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Endstation Bad Kleinen?

10 Jahre nach Bad Kleinen: Haben die Ereignisse von damals überhaupt noch einen Nachhall in der Gesellschaft von heute? Oder doch alles Schnee von gestern, an dem sich niemand mehr groß reibt? 10 Jahre nach Bad Kleinen ist der Staat, die Linke und auch die gesellschaftliche Entwicklung an einem anderen Punkt. Und doch gibt es da einen Zusammenhang. Der politische und organisatorische Zerfallsprozess der revolutionären Linken, der die Staatsschutzoperation in Bad Kleinen ermöglichte, hat Konsequenzen bis heute.

Als die RAF 1998 in einer längeren Erklärung ihre Auflösung bekannt gab, überraschte das niemanden mehr. Viele hatten diesen Schritt als längst überfällig erwartet. Obwohl die RAF ein zentrales Ereignis westdeutscher Nachkriegsgeschichte war und ihre Aktionen Staat und Gesellschaft herausforderten, wurde ihre Selbstauflösung keinesfalls zum Medienereignis. Ihr Schritt bewirkte noch nicht einmal, dass die Sondergesetze und Gesetzesverschärfungen aus dem Arsenal der Terrorismusbekämpfung öffentlich in Frage gestellt wurden. Auch die Frage nach den verbliebenen Gefangenen aus der RAF war in diesem Zusammenhang kein Thema mehr. Die Auflösungserklärung war nur noch Formsache, der Versuch das Projekt RAF, das fünf Jahre vorher in Bad Kleinen faktisch zu Ende ging, einigermaßen korrekt abzuschließen.

Die Staatsschutzoperation in Bad Kleinen war nicht einfach eine militärische Niederlage der Guerilla. Verhaftungen und Tote gab es auf Seiten der RAF auch in den Jahren davor, ohne dass dies ihre Politik grundsätzlich in Frage gestellt hätte. Anders hingegen Bad Kleinen: Die Polizeiaktion wurde erst durch den Verfassungsschutzagenten Klaus Steinmetz möglich. Seine über 10-jährige Karriere in linksradikalen Zusammenhängen bis hin zur RAF hing unmittelbar mit dem Erosionsprozess der revolutionären Linken zusammen. Ihre politische Defensive, der Zerfall ihrer Strukturen und das Loslassen erkämpfter Kriterien waren der Boden auf dem Steinmetz gedeihen konnte. Und nicht nur für die RAF oder diejenigen die zu ihr Kontakt oder mit Steinmetz zu tun hatten, sondern für die gesamte revolutionäre Linke war Bad Kleinen ein Desaster.

Aufs Deutlichste wurde dies in der Zeit nach Bad Kleinen sichtbar. Die Zeit des großen Schweigens. Nicht nur der Staat vertuschte, auch die revolutionäre Linke verhielt sich, beschönigend ausgedrückt, abwartend. Und der Rest der Linken machte ebenfalls keine gute Figur. Obwohl schon nach ein paar Tagen offensichtlich war, dass Wolfgang Grams aus nächster Nähe erschossen und die Staatsschutzoperation über einen längeren Zeitraum und unter Einschaltung aller Repressionsapparate (GSG9, Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt, Verfassungsschutz) vorbereitet wurde, gab es keine Initiativen aus der Linken, die Druck auf die Verantwortlichen machten und auf Aufklärung drängten. Es waren die Medien, die verschiedene Zeugenaussagen zu den Todesumständen von Wolfgang Grams recherchierten und die auch als erstes von einem Agenten des Verfassungsschutzes sprachen. Man muss sich das mal vorstellen: Die gesamte Linke - egal ob revolutionär oder reformistisch - schwieg und handelte nicht, noch nicht einmal dann, als sich eine regelrechte Staatskrise abzeichnete. Der deutlichste Ausdruck davon: Innenminister Seiters trat zurück und Generalbundesanwalt von Stahl wurde entlassen.

Die Passivität der Linken erlaubte dem Staat ohne größere Widerstände seine Krise durchzustehen und sie in eine aggressive innenpolitische Offensive umzudrehen. Kanther wurde neuer Bundesinnenminister, Kohl besuchte demonstrativ die GSG9 und auf der politischen Agenda standen ab jetzt BGS-Gesetz, großer Lauschangriff und im November 1993 das so genannte PKK-Verbot.

Es gibt keine Zwangsläufigkeit in historischen Prozessen. Aber es gibt immer Gründe und Ursachen, die analysier- und diskutierbar sind. Die Krise, die zu Bad Kleinen führte, war im Wesentlichen hausgemacht. Ihr Ausgangspunkt war die Unfähigkeit einer ganzen Bewegung, ihren eigenen Aufbruch zu organisieren und politisch weiter zu entwickeln. Die in den 80er Jahren innerhalb der militanten Bewegungen recht breit diskutierte und von der RAF in einem längeren Papier skizzierte Vorstellung über den Aufbau einer antiimperialistischen Front entwickelte sich kaum über ihre ersten Versuche hinaus.

Verkürzt gesagt ging es damals um den Aufbau einer revolutionären Gegenmacht, die ihre Wurzeln in den sozialen Bedingungen und Kämpfen der Metropole hat, und die gleichzeitig mit den revolutionären Kämpfen und Befreiungsbewegungen des Trikont in einer strategischen Einheit kämpft. Und dass ein revolutionärer Durchbruch, der die weltweit festgefahrenen Kräfteverhältnisse aufsprengt, hier im imperialistischen Zentrum erkämpft werden muss. Mit allen Mitteln, so wurde es gesagt, übersetzt wurde es allerdings mit militärischen und militanten Aktionen. Der Blick derjenigen, die sich in diesem Zusammenhang begriffen, war stark fixiert auf die imperialistischen Strategien (eine Frage damals: kommen die Herrschenden mit ihren zentralen Projekten durch) und auf den kollektiven Gruppenprozess. Eigene politische Vorstellungen oder gemeinsam bestimmte gesellschaftliche Ziele waren kaum vorhanden. Und so wie alles angelegt war, konnten sie sich auch nicht entwickeln. Die Front war eben keine Massenlinie, kein offenes Konzept und Ausdruck der vielfältigen Erfahrungen der sozialen Bewegungen, sondern doch nur die Vorfeldorganisation der RAF: Die kleine RAF als militante Zwischenstation auf dem Weg zur großen. Es wurde zwar immer anders gesagt, aber es war das, was sich letztlich durchsetzte. Die Sackgasse war schnell erreicht. Die Kehrseite der militaristischen Praxis waren politische Stagnation und schleichende Entpolitisierung.

Das Projekt Front zerfiel ohne kollektive Klärung und Aufarbeitung, was zwangsläufig der Individualisierung den Weg bereitete. Diejenigen, die wie kaum eine andere linke Gruppe für sich beanspruchten, selbstbestimmt handelnde Subjekte zu sein, waren ab Mitte/Ende der 80er Jahre immer stärker Getriebene des globalen Umbruchs. Die letzten Aktionen der RAF drückten das genau aus. Sie reagierte nur noch auf eine Entwicklung, die sie politisch nicht mehr in Händen hielt und auch nicht mehr beeinflussen konnte. Die Niederlage wäre angesichts des weltweiten Kippens der Kräfteverhältnisse so oder so gekommen. Aber es ist dann immer noch eine Frage wie man ihr begegnet. Dort beginnt die Selbstverantwortung: Egal ob RAF oder wer auch immer.

Dennoch, was bleibt ist die RAF. Ihre politische Wirkung reicht bis in die Gegenwart. Als Mythos, als Albtraum, je nach dem, denn die RAF war immer auch Hoffnung unerfüllter und oft genug unerfüllbarer revolutionärer Sehnsüchte und genauso oft Bedrohung der eigenen, auch der linken, Lebensweise in den Metropolen. Und sie existiert real, 10 Jahre nach ihrem Ende: Auf der Flucht, hinter Gittern, in den Biographien derjenigen, die in ihr oder mit ihr zusammen kämpften. Die RAF war kein Phantom. Dem Staat war das immer bewusst. Und - bisweilen uneingestanden - auch der Linken. Selbst in den Medienberichten zu den runden Jahrezahlen des "Deutschen Herbstes" schimmert das staatliche Zwangsritual durch: Immer und immer wieder die eigene Version der Geschichte zu schreiben. Die Version der Sieger, die ihrem Sieg nicht trauen und so die Gespenster der Vergangenheit erneut besiegen müssen.

Die RAF hatte ihre Herkunft aus der 68er-Bewegung nie verleugnet. Europaweit und in den USA gab es Massendemonstrationen, Barrikaden, Streiks und das herrschende System wurde immer mehr in Frage gestellt. Das entscheidende Ereignis aber jener Zeit war Vietnam. Der vietnamesische Befreiungskampf legte die Lunte an die Proteste. Er hatte für die Linke in den Metropolen den "Bereich des Möglichen", wie es Sartre einmal formulierte, erweitert. Auf dieses Spannungsverhältnis waren die Gefangenen aus der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe, in ihrer Erklärung zur Sache im großen Stammheimer Prozess eingegangen: "Hinter der Studentenbewegung stand die proletarische Politik des vietnamesischen Befreiungskriegs, des Aufstands der Völker der Dritten Welt - aber weil die Studentenbewegung in ihrer Revolte sich der Dimension ihres Aufbruchs und ihrer eigenen Proletarisierung nicht bewusst wurde, musste die Unmittelbarkeit der staatlichen Counterbewegung in der Einheit von Repression und Integration schließlich das Bewusstsein des Zusammenhangs des Kampfes, hier mit dem Kampf der Völker der Dritten Welt, zerstören und die revolutionäre Stellung der Massenbewegung zerfallen lassen - nicht mehr die proletarische Politik hinter ihr, sondern die Konfrontation mit der sozialdemokratischen Politik bestimmte ihre Stellung und führte zum Verlust ihrer Subjektivität."

Dieses Verständnis von Internationalismus und Subjektivität war in der RAF grundlegend. Ohne die bewusste Verbindung mit den antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfen des Südens war eine Revolutionierung der Metropolenverhältnisse nicht denkbar. Nicht die unmittelbare Realität der Metropole/BRD war Ausgangspunkt revolutionären Denken und Handelns, sondern die Totalität des imperialistischen Weltsystems. Diese neue Perspektive versuchte die RAF in ihrer Offensive 1972 zu eröffnen. Mit den militärischen Aktionen gegen die Hauptquartiere der US-Army in Frankfurt und Heidelberg, die direkt in die Kriegsführung der USA in Vietnam eingebunden waren; mit den Aktionen gegen Polizeieinrichtungen in München und Augsburg, dem Angriff auf den BGH-Richter Buddenberg, der damalige Verantwortliche für die Haftbedingungen der nach § 129 inhaftierten Genossinnen und Genossen, und mit dem Sprengstoffanschlag auf das Springerhochhaus in Hamburg stand die RAF quer zum Politikverständnis der alten wie der neuen Linken.

Den Widerstand politisch und militärisch bewaffnen und durch die Entwicklung einer Offensivposition in den Metropolen das internationale Kräfteverhältnis verändern. Gegen die Verstaatlichung und Umzingelung der Kämpfe und gegen die sich abzeichnende Befriedung. Die Alternativen dazu waren Sektierertum oder Integration. Die aus der 68er-Revolte neu entstandene Linke war dabei sich in vielfältige Grüppchen und Parteien zu zersplittern. Den Plan im Sack, ideologisch verknöchert und im Kostüm der alten KPD war für viele ausgemacht wohin die Reise gehen sollte. Im Angebot waren die Sowjetunion, China, oder Albanien, während ein anderer Teil sich ganz vom politischen Aktivismus verabschiedete. Es war die Zeit von Willy Brandt und dem sozialdemokratischen Projekt "Mehr Demokratie wagen".

Der Name "Rote Armee Fraktion" war Programm. Mit ihr wurde der abgerissene Faden revolutionärer Politik, wie sie noch im Spartakusbund und der frühen KPD lebendig war, wieder aufgenommen. Statt sich in der Defensive und damit auch in den Verhältnissen einzurichten, wurde die Revolution auf die Tagesordnung gesetzt: Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern hier und heute, bewaffnet und illegal. Das war, wenn man so will, auch eine historische Konsequenz aus der Niederlage der KPD von 1933 und der Tatsache, dass es in zwölf Jahren faschistischer Diktatur und der über Europa hinwegrollenden Vernichtungsmaschinerie niemals eine innere Front gegen den Nazismus gab, die ein Bündnispartner der Roten Armee oder den sich in allen von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern organisierenden Partisanenverbänden hätte sein können.

Die RAF war von allen diskutierten Optionen vielleicht der realistischste Versuch einer Transformation der 68er Revolte. Dennoch blieb die RAF zahlenmäßig immer eine kleine Gruppe, die ein bestimmtes Niveau an Handlungsfähigkeit und Organisierung halten oder auch nach größeren Verhaftungen wie 1972 oder 1984 wieder erreichen konnte. War sie in den 70er Jahren vom Rest der Linken weitgehend isoliert oder sogar angefeindet, bestand in den 80er Jahren aufgrund der neu entstandenen militanten Bewegungen die Möglichkeit, die Basis revolutionärer Politik zu verbreitern. Das alles ist tatsächlich Schnee von gestern. Die RAF und die gesamte Linke sind im epochalen Umbruch gescheitert, während ein anderer Teil jener 68er-Generation angekommen ist und in Regierungsämtern und Ministerien die Politik des wiedervereinigten Deutschlands managt.

Die Ablösung des alten, fordistischen Akkumulationsmodells und damit zusammenhängend der technologische Sprung, die strukturelle Neuordnung gesellschaftlicher Verhältnisse und die Veränderung der internationalen Beziehungen brachte alle Vorstellungen über Revolution, revolutionäre Organisierung, über Formen und Mittel des Kampfs auf den Prüfstand. Was einst auf der Höhe der Zeit eine adäquate Antwort auf die bestehenden Verhältnisse war, würde im alten "Weiter so!" nur noch anachronistisch wirken. Doch eine revolutionäre Neubestimmung hat nie stattgefunden, sie wurde noch nicht einmal ernsthaft in Angriff genommen. Einzelne Versuche blieben im desolaten Zustand der Linken stecken. So hat die Niederlage der Linken Auswirkungen bis heute und die Möglichkeiten gemeinsam zu handeln gehen gegen Null.

In den Metropolen, und speziell in Deutschland ist die Linke bedeutungslos. Ihre Initiativen reichen schon lange nicht mehr an das Niveau der globalen Konfrontation. In immer neuen Anläufen, dabei oft gehässig und abrechnend mit anderen, wird die Welt erklärt. Doch vieles von dem, was da zusammengeschrieben wird, hat die Stringenz von russischen Matrjoschka-Puppen. Die Sache kommt nicht zum Kern, weil sie nicht vom Kern her politisiert wird: die eigene Lage in den Metropolen, ihre Teilhabe und in letzter Konsequenz ihre Komplizenschaft mit dem System imperialer Macht. Trotz Seattle oder Genua: Linke Politik reduziert sich die letzten Jahre oft genug auf Selbstbehauptung. Wem es aber um Selbstbehauptung geht bevorzugt das Symbolische, quasi als Politikersatz. Insoweit fehlt die RAF. Nicht als Wiederholung, was politisch sinnlos wäre, aber als Frage an alle, die die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend ändern wollen: Wie werden wir zu einer Kraft? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden zur Wiedererlangung der Initiative? "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern", schrieb der junge Karl Marx in seinen Thesen über Feuerbach. Das hat auch heute seine Gültigkeit.

Redaktion "so oder so"

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