Zum Tod von Wolfgang Grams
Erklärung
der RAF vom 6. Juli 1993
Die Terroraktion von BAW, BKA und
VS in Bad Kleinen, ausgeführt von ihren Killertruppen
der GSG 9 und MEK- die Verhaftung von Birgit Hogefeld
und die kaltblütige Ermordung von Wolfgang Grams
- haben uns tief getroffen.
Wir sind auch nach unserer einseitigen Rücknahme
der Eskalation im April '92 nicht davon ausgegangen, daß
der Staatsschutzapparat aufhören würde, nach
militärischen Schlägen gegen uns zu lechzen
- daß ihre Linie Vernichtung ist, war auch an der
neuen Eskalation ihres Terrors gegen unsere gefangenen
GenossInnen offensichtlich.
Trotzdem ist es eine große Erschütterung, plötzlich
in dieser Kälte und Brutalität damit konfrontiert
zu sein. Auch der Gedanke, daß Wolfgang jetzt noch
leben könnte, wenn diese Spezialkiller sich nicht
bis ins tiefste Innerste zum Mord legitimiert und von
oben gedeckt sehen würden - es ist nicht einfach,
das alles gefühlsmäßig an sich heranzulassen.
Sie haben eine Genossin und einen Genossen aus ihrem Lebenszusammenhang
gewalttätig herausgerissen.
Wir denken vor allem an die letzten zwei Jahre, an die
gemeinsame Anstrengung, die es bedeutet hat, zu der Entscheidung,
einen Einschnitt in unserer Geschichte zu machen, zu kommen
und uns selbst mit anderen Augen sehen zu können,
uns zuzugestehen, daß wir auf der Suche sind und
nicht alle Antworten parat haben.
Der Prozeß in dieser ganzen Zeit hat von allen Mut
zu Kritik und Selbstkritik erfordert, was oft auch schmerzhaft
war.
Es war eine große Sache für uns gewesen, unsere
eigene Geschichte zu überprüfen und Fehler wie
Stärken bewußt zu sehen - das hieß, uns
die eigenen Erfahrungen wirklich tief aneignen zu können.
In der letzten Zeit ist es daraus möglich geworden,
daß sich das Gewicht in unseren Auseinandersetzungen
immer mehr auf die Zukunft gerichtet hat: die Lust, Neues
herauszufinden, und ein großes Bedürfnis, sich
alles an Wissen über die veränderte Situation
und den sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten anzueignen,
aus den Erfahrungen von anderen Kämpfen zu lernen
und unsere eigenen Kriterien und Vorstellungen beim Aufbau
einer sozialen Gegenmacht von unten anwenden und einbringen
zu können.
Jetzt ist Wolfgang tot, ermordet. Wir trauern um ihn.
Wir werden ihn sehr vermissen.
Seine Skepsis gegenüber vorschnellen Entscheidungen,
seine Geduld, etwas auch mehr als einmal zu hinterfragen,
was von allen anderen Genauigkeit in der Auseinandersetzung
gefordert hat und was nicht immer bequem war - damit hat
er z.B. dafür gesorgt, alle Aspekte der Situation
oder der eigenen Vorstellung anzusehen und nicht nur die
Aspekte wahrzunehmen, die einen selbst bestätigen.
Auch das wird uns fehlen.
Wir werden die Erinnerung an ihn, unseren Genossen, der
sein Leben mit aller Entschiedenheit dem Kampf um Befreiung
von Unterdrückung widmete, in unseren Herzen behalten.
Am 10.4.92 haben wir die Eskalation in der Auseinandersetzung
mit diesem Staat von unserer Seite aus zurückgenommen:
Wir stellten die Angriffe gegen Repräsentanten von
Staat und Kapital ein. Das entsprach unserem Interesse,
denn wir wollten einen entschiedenen Schritt machen, um
zur Neubestimmung unserer und linker Politik überhaupt
zu kommen. Die Priorität der politischen Auseinandersetzung
statt Eskalation der Konfrontation war notwendig. Wir
haben einen Einschnitt in unserer 22jährigen Geschichte
gemacht, und wir hatten die Vorstellung, daß in
dieser Phase die Freiheit der politischen Gefangenen durchgesetzt
werden muß und kann. Dem gegenüber jedoch stand
und steht ein Staat, dessen klarste Orientierung das Ausmerzverhältnis
gegenüber linker Fundamentalopposition zu sein scheint.
Es hätte einer politischen Entscheidung des Staates
bedurft, doch dazu ist die Elite von Staat und Wirtschaft
weder willens noch in der Lage. Das beweisen sie ständig
aufs neue. Politische Entscheidungen in substantiellen
Fragen werden auf die Apparate von Justiz, Polizei und
Militär abgeschoben und durch deren Maßnahmen
ersetzt.
Der Staat hat die Rücknahme der Eskalation von unserer
Seite aus sowie unsere veröffentlichte Selbstkritik
als Zeichen von Schwäche genommen. Sie haben die
Situation für die politischen Gefangenen nur weiter
verschärft sowie eine neue Prozeßwelle gegen
unsere gefangenen GenossInnen begonnen.
Die gesamte Entwicklung der letzten Jahre sowie der Staatsterror
vom 27.6.93 im besonderen werden sicher mehr Menschen
die Augen darüber öffnen, was in diesem Land,
das in der tiefsten Krise des zusammenbrechenden kapitalistischen
Systems zur Weltmacht strebt und darin immer mehr um sich
schlägt, Menschenrechte bedeuten. Da, wo Menschenrechte
den staatlichen Konzepten im Wege stehen, bedeuten sie
nichts - genausowenig wie dort, wo sie wirtschaftlichen
Interessen im Wege stehen.
Der Kapitalismus geht immer über Leichen.
Dieses System muß überwunden werden - darin
werden wir unseren Weg finden, wie wir es in den Erklärungen
seit dem 10.4.92 gesagt haben. Allerdings ist die Ausgangsbedingung
eine neue: Wolfgang ist hingerichtet worden.
Die Herrschenden wollen die Lähmung von allen auf
unserer Seite. Wir rufen alle Menschen, die dieser Terror
betroffen gemacht hat, dazu auf. Geht nicht zur Tagesordnung
über! Nehmt das nicht hin! Das Schmierentheater um
den Mord an Wolfgang soll zu einer Effektivierung des
Apparates führen. Penner (SPD) bringt es auf den
Punkt, wenn er sagt: »Sowas kann ja immer mal passieren«,
und sich ansonsten über die schlechte Informationspolitik
beschwert. Da sehnen sich einige zu Verhältnissen
wie '77 zurück, als unter SPD-Regie 1977 totale Nachrichtensperre
herrschte und die Lügen schon vorher eingeübt
waren. Der Skandal ist für sie, daß sie nicht
in der Lage sind, sich auf eine einheitliche Lüge
zu einigen. Killfahndung und den Mord an Wolfgang bezeichnen
sie menschenverachtend als Panne.
Nachdem Seiters rechtzeitig seinen Kopf aus der Schlinge
gezogen hat, zeigt die Ernennung eines Republikaner-Sympathisanten
und Möchtegern-Generals zum Innenminister mehr als
deutlich, wohin die Reise in Deutschland gehen soll.
23 Jahre haben gezeigt, daß weder die RAF noch Widerstand
überhaupt militärisch auszulöschen sind,
und das wird solange bleiben, wie Unmenschlichkeit und
Ungerechtigkeit dieses Land und die Welt regieren.
Birgit, wir umarmen dich sehr fest!