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Den Stein ins Rollen bringen
Zum aktuellen Stand des § 129a-Verfahrens
gegen unsere Genossin Ursel Quack, wie wir uns die Gegenmobilisierung
weiter vorstellen und ein paar Aspekte zu präventiver Konterrevolution.
Die neueste Entwicklung in diesem Staatsschutzverfahren
kam ihrem Anlaß her von außen: der entweder
innerhalb des Bundeskriminalamts (BKA) oder von der Bundesanwaltschaft
(BAW) verschwundengelassene Bericht eines BKA-Beamten
namens Dirk Lang, der Ursel angeblich entlastet. In einem
Schreiben, das Lang am 13. Februar 1996 an die Generalstaatsanwaltschaft
Frankfurt schickte, heißt es u.a.: "...daß
die Aktivitäten von Frau Quack aus Sicht des zuständigen
Auswertungsreferats nicht als Unterstützungshandlung
gewertet werden könne...".
Das wütende Verschieben der Gerichtstermine
vier Tage vor Prozeßbeginn war ein Rückzieher,
den der Vorsitzende Richter des Koblenzer Staatsschutzsenats
von Tzschoppe auch aufgrund der Gegenmobilisierung machen
mußte. In diesem Zusammenhang verweist das Oberlandesgericht
(OLG) Koblenz auf den erheblichen Sicherheitsaufwand für
den Prozeß, aufgrund geplanter Störaktionen
aus dem linken Spektrum. Wir gehen davon aus, daß
diese Entscheidung in der Sicherheitsbesprechung zwischen
Senat und BAW tags zuvor gefallen war.
Vordergründig basiert von Tzschoppes
Beschluß auf der zur Zeit 6-wöchigen Abwesenheit
von Lang, und mit dessen Zeugenladung durch Ursels Anwalt
der Staatsschutzsenat logischerweise rechnen mußte.
Wegen der Abwesenheit von Lang, und weil die BAW "derzeit
nicht in der Lage (sei), den besagten oder einen sonstigen
von Lang unterzeichneten Bericht vorzulegen", so
das Gericht wörtlich, wäre die Hauptverhandlung
wegen nicht einzuhaltender Unterbrechungsfristen abgebrochen
worden, noch ehe sie richtig angefangen hätte.
Eine höchstrichterliche Notbremse
also, denn der Prozeß wäre ersteinmal geplatzt
- in aller Öffentlichkeit, unter den Augen der Medien
und unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen für
BKA und BAW, deren schmutzige Methoden einmal mehr für
alle Prozeßbesucher und -besucherinnen erkennbar
gewesen wären.
Was hat der BKA-B. Lang mit diesem
Prozeß zu tun?
Lang war, und das sicher schon Jahre,
Sachbearbeiter in der Terrorismus- Abteilung des BKA,
Referat 11 - dem sogenannten Auswertungsreferat. Es gehörte
für ihn sozusagen zum Selbstverständnis und
auch berufsmäßigen Ethos, daß die Ermittlungsergebnisse
seines Referats in Form schriftlicher Analysen und Berichte
die offiziellen Arbeitsergebnisse der TE-Abteilung darstellen,
und sorum natürlich auch die des BKA. Nach "Weiterstadt",
und mehr noch nach "Bad Kleinen" wurde dieses
Selbstverständnis offensichtlich zutiefst erschüttert.
Während Lang "emotionslos" und nicht ohne
"Sachverstandstiefe", so seine Selbsteinschätzung,
Analysen um Analysen zu Birgit Hogefeld, zu den verschiedenen
Unterlagen, die bei ihr gefunden wurden, und zur Einbindung
des Verfassungsschutz-Spitzels Klaus Steinmetz in die
illegale Struktur revolutionärer Zusammenhänge
anfertigte und in zahlreiche Berichte umsetzte, standen
umgekehrt die Erwartungen einiger Verantwortlicher im
BKA bzw. der TE-Abteilung und der BAW, was die strafrechtliche
Verwertung dieser Berichte anbelangt, im scharfen Widerspruch
dazu.
Lang, der genauso wie sein Chef, der damalige
Leiter von TE 11, Brisach, zum 1. März 1994 vom Bundesinnenministerium
zwangsversetzt wurde, ist zwischenzeitlich ganz vom Dienst
suspendiert. Gegen ihn läuft bei der Staatsanwaltschaft
in Wiesbaden ein Ermittlungsverfahren, weil er laut "Focus"(9/96)
"die Medien mit geheimen Dokumenten gespickt"
habe. Lang selbst wiederum kämpft unverdrossen um
seine Reputation als Bulle, und hat sich mittlerweile
in einer Vielzahl von Strafanzeigen und Dienstaufsichtsbeschwerden
gegen seine früheren Vorgesetzten im BKA verzettelt:
u.a. wegen "Strafvereitelung im Amt" und "Fälschung
beweiserheblicher Daten". Außerdem ging er
aufgrund der Vorwürfe gegen ihn über seinen
Rechtsanwalt im Februar dieses Jahres an die Öffentlichkeit.
Am 26. Februar 1996 war z.B. in der Frankfurter
Rundschau zu lesen: "...Innerhalb des ortsansässigen
Bundeskriminalamtes (BKA), so behauptet ein wegen Indiskretion
suspendierter ehemaliger Mitarbeiter, soll es im August
1993 einen 60seitigen Bericht 'über die im Rahmen
der Festnahmeaktion in Bad Kleinen sichergestellte Briefkorrespondenz'
gegeben haben, aus dem sich gegen Steinmetz 'schwerwiegende
Tatvorwürfe', gegen die in Bad Kleinen festgenommene
Birgit Hogefeld aber Entlastendes ergeben haben soll.
Um dem Generalbundesanwalt (der inzwischen jede Intervention
dementiert) nicht in die Quere zu kommen, seien intern
im Februar 1994 aber Rücknahme und Vernichtung dieses
und anderer Berichte 'angeordnet' worden..." Diese
Berichterstattung in den Medien war der Anlaß für
die AnwältInnen im Prozeß gegen Birgit Hogefeld,
Anträge zur Beschaffung jener Berichte zu stellen,
um sie mit den vorhandenen Akten zu vergleichen, und sie
beantragten gleichzeitig die Ladung von Lang. Obwohl sich
Hemberger von der BAW gegen diesen Antrag aussprach, veranlaßte
das OLG Frankfurt die Ladung des Ex-BKAlers, der dann
auch am 19. März 1996 vor dem Staatsschutzsenat als
Zeuge erschien. Das Gericht verlas sein oben erwähntes
Schreiben vom 13. Februar 1996, und somit war Langs detaillierte
Auflistung aller verschwundenen oder zurückgehaltenen
Berichte (einschließlich dem zu Ursel) aktenkundig.
Das OLG Koblenz hat jetzt Lang als Zeugen geladen.
Weg mit dem § 129a-Prozeß
gegen Ursel
Der Prozeß ist damit nicht
geplatzt. Aber wir sehen eine reale Möglichkeit,
das Vorhaben der BAW in diesem Staatsschutzprozeß
zum Einsturz zu bringen. Der Prozeß gegen Ursel
hing von Anfang an an einem dünnen Faden, außer
dem Brief gab und gibt es nichts. Alles andere ist das
aufgebauschte Beiwerk der BAW, um die Anklage nach §
129a zu untermauern und ihren Verurteilungswillen zu unterstreichen.
Dazu kommt, daß das Verschwindenlassen von Teilen
der Akten und die politisch-justizielle Manipulation des
Ermittlungsverfahrens jetzt offen geworden ist.
Neu ist dieses Vorgehen der Staatsschutzapparate
wahrlich nicht. Es kennzeichnet vielmehr ihre Methodik
seit Bestehen der Bundesrepublik, und es kennzeichnet
im umfassenden Sinn die staatliche präventive Konterrevolution
der letzten 20 Jahre.
Die bisher gelaufene Mobilisierung gegen
den Prozeß hat erreicht, daß die ursprüngliche
Absicht des Staatsschutzsenats in Koblenz, den Prozeß
gegen Ursel möglichst ohne große Öffentlichkeit,
entpolitisiert und im wahrsten Sinn des Wortes als kurzen
Prozeß über die Bühne zu kriegen, nicht
aufgegangen ist. Die bisher gelaufene Gegenmobilisierung,
das Offenkundigwerden der Aktenmanipulation und der von
Anfang an dünne Boden der BAW für dieses §
129a-Verfahren sind der Grund, warum wir jetzt politisch
bessere Ausgangsbedingungen haben als vor drei Monaten.
Diese zu nutzen liegt auf der Hand.
Es gibt eine reale Chance, jetzt mit der
Forderung "Weg mit dem § 129a-Prozeß"
an diesem Punkt der Konfrontation mit der Staatsschutzjustiz
durchzukommen. Insoweit ist es richtig, in entsprechenden
praktischen Schritten der Gegenmobilisierung auch auf
dieses konkrete Ziel hin zu orientieren. Mit einer Einschränkung:
auch wenn wir dieses Ziel erreichen, ist insgesamt auf
Seiten der Linken nur wenig an politischem Boden gewonnen.
Letztlich wird der politische Erfolg der
Gegenmobilisierung nicht allein daran zu bemessen sein,
ob eine Verurteilung verhindert werden kann. Seit Ursels
kurzfristiger Verhaftung im Herbst 1994 war uns wichtig,
daß sich die staatliche Repression nicht mit ihrem
auf Entsolidarisierung, Spaltung und Abschreckung zielenden
Kriminalisierungsversuch durchsetzt. Und darin sind wir
sicherlich ein gutes Stück vorangekommen.
Auf den Veranstaltungen und Treffen, die
es in verschiedenen Städten zum Verfahren gegen Ursel
gab, waren die meisten Fragen Verständnisfragen zum
anstehenden Prozeß und zur Gegenmobilisierung. Diskussionen
an politischen Vorstellungen gab es nur in einigen Treffen
mit organisierten GenossInnen. So ist die Situation. Dennoch
trafen wir überall auf Bereitschaft, sich den Möglichkeiten
entsprechend in die Gegenmobilisierung einzubringen, insbesondere
bei jüngeren Leuten.
Trotz der nicht gerade rosigen Ausgangsbedingungen
der Linken in diesem Land, wir sind zuversichtlich, daß
wir gemeinsam eine solidarische und kämpferische
Mobilisierung gegen diesen Staatsschutzangriff entwickeln
können.
Steinmetz ff.
Widersprüche, die natürlich
auch in und zwischen den einzelnen Apparaten auftauchen,
können und müssen von der Linken in ihrem politischen
Handeln genutzt werden. Allerdings hat Bad Kleinen exemplarisch
gezeigt, daß der Staat die Widersprüche innerhalb
der Apparate zur Transformation dieser nutzen konnte,
weil eine handlungsfähige linke Kraft fehlte und
fehlt.
"Es ist keine Frage, daß durch
die Vorgänge in Bad Kleinen, die danach folgende
Sprachverwirrung und die bis heute nicht mögliche
vollständige Aufklärung der Geschehnisse vor
Ort Polizei und Justiz - und ich sage bewußt: damit
unser ganzes Gemeinwesen - an Ansehen verloren, ja, ein
Stück Schaden genommen haben. Ziel jedes Redens und
Handelns muß es sein, diesen Schaden so schnell
wie möglich, so glaubwürdig wie möglich
zu begrenzen und zu mindern. Denn, wenn wir diesen Schaden
nicht begrenzen, dienen wir letzten Endes den Terroristen,
die den Staat, die Behörden, als einen Unterdrückerstaat
diffamieren, die den demokratisch gewählten Politikern
Vertuschung vorwerfen und letzten Endes auch die freie
Presse kumpaneihaft zu einem Quasi-Unterdrückersystem
zählen".
Was Johannes Gerster (CDU) am 12. Juli
1993 in einer Sitzung des Deutschen Bundestages zu Bad
Kleinen sagte, entsprach genau der politischen Vorgabe
für die staatliche Abwicklung: Deckel drauf und durch.
Der Operation in Bad Kleinen folgte also ihre staatliche
konterrevolutionäre Bewältigung. Politisch,
ideologisch, operativ und justiziell. Das OLG Rostock
bewegte sich durchaus in der vorgegebenen Linie, als es
am 29. März 1996 den 1.200-Seiten-Antrag der Eltern
von Wolfgang Grams gegen Beamte der GSG9 wegen der Ermordung
von Wolfgang kurzerhand auf 38 Seiten als unbegründet
abschmetterte.
Staatlicherseits - aber auch in der Öffentlichkeit
- ist Bad Kleinen ad acta. Was bleibt, ist die polizeiliche,
politische und justizielle Ausbeutung Steinmetzcher Hinterlassenschaften
gegen Teile der radikalen Linken bis heute.
Unmittelbar nach Bad Kleinen war es den
Repressionsapparaten in Bezug auf den Verfassungsschutz-Agenten
wichtig, eine von ihnen nicht kontrollierte öffentliche
Erörterung seiner Rolle zu vermeiden. Auch weil erst
noch konkretisiert werden mußte, wie der Agent möglichst
lange und effektiv weiterhin gegen linke Fundamentalopposition
eingesetzt werden kann. Dabei konnten sie sich offensichtlich
vorläufig darauf einigen, den Verfassungsschutz (VS)
inklusive seines Agenten, was dessen Einbindung in revolutionäre
Zusammenhänge, seine Kontakte zur RAF und seine angebliche
Beteiligung am Angriff der RAF auf den Knastneubau in
Weiterstadt anbelangt, aus dem Fadenkreuz von Ermittlungen
zu ziehen und damit auch jede öffentliche Kritik
zum Einschlafen zu bringen. Im Februar 1994 wurde das
Ermittlungsverfahren gegen Steinmetz nach "Verdacht
auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung"
eingestellt.
Bis heute bestimmen die Repressionsapparate
Takt und Rhythmus der Auseinandersetzungen um den Agenten
und sind nach wie vor in der Lage, sich seiner zu bedienen.
Die Staatsschützer halten "Steinmetz" wie
einen Schwelbrand in Präsenz, in den sie ab und an
wohldosiert Zunder geben.
Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen
"Verdacht auf Unterstützung einer terroristischen
Vereinigung" im Zusammenhang mit Weiterstadt wurde
durch die BAW wieder eingeleitet. Seit 28. Dezember 1995
existiert ein nationaler Haftbefehl gegen Steinmetz.
Mitte März 1996 wurde er nochmal
an drei Tagen unter Zusicherung "freien Geleits"
- unter Anwesenheit von BKA und VS - durch die BAW verhört.
Die BAW war vertreten durch Griesbaum, der u.a. die Ermittlungen
gegen die Fritzlarer Straße in Frankfurt leitet,
und durch Philipps, der im Verfahren gegen Ursel die Anklage
vertritt. Gegenstand des Verhörs waren die laufenden
Ermittlungsverfahren wegen "Weiterstadt", der
Prozeß gegen Birgit Hogefeld und das 129a-Verfahren
gegen Ursel.
Eine Strafanzeige der Landtagsfraktion
der hessischen Grünen von Mitte Februar 1996 wegen
des Verdachts der Strafvereitelung gegen Bundesverfassungsschutz
und VS von Rheinland-Pfalz - gemeint ist "Weiterstadt"
- kann vor diesem Hintergrund nur noch dazu beitragen,
daß die Apparate an ihre Erklärungslücken
erinnert werden und sie nach und nach ihre noch aus der
Hektik nach Bad Kleinen liegengelassenen Aufgaben in ihrem
Sinne "erledigen" müssen.
Während die Repressionsapparate so
ihre Unstimmigkeiten glätten, und sich alle Optionen
mit dem Agenten, seinem beim VS abgelieferten Wissen und
seinem Vermächtnis offenhalten und ausbauen können,
hangeln sich die Auseinandersetzungen in der radikalen
Linken entlang der jeweils neuesten "Entwicklungen"
um Steinmetz. Ein weites Feld, das die Staatsschutzapparate
aufgrund der Zersplitterung und Krise der Widerstandslinken
nur allzugern bestellen.
Für uns bleibt auch in diesem Zusammenhang
die wesentliche Frage, wie ein Weg aus der politischen
Defensive und dem damit einhergehenden Vorsichhindümpeln
freigekämpft werden kann.
Solidarität ist unteilbar
Differenzierte Staatsschutzangriffe,
psychologische Kriegsführung und Kriminalisierung
gehören zu den Ausgangsbedingungen linker Fundamentalopposition.
Aktuell stehen hierfür der ebenfalls vor dem OLG
Koblenz geplante §129-Prozeß gegen die linksradikale
Zeitung "radikal", die Ermittlungsverfahren
gegen BewohnerInnen aus der Fritzlarerstrasse in Frankfurt
(aktuell sitzen noch zwei von ihnen bis Mitte Mai in Beugehaft,
während ein weiterer Bewohner eine Vorladung vor
die BAW zum 7. Mai erhalten hat), der geplante §129-Prozeß
gegen die Autonome Antifa (M) aus Göttingen, die
Verfahren, Verhaftungen und ZeugInnenvorladungen im Zusammenhang
mit K.O.M.I.T.E.E. und AIZ. Aber auch die Prozesse gegen
Menschen aus linken Zusammenhängen quer durch ganz
Deutschland vor Amts- oder Landgerichten gehören
ebenso dazu, wie die ZeugInnenvorladungen vors BKA und
vor die BAW und die in diesem Zusammenhang verhängte
Beugehaft. Im Zusammenhang mit den Ermittlungsverfahren
und den Haftbefehlen (K.O.M.I.T.E.E., Fritze, radikal)
haben sich Einige dafür entschieden, abzutauchen.
Damit haben sie sich der drohenden Verhaftung erstmal
entzogen, und leben sozusagen im Exil. Damit sie sich
in dieser für sie neuen Situation zurechtfinden,
brauchen sie Solidarität und konkrete Unterstützung.
Am 14. August 1996 soll der § 129-Prozeß
gegen die Autonome Antifa (M) vor dem Landgericht Lüneburg
beginnen. Wir finden es notwendig, daß sich alle
linken Kräfte mit diesem Staatsschutzangriff, der
gegen den Aufbau antifaschistischer-antikapitalistischer
Organisierung und ihre gesellschaftliche Verankerung zielt,
auseinandersetzen. Seid solidarisch mit den angeklagten
GenossInnen, beteiligt Euch an der Demonstration am 10.
August 1996 in Göttingen. Das Verfahren muß
eingestellt werden, ohne staatliche Bedingungen und Auflagen,
wie sie jetzt von den Angeklagten in Form einer schriftlichen
Distanzierung von der Politik der Autonomen Antifa (M)
vom Landgericht Lüneburg gefordert wurde.
Wir freuen uns, daß Hanna Krabbe
(Gefangene aus der RAF) am Freitag, den 10. Mai 1996,
nach 21 Jahren Knast endlich rauskam. Andere politische
Gefangene aus den Kämpfen der letzten 25 Jahre sitzen
nach wie vor im Knast. Die Frage nach der Freiheit aller
politischen Gefangenen, und wie die fundamentale Opposition
diesem Ziel näher kommt, ist allerdings durch die
Freilassung von Hanna Krabbe und den anderen Gefangenen,
die rauskamen, nicht gelöst. Wir denken, daß
es dafür nicht zuletzt aus der veränderten gesellschaftspolitischen
Situation einen neuen Anlauf braucht.
In der BRD hatte der Kampf der politischen
Gefangenen um ihre kollektive Selbstorganisierung gegen
Isolationsfolter, alltägliche Knastschikanen und
die Zerstörung ihrer Kommunikation über Jahrzehnte
einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Kämpfe
um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen draußen.
Und umgekehrt. Und noch 1989, im großen Hungerstreik
der Gefangenen aus RAF und Widerstand, war dieses wechselseitige
kämpferische Verhältnis spürbar.
Aktuell ist die Situation anders. Sie
drückt sich unter anderem darin aus, daß heute
die Mehrheit der politischen Gefangenen in den Knästen
hier Nicht-Deutsche sind, daß quer durch Deutschland
Abschiebehäftlinge sitzen, daß die Knastrevolten
vor allem von Flüchtlingen ausgehen, und daß
es heute kein Kollektiv der politischen Gefangenen wie
in den 70er und 80er Jahren gibt. Wie an anderen Auseinandersetzungen
ist die linke Fundamentalopposition auch an der Frage
nach der Freiheit aller politischen Gefangenen in der
politischen Defensive. Diese in einem praktischen Prozeß
aufzuheben ist sicher notwendig, um etwas für die
Freiheit aller politischen Gefangenen nach vorne zu bewegen.
Die staatliche Repression gegen die KurdInnen
in der BRD hat nicht erst mit dem Verbot der kurdischen
Organisationen im November 1993 ihren Anfang genommen.
Seit über zehn Jahren werden KurdInnen von diesem
Staat angegriffen und verfolgt. Keine Frage, im Zuge des
Verbots haben mittels Behauptung von Organisationsdelikten
Repression, Kriminalisierung, Verhaftungen und staatlicher
Terror gegen die hier lebenden KurdInnen qualitativ zugenommen.
300 kurdische Gefangene stehen exemplarisch dafür.
Die Verfolgung ausländischer Befreiungsorganisationen
mit den Werkzeugen der Klassenjustiz hat in Deutschland
Tradition. So wurden in den 70er Jahren der Palästinensische
StudentInnenverein verboten und mehrere hundert PalästinenserInnen
ausgewiesen. Aber auch Menschen, die aus ihrem Land als
Linke flüchten müssen und in die BRD kommen,
werden vom deutschen Staat bedroht. Aktuelles Beispiel
hierfür ist Ramos Vegas, der seit einem Jahr in Berlin
inhaftiert ist und gegen seine Auslieferung nach Spanien
kämpft.
Heute stehen die KurdInnen an vorderster
Front im Visier der Apparate der Aufstandsbekämpfung.
Im Deutschland 1996 ist es notwendiger denn je dafür
zu kämpfen, daß die Verfolgung der organisierten
KurdInnen sich nicht grenzenlos und ohne politischen Reibungsverlust
ausweiten kann. Darüberhinaus ist es eine wesentliche
Frage für uns als radikale Linke, inwieweit wir uns
in Solidarität mit den hier lebenden KurdInnen und
in Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf
ins Verhältnis setzen.
An verschiedenen Punken der Auseinandersetzung
mit den Staatsschutzangriffen hat sich die radikale Linke
ein Stück aufeinander zu bewegt. In praktischen Schritten
ist das Bewußtsein von der Notwendigkeit gemeinsamen
solidarischen Handelns gewachsen. Daran wollen wir weiter
anknüpfen. Was es braucht, ist die gemeinsame Anstrengung,
Antworten auf die jeweils anstehenden Fragen zu finden.
Und die wird es nicht ohne Organisierung und ohne gemeinsames
Handeln für konkrete Ziele geben. Dies ist eine Voraussetzung
dafür, die Zersplitterung der radikalen Linken aufzuheben
und die Entpolitisierung, Kriterienlosigkeit und die politischen
Schwankungen hinter uns zu lasssen. Der Weg "raus
aus der politischen Defensive, raus aus unserer Krise"
wird nicht frei von Widersprüchen und Problemen sein.
Auch wir müssen und wollen den engen lokalen Rahmen
sprengen, politische Grundlagen und Bezugspunkte unserer
Organisierung erweitern.
Die Menschen aus der Fritzlarer Straße
in Frankfurt haben praktische Solidarität mit den
vier von Beugehaft Betroffenen organisiert. Mit ihrer
Veranstaltung im Februar dieses Jahres haben sie etwa
200 Leute erreicht, und die von ihnen organisierten Knastkundgebungen
im Zusammenhang mit der vom Bundesgerichtshof verhängten
Beugehaft waren ein Ausdruck praktischer Solidarität.
Wir greifen die Parole aus der Fritze auf und sagen wie
sie, "wir lassen uns nicht beugen". Wir wollen
die Menschen aus dem Wohnprojekt in der Fritzlarerstraße
nicht mit den staatlichen Angriffen und den Hinterlassenschaften
von dem VS-Agenten Steinmetz alleine lassen, sondern bewußt
politische Verbindungen suchen.
Die Demonstration in Hamburg im Dezember
letzten Jahres, zu der 5.000 Menschen gekommen waren,
richtete sich unmittelbar gegen den Staatsschutzangriff
gegen die Zeitung "radikal" und gegen die Festnahmen
im Zusammenhang mit den bundesweiten Hausdurchsuchungen
am 13. Juni 1995. Kerngedanke der politischen Bestimmung
dieser Demonstration war es, daß die unterschiedlichen
Gruppen und Zusammenhänge aus dem linksradikalen
Spektrum von da aus, wo sie stehen und kämpfen, und
mit ihren jeweiligen Inhalten und Schwerpunkten, sich
zu dem staatlichen Angriff gegen die Zeitung "radikal"
politisch ins Verhältnis setzen. Diese Bestimmung
und das praktische Konzept zur Umsetzung haben uns mobilisiert.
Wir denken, es war ein richtiger Schritt. Überall
dort, wo sich etwas für linke Fundamentalopposition
punktuell nach vorne bewegt, zeigt sich, daß wir
uns nur gemeinsam Gehör verschaffen können,
daß wir uns nur gemeinsam politische Handlungsfähigkeit
erkämpfen können. Die Demonstration in Hamburg
war in diesem Zusammenhang ein punktueller politischer
Erfolg.
Solidarität heißt Widerstand
In diesem politischen Kontext sind
wir die Mobilisierung gegen Ursels Prozeß angegangen.
In unserem Papier zum Prozeß von Dezember 1995 haben
wir gesagt "Die Staatsschutzjustiz als Klassenjustiz
in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellen"
und "Die Linke muß eine Kraft werden, die in
der Lage ist, die Staatsschutzangriffe gemeinsam zurückzuschlagen".
An diesen Mobilisierungslinien werden wir weiter festhalten.
Sie sind unser Vorschlag für eine politisch bestimmte
Anti-Repressionsarbeit der radikalen Linken. Gegen eine
Reduzierung von Anti-Repressionsarbeit auf Unschuldskampagnen
und das Einfordern bürgerlich-demokratischer Rechte,
wo der politische Hintergrund, die Ziele und Vorstellungen
der "Angeklagten", wie auch derjenigen, die
mit ihnen solidarisch sind, oft auf der Strecke bleiben.
Umgekehrt aber sind diese Linien "offen",
weil politische Unterschiede innerhalb der Linken weder
weggedrückt, noch nivelliert werden, und sie dennoch
auf gemeinsames Handeln gegen Staatsschutz- und Klassenjustiz
orientieren. "Die Linke muß eine Kraft werden,
die in der Lage ist, die Staatsschutzangriffe gemeinsam
zurückzuschlagen" könnte das gemeinsam
Verbindende sein, als Moment der Einheit und Solidarität
für alle linken Gruppen und Zusammenhänge, und
nicht nur von denen, die aktuell von staatlicher Kriminalisierung
betroffen sind.
Wie weit wir damit kommen, liegt also
nicht nur an uns und geht über die Mobilisierung
gegen das § 129a-Verfahren gegen Ursel hinaus. Politische
Linien sind notwendig, sie können aber auch zu Phrasen
verkommen, wenn sich nicht in organisierten praktischen
Prozessen gemeinsam bestimmte Ziele und Vorstellungen
konkretisieren. Auch wenn es zur Zeit weder bundesweit
noch international ein strategisches Projekt gibt, das
auf soziale Emanzipation und grundlegende gesellschaftliche
Veränderung zielt, unsere Linien begreifen wir keinesfalls
als Durchhalteparolen bis dahin. Im Gegenteil: Wir finden
es notwendig, hier und heute von dem auszugehen, was an
Widerstandspotentialen - oft diffus und unzusammenhängend
- an potentiell antagonistischen Kämpfen und Protest,
da ist. Das heißt, trotz und gegen die politische
Defensive und die Zersplitterung der linken fundamentalen
Opposition praktische Schritte und Initiativen zu entwickeln,
als realer Kampfprozeß, in dem emanzipatorische
Ziele, kollektives Bewußtsein zur substanziellen
Erfahrung werden. Ideologische Scheingefechte und das
Reproduzieren der kapitalistischen Normalität in
einer immer mehr sinnentleerten Politik sind allerdings
ein Ausdruck davon, daß diese Aneignungsprozesse
nur allzuoft fehlen. Widerstand zu organisieren heißt
heute aus der Lage der eigenen Schwäche heraus, Handlungsfähigkeit
zurückzuerobern, zielt darauf ab, gesellschaftspolitisch
eingreifen zu können.
Diejenigen sind im "Recht",
die kämpfen, in Revolten oder organisiert. Gegen
die Straßenfaschisten und den Rassismus von oben
und unten, gegen Rüstungspolitik und imperialistischen
Krieg, gegen patriarchale Strukturen und das Zurückdrängen
der Frauen, gegen das Bündnis für Arbeit unter
der nationalen Parole "Standortsicherung Deutschland",
gegen die Zerstörung von Lebensbedingungen und sozialen
Verwüstungen, die das imperialistische System mit
jedem Tag seiner Existenz insbesondere in den Ländern
des Südens produziert.
Keine Freiheit den Feinden der Freiheit
Nach diesem Motto handeln die Staatsschutzapparate
seit Bestehen der BRD, und die Herrschenden haben keinen
Zweifel daran gelassen, wer damit gemeint ist: diejenigen,
die für soziale Emanzipation kämpfen und deshalb
auch GegnerInnen des kapitalistisch-imperialistischen
Systems sind. Präventive Konterrevolution ist das
strategische Konzept der herrschenden Klassen, um jede
Form von revolutionärer Gegenmacht im Keim zu ersticken
und die bestehenden Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse
aufrechtzuerhalten. Die operativen Maßnahmen zur
Umsetzung dieses Konzepts wurden und werden effektiviert,
angepaßt und differenziert, die Substanz aber ist
die gleiche geblieben. Dazu braucht es die Gewalt "von
oben", die in enger Wechselwirkung steht mit den
strukturellen Gewaltverhältnissen, die den kapitalistischen
Alltag bestimmen und durchdringen. Die bestehenden Verhältnisse
zu schützen ist die wesentliche Aufgabe der bürgerlichen
Justiz, die als solche objektiv betrachtet immer politische
Justiz im Sinne von Klassenjustiz ist. Am offensichtlichsten
ist dieser repressive autoritäre Charakter bei der
Staatsschutzjustiz.
So wurde in dem Stammheimer Richtlinienprozeß
1975 ein Kronzeuge eingeführt, was zum damaligen
Zeitpunkt noch nicht verrechtlicht war. Verteidiger wurden
kurz vor Prozeßbeginn ausgeschlossen, das Verbot
der Mehrfachverteidigung durchgesetzt, Zwangsverteidiger
eingesetzt. Das BKA hielt in diesem Mammutverfahren 90
Prozent der Ermittlungsakten zurück. Die Gefangenen
wurden schließlich vom Prozeß ausgeschlossen.
Was damals angelegt wurde, zieht sich bis heute je nach
politischer Opportunität wie ein roter Faden durch
alle Staatsschutzprozesse und ist mittlerweile als Ausnahmejustiz
verrechtlicht, und damit normalisiert.
Ob es sich um Prozesse gegen "kriminelle
Vereinigungen" handelt, um deren "Unterstützung"
und/oder "Werbung" für diese, ob um Verfahren
wegen "Verunglimpfung des Staates" oder wegen
"Landfriedensbruch", ob um Berufsverbote oder
die "Wahrung des Betriebsfriedens", Widerstand
wird als kriminell und terroristisch denunziert. Sondergesetze
gegen die Linke sind heute so "normal" wie der
Schutz des Privateigentums an Produktionsmitteln im Bürgerlichen
Gesetzbuch. Sie werden in jedem § 129a und 129-Prozeß
angewandt. Die Geschichte des antagonistischen Widerstands
und Kampfs in der BRD zeigt, daß wir davon ausgehen
müssen, daß die repressiven Staatschutzapparate
(Geheimdienste, Staatsschutzsenate, BAW, BKA, Sondereinsatzkräfte
der Polizeien, paramilitärischer BGS etc.) ein aufeinander
abgestimmtes Konzept zur Aufstandsbekämpfung haben,
mit der Prämisse, linke Fundamentalopposition zu
infiltrieren, zu erfassen, einzukreisen und zu zerschlagen.
Der Staatsschutz lebt auch von
dem Dreck, den er streut
Psychologische Kriegsführung
war und ist ein operatives Instrument der entsprechenden
staatlichen Apparate zur präventiven Konterrevolution.
Bestandteil davon ist die Manipulation, Konstruktion und
gezielte Streuung entsprechender "Informationen".
In der Regel geschieht dies über die bürgerlichen
Massenmedien. Die staatlichen "Informationen"
werden den jeweiligen gesellschaftspolitischen und internationalen
Realitäten entsprechend angepaßt. Die Staatsschutzpropaganda
folgt der Logik der Herrschenden und hat grundsätzlich
das Ziel, das staatliche Gewaltmonopol und die reaktionären
Pläne und Projekte der Herrschenden zu legitimieren
und ohne politische Reibungsverluste durchzusetzen.
Für die Sicherheitsapparate steht
der Feind links. Antikommunismus war von Beginn an konstituierendes
Element dieses Staates und ist bis heute eine zentrale
innen- wie außenpolitische Doktrin. "Bazillen,
Bakterien, Ungeziefer sind die Linken, die man dahin zurückschicken
sollte wo sie hingehören: in die Löcher der
Mäuse und Ratten." Dies sagte der spätere
sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt in den
50er Jahren in einer Bundestagsdebatte, in einer Zeit,
in der es in der BRD von keiner linken Fraktion einen
politisch offensiven Ansatz gab.
In Folge des Aufbruchs der Linken Ende
der 60er Jahre entstanden revolutionäre Gruppen,
die aus einer Offensivposition in der BRD kämpften:
RAF, 2. Juni und später die Revolutionäre Zellen.
Insbesondere die RAF wurde zum Staatsfeind Nr. 1. Herold,
der ehemalige Präsident des BKA, brachte dies bei
einer Innenministerkonferenz im Januar 1972 offen und
exemplarisch zum Ausdruck: "Aktionen gegen die RAF
müssen immer so abgewickelt werden, daß Sympathisantenpositionen
abgedrängt werden". Daß in den 70er Jahren
verbreitet wurde, die RAF plane Trinkwasser zu vergiften,
Kinder zu entführen und Giftgas einzusetzen, entsprang
dieser Logik. Es zielte damals darauf ab, daß die
Bevölkerung die RAF als unmittelbare Bedrohung ausmacht.
Dabei reduziert sich psychologische Kriegsführung
nicht allein auf propagandistische Mittel. Auch Anschläge
gehören zum Repertoire des BRD-Staates. 1972 gingen
in mehreren Hauptbahnhöfen Bomben hoch, es wurde
behauptet, die RAF sei es gewesen. Die GenossInnen aus
der RAF dementierten, und es ist aus ihrem politischen
Selbstverständnis auch klar, daß nicht sie,
sondern die Geheimdienste dafür verantwortlich waren.
Die staatliche Hetze gegen revolutionären Widerstand
dient auch der Vorbereitung und Begleitung der physischen
Liquidation politischer GegnerInnen. Konkrete Beispiele
hierfür sind der staatliche Mord an Ulrike Meinhof
(RAF) am 8. Mai 1976, die Killfahndung gegen GenossInnen
aus den Guerillas in den 70er Jahren und die Hinrichtung
von Wolfgang Grams (RAF) in Bad Kleinen.
Staatsterrorismus war auch das sogenannte
Celler Loch. 1978 hatte der VS zusammen mit der GSG 9
ein Loch in die Knastmauer von Celle gesprengt. Es wurde
verbreitet, daß es ein Angriff der Linken war, um
den politischen Gefangenen Sigurd Debus, der damals im
Knast in Celle saß, zu befreien. Das Ziel dieser
staatlichen Operation war natürlich nicht die Befreiung
von Sigurd, sondern vielmehr die Unterwanderung der radikalen
Linken. Deshalb wurden in diesem Zusammenhang die Namen
von zwei Agenten aus Niedersachsen als Tatverdächtige
lanciert. Die Aktion sollte die "Eintrittskarte"
für die beiden Agenten in radikale linke Zusammenhänge
sein. Dieser Zusammenhang wurde 1986, also acht Jahre
später, von einem Journalisten recherchiert und veröffentlicht.
Heute wird die Kurdische Arbeiterpartei
PKK vom BRD-Staat zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt.
Unabhängig davon, daß die PKK in einem anderen
politischen Kontext kämpft, laufen die gleichen Muster
der psychologischen Kriegsführung ab. Die Bedrohungsszenarien
und die entsprechende Propaganda gegen die PKK gehen heute
von einem reaktionären Konsens der Mehrheit der deutschen
Bevölkerung aus und einer entsprechenden Identifikation
mit der Nation bzw. dem bürgerlich-kapitalistischen
Staat. So reicht in der Regel in Bezug auf die KurdInnen
die rassistische Hetze "sie haben ihr Gastrecht mißbraucht",
um den staatlichen Terror gegen sie zu legitimieren und
zu forcieren. Jüngstes Beispiel staatlicher Demagogie
ist die Behauptung angeblich geplanter Entführungen
von Kinkel, Kohl und Schumacher durch die PKK.
Der Einsatz psychologischer Kriegsführung
in ihren vielfältigen Ausdrücken ist Teil der
Ausgangsbedingungen für die Entwicklung von radikalem
Widerstand und Kampf. Wieweit die Herrschenden damit kommen,
ist auch eine Frage nach der politischen Klarheit und
der Orientierung einer linken fundamentalen Opposition.
Volksgemeinschaft oder Klassenkampf?
Zu Beginn des Jahres frohlockte die
FAZ in einem Kommentar: "Die neuen Kursrekorde des
Deutschen Aktienindex Dax machen Appetit." Offensichtlich
Appetit auf mehr. In den Unternehmerverbänden werden
die Messer gewetzt, die nächsten Angriffe auf "soziale
Sicherheiten" und ehemals erkämpfte Rechte sind
schon in Anschlag gebracht. Jetzt wollen sie auch hier
die Ernte des weltweiten kapitalistischen Durchmarschs
einfahren. Rigorose Strukturanpassungsprogramme zur Sanierung
der Staatsschulden, die ein unmittelbares Produkt imperialistischer
Politik und Herrschaftssicherung sind (Einverleibung der
DDR, NATO/Bundeswehr-Kriegseinsätze, Ausbau der Europäischen
Union), sollen möglichst ungehemmt und ohne "soziale
Tabus" durchgesetzt werden.
Keine Talkschow, keine Politikerrunde
im Fernsehen, wo nicht die marktwirtschaftliche Propaganda
von der "Sicherung des Standorts Deutschland"
und "der internationalen Wettbewerbsfähigkeit"
festgeklopft wird. "Die Lohnnebenkosten sind zu hoch"..."Wir
können uns diesen Sozialstaat nicht länger leisten"
(Lothar Späth) und ähnliche Sprüche, gerade
so, als wäre das wirtschaftspolitisches Allgemeingut,
markieren die Richtung, in die es geht.
Am 25. April stellte die Regierungskoalition
einen ganzen Maßnahmenkatalog vor, der den beschönigenden
Titel "Programm für mehr Wachstum und Beschäftigung"
trägt. Angepeilt werden darin 25 Milliarden Mark
Haushaltskürzungen und Sparmaßnahmen im Sozialsystem
in einem Aufwasch: Kürzung der Lohnfortzahlung bei
Krankheit, Streichung des Kündigungsschutzes, Kürzung
des Arbeitslosengeldes in der ersten Woche, Einfrieren
von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe, die auf maximal
fünf Jahre begrenzt werden soll, Heraufsetzung der
Altersgrenze bei der Rente.
Mit Blick auf ihre Mitglieder bzw. Wählerstimmen
sprechen Gewerkschaften und SPD zwar vom "Weg in
eine andere Republik" und kündigen "harten
Widerstand" an. Aber auch sie wissen, die Zeiten
der sozialen Standards sind wohl endgültig vorbei.
Hinter der kraftmeierischen Rhetorik steht vielmehr die
Frage, wie die mit Sicherheit aufbrechenden Widersprüche
auch für die Zukunft in bewährter institutionalisierter
Form abgewickelt werden können. Den sozialen Frieden
der bundesdeutschen "Konsensgesellschaft" -
diese heilige Kuh der Deutschen - restlos aufzukündigen
wagt noch nicht einmal die CDU, deren größter
Horror ein Streik wäre, wie er im Dezember 1995 Frankreich
lahmgelegt hatte. Der DGB weiß also um seinen Job.
Mit ihrem "Bündnis für Arbeit" lassen
sich die deutschen Gewerkschaften bereitwillig unter Vermittlung
von Bundeskanzler Kohl in die "nationale Verantwortung"
nehmen.
Volksgemeinschaft statt Klassenkampf -
verbunden mit der Hoffnung, auch unter sich verschärfenden
Ausbeutungsbedingungen in einer neuen Runde den kleinbürgerlich-privilegierten
Lebensstil zu verteidigen, in den Metropolen selbst, und
erst Recht im globalen Zusammenhang. Das ist sicherlich
ein wesentlicher Grund dafür, daß trotz spürbarer
Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen die
neoliberale Politik, die ihren Ursprung in den großangelegten
politisch-ökonomischen Umstrukturierungsprozessen
seit Mitte der 80er Jahre hat, bisher in Deutschland ohne
größere Reibungsverluste oder gar Widerstände
durchgesetzt werden konnte.
Es herrscht immer Krieg in den Städten...
Es ist noch nicht ausgemacht, wo
die deutsche Linke in ein paar Jahren stehen wird, um
so mehr aber, daß sich die sozialen Konflikte mit
der wachsenden Verarmung verschärfen werden.
Präventive Konterrevolution in Form
staatlicher Repression zielt nicht nur gegen die Ansätze
zur Organisierung radikaler und revolutionärer Politik.
Sie findet ihre Entsprechung in allen gesellschaftlichen
Bereichen, wo soziale und politische Widersprüche
aufbrechen bzw. aufbrechen könnten: Ein Netz aus
sozialer Kontrolle, Prävention und rigoroser Ausgrenzung,
in das soziale Einrichtungen, staatliche/kommunale Behörden
und private Sicherheitsdienste unter Federführung
der Polizei integriert sind. Im Visier der "neuen"
Sozialhygieniker sind die sogenannten sozialen Brennpunkte
in den Stadtteilen, aber auch das Zurückdrängen
von Obdachlosen, Junkies, BettlerInnen und PunkerInnen
aus den Innenstädten, denen Bullen und schwarze Sheriffs
mit Platzverweisen, ständigen Festnahmen und Personenkontrollen
zu Leibe rücken. In der Tendenz werden dabei bestimmte
Verhaltensweisen, wie betteln oder sich auf öffentlichen
Plätzen zu besaufen, kriminalisiert. Potentielle
Treffpunkte werden videoüberwacht oder gleich ganz
abgeriegelt. Und immer sind, was die Kontrollen, die Schikanen,
die körperlichen Mißhandlungen und Demütigungen
anbelangt, Nicht-Weiße am schärfsten davon
betroffen.
An der deutschen Ostgrenze führen
5.000 BGSler, so die offizielle Zahl, ausgerüstet
mit modernster Technologie und oft in Zusammenarbeit mit
örtlichen Bürgerwehren, einen rassistischen
Krieg gegen illegale Einwanderer, der dann im Landesinnern
fortgesetzt wird gegen die wenigen, die es auf der Flucht
vor Krieg, Verfolgung und zerstörten Lebensbedingungen
dennoch gepackt haben, hierher zu kommen. Keine größere
Stadt ohne polizeiliche Sonderkommission auf der Jagd
nach "Rumänen-Banden", "Russen-Mafias"
und "Schleuser-Organisationen", die dann regelmäßig
in (oft bundesweiten) Großrazzien gegen Flüchtlingsunterkünfte
und Deportationen münden.
Die Politik der sozialen Kontrolle und
Unterwerfung wird nicht nur gewaltsam von "Oben"
durchgesetzt. Sie findet genauso ihre Zustimmung von großen
Teilen der deutschen Bevölkerung, die sich mit den
vielfältigen Konsumangeboten, sei es auch nur als
verlockende Verprechungen, den Privilegien und der wohlstandsbürgerlichen
Lebensweise und Moral identifizieren. Die Integration
in den nationalen Konsens hat ihren Preis. Die unbedingte
Teilhabe an der virtuellen Welt des kapitalistischen Paradieses
zieht unweigerlich die aggressive Verteidigung der Privilegien
nach sich. Die Selektion ist gewollt - Abschiebungen,
Pogrome, Polizeiterror und sich füllende Gefängnisse
als ordnungspolitische Maßnahmen. Das ist nicht
neu in diesem Land. Und wen wunderts, daß gerade
hier, aufgrund der nie wirklich gebrochenen faschistischen
Vergangenheit, ein schier unerschöpfliches Potential
an "Sicherheit und Ordnung"-Fanatikern existiert.
...und international
Nach wie vor kommt der imperialistischen
Durchdringung der Länder des Trikonts eine wesentliche
Bedeutung zu. Neben dem schon "traditionellen"
neokolonialen Zugriff auf strategische Rohstoffe und billige
Nahrungsmittel und der Herauspressung von Zinszahlungen
durch IWF und Weltbank, verstärkt sich im Zeitalter
des weltweit durchgesetzten Kapitalismus der Kapitalexport
aus den Zentren. Die Internationalisierung der Produktion
unterwirft immer mehr Menschen dem kapitalistischen Lohnregime.
40% (!) aller Arbeitskräfte weltweit rekrutieren
sich heute aus den landflüchtigen Kleinbauern Asiens,
die in die Weltmarktfabriken von Siemens, IBM usw. strömen.
Für einen Hungerlohn und ohne nennenswerten sozialen
Schutz. In Osteuropa vollzieht sich eine strategische
Neuorganisierung der Märkte, die Länder wie
Polen oder Bulgarien auf "3.Welt-Niveau" zurückwerfen,
mit allen Erscheinungen einer umfassenden sozialen Krise:
Massenarmut, Obdachlosigkeit, Prostitution, Schwarzmarkt
und Bandenkriminalität. Aber auch mit einem großen
Potential billiger Arbeitskräfte, das den neuen Produktionsstandorten
westlicher Konzerne unmittelbar zugute kommt.
Auf der Ebene internationaler Politik
jagt zur Zeit ein Gipfeltreffen das andere: NATO-Osterweiterung,
Atompolitik, Anti-TE-Gipfel in Ägypten am 13. März
1996, G-7/IWF/Weltbank-Treffen. Es gibt alle Hände
voll zu tun für die Regierungen der imperialistischen
Kernstaaten, um der Jagd des entfesselten Kapitals nach
mehr Profit zu folgen. Kein Land will zu kurz kommen,
wenn es um die (Neu)Aufteilung der Welt geht. Und die
Bourgeoisie in der Offensive demonstriert, daß sie
kaum noch nationale Rücksichtnahmen kennt, wenn es
um die Absicherung und den Zugewinn von neuen Pfründen
geht. Im Gefolge davon beschreiten die Staatsregierungen
einen widersprüchlichen Weg: einerseits die Konzentration
von Macht in den supranationalen Bünden, zum andern
das Ausloten der Möglickeiten nationaler Präferenzen.
Das Tempo der Entwicklung läßt
die Zögernden zu kurz kommen, und für schnelle
und gleichzeitig strategische Entscheidungen braucht es
eben auch die entsprechende Potenz. Hier spielt die US-Administration
ihr Übergewicht rücksichtslos aus - sie hat
immer noch im Verhältnis zu den anderen imperialistischen
Staaten das stärkste ökonomische Volumen im
Rücken, ohne das auf den globalisierten Märkten
nichts laufen wird.
Vor zehn Jahren ging der damalige Außenminister
Hans-Dietrich Genscher als Dumbo in die Geschichte ein,
weil er sich mehr auf Auslandsreisen und in der Luft aufhielt,
als in der Bonner Regierungsbank. Politik wird heute mehr
denn je jenseits nationaler Grenzen von halben Regierungsmannschaften
gemacht.
Die USA überflügeln dabei alle
andern: ihren Bombern über Bosnien Herzegowina folgte
direkt das Handelsministerium, was von einer größeren
Öffentlichkeit nur dann registriert wird, wenn eine
Regierungsmaschine die Landebahn verfehlt. Noch spielt
Amerika den Zuchtmeister, wenn sich die Emissäre
aus den verschiedenen Staaten in die Quere kommen, und
jedes vorwitzige Aufrichten europäischer Konkurrenten
bekommt einen Dämpfer.
Deutschland ist Verbündeter, versucht
dabei aber auch einen stärkeren eigenen Kurs. Und
die USA wissen um die als Konkurrenten ernstzunehmenden
Krauts. Während Kohl mit satten Verträgen aus
China zurückkehrte, reiste US-Präsident Clinton
nach Tokio, um den Pakt mit dem japanischen (Junior)Partner
neu zu besiegeln. Im selben Atemzug favorisiert die US-Diplomatie
eine Stärkung anderer Kräfte im pazifischen
Raum. Eine Vereinigung Koreas unter amerikanischem "Schutzschild"
würde die Kräfte in Asien zugunsten der strategisch
dominierenden Kraft verschieben. Daß Nordkorea seine
Atomwaffen unter internationale Kontrolle stellen soll,
was die US-Administration gerade mittels schärferem
Verhandlungskurs durchzusetzen versucht, liegt auf diesem
Weg: nicht eine "Neue Friedensperiode" ist von
solch einem Schritt zu erwarten, sondern erhöhte
Kriegsgefahr.
Im "Nahen und Mittleren Osten"
wurde gerade vorexerziert, welche Folgen der Stabilisierungskurs
für einen imperialistischen Frieden hat. Die Libanon-Offensive
der israelischen Armee folgt der Logik der Segmentierung
des arabisch-israelischen Konflikts. Seit Jahren hat sich
im israelischen Staat ein militärisch-industrieller
Komplex etabliert, der lange Zeit von außen durch
Waffen- und Geldtransfer untermauert wurde. Der israelische
Staat als Ordnungsmacht in der Region brauchte ein entsprechendes
militärisches Volumen. Jetzt ist es längst an
der Schwelle zu weiterer Expansion angelangt. Eine ähnliche
Entwicklung durchläuft der türkische Staat.
Hundert Milliarden Dollar Staatsausgaben in den nächsten
Jahren werden die einheimische, lizenzierte Waffenschmiede
mästen. Kein Wunder, daß sich jüngst beide
Staaten offiziell zu Verbündeten erklärten und
konkrete Militärkooperationen vereinbarten.
Als Kinkel kurz vor den türkischen
Parlamentswahlen die Generalsdemokratie als Garanten gegen
die "heraufziehende Islamisierung" beschwor
und die Zollunion Westeuropas mit dem Folterregime erzwang,
war ihm die ganze Entwicklung wahrscheinlich noch gar
nicht vor Augen. Denn politisch erster Gewinner in der
Region wird die USA auf Grund ihrer militärisch-
technologischen Potenz bleiben.
Daß die türkische Ex-Ministerpräsidentin
Ciller zur Hochzeit des heißen Kriegs in Bosnien
in Sarajevo weilte, während türkische Spezialeinheiten
die kurdische Zivilbevölkerung massakrierten, war
mehr als ein Signal. Die regionale Ausweitung militärischer
Konfrontationen wird eine Linie von dem sein, was allgemein
als Tendenz zum Krieg umschrieben werden kann. Hier gibt
es noch Raum für die imperialistischen Zentralmächte
zur (Auf)Teilung von Einflußsphären. Daß
dem (neo)kolonialen "partnership in peace" bald
aber eine verschärfte kontinentale Frontstellung
folgen kann, liegt in der Dynamik dieses Prozesses. Kohls
mittlerweile monatliches Säbelrasseln gegenüber
London, Paris, Madrid und Rom dient der Beschleunigung
des europäischen Einigungsprozesses unter deutscher
Führung. Die Konditionen dafür, wie sie von
der Bundesbank in Frankfurt ausgegeben werden, haben die
westeuropäischen Kandidaten zum sozialen Raubbau
ohne Netz und doppelten Boden veranlaßt. Im Gefolge
preisen sich die westeuropäischen Nachbarn für
eine Waffenbrüderschaft mit den Wehrmachtenkeln an.
Was in den 80er Jahren als Prozeß kontinentaler
Konzentration von politischer und militärischer Macht
- mit dem Ziel arbeitsteiliger imperialistischer Interessenswahrung
- geboren und forciert wurde, birgt unter der sich verschärfenden
Konkurrenz zwischen den imperialistischen Zentren USA,
Japan und Europa den Sprengstoff für die Ausweitung
der latenten Grabenkriege unter ihnen.
Gegen die Strömung
Während also auf der einen Seite
die Rahmenbedingungen der globalen Ausbeutung zwischen
den imperialistischen Blöcken in zunehmend aggressiver
Tendenz neu "ausgehandelt" werden, und die Dynamik
der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus die internationalen
Beziehungen, ihre Konkurrenz und Widersprüchlichkeit
bestimmt, gibt es dennoch auch umgekehrt den Zwang zum
gemeinsamen Krisenmanagement. Auch unter veränderten
Ausgangsbedingungen gilt: Wenn es um die präventive
konterrevolutionäre Absicherung ihres weltweiten
Ausbeutungs- und Unterdrückungssystems geht, herrscht
zähneknirschende Einigkeit. In der NATO, wie auch
auf den Weltwirtschaftsgipfeltreffen. Der Westen antizipiert
herrschaftsmäßig sehr bewußt die Erfahrungen
mit den noch vor wenigen Jahren entfalteten Befreiungskämpfen
auf allen Kontinenten und ist jederzeit bereit, wo immer
sein Herrschaftsanspruch in Frage gestellt wird, mit aller
Macht zuzuschlagen. Das war die präzise Botschaft
des "2.Golfkriegs" an die Unterdrückten
der Welt.
Mit schnellen Eingreiftruppen und der
Fähigkeit zu Straf- und Militärinterventionen
an jedem Ort der Welt, mit "intelligenten" Waffen
und anderen Herrschaftstechnologien, mit ökonomischen
und finanziellen Druckmitteln durch IWF und Weltbank,
mit koordinierter und aufeinander abgestimmter Geheimdiplomatie
und der Institutionalisierung von "Friedensverhandlungen"
unter westlichem Diktat halten die imperialistischen Staaten
die Welt in einem mal verdeckten, mal offenen, aber permanenten
Kriegszustand. Ein eisernes Korsett, in dem jedes Aufbegehren
und jeder Kampf gegen die alte "neue Weltordnung"
im Keim erstickt werden soll.
Trotz einer Vielzahl von Kämpfen
in regional sicherlich unterschiedlicher Intensität,
oft in Form von Revolten für soziale Gerechtigkeit
und gegen die Zerstörung von Lebensbedingungen, in
Lateinamerika, Asien und Afrika, trotz einiger Enklaven
entfalteter Befreiungskämpfe wie in Mexiko oder Kurdistan,
insgesamt sind die Kampfprozesse, die auf eine emanzipatorische
revolutionäre Entwicklung zielen, im Rückgang.
Viele linke Organisationen sind in der Defensive und faktisch
bedeutungslos geworden. Was das für die existentiellen
Lebensinteressen der übergroßen Mehrzahl der
Menschheit bedeutet, ist klar. Die sich (nach wie vor)
vertiefende Krise des imperialistischen Systems, die im
Kern eine Krise der Kapitalverwertung ist, treibt immer
schärfer eine entfesselte und destruktive Dynamik
voran, die heute kreuz und quer die sozialen und politischen
Widersprüche im globalen Zusammenhang und in wechselseitiger
Beeinflussung eskaliert.
Also doch das "Ende der Geschichte"?
Eine Umkehrung der destruktiven Entwicklung jedenfalls
ist nicht in Sicht. Die internationale Situation konfrontiert
die Linke sehr scharf mit ihrer eigenen in der Metropole.
Und zwar unmittelbar. Man braucht sich nur vor Augen zu
halten, wie ungleich und schwach das Verhältnis zum
kurdischen Befreiungskampf entwickelt ist, oder die praktische
Rat- und Hilflosigkeit gegenüber Bundeswehrkampfeinsätzen
und imperialistischer Kriegspolitik. Das Skandieren von
"Hoch die internationale Solidarität" auf
Demos und Kundgebungen kann nicht darüber hinwegtäuschen,
daß die radikale Linke an wesentlichen Fragen internationaler
und darin auch innergesellschaftlicher Auseinandersetzungen
spätestens seit dem "2.Golfkrieg" schlichtweg
den Faden verloren hat.
Es ist heute schwierig, die weltweite
Situation umfassend und konkret zu begreifen. Erst Recht
vor dem objektiv begrenzten Hintergrund einer lokalen
Gruppe, und das ist nicht nur unser Ausgangspunkt. Die
Zersplitterung und Defensive derjenigen Kräfte, denen
es um grundlegende gesellschaftliche Veränderung
geht, blockiert auch die politische Annäherung an
das, was einmal Grundverständnis der antiimperialistischen
Linken in den Metropolen war: alle ökonomischen,
politischen und sozialen Probleme, die weltweit existieren,
können letztlich nur in internationaler Koordinierung
angepackt und revolutionär gelöst werden. Eine
Strategie, die auf revolutionäre Veränderung
hier zielt, wird nur auf internationalistischer Grundlage
Wirklichkeit werden. Ohne diese Grundbestimmungen, die
unter den weltweit veränderten Bedingungen neu angeeignet
werden müssen, ist eine revolutionäre Aufhebung
der zerstörerischen Entwicklung durch den Imperialismus
noch nicht einmal im Ansatz denkbar.
Das Problem ist tatsächlich - innergesellschaftlich
wie international, und darin grundsätzlich nicht
voneinander zu trennen - wie der Raum für eine sinnvolle
und produktive Entwicklung, für soziale Emanzipation
und Gerechtigkeit freigekämpft werden und auch von
hier aus die Macht, der Einfluß und der Herrschaftsanspruch
der imperialistischen Staaten zurückgedrängt
und gebrochen werden kann. Ohne eine in langandauerndem
Kampf aufgebaute Frontstellung gegen imperialistischen
Krieg und weltweite Bundeswehreinsätze, ohne organisierte
Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf, um
es mal im Kontext des Naheliegendsten und Brennendsten
zu sagen, kann die Befangenheit der sozialen und politischen
Kämpfe im lokalen/regionalen Rahmen nicht aufgesprengt
werden, noch das entsprechende metropolenspezifische Politikverständnis,
das bis in die Subjekte linker Zusammenhänge existiert.