Daniel Call
BAD KLEINEN
ein Theaterstück
Personen:
Adler, ein Terrorist
Kolibri, seine Geliebte
Orte:
Ein Zugabteil.
Ein Dachboden.
Zeit:
heute.
Für Stella, in
Liebe und Respekt.
Dunkel
Kolibri:
du denkst
wenn das ganze leben aus dir rausläuft
ins klo
in den ausguß
jetzt ist es vorbei
jetzt geht deine Seele den gulli runter
dann verkrampft sich alles
der schmerz reißt
trauer brennt
nur noch freude auf herzstillstand
endgültige erleichterung
und dann versickert die kraft
mündet in totale entspannung
alles gepolt
nicht mehr nach luft zu schnappen
aber dann
meldet sich der teufel mut
der rest deiner flamme
und etwas flüstert dir ein
wieder zu atmen
und der körper
ganz automatisch holt sich was er braucht
ein perpetuum mobile
kein sklave deines willens
das ist die menschmaschine
die läuft und läuft und läuft
und es war nicht deine seele
die mit der wasserspülung abfloß
das war nur was
das wehtut
ein weiterer abschied von dir
zu dir
was solls
leben am meer
denkst du dir
der letzte große traum
am wasser
wo alles mal entstand
das kann dein alles werden
weg weg weg
ist auch ein weg
die seele platzt
und lebt
und brennt
und weiß nicht warum
Abschnitt 1
Zugabteil. Der Zug stoppt. Außen Schneegestöber.
Adler steht auf, stützt Kolibri.
Kolibri:
Am Ziel?
Adler:
Lange nicht.
Aber erstmal.
Kolibri:
AIIes tut mir weh.
Adler:
Bald nicht mehr.
Ganz bald tut nichts mehr weh.
Kolibri:
Sagte der Henker zu seinem Kunden
auf dem Weg zum Schafott
Der Zug hält Die beiden stehen
auf
Adler:
Wirst sehen.
Alles wird gut.
Kolibri:
Ich liebe dich.
Adler:
Ich dich.
Dunkel.
Schüsse.
1.Szene
Dachboden. Gerümpel. Abendlicht dringt durch Luke.
Sommer. Staubflirrende Sonnenstrahlen. Dunkle Winkel.
Der Raum seit Jahren unbewohnt, unbetreten. Bodenklappe
öffnet sich. Adler steigt empor über angelehnte
Leiter.
Adler:
Keiner da.
Komm.
Adler betritt den Raum, sieht sich um. Kolibris Kopf
erscheint. Unsicher schaut sie sich um.
Kolibri:
Bist du sicher?
Adler:
Sicher.
Wie seit Monaten nicht.
Adler macht sich an Gerümpel zu schaffen, beginnt
freizuräumen. Kolibri tastet sich unsicher in den
Speicher vor.
Kolibri:
Von allen Unterkünften
die häßlichste.
Adler:
Hilf mir räumen.
Wirst sehen, ein paar Handgriffe.
Dann wird's gemütlich.
Kolibri:
Gemütlich...
Hörst dich an wie meine Mutter
beim Sonntagskaffee.
Adler:
Why not?
Er zwickt sie in die Hüften. Sie lacht, wehrt sich.
Neckisches Spieljunger Liebender.
Kolibri:
Laß! Laß!
Lachend sinkt sie auf staubige Matratze.
Kolibri:
Kindskopf.
Adler:
Schweinskopf.
Kolibri:
Saumagen.
Adler:
Mutters Eintopfkopf.
Kolibri:
Hör auf.
Das ist nicht komisch.
Adler:
Traurig?
Müde?
Heimweh?
Kolibri:
Ich hab versprochen
dir zu folgen.
Adler:
Versprechen.
Du bist nicht vertraglich an mich gebunden.
Kolibri:
Als du mich mitnahmst
hab ich ihn geschlossen.
Hab mich dir mit Blut verschrieben.
Adler:
Altweiberlyrik.
Kolibri:
Du kamst mit dem Frühling...
Adler:
Du bist der Frühling.
Kolibri:
Versprachst mir den Sommer
und schenktest mir den Herbst.
Adler:
Verheißung, die du dichtest.
Kolibri:
Ich will auf Rosenlaub mit dir schlafen.
Oder draußen
in lauwarmer Nacht
unter dem Himmel von Mykonos.
Adler:
Bist du je dort gewesen?
Kolibri:
Nie.
Adler:
Die griechischen Inseln
grüne Kleckse
im matten Blau.
Gekachelte See.
Erst in der Nacht
im Kegel des Mondes
legt sich mit milchigem Schimmer
ein silbernes Leuchten
über das Meer.
Geheime Stunde.
Kolibri:
Die Wellen wie tausend Pailletten.
Adler:
Ein Kleid will ich dir daraus schneidern.
Kolibri:
Du bringst mich in den Süden,
nichtwahr?
Adler:
Ich hab's dir versprochen.
Die beiden küssen sich.
Kolibri:
Wohin noch?
Adler:
Sierra Nevada, Madre, Leone.
Tasmanien, die Falklands.
Und in den Libanon,
da wurde ich ausgebildet.
Alte Genossen treffen,
Anekdoten austauschen,
Jugenderinnerungen;
Dynamit- und Feuerzangenbowle.
Trainingslager Beirut-
mein erster eigener Sprengsatz.
War ich stolz,
beinah die Hand in Fetzen.
Von dort aus dann durch den ganzen Mittleren Osten.
Kolibri:
Bis nach China.
Bis in die Mongolei.
Adler:
Da jagen sie noch mit Steinschleudern.
Das frisch geschlagene Fleisch unter die Sättel,
zum Weichreiten.
Einmal gerieten wir zu Pferd
in einen Schneesturm.
Tobender Blizzard -
wir sahen keinen halben Meter weit.
Kurz vor dem Erfrierungstod
erschossen wir die Gäule,
schlitzten sie auf
und verkrochen uns
in ihren Eingeweiden.
Das rettete uns das Leben.
Kolibri:
Ich hält` mich übergeben.
Adler:
Keine Chance.
Alle Flüssigkeit gefriert
noch bevor sie den Körper
ganz verlassen hat.
Kotzwürfel.
Und deine Pisse mußt du abbrechen,
stangenweise.
Kolibri: Hör auf!
Du weißt, daß ich so Geschichten
nicht leiden kann.
Adler:
Am Tag darauf,
der Sturm hatte sich gelegt,
krochen wir aus Kadavern
und sahen auf die Stadt;
keine hundert Meter entfernt.
Kolibri:
Unglaublich...
Adler:
Wenn ich's dir sag!
Die Pferde waren umsonst gestorben.
Verdammte Scheiße, ich hasse das -
Tiere töten.
Kolibri:
Du Armer...
Adler:
Aber zuallererst fahren wir
in die Toskana!
Keine rauhen Sitten,
echter Touristensommer.
Siena, Florenz, Pisa.
Wir packen uns in einen ollen Bulli,
gondeln durchs Land
und halten überall da,
wo's uns gefällt.
Geile Party.
Und nachts-
Kolibri:
Oder nach Andalusien...
Adler:
Andalusien?
Hör mir auf mit Andalusien.
Nur Staub, öde Steppe.
Hitze und Olivenbäume.
Die ganze trostlose Landschaft
eine amorphe Masse
durchpflügt mit zahnlosen Greisen.
Die einzige Abwechslung
alle paar Kilometer:
ein Krematorium.
Nach Andalusien kannst du alleine,
ich werd da depressiv.
Aber Italien!
Ich sag dir...
Nachts legst du dich hin,
auf den Rücken, ganz flach,
daß es dich reinzieht in den warmen Boden,
und du starrst in den klaren Himmel.
Zählst, wie andere Leute Schafe,
Sternschnuppen.
In meiner besten Nacht warn's 362;
365 waren das Ziel,
kurz davor schlief ich ein.
362 Wünsche,
weggeblasen wie Wimpern.
Keiner ging in Erfüllung.
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