Massenzeitung


Editorial

Zehn Jahre nach dem Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen ergreifen wir die Initiative, um an die Ereignisse des 27. Juni 1993 und den Tod von Wolfgang Grams zu erinnern und um eine Auseinandersetzung über ein Kapitel der linken, also unserer Geschichte anzustoßen.

Die an der Initiative beteiligten Gruppen betrachten Bad Kleinen und die Politik, für die Wolfgang Grams stand, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Versuche nach Bad Kleinen einen breiten Diskussionsprozess innerhalb der Linken über Perspektiven und Konzepte revolutionärer Politik anzustoßen scheiterten. So wurde Bad Kleinen sinnbildlich zur Endstation der eigenen bisher praktizierten Politik. Anfang der 1990er haben sich andererseits die Jüngeren unter uns in politischen Zusammenhängen organisiert und gingen auf die Straße gegen die Hetze von Medien und Politikern gegen Flüchtlinge und MigrantInnen, gegen neonazistische, zum Teil unter Mitwirkung der Bevölkerung stattgefundene, Pogrome. In die Zeit dieser Politisierung fiel innerhalb weniger Monate der Brandschlag auf ein von MigrantInnen bewohntes Haus in Solingen, bei dem zwei junge Frauen und drei Kinder starben und die faktische Abschaffung des Asylrechts ebenso wie die Knastsprengung von Weiterstadt und die Ereignisse in Bad Kleinen.

Durch verschiedene Gruppen und Projekte wurde auch nach 1993 die Diskussion über militante Politikansätze der 1970er und 1980er Jahre fortgeführt. Das Zeitungsprojekt "Radikal", die Gruppe "K.O.M.I.T.E.E." und auch die an der bis heute hauptsächlich im autonomen Berlin-Info "Interim" geführte Militanz-Debatte beteiligten Gruppen leisteten einen Beitrag zur Diskussion über die Aufarbeitung und Weiterentwicklung militanter Politik. Diese mit Praxis verbundenen Diskussionen zogen immer Repression und Ermittlungsverfahren nach §129a nach sich. Auch nach Bad Kleinen gab es jahrelange Ermittlungen gegen die radikale Linke - aufgrund des Verfassungsschutzspitzels Klaus Steinmetz, ohne den es die Ereignisse von Bad Kleinen nicht gegeben hätte. Auf die staatliche Repression ist Solidaritätsarbeit unsere Antwort. Solidarität ist eine Waffe, die wir als solche auch gebrauchen sollten.

Durch das Aufgreifen der RAF von Kulturschaffenden wurden Aspekte ihrer Politik auf Theaterbühnen, in der Musik, im Film, in der Mode und der Werbeindustrie zum Teil bis ins bürgerliche Spektrum getragen. In aktuellen Songtexten von DAF ("Kinderzimmer") oder der Punk-Band Wizo ("RAF") findet sich die jugendliche Faszination über die Guerilla und ihre Konsequenz mit dem bürgerlichen Leben radikal zu brechen und dies auch praktisch zum Ausdruck zu bringen. Das Leben im Untergrund wird auch im Kino aufgegriffen ("Innere Sicherheit") und den ZuschauerInnen Leben und Kampf einzelner AktivistInnen nahe gebracht ("Black Box BRD"). Auch der Buchmarkt liefert immer wieder Neuerscheinungen (Proll/Dubbe: Wir kamen vom anderen Stern). Unter den in den letzten Jahren zahlreich erschienenen Büchern und Filmen befindet sich - wie kann man anderes erwarten - auch Hetze, Lüge und Dreck. Breloers "Todesspiel" zur Schleyer-Entführung und dem Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe 1977 in Stammheim, ist da nur ein Beispiel.

Als 1997, zwanzig Jahre nach Stammheim, Staat und bürgerliche Medien ihre Version der Geschehnisse festklopfen wollten, hat sich die Linke dazu nicht verhalten. Unser Schweigen wollen wir mit unserer Initiative "Zehn Jahre Bad Kleinen" brechen. Der offiziellen staatlichen Selbstmordversion zu widersprechen ist dabei nicht unser vorrangiges Anliegen. Bad Kleinen wird ohnehin in den meisten Köpfen mit staatlichen Vertuschungen, Lügen und dem Mord an Wolfgang Grams verbunden.

Bad Kleinen eignet sich auch zehn Jahre später nur eingeschränkt dazu, etwas Vorwärtsweisendes anzustoßen. Nichtsdestotrotz können wir festhalten, was die RAF in ihrer Erklärung zum Tod von Wolfgang Grams formuliert hat: "Der Kapitalismus geht immer über Leichen. Dieses System muss überwunden werden." Das ist eine Voraussetzung, um unserer Perspektive nach Glück und Befreiung näher zu kommen.

Zu Bad Kleinen wurde vieles publiziert, manches davon ist auf der Web-Seite zu unserer Initiative (www.badkleinen.tk bzw. www.badkleinen.de.vu) dokumentiert, auf die wir hiermit ausdrücklich verweisen wollen.

 

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