 80er Jahren sehr bestimmend war. Für das Projekt einer
Neukonstituierung betraf es sie genauso, wie andere autonome und antiimperialistischen
Gruppierungen: es geht so wie bisher nicht weiter; auch diese Gruppen
müssen Teil eines neuen Anfangs werden, wir und sie werden sich transformieren
müssen. Das war unsere Auseinandersetzung mit dem Projekt RAF, mit
dem Projekt RZ. Gewünscht hatten wir uns, daß es politisch
ein Prozeß wird. : Welche konkreten Ziele habt ihr euch vorgenommen? : Es ging uns um einen Prozeß der Erweiterung. Wir schwärmten aus, um die Diskussion mit Gleichgesinnten zu suchen. Sei es bei der internationalen Infoladenvernetzung, in der Kampagne „Stop EG '92", und dann in der Mobilisierung gegen den Münchener WWG. Damit wollten wir hier im Land GenossInnen treffen und uns mit ihnen organisieren. Und zum anderen eine internationale Diskussion neu aufbauen. Da waren Verbindungen und Zusammenhänge abgerissen, wie auch weit über uns hinausgehend ein internationalistisches Projekt nicht mehr existierte. Gleichzeitig hielten wir es für notwendig angesichts des „Schubs nach rechts“, nicht nur durch die Straßenfaschisten, sondern durch den Staat, der offen rassistische Politik betrieb, eine Gegenwehr zu organisieren. Das war in Frankfurt dann der Aufbau der antirassististischen und antifaschistischen Stadtteilgruppen und des Notruftelefons. : Ihr habt also die Phase der Niederlage nicht so gesehen, daß es angesagt sei, sich erstmal zurückzuziehen und alles zu überprüfen? Ihr sagtet statt dessen, in dieser Situation ist es notwendig, da zu sein und einzugreifen und darin neue Erfahrungen zu machen? : Ja. Und auch eine Konfrontation zu erzeugen, mit unseren Vorstellungen. : Aber war es nicht auch so, daß ihr manchmal das Gefühl hattet, gegen eine Entwicklung anzurennen und politisch einsamer zu werden? : Ja und nein. Wir hatten uns vorgenommen, uns nicht zurückzuziehen und drei Projekte bestimmt, die wir dann versuchten an einzelnen Initiativen umzusetzen: Projekt Organisierung, einen Diskussions- und Organisierungszusammenhang aufzubauen; dann die internationale Diskussion, da steht unter anderem der WWG für, dort das von uns organisierte Forum 1 auf dem Gegenkongreß - und eben Basisorganisierung, wofür wir uns in Frankfurt an den Stadtteilgruppen und dem Telefon beteiligten. Da sind wir nicht einsamer geworden, sondern mit ganz vielen Leuten zusammengekommen und haben was zusammen gemacht.Einsamer - und das Problem hatten nicht nur wir - wurde es an der Frage der Organisierung einer revolutionären, einer strategischen Diskussion und Praxis. Uns in der Niederlage zurückzuziehen stand für uns nicht an - wir mußten sie erstmal benennen und entwickeln. Die Resonanz, also das Eingehen auf diese Diskussion, war mau. Das machte uns zu schaffen und das beutelte auch Andrea sehr. Das war sehr widersprüchlich für uns. In Frankfurt mit dem Telefon z.B. als Ansatz war es ein zahlenmäßig aus den letzten Jahren sehr großes Projekt, wenn nicht das größte einer stadtweiten, gruppenübergreifenden Organisierung gewesen. Auch in der Anti-WWG-Mobilisierung 1992 waren wir alleine schon in der Phase der Vorbereitung mit sehr sehr vielen Leuten zusammen. : Andrea war da sehr aktiv drin. Vielleicht könnt ihr in diesem Zusammenhang etwas zu ihr sagen? Was waren dort ihr Engagement und ihre Fähigkeiten? : In unserer Gruppendiskussion zur Initiierung einer antirassistischen Basisorganisierung war Andrea sehr stark engagiert. Auch sie sah die Notwendigkeit, an verschiedenen gesellschaftlichen Konflikten und Problemen sich mit anderen zusammen zu organisieren. In unserer Vorstellung einer antirassistischen Basisorganisierung war das dann der Versuch in den Stadtteilen handlungsbereite Gruppen aufzubauen. Andrea hat die Gruppe im Gutleut, wo sie lebte und später in Bockenheim, stark geprägt. Aber auch beim Telefon, sowohl bei Alarmsituationen, wenn Notrufe kamen, um direkt einzugreifen. Ich erinnere nur an die Mobilisierung nach dem Brand in einem Flüchtlingsheim in Lampertsheim. Ihre Haltung war eindeutig: sofort reagieren, handeln. Es entstand die Situation, daß, obwohl Lampertsheim 100 km von Frankfurt weg ist, wir mit dem Telefon die einzige Öffentlichkeitsarbeit machten, aber auch Aktivitäten, wie eine Untersuchungsgruppe, und dann die Demo in Lampertsheim mit über 1000 Leuten. Das Telefon bekam da überregionale Bedeutung, auch Autorität: Presse, Feuerwehr und Polizei riefen bei uns an, wenn sie gesicherte Informationen haben wollten. Ähnliches später dann auch in Mannheim-Schönau. Andrea zeichnete aus, beide Seiten anzugehen: nach innen, daß unter
allen Beteiligten ein Organisierungsprozeß stattfindet - und nach
außen, mit den Aktionsgruppen, bei Alarmeinsätzen usw. in vorderster
Front zu stehen, wenn es darum geht Faschisten und Rassisten in die Flucht
zu schlagen, Flüchtlingsheime zu schützen usw. : Andrea machte nach dem WWG eine längere Reise nach Mittelamerika, Guatemala und El Salvador. Da versuchte sie an Beziehungen und Kontakte anzuknüpfen, die während des Gegenkongresses entstanden waren. Gab es für die Vorbereitung dieser Reise eine gemeinsame Diskussion und Überlegung? : Was die Auffrischung dieser Kontakte insbesondere nach El Salvador
betrifft, ja. Andrea sollte versuchen dranzubleiben, und mit den Organisationen
dort zu diskutieren. Wir wollten die Genossen und Genossinnen dafür
gewinnen, an dem einen Ergebnis unseres Forums, die Initiierung eines
internationalen Kampftages für die Freiheit der politischen Gefangenen,
aktiv mitzuarbeiten. Das war das konkrete: die Initiative Libertad! : Es gab später einen Vorschlag von Andrea, zur FMLN hin, die Diskussion
vom Gegenkongreß weiter zu entwickeln und eine internationale Woche
in El Salvador zu machen. Gleichzeitig sollten nach dem Verhandlungsprozeß
in El Salvador die Wahlen, die ein Jahr später stattfanden, unterstützt
werden. Aus El Salvador gab es die Antwort, daß sie auch mit anderen
Stellen aus Deutschland zusammenarbeiten. Das war eine Absage an eine
gemeinsame, auch strategische internationale Diskussion. : Ob es eine Enttäuschung war, weiß ich nicht. Andrea hat ihr eigenes Bedürfnis nach internationalistischer Diskussion und gemeinsamen Kampf, auch die Erfahrung mit einzelnen Genossinnen und Genossen in El Salvador, die das sicher sehr ernsthaft geäußert haben, mit dem politischen Prozeß der Organisation verwechselt. Der objektive Prozeß in El Salvador hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ich würde nicht unbedingt sagen, einen reformistischen Weg, aber aufgrund der Voraussetzungen, die sie dort hatten, auch der Ergebnisse des Guerillakampfes und der Verhandlungen, war der Prozeß woanders. Andrea setzte ihre eigene Einschätzung, und das machte ein Stückweit die Schwierigkeit unserer Diskussion nach der Reise aus, mit den Bedingungen gleich, was man machen kann. Das war in El Salvador offensichtlich nicht der Fall. Entsprechend die Absage. : Andrea hat es dann für sich selber so charakterisiert - das hat sie dann noch mal in einem Brief nach El Salvador geschrieben, daß für sie nach ihrer Reise eine Entfremdung zu ihrer Gruppe gelaufen ist. Sie fühlte sich unverstanden und kritisierte, daß es von euch kein Verhältnis zu dem Kampf dort gibt und ihr die Dringlichkeit nicht gesehen habt, sich in der Art und Weise zu solidarisieren. Sie empfand das als unsolidarisch.
: Die Entwicklung beschleunigte sich immer mehr: die RAF griff den Knastneubau
in Weiterstadt an, so daß der nicht eröffnet werden konnte
und kurz darauf gab es das Drama in Bad Kleinen, eine Staatsschutzaktion
bei der Birgit Hogefeld durch Verrat des Spitzels Klaus Steinmetz verhaftet
und Wolfgang Grams erschossen wurde. Das war für viele ein Schock,
vor allem für die, die den Verfassungschutzagenten persönlich
kannten. Auch speziell für die Gruppe hatte das eine sehr große
Auswirkung. Andrea selber hat das für sich als „Super-GAU“ bezeichnet,
aufgrund ihres, eures Kontaktes und ihrer Freundschaft zu Steinmetz und
weil sie schon das dritte Mal mit Spitzel und Verrat konfrontiert war. : Das Problem hat sich tatsächlich gestellt. Es war für die
Gruppe eine schwere Situation entstanden. Einmal direkt nach Bad Kleinen,
es überhaupt durchzufechten, daß in Bad Kleinen ein Verrat
gelaufen ist. Da hat Andrea noch aktiv mit drangearbeitet bei dem Versuch,
es von unserer Seite aufzudecken. Aber in unserem Kontakt als Gruppe,
und für diejenigen von uns, und dazu gehörte Andrea, die mit
Steinmetz direkt zu tun hatten, wurde sehr viel deutlich, das unsere Gruppe
betrifft. Schon alleine, daß der Typ für Andrea auch emotionaler
Fluchtpunkt war aus den Schwierigkeiten und dem Unverständnis innerhalb
der Gruppe. : Aber
denkt ihr nicht, daß so eine zugespitzte und existentielle Situation,
auch mit allen Problemen, die ihr eben geschildert habt, eine Überforderung
für eine kleine Gruppe war, das alleine zu bewältigen?
: Ja, wir hätten uns gewünscht, daß jemand dagewesen wäre. Wir versuchten, das im Kleinen aufzulösen, was sehr schwierig und eine Konstruktion war. Es war eine Überforderung - und wir ha-ben versucht es zu lösen, wissend, daß es eine Überforderung war. Uns war bewußt, daß alle, die in diesem Prozeß verwickelt waren, zu befangen sind. Daß man deshalb versuchen muß Leute zu finden, die das untersuchen können, weil sie integer und verläßlich sind, die auch diskret sind, also Leute, mit denen über alle Probleme gesprochen werden kann, ohne die Gefahr, daß es an falschen Orten öffentlich oder damit Politik gemacht wird. Dort war auch das Problem, daß diejenigen, die die Vorgänge um Bad Kleinen und Steinmetz untersuchen mußten auch, wenn man es so nennen will, die Angeklagten waren. : Du hattest vorhin gesagt, es war für Andrea wie eine Verhörsituation... Das hat was sehr negatives. Ich sehe das aber nicht so. Wir hatten beschlossen es so zu tun, daß diejenigen, die mit dem Typen unmittelbar zu tun hatten, sich einer Befragung stellen. Wir hatten auch gemeinsame Bedingungen festgelegt: auf alles zu antworten und keine Gegenfragen zu stellen. Also eben nicht bei jeder Frage, die gestellt wurde die Vertrauensfrage aufzumachen: „Wie kannst du mir eine solche Frage stellen“, oder „Glaubst du mir etwa nicht“ etc. Das war aufgrund der Umstände einfach notwendig und auch, weil wir uns natürlich kannten. Solange eine Gruppe, auch wenn sie klein ist, für sich den Anspruch formuliert, einen organisatorischen Prozeß entwickeln zu wollen - und mittelfristig auch Organisation sein zu wollen -, muß sie Mechanismen finden, auch in Situationen der Gefahr - denn es war überhaupt noch nicht absehbar, was daraus weiter passieren wird. Wir mußten uns bestimmten Methoden verpflichten. Deswegen, wenn Andrea das als Vorwurf sagte, muß ich sagen, es war nicht die Situation eines Verhörs, sondern: wer, wen und warum und weshalb befragt und was sind die Motivationen. Der Druck war natürlich da. : Dazu gehört natürlich, daß die Kritik von Andrea an der Gruppe in der Situation stimmte. Wir waren in der Zeit nach Bad Kleinen und der Aufdeckung des VS-Agenten nicht in der Lage, beides zugleich zu sein: auf der einen Seite zu versuchen unseren Prozeß zu sichern, herauszukriegen, welche Sachen gelaufen sind, warum und wieso - und auf der anderen Seite waren wir als Gruppe nicht in der Lage Andrea in der für sie noch mal anders schwierigen Situation zu helfen. Wir konnten nicht den Weg freimachen, die Blockade auflösen - auch diese Flucht in die Verzweiflung zu stoppen. Wir als Gruppe waren nicht stark genug, nicht gefestigt genug - klar auch, nicht genug Leute, um ihr - und damit uns - zu helfen. Auch heute noch empfinde ich das als katastrophal. : Gab es später von Andrea wieder eine Annäherung zur Gruppe oder zu einzelnen aus der Gruppe? : Vermittelt hat sich uns einiges später aus dem, was wir von ihr
lesen konnten, z.B. aus Kurdistan, wie sie sich mit dieser Phase auseinandersetzte,
was sie nachträglich dazu denkt. Das sind dann objektive Annäherungen.
Aber an die Gruppe nicht. Es gibt in dieser Geschichte auch Beziehungen
und Verhältnisse, die anfangs zwar schwer angegriffen waren, aber
gleichzeitig und unabhängig von der Frage veränderter politischer
Konzeptionen da waren. [HOCH] [Kontakt: Über Literaturversand,
Falkstr. 74, 60487 Frankfurt]
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