Materialien / Archiv


Medienberichte (Auswahl aus der bürgerlichen Presse)


27.06.03, Neues Deutschland

Vorsicht am Gleis 4…
Die Schüsse von Bad Kleinen. Oder wie zehn Jahre nicht die Welt verändern

Von René Heilig

Vor zehn Jahren war Bad Kleinen, ein Nest am nördlichen Rand von Schwerin, Eilmeldungen wert: RAF-Terroristen geschnappt…
Es war der 27. Juni nachmittags. Ein Sonntag. Am Tisch in der Bahnhofskneipe Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Beide gehören zur Rote Armee Fraktion. Sie sind die Letzten der Letzten. Die Terrortruppe, ursprünglich angetreten für eine gerechte Welt, ist am Ende. Der Verrat saß schon am Tisch. Klaus Steinmetz, ein V-Mann. Die Jäger von BKA und Grenzschutzgruppe 9 lauerten. Minuten später ist Hogefeld gefangen, Grams getötet. Erschossen wird auch ein Grenzschutz-Beamter. Aber wer will das heute schon noch wissen?
»Nur ab und zu fragt noch ein Reisender«, sagt der freundliche Bahnbeamte. Er streckt seinen Kopf aus einer Tür, über der groß Service angeschrieben ist. Manchmal komme noch jemand, der wissen will, wo die Stelle ist, an der der tote Grams lag. »Nach dem toten Polizisten fragt niemand.« Das finde er schon etwas erbärmlich. Obwohl damals vor zehn Jahren noch nicht auf dem Bahnhof angestellt, kennt er dessen Namen: Michael Newrzella. Vielleicht, weil jedes Jahr eine Frau Blumen an der Stelle niederlegt, an der er gestorben ist. »Es ist seine Mutter.« Der Bahnbeamte zuckt mit den Schultern, schaut vielleicht eine Spur zu servicemäßig betroffen, entschuldigt sich, er müsse die nächste Durchsage machen. »Vorsicht am Gleis 4…« Der Intercity nach Berlin fährt ein und derweil der Zug auf Anschluss warten muss, erzählt eine junge Kollegin, warum das Ereignis von damals heute so unbedeutend ist. »Terror gibt's doch jetzt mehr als genug. Heute bringt man Menschen mit Flugzeugen um – 3000 von einer Minute zur anderen.« Die RAF dagegen – die junge Frau schaut aus, als hätte sie das Wort »Kinderkram« nur mühsam für sich behalten.
Es sind nur ein paar Schritte bis zur Unterführung. Irgendwo dort sollte der Zugriff erfolgen. Doch alles ging schief. Grams konnte flüchten, der Schusswechsel dauerte nur Sekunden. Dann lag er hingestreckt von Schüssen auf dem Gleis 4. Zeugen berichteten viel Widersprüchliches. Ganz offenkundig halfen Vernehmer so lange, bis die Erinnerungen ins Protokoll passten. Nur eine Zeugin, die von ihrem Kiosk einen guten Blick auf das Geschehen hatte, blieb dabei: Man habe den bereits wehrlos am Boden Liegenden aus nächster Distanz erschossen. Das wäre Mord. Die Frau im Kiosk ist längst ersetzt durch seelenlose Verkäufer: Selecta und tobaccoland machen das Geschäft – Geld rein, Knopf drücken, Klappe öffnen…
Auf dem Bahnhofsvorplatz harkt eine alte Frau den Bürgersteig. Hat sie dieser Tage schon viele Journalisten im Ort gesehen? »Was sollten die hier wohl wollen?!« Die Alte versteht die Frage nicht. »Wegen unserer 820-Jahr-Feier?«, fragt sie zurück. »Vielleicht, wenn Anfang Juli der Innenminister aus Schwerin kommt, um mit Bürgermeister Friese das Fest zu eröffnen.« Nein, nein, wegen der Schießerei, die hier vor zehn Jahren war… Es dämmert der Frau, sie hat es eilig, Kehricht in den Kübel auf dem Hof zu tragen. Im »Pottkiecker« gibt es Fischfilet mit Gurkensalat für 3,80 Euro. Gegenüber in der »Weißen Ratte« Königsberger Klopse zum gleichen Preis. Samt Bild-Zeitung. Der Rattenwirt ist allein, blättert lustlos darin: »Kahn liegt wieder bei seiner Frau« hat das Millionenblatt getitelt. »Kahn«, murmelt der verächtlich. Dessen Probleme möchte er haben. Dem Wirt, der die »Ratte« gerade renovierte, bleiben die Gäste weg. Die einheimischen sowieso, Touristen verirren sich nicht nach Bad Kleinen. »Wozu auch, die einzige Attraktion des Ortes ist der Eiertunnel. Doch wer das eigenartig geformte Ding nicht gesehen hat, hat auch nichts versäumt. Hier war nichts, ist nichts, wird nichts sein!« Abgesehen von der Mehrzweckhalle, die der Bürgermeister bauen will. »Da bucht dann kein Mensch mehr meinen großen Saal.« So unklar wie die Zukunft ist die Vergangenheit. Seit Jahren grüble er, ob er damals den Terroristen begegnet ist. Sein Zug fuhr kurz vor 15 Uhr und vorher war auch er in der Bahnhofskaschemme. Egal. Eigentlich interessiert ihn das Thema nicht.
Es riecht nach Heu. Regen hat die Luft gereinigt. Ein Mann befestigt Plakate entlang der reparaturbedürftigen Dorfstraße: Der Zirkus ist los in Bad Kleinen. Wer zum »Eiertunnel« will, kommt am Stützpunkt der Arbeitsloseninitiative vorbei. Dort essen ein paar Frauen gerade Mitgebrachtes von zu Hause. 3,80 Euro für Klopse oder Fischfilet sind zu teuer. 41 Mitglieder hat der Verband, man bietet ein Dach, unter dem man Reden kann, betreibt eine Kleider- und eine Möbelbörse. Montags spielen die Männer Skat, am Brett hängt eine Einladung zum Computer-Klub. Daran, wie es war, als man morgens noch nach Schwerin oder Wismar oder in die LPG zur Arbeit fuhr, denkt man nicht mehr. Es ist zu lange her. Nie wieder wird es so sein. Mit dem Reporter aus der Hauptstadt mag man schon gar nicht darüber reden. Der kommt, fragt und geht wieder. Sie bleiben zurück mit dem Frust, mal wieder nur für eine Schlagzeile gut gewesen zu sein.
Die bietet aber bereits das Statistische Landesamt. Wieder sei die Einwohnerzahl des Landes um ein Prozent zurückgegangen. 43115 Menschen hätten Mecklenburg-Vorpommern »Lebwohl« gesagt. Die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen stellte drei Viertel der Wegzieher.
Auch Bad Kleinen wird alt. Die noch was erwarten vom Leben, gehen nach Hamburg oder Lübeck. Eine geht nach Dessau. Es ist die Tochter des freundlichen Dorfpolizisten. Sie ist noch Azubi, lernt bei einem hiesigen Geflügelzüchter, der Pleite ist und demnächst schließen wird. Ihre Mutter, die Frau des Polizisten, wird demnächst im Arbeitsamt eine Nummer ziehen. Sie war angestellt bei einer Bank, die die Filialen schloss, weil sie alles, was im Osten abzugreifen war, abgegriffen hat. Der Gedanke an ein Versetzungsgesuch ist dem Polizeihauptmeister nicht nur einmal gekommen. Dabei liebt er diese Gegend, auch weil sie entgegen dem nun wieder aufgewärmten Ruf als »Terror-City« so wunderbar friedlich ist.

Kürzlich las ich in einem Buch folgende Charakteristik: »Ein Wesen, in dem die Liebe verkörpert war, nicht nur zur Menschheit, sondern zum einzelnen Menschen« – ich musste dabei sofort an Wolfgang denken, denn es beschreibt den Wesenszug, den ich an ihm am meisten mochte.

Birgit Hogefeld über Wolfgang Grams


27.06.03, Neues Deutschland

Der ganz alltägliche Ausnahmezustand
Rolf Gössner über Bad Kleinen und die Folgen

Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist, (Foto: Schneider-Sonnemann) gilt als engagierter Kritiker der »Inneren Sicherheit«. Im Herbst erscheint im Knaur-Verlag sein neues Buch: »Geheime Informanten. V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst des Staates«. Mit ihm sprach Tom Strohschneider.

ND: Zehn Jahre nach den Vorgängen in Bad Kleinen ist der Tod Wolfgang Grams’ weiter umstritten: Tötung oder Selbstmord?
R. Gössner: Auch wenn staatliche Stellen von einer Selbsttötung ausgehen und Gerichte einen hinreichenden Tatverdacht gegen beteiligte Polizisten verneinen – der Tod von Wolfgang Grams bleibt mit vielen Fragezeichen verbunden. Es gibt Augenzeugen für einen polizeilichen Todesschuss, aber keine für einen Suizid. Und für den Rechtsmediziner Wolfgang Bonte ist die staatliche Selbstmord-Version schlicht unhaltbar. Anders gesagt: Bad Kleinen zeigt, wie der ungeheuerliche Vorwurf eines »staatlichen Mordes« kleingearbeitet und in einen unbewiesenen »Selbstmord« umdefiniert wurde, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber empörte.

Sind nach der vermeintlichen »Pannenserie« der Behörden richtige Konsequenzen gezogen worden?
Weder der Fahndungseinsatz wurde wirklich aufgeklärt noch wurden geeignete Konsequenzen gezogen. Rücktritte und Versetzungen reichen jedenfalls nicht aus, höchstens als Eingeständnis von Fehlverhalten. Fest steht: Nach dem Fahndungsdesaster wurde eine Nachrichtensperre verhängt, und Ermittlungsbeamte haben wichtige Spuren vernachlässigt oder gar verwischt. Es ist unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten unverzeihlich, dass angesichts solcher Ermittlungspannen und Vertuschungen – aber auch angesichts der Bedeutung des Falls – noch nicht einmal Anklage erhoben und ein ordentliches Strafverfahren durchgeführt wurde, um die Angelegenheit nach allen Regeln der Kunst zu prüfen.

Steht es um die Überprüfung tödlicher Polizeischüsse – in den letzten Jahrzehnten starb im Durchschnitt jeden Monat ein Mensch – sonst besser?
Bei der gerichtlichen Aufarbeitung solcher Fälle werden viele Ursachen häufig ausgeblendet – also jene Sicherheitsrisiken, die mit Polizeibewaffnung, Schießausbildung, Eigensicherung und Fahndungsbedingungen verbunden sind. Sind Angehörige von Spezialeinsatzkommandos beteiligt, so können ihr geheimpolizeilich-konspirativer Auftrag, die praktizierte Abschottung und der ausgeprägte Korpsgeist solcher Einheiten dazu führen, dass eine rechtsstaatliche Überprüfung der Vorfälle systematisch behindert wird. Insgesamt ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Ermittlungsverfahren gegen schießende Polizeibeamte eingestellt werden oder mit Freispruch enden.

Das gegen die militanten Linken errichtete Sicherheitsinstrumentarium wird dagegen gern genutzt – nun auch gegen »ausländische Terroristen«. Wogegen richtet sich eigentlich die Verfolgung: gegen politische Meinungen oder kriminelles Handeln?
Gerade im Bereich des politischen Strafrechts spielt die Meinung der Betroffenen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Speziell beim § 129a Strafgesetzbuch mit seiner Tatbestandsvariante »Werben für eine terroristische Vereinigung« handelt es sich letztlich um Gesinnungsstrafrecht – denn Werben ist in aller Regel eine rein verbale »Tat«. Inzwischen wird das bloße Werben allerdings nicht mehr unter Strafe gestellt, wenn es sich um reine Sympathiewerbung für eine »terroristische Vereinigung« oder ihre Ziele handelt.

Bad Kleinen bildete gewissermaßen das Ende einer Entwicklung, die 1977 ihren Höhepunkt hatte. Ist das Kapitel »bewaffneter Kampf« abgeschlossen?
Nicht, solange ehemalige RAF-Angehörige in den Gefängnissen sitzen, solange die Todesumstände der im Hochsicherheitstrakt von Stammheim umgekommenen Gefangenen nicht aufgeklärt sind. Die Bundesrepublik trägt noch spürbar an der Erblast der Terrorismus-Hysterie des »Deutschen Herbstes«. Die damals höchst umstrittenen Sondergesetze sind zum innenpolitischen Standard geronnen, auf den die herrschende Politik der »Inneren Sicherheit« später trefflich aufzubauen wusste – zuletzt nach den Anschlägen vom 11. September mit den hochproblematischen »Anti-Terror-Paketen«. Diese Art von staatlichen »Anti-Terror«-Reaktionen hat Bürgerrechte demontiert und dem Rechtsstaat schweren Schaden zugefügt. Wir leben längst in einem permanenten, ganz alltäglichen Ausnahmezustand.


27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8

Zwei Tote bei der "Weinlese"
Vor zehn Jahren starben das RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella auf dem Bahnhof Bad Kleinen. Innenminister Seiters und Bundesanwalt von Stahl traten zurück, doch der genaue Ablauf der Aktion ist bis heute ungeklärt

von WOLFGANG GAST

Schon das Codewort verrät, dass die Ermittler endlich einmal einen Erfolg verkünden wollten. "Weinlese" nennen sie den Einsatz, der sie nach den Jahren der erfolglosen Fahndung endlich einmal zur Festnahme von Terroristen der "Roten Armee Fraktion" führen soll.

Die Weinlese wird zum Desaster. Am 27. Juni 1993, heute vor zehn Jahren, kommt es auf dem Bahnhof im mecklenburgischen Bad Kleinen zu seinem Höhepunkt. Der Versuch, die RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld festzunehmen, mündet in eine wilde Schießerei. Am Ende sind der Polizeibeamte Michael Newrzella und das RAF-Mitglied Grams tot. Grams Gefährtin Hogefeld wird verhaftet.

Anfangs wird die tödliche Aktion noch als Erfolg der Terrorismusbekämpfer gefeiert. Das ändert sich schlagartig, als mit den Aussagen einer Kioskverkäuferin und eines anonymen Polizeibeamten ein Verdacht aufkommt: Als Grams bereits wehrlos auf den Gleisen lag, sei er von der Polizei aus nächster Nähe gezielt erschossen worden - womöglich aus Rache für den getöteten Kollegen Newrzella.

Die Medien recherchieren immer neue Pannen bei Vorbereitung und Ausführung des Einsatzes. Innenminister Rudolf Seiters tritt wenig später zurück. Und der oberste Terroristenjäger der Republik, Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, muss seinen Hut nehmen. Leitende Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamtes ebenso.

Die Schießerei beschäftigt monatelang den Bundestag, den Bonner Innenausschuss und mehrere Staatsanwaltschaften. Pannen über Pannen zählt schließlich auch ein Schlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen auf. Nur der böse Verdacht, dass Beamte der Grenzschutzsondereinheit GSG 9 das RAF-Mitglied exekutiert haben könnten, wird nach und nach entsorgt. Trotz gegenteiliger Zeugenaussagen, trotz einer Vielzahl an Unstimmigkeiten, trotz widersprüchlicher Expertengutachten.

Der Freispruch für die unter Verdacht stehenden Elitebeamten erfolgt im Umkehrschluss. "Es gibt somit auch aus unserer Sicht keine neuen Erkenntnisse, die zwingend gegen eine Selbstbeibringung des Nahschusses durch Grams sprechen würden": Mecklenburg-Vorpommerns damaliger Justizminister Herbert Helmrich (CDU) ist einer der Ersten, der auf Freispruch plädiert. Helmrich räumt zwar ein, dass es eine "lupenreine" Rekonstruktion der Vorgänge nicht gibt. Aber der erste Schritt, den Verdacht zu beseitigen, ist getan.

Verdachtsentsorgung betreibt auch die Schweriner Staatsanwaltschaft, die das "Todesermittlungsverfahren" führt. Die Todesumstände seien "widerspruchsfrei durch Selbstbeibringung" zu erklären.

Folgt man der Lesart der Staatsanwälte und dem Tenor des regierungsamtlichen Schlussberichts, dann hat sich Grams Tod etwa wie folgt zugetragen: Beim Versuch der Festnahme im Fußgängertunnel des Bahnhofs flüchtet Grams die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Innerhalb von fünf oder sechs Sekunden feuert er an die zehnmal mit seiner Pistole. Er erschießt den GSG-9-Beamten Newrzella, der ihm auf der Treppe in kurzer Distanz folgt. Ein weiterer Polizist wird von Grams angeschossen.

Alles geschieht im Laufen. Grams, der das obere Treppenende erreicht, wird dann durch einen Bauchschuss und vier weitere Treffer schwer verletzt. Er stürzt rücklings auf die Gleise, ohne seine Waffe zu verlieren. Angesichts seiner aussichtslosen Lage fasst er den Entschluss, sich zu erschießen. Grams tötet sich mit einem Schuss in die Schläfe.

Selbst gestandenen Terrorismusfahndern leuchtet ein solcher Ablauf nicht ein. Dass ein von einer Polizeikugel mit voller Wucht Getroffener noch in der Lage sein soll, in Sekundenfrist den eigenen Suizid zu beschließen und durchzuführen, das scheint den Polizeipraktikern ziemlich ausgeschlossen.

Widerspruchsfrei ist die These von der Ermordung Grams allerdings auch nicht. So stellt sich heraus, dass der vom Spiegel präsentierte, anonym gebliebene Beamte zeitgleich an mehreren Orten gewesen sein muss, wenn er die von ihm behaupteten Vorgänge selbst beobachtet haben will. Und die Aussage der Kioskbesitzerin soll ein Fernsehjournalist redigiert haben.

Umso wichtiger wäre es gewesen, die Vorgänge vor Gericht oder von einem Parlamentsausschuss klären zu lassen. Dazu kommt es aber nicht. Grams Eltern scheitern mit ihrem Versuch, eine Untersuchung gerichtlich zu erzwingen. Und die Bundesregierung erklärt den Fall trotz aller offenen Fragen mit Vorlage ihres "Abschlussberichtes" für erledigt.


27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8

pannen & patzer
Der Einsatz der GSG 9

Die versuchte Festnahme der RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld geriet der GSG 9 zur Pleite, nicht nur weil Grams und der Polizist Michael Newrzella erschossen zurückblieben.

- Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen" kein Notarzt
- Aufgrund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei
- Der Polizist Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet, als Grams ihn erschoss
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile
- Ein Beamter, der verletzt wurde, gab seine Waffe den Ermittlern erst nach einer Woche
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt
- Grams Leiche wurde nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Spuren an der linken Hand wurden nicht gesichert - dpa


27.06.2003, Der Tagesspiegel

Schweigen am Gleis
Vor zehn Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Wer wen erschoss, ist bis heute umstritten. In dem Ort will kaum jemand mehr über den Vorfall reden

Von Jan Freitag

Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter.

Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den vermeintlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.

Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall.

Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.

So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.

Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.

Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.

„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.


27.06.2003, Der Tagesspiegel

Schief gelaufen
Der GSG-9-Einsatz war wie die anschließenden Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet.

Die Polizisten trugen keine schusssicheren Westen. Diese wären während der Observation aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung. Im Bahnhofsbereich war „aus Tarnungsgründen“ kein Notarzt.
Auf Grund eines Funklochs hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.
Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet.
Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
Bei der als äußerst gefährlich geltenden Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
Grams Leiche wurde entgegen den Regeln des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm die Fingerabdrücke abgenommen wurden.dpa


27.06.2003, Berliner Zeitung, Seite 3

Totes Gleis
Vor zehn Jahren starben in Bad Kleinen ein mutmaßlicher Terrorist und ein GSG-9-Mann. Erinnerung an einen Tag, an den nicht erinnert wird

Andreas Förster

BAD KLEINEN, im Juni. Angst geht um im Buchenring. In den letzten vier Jahren sind in dem kleinen Neubaugebiet am Rande von Bad Kleinen knapp ein Dutzend Hauskatzen verschwunden. Manfred Stein will das nicht länger hinnehmen. In den letzten Tagen hat er bei den Nachbarn Handzettel verteilt ("Ist unser Wohngebiet katzenfeindlich?") und zur Gründung einer Bürgerinitiative aufgerufen. Jeder, dem eine Katze abhanden gekommen ist, soll eine schriftliche Strafanzeige gegen unbekannt bei der Polizei erstatten, fordert er. "Die Beamten haben natürlich gemault, als die ersten mit einer Anzeige kamen", erzählt Manfred Stein. "Aber sie mussten das entgegennehmen, wir leben ja in einem demokratischen Rechtsstaat."
Zehn Jahre ist es her, dass in dem gleichen Bad Kleinen, das jetzt im Namen des Rechts den Katzenräuber vom Buchenring jagt, der demokratische Rechtsstaat Deutschland in Schwierigkeiten geriet. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1993, einem Sonntag, war eine Polizeiaktion auf dem Bahnhof des Ortes außer Kontrolle geraten. Das Desaster von Bad Kleinen bezahlten der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang Grams mit dem Leben.

Zur Staatskrise geriet der Zugriff, als das ARD-Magazin "Monitor" und der Spiegel wenige Tage nach der Aktion Zeugen präsentierten, die eine Hinrichtung Grams durch einen GSG-9-Beamten beobachtet haben wollten. Schlampige Ermittlungen durch das Bundeskriminalamt, vertuschte Spuren und diverse Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung der Abläufe des Geschehens verstärkten in den folgenden Wochen den Verdacht, dass ein Beamter - möglicherweise aus Rache für den erschossenen Kollegen Newrzella - kurzen Prozess mit dem RAF-Mann Grams gemacht haben könnte.

Ein ungeheuerlicher Verdacht. Er beendete seinerzeit die Karrieren einer Reihe hochrangiger Staatsdiener: Bundesinnenminister Rudolf Seiters musste zurücktreten, sein Polizeikoordinator Wolfgang Schreiber wurde ebenso entlassen wie Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, Beamte des Bundeskriminalamtes aus der Anti-Terror-Abteilung wurden strafversetzt.

Die knapp viertausend Einwohner des am Nordufer des Schweriner Sees liegenden Ortes leben noch immer mit der Geschichte. Dabei wären sie so gern das Stigma des "RAF-Städtchens" los. Von jedem, den man in Bad Kleinen auf die Vorgänge von vor zehn Jahren anspricht, erhält man die gleiche Antwort: Es bringe nichts, immer wieder in der Sache herumzustochern, das habe doch nichts mit Bad Kleinen zu tun, überall hätte das passieren können - und bitte erwähnen Sie nicht meinen Namen. Einer schreit: "Lassen Sie uns endlich in Ruhe!" Und ein anderer schimpft, man solle lieber darüber schreiben, dass hier in Bad Kleinen früher alle Arbeit hatten und heute jeder Fünfte auf der Straße stehe. "Das gehört auch zur deutschen Geschichte", sagt der Mann.

"In der Firma meiner Frau in Lübeck hat jetzt ein Praktikant aus den USA angefangen, ein junger Mann", erzählt Manfred Stein aus dem Buchenring. "Als meine Frau ihm sagte, dass sie in Bad Kleinen lebt, sagte der Amerikaner: Das ist doch die Stadt, wo damals dieser Terrorist erschossen wurde. Unser Bad Kleinen ist eine Fußnote in der Weltgeschichte, aber glauben Sie mir: Stolz ist hier niemand darauf."

Zum Mythos von Bad Kleinen hat vor allem beigetragen, dass die Umstände, unter denen Newrzella und Grams ihr Leben verloren, bis heute nicht aufgeklärt sind. Hat sich der angebliche RAF-Terrorist, nachdem er Newrzella erschossen und von mehreren Kugeln getroffen auf das Gleis 4 gestürzt war, selbst mit einem Kopfschuss gerichtet? So lauten die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen von Ermittlungsbehörden, Bundesregierung und Staatsanwaltschaft.

Oder wurde Grams mit einem aufgesetzten Kopfschuss durch einen GSG-9-Beamten getötet, nachdem er bereits wehrlos am Boden lag? So will es ein am Einsatz beteiligter Grenzschutzbeamter beobachtet haben, der sich damals dem Spiegel anvertraute, aber seine Aussage vor Ermittlern nicht wiederholte. Und so will es auch die Verkäuferin Joanna Baron gesehen haben, die im Bahnhofskiosk am Gleis 4 stand und sich vor lauter Angst in einen Schrank verkrochen hatte. Frau Baron wiederholte ein paar Mal ihre Aussage, verwickelte sich dann aber in Widersprüche und verstummte schließlich, als einige Medien damit begannen, sie als Trinkerin und Wichtigtuerin darzustellen. Heute lebt sie zurückgezogen in Wismar, verjagt alle Journalisten und will von Bad Kleinen nichts mehr hören.

Letztmals befasste sich die Justiz im Jahre 1998 mit den Todesumständen von Wolfgang Grams. Vor dem Bonner Landgericht hatten dessen Eltern die Bundesregierung auf Erstattung der Beerdigungskosten für ihren Sohn verklagt. Die Bonner Richter lehnten die Klage ab, stellten aber gleichwohl fest, dass es weder für eine Fremdtötung noch für einen Selbstmord Grams überzeugende Beweise gebe.

Tatsächlich wird man wohl auch keine überzeugenden Beweise mehr für eine der beiden Tatversionen finden. Zu gründlich sind unmittelbar nach der Schießerei auf dem Bahnhof alle Spuren verwischt worden, was für sich genommen schon verdächtig ist.

Da durften die GSG-9-Beamten ihre Waffen reinigen, bevor sie von den Ermittlern beschlagnahmt wurden, da sind Grams Hände gewaschen worden, noch ehe ein Gerichtsmediziner sie auf Schmauch- und Pulverspuren untersuchen konnte, da kamen Ton- und Filmdokumente von dem Einsatz abhanden. Unklar ist bis heute, wer der Mann war, der die Schießerei vom nahen Bahnübergang aus fotografierte. Unbeantwortet ist auch die Frage, warum sich auf der Treppe, auf der Michael Newrzella von Grams niedergeschossen worden sein soll, kein Blut fand. Und warum schlugen die Fahnder erst an jenem 27. Juni zu, obwohl sie an den Tagen zuvor bereits zwei Treffen von RAF-Terroristen in Bad Kleinen überwacht hatten ohne einzugreifen?

Auf die Fragen gibt es bis heute keine Antwort. Inzwischen hat sich die Sprachregelung vom "missglückten Polizeieinsatz" durchgesetzt. Damals wie heute mangelt es an politischem Willen, die wahren Hintergründe des Desasters restlos aufzuklären. Auch in Bad Kleinen gibt es niemanden, der sich noch dafür interessiert. Vor fünf Jahren flammte kurz nur eine Diskussion darüber auf, ob man zur Erinnerung an die getöteten Michael Newrzella und Wolfgang Grams eine kleine Gedenktafel am Bahnhof von Bad Kleinen anbringen sollte. Heute aber käme wohl niemand mehr auf die Idee, ein solches Ansinnen vorzustellen. "Lieber sollte man eine Gedenktafel für unseren Bahnhof anbringen", sagt ein Bahnmitarbeiter. "Um den kann man wirklich trauern."

Ende des 19. Jahrhunderts war der Bahnhof von Bad Kleinen zu einem Verkehrsknotenpunkt ausgebaut worden. Seitdem kreuzen sich hier die Eisenbahnlinien von Schwerin nach Wismar und von Rostock nach Hamburg. Zu DDR-Zeiten entstand in Bad Kleinen zusätzlich ein riesiger Rangierbahnhof. Bis zu zweitausend Güterwagen wurden hier täglich auf ihrem Weg von und nach den Ostseehäfen in Rostock und Wismar zu Zügen zusammengekoppelt.

Heute gibt es keinen Rangierbahnhof mehr, die Gleise sind von Gras überwuchert. Der Bahnhof, der mehr als hundert Jahre lang das Leben der Menschen von Bad Kleinen prägte, ist für die Bahn bedeutungslos geworden. Verlassen steht das alte Bahnhofsgebäude da, an den geweißten Wände blättert Farbe ab. Wer das Haus betritt, läuft durch einen langen leeren Gang, vorbei an mit Holz vernagelten Fenstern und Schaukästen. Am Ende des Flurs versperrt eine weiße Tür den Durchgang zur ehemaligen Schalterhalle. Hinter den vernagelten Fenstern befand sich früher das Billard-Café, in dem Wolfgang Grams am 27. Juni 1993, eine Stunde vor seinem Tod, Würzfleisch und Wiener Würstchen aß.

Mit ihm am Tisch saßen damals seine Freundin Birgit Hogefeld, die unverletzt festgenommen werden konnte und heute eine lebenslängliche Haftstrafe absitzt, und Klaus Steinmetz, ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der die Fahnder auf die Spur der beiden mutmaßlichen RAF-Terroristen gebracht hatte und heute unter neuer Identität irgendwo lebt.

Es war das fünfte Mal, dass sich das Trio heimlich traf. Hogefeld und Grams waren schon vor Jahren in den Untergrund gegangen und hielten über Freunde und Unterstützer den Kontakt zur Außenwelt. Irgendwie war es Steinmetz gelungen, in dieses konspirative Netz einzudringen. Noch heute wird dies als Glücksfall für die Terroristenjäger von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt dargestellt, denen es angeblich nie zuvor gelungen war, einen Spitzel an die Kommandoebene der RAF heranzuführen.

Was Steinmetz aber von Hogefeld und Grams erfuhr, was er seinen Verbindungsführern beim Geheimdienst über die Strukturen der Terrorgruppe und ihr Helfernetz berichtete, ob er überhaupt der Superspitzel war, zu dem er nach Bad Kleinen von den Medien erklärt wurde - all das ist bis heute nicht geklärt, weil die Berichte des V-Manns nach wie vor strengster Geheimhaltung unterliegen. Die Rote Armee Fraktion, die es nicht mehr gibt, ist auch heute noch ein Staatsfeind und eine Staatsaffäre.

An diesem Freitag wird wie an jedem Freitag gegen 15.15 Uhr im Bahnhof von Bad Kleinen ein Zug auf Gleis 4 einfahren und auf die Weiterfahrt nach Rostock warten.

Die Kioskverkäuferin steht dann vielleicht gerade am Fenster und schaut zu den Treppen, die zur Unterführung hinabführen und auf denen zehn Jahre zuvor um die gleiche Zeit Michael Newrzella verblutete. Möglicherweise dreht sie dann leicht den Kopf und blickt auf die Stelle von Gleis 4, wo Wolfgang Grams starb.

Nach ein paar Minuten wird der Zug nach Rostock den Bahnhof wieder verlassen. Viel mehr wird nicht geschehen an diesem Tag, zu dieser Stunde in Bad Kleinen. Zehn Jahre danach.


27.06.2003, Schweriner Volkszeitung

Totes Gleis an Bahnsteig 4
Vor zehn Jahren starben Michael Newrzella und Wolfgang Grams in Bad Kleinen

Bad Kleinen 27. Juni 1993: Bürgermeister Hans Kreher geht mit seiner Tochter am Schweriner See spazieren, als im nahen Bad Kleinen das Chaos ausbricht: Anti-Terror-Einheiten stürmen in den Bahnhof, Schüsse fallen. Bei der Aktion gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) sterben der Polizist Michael Newrzella, der Terrorist Wolfgang Grams - und der Mythos GSG 9. In Deutschland droht eine Staatskrise.

Von Matthias Hufmann

Kreher eilt vom See zurück. Vom Plan der Fahnder, ausgerechnet in seinem Ort loszuschlagen, weiß er nichts. Er erinnert sich nur an den seltsamen Hinweis, die Gemeinde solle die Papierkörbe am Bahnhof nicht leeren - dienen sie als geheime Briefkästen? "Ich musste wissen, was los ist." Weit kommt Kreher jedoch nicht. Das Einsatzgebiet ist abgesperrt. Seine Fragen bleiben unbeantwortet. Erst später geben die Beteiligten der Staatsanwaltschaft widerwillig Auskunft. So kommt Stück für Stück heraus, was in Bad Kleinen geschah - eine beispiellose Serie von Pannen und Verschleierungsversuchen.

Aus Wismar angereist - von Spitzel begleitet
Heute vor genau zehn Jahren treffen die Terroristin Birgit Hogefeld und Klaus Steinmetz um 12.58 Uhr mit dem Zug aus Wismar ein. Seit Tagen schon werden sie observiert. Der Verfassungsschutz ist Hogefeld dabei näher als sie ahnen kann: Ihr Begleiter ist V-Mann. Die RAF-Frau und der Spitzel gehen ins "Billard-Café", der Bahnhofsgaststätte von Bad Kleinen. Gegen 14 Uhr holt Hogefeld einen Mann vom Bahnsteig ab - Wolfgang Grams. Seit ihrem Abtauchen in die Illegalität 1984 werden die beiden der Kommandoebene der Roten Armee Fraktion zugerechnet.

Zwei Zugriffstrupps sind in Bereitschaft
Hogefeld, Grams und Steinmetz bleiben bis 15.15 Uhr in der Kneipe, gehen dann Richtung Tunnel. Zwei Zugriffstrupps der GSG 9 mit 16 Beamten warten an den Bahnsteigen und am Treppenaufgang zum Vorplatz auf ihren Einsatzbefehl. Trotz der Planungen kommt dieser völlig unerwartet. Ein zivil gekleideter Beamter läuft die Unterführung hinunter und trifft auf Grams und Steinmetz. Möglicherweise habe er einen Funkspruch missverstanden, heißt es im Abschlussbericht der Schweriner Staatsanwaltschaft. Was tun? Die GSG 9 löst den Zugriff aus.
Der Beamte im Tunnel nimmt die jetzt neben ihm stehende Hogefeld fest, auch V-Mann Steinmetz leistet keinen Widerstand. Grams aber flüchtet die Treppe hinauf Richtung Bahnsteig 4. Die Anti-Terror-Gruppe folgt. Als sich der Abstand verringert, dreht sich Grams um und schießt. Michael Newrzella sinkt zu Boden, er ist tot. Drei weitere GSG 9-Männer werden getroffen. Die Verfolger erwidern das Feuer, schießen vermutlich ohne zu zielen auf den Bahnsteig. Eine Lok im Hintergrund wird getroffen, ein Geschosssplitter steckt im Oberarm von Schaffnerin Sigrid Helberg.
Wolfgang Grams stürzt mit Bauch-, Streif- und Beinschüssen ins Gleisbett. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hält er sich seine Waffe an den Kopf und drückt ab. Um 15.36 Uhr landet der Rettungshubschrauber in Bad Kleinen, um 17.30 Uhr stirbt Grams in der Uni-Klinik Lübeck.
Zur selben Zeit kursieren bereits die ersten Gerüchte. Wurde der Terrorist womöglich durch die beiden nachrückenden Beamten erschossen? Aus Rache für den Tod von Newrzella? "Der Spiegel" zitiert später einen namentlich nicht genannten Polizisten, der genau das vor Ort gesehen haben will. Auch die Kioskverkäuferin Joanna Baron vertritt die These - und beeidet ihre Aussage.

17 "Schwachstellen" im Untersuchungsbericht
Aus dem Verdacht wird eine öffentliche Anklage, die droht, sich zu einer Staatskrise auszuweiten. Die Republik habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere Chef des Bundeskriminalamtes, Hans-Ludwig Zachert. Einsatzkräfte und Ermittler allerdings haben kräftig dazu beigetragen.
17 "Schwachstellen" listet ein Bericht für den Bundestag auf. Die gravierendsten Mängel: Die GSG 9-Leute trugen keine schusssicheren Westen. Herkömmliche wären aufgefallen, dünne Westen standen nicht zur Verfügung. Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene Waffe - ein Indiz dafür, dass die Einsatzkräfte gar nicht wussten, hinter wem sie eigentlich her waren. Ein Funkloch im Bahnhofstunnel verhinderte genaue Absprachen. Birgit Hogefelds Waffe wurde erst im Polizeiwagen entdeckt.
Pannen über Pannen: Seit Bad Kleinen ist der Mythos GSG 9 zerstört, die "Helden von Mogadischu" machten peinliche Fehler. Für die Eliteeinheit war der Einsatz eine einzige Katastrophe - Fortsetzung folgte.
Von Wolfgang Grams Händen wurde Blut weggewaschen, noch ehe ein Gerichtsmediziner sie untersuchen konnte. Beamte reinigten vor der Schussprüfung ihre Waffen, Filmdokumente verschwanden, Spuren wurden nur schlampig gesichert. Als sich der Leitende Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz selbst ein Bild vor Ort machen wollte, fand er noch Tage nach der Aktion Sägemehl im Gleisbett, das Blut und ein Projektil bedeckte. "Blamabel", so sein Kommentar.
Schwarz hatte ohnehin mit widrigen Bedingungen zu kämpfen. Zwischen den Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende Koordinierungsdefizite", heißt es im Bericht für den Bundestag. Die Öffentlichkeit wurde zum Teil falsch informiert, Strafverfolger erfuhren von neuen Erkenntnissen aus der Zeitung, Wesentliches wurde verschwiegen. "Vom dritten Festgenommenen habe ich erst erfahren, als ich ihn auf einem Videoband sah", sagt Schwarz.

Vermummte Zeugen zur Aussage eingeflogen
Kein Wunder, dass die Mordtheorien nicht verstummten. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde entlassen, Innenminister Rudolf Seiters (CDU) trat zurück, um "ein Signal zu setzen, dass nichts vertuscht wird".
In Schwerin wurde der Rückzug anders verstanden. "Da kocht noch was", dachte Gerrit Schwarz und ermittelte weiter. Dutzende Zeugen wurden vernommen, die GSG 9-Beamten wurden vermummt eingeflogen. Selbst mit dem Spitzel Steinmetz konnten Schwarz und seine Kollegen reden - unter konspirativen Bedingungen in einem Hotel im Rheinland.
Beweise für einen Mord fand die Staatsanwaltschaft allerdings nicht. Am 13. Januar 1994 wurde das Verfahren gegen die beiden GSG-Leute, die zuerst bei Grams waren, eingestellt. Der "Spiegel"-Informant gab sich nicht zu erkennen, die Angaben der Kioskverkäuferin waren widersprüchlich. Heute will sie über die Ereignisse von 1993 nicht mehr sprechen. Sie lebt zurückgezogen an der Küste.

Akte im vergangenen Jahr endgültig geschlossen
Also keine Verschwörung? "Dann hätten sich die Einsatzkräfte geschickter angestellt", vermutet Schwarz. Sein Ermittlungsergebnis wird vor allem von einem Gutachten der Züricher Polizei gestützt, wonach sich Grams selbst erschossen hat. Das Spurenbild an der Waffe lasse keinen anderen Schluss zu.
Am 2. Januar 2002 wurde die Akte "Bad Kleinen" endgültig geschlossen. Die Eltern von Grams hatten zuvor jahrelang erfolglos prozessiert und gingen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
In Bad Kleinen spielt der 27. Juni 1993 längst keine große Rolle mehr. Birgit Hogefeld sitzt in Haft, Klaus Steinmetz lebt mit neuer Identität vermutlich irgendwo in Deutschland. Zur Ruhe gekommen ist Gerrit Schwarz trotzdem nicht: Die Ermittlungsakte steht noch immer in seinem Büro. "Mehr als 95 Prozent des Zugriffs können wir rekonstruieren." Ganz zufrieden ist er damit aber nicht: 100 Prozent werden es wohl nie sein.


27.06.2003, Ostsee-Zeitung

Die Schüsse von Bad Kleinen interessieren nur noch Fremde
Vor zehn Jahren katapultierte eine Schießerei auf dem Bahnhof den Ort Bad Kleinen in die Medien. Heute interessiert der Tod des Terroristen Wolfgang Grams und des GSG-9-Beamten Michael Newrzella kaum noch jemanden.

Bad Kleinen (OZ) Christian Poppe (60) hatte am 27. Juni 1993 einen Logenplatz, als er vom benachbarten Bahnhof „erst die Knallerei hörte“ und dann die Polizeihelikopter kreisen sah. Auf seiner Terrasse am Schweriner See wurde Poppe Zeuge eines Polizeieinsatzes, der Bad Kleinen jäh aus seiner schläfrigen Idylle riss. Auf dem Bahnhof starben Wolfgang Grams, Mitglied der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), und der GSG-9-Mann Michael Newrzella.
Wer wen erschoss, bleibt wohl ewig ungeklärt. Klar ist dagegen, dass 54 Beamte zwei mutmaßlichen Terroristen auflauerten und nur Birgit Hogefeld lebend erwischten. Zwei Tote, 44 Schüsse, mehrere Verletzte, zahllose Ermittlungspannen und noch mehr offene Fragen – das ist die Bilanz, die Bad Kleinen seitdem immer in den Blickpunkt rückt.
Zum Leidwesen der Einwohner. Die nämlich blieben im Gegensatz zu Medien und Politik recht gelassen, ist heute oft in Bad Kleinen zu hören. „Ich musste keine Beruhigungsmittel verteilen“, sagt Apotheker Poppe sarkastisch. Der Grund liegt aus Sicht des damaligen Bürgermeisters Hans Kreher auf der Hand: Arbeitslosigkeit, die Umbrüche – „das hat die Leute mehr bewegt“. Der Wirbel um eine katastrophale Festnahmeaktion „war ja eher eine Wessiangelegenheit“.
Augenscheinlich erinnert nichts mehr an die Aktion vor zehn Jahren. „Fast nichts“, sagt Krehers Amtsnachfolger Siegfried Friese. Er zeigt auf einen verbogenen Gitterstab auf Bahnsteig 3/4. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Das einzige Denkmal. Mehr wollte niemand im Ort, betont Friese. Die Einwohner sind der Reduzierung ihrer Heimat auf zehn Sekunden überdrüssig.
Doch immer noch erzeugt Bad Kleinen ein Klingeln im kollektiven Gedächtnis. Bad Kleinen? Da war doch was! Und niemand hört das so oft wie Urda Klein. Sechs Tage die Woche steht die 55-Jährige im Bahnsteigkiosk, direkt am Tatort. „Im Dorf“, erzählt sie, „interessiert das keinen“. Reisende, die hier umsteigen, schon. Fürs Geschäft sei das nicht mal schlecht, findet Urda Klein. Eine Bockwurst bitte, berlinert und schwäbelt es oft, erzählt sie. Dann wird gefragt: Sagen Sie, war hier nicht . . .? „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“
Joanna Baron, die 1993 in dem langen Schlauch arbeitete, will nicht mehr reden: „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Ihre Stimme zittert. Von ihrem Kiosk aus, gab sie einst zu Protokoll, konnte sie sehen und hören, wie Grams von zwei Polizisten hingerichtet wurde. Staat und Justiz glaubten ihr nicht. Dass niemand Grams' Selbstmord beobachtet hat, Beweismittel verschwanden, Spuren beseitigt wurden und Köpfe rollten – all das scheint heute vergessen.
Ex-Bürgermeister Kreher fürchtete lange, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Aber spätestens, als nach dem letzten Prozess 1998 wegen „Beweislosigkeit“ die Akten endgültig zuklappten, „ist alles ruhig bei uns“.

Zum Foto: Hans Kreher (l.), vor zehn Jahren Bürgermeister von Bad Kleinen, steht mit dem heutigen Bürgermeister Siegfried Friese auf dem Bahnhof.

Text und Foto: JAN FREITAG


27.06.2003, Stuttgarter Nachrichten

Bad Kleinen
Jahrestag der Todesschüsse

Bad Kleinen - Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams, starben.
Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde. Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete. Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Bei dem von den Eltern Grams angestrengten juristischen Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres Sohnes, bis hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde an den europäischen Gerichtshof in Straßburg, schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.

Lutz Jordan, AP


27.06.2003, Weser-Kurier

Pannen in der Provinz kosteten Minister das Amt
Vor zehn Jahren starben beim Anti-Terror-Einsatz der GSG 9 in Bad Kleinen zwei Menschen

Schwerin. Die Worte passten nicht so recht zueinander: RAF, GSG 9 – Bad Kleinen. Waren die Rote Armee Fraktion und die „Grenzschutzgruppe 9“ seit dem blutigen „Deutschen Herbst“ 1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams.
Wie sich später herausstellte, waren den Fahndern in Bad Kleinen unglaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter aber kaum beachtet.
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte. In auswegloser Situation – so die spätere Darstellung – feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des „antifaschistischen Widerstandskampfes“ blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu „Kampfmaschinen“ ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der „Helden von Mogadischu“ beschädigt. Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) – völlig unerwartet – seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren, die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) entlassen.
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder im Jahr 1991 konnte per Gen-Analyse der Täter ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang Grams.
Chris Melzer (dpa)


27.06.2003, Frankfurter Rundschau Hochtaunus

HINDENBURGRING
Straßenschilder aus Protest geschwärzt

BAD HOMBURG. "Unbekannte" haben sämtliche Straßenschilder auf dem Hindenburgring in Bad Homburg geschwärzt. Darauf wies die antifaschistische Gruppe Bad Homburg (Antifa) gestern hin; sie wertet die Tat als einen "Akt der Zivilcourage". Es sei unerträglich, dass in Bad Homburg eine Straße nach dem "militaristischen Nationalisten" und "Steigbügelhalter des Nazi-Regimes" Hindenburg benannt sei.
Die Antifa-Gruppe schlägt vor, den Hindenburgring in Wolfgang-Grams-Ring umzubenennen Sie will so an den RAF-Aktivisten Wolfgang Grams erinnern, der vor zehn Jahren bei einem Polizeieinsatz in Bad Kleinen unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist. Dabei starb auch ein Polizeibeamter.


27.06.2003, ZDF heute-online

Der unerkannte Terrorist
Vor zehn Jahren GSG 9-Einsatz in Bad Kleinen

Waren die Rote Armee Fraktion und die "Grenzschutzgruppe 9" seit dem blutigen "Deutschen Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das Städtchen am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993: Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen: der Polizist Michael Newrzella und der Topterrorist Wolfgang Grams. Er wurde zu spät erkannt.

Wie sich später herausstellen sollte, war den Fahndern in Bad Kleinen eine unglaubliche Panne unterlaufen. Gesucht hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld. Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch kaum beachtet.

Tödlich getroffen auf den Gleisen
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang Grams einen weiteren Terroristen vor sich hatten. Da lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet hatte.
In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung - feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich selbst eine Kugel in den Kopf. Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit Hogefeld, wurde festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt

Zweifel an der Ereignisdarstellung
Die, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung über den Tod Grams, rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern des "antifaschistischen Widerstandskampfes" blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen" ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", ihm habe sich ein Beamter der GSG 9 offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.

Prozess gegen Staat und Justiz

Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler hinzu, quasi als unabhängige Instanz. Die Züricher Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten, ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmordtheorie heute kaum noch Zweifel bestünden, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt.

Der Skandal: Die Pannen-Serie
Der eigentliche Skandal war aber wohl nicht Grams Tod, sondern eher die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem die Spurensicherung das Gelände "abgegrast" hattte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht. So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem 27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.

Seiters tritt zurück
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten Folgen: Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen Hut. Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden gegeben habe.Er übernehme die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins Amt.

"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu."
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger

Stahl aus dem Amt
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik entlassen.
Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langen Diskussionen einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.

Konsequenzen im Bundeskriminalamt
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hat sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass er gelogen habe.
Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt. Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.

Mit Material von dpa, AP


27.06.2003, ZDF heute-online

Keine Gedenksymbole auf dem Bahnhof
Vor zehn Jahren starben bei der Anti-Terroraktion der Polizist Michael Newrzella und RAF-Mitglied Wolfgang Grams

Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die Anti-Terroraktion vor zehn Jahren. Am 27. Juni 1993 starben hier der Polizist Michael Newrzella und das Mitglied der Roten-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams.

Obgleich jahrelange juristische und politische Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt. Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert.

Aus Angst vor Anschlägen
Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns. Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz gepflegt.

Blumen zum Jahrestag
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh, dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete. Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.

Wachsamkeit beim Staatsschutz

Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April 1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte Wachsamkeit beim Staatsschutz.


Donnerstag, 26. Juni 2003, n-tv

10 Jahre danach
Das Desaster von Bad Kleinen

Bad Kleinen - seit dem 27. Juni 1993 steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges. Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom "ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren" - und das, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel starben.

Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Zugriff als polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen entwickelte sich die Angelegenheit zudem zu einer politischen Affäre. Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und das Innenministerium in Bonn lieferten entweder gar keine Informationen, Fehlinformationen oder widersprüchliche Informationen. Steckte hinter dem "absoluten Nahschuss" in den Kopf, an dem Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall oder gar eine gezielte Hinrichtung?

Seiters trat zurück

Tage- und wochenlang war Politikern und der Medienöffentlichkeit nicht klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen hatte. Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen, da waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.

Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln", die es bei den Bundesbehörden gegeben habe. Er übernehme die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem Amte festhält".

Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins Amt.

Von Stahl wurde rausgeschmissen

Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik geschasst.

Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre einigten sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.

Zweifel bis heute

Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hatte sich das Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt.

Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.

Torsten Holtz, AP


25.06.2003, jungle world Nr. 27

Der Innenminister musste zurücktreten, der Generalbundesanwalt wurde versetzt. Warum eigentlich? Wolfgang Grams soll sich doch selbst erschossen haben. So zumindest lautet die offizielle Version der Ereignisse vor zehn Jahren auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Eine Wiederbegegnung mit dem Ort, der nichts zu bieten hat außer der Erinnerung an ein totes RAF-Mitglied.

Hier werden Terroristen erschossen
Vor zehn Jahren starb Wolfgang Grams, Birgit Hogefeld wurde festgenommen. In Bad Kleinen können sich alle genau an den Tag erinnern. Von Selbstmord spricht keiner. von martin kröger, bad kleinen

Auf dem Bahnhof von Bad Kleinen findet sich kein Hinweis mehr darauf, was hier vor zehn Jahren geschah.

Am 27. Juni 1993 war Wolfgang Grams, ein Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), bei einem Polizeieinsatz von mehreren Kugeln so schwer verletzt worden, dass er wenig später im Universitätsklinikum in Lübeck starb. Die Hauptursache für den Tod war nach offizieller Darstellung ein aufgesetzter Kopfschuss, den sich Wolfgang Grams, schon durch mehrere Schüsse schwer verletzt im Schotterbett des Gleises 4 liegend, selbst beigebracht haben soll. Ein zweites Mitglied der RAF, Birgit Hogefeld, war Augenblicke zuvor in der Unterführung, die die Bahnsteige verbindet und zum Ausgang führt, festgenommen worden.

Heute ist die Unterführung, die ursprünglich mal ein ziviler Luftschutzbunker war, frisch gestrichen, Graffiti sind mit grauer Farbe übertüncht. Eine Gedenktafel, die FreundInnen von Wolfgang Grams nach einer Demonstration 1993 angebracht hatten, wurde noch in derselben Nacht wieder entfernt. Nur ein Hinweisschild der Deutschen Bahn, das Versammlungen im Bahnhof verbietet, fällt auf.

Am Bahnsteig 3/4

"Nein, ich bin die Dame nicht." Die Verkäuferin im Kiosk auf dem Bahnsteig 3/4 reagiert sichtlich genervt auf die Frage, ob sie hier schon vor einem Jahrzehnt gearbeitet habe. Nachdem sie sich in die hinterste Ecke ihrer Imbissbude zurückgezogen hat, bringt sie immerhin hervor, dass sie es nicht mehr ertragen kann, ständig mit der damaligen Angestellten verwechselt zu werden. Die ganze Aufregung kann sie sowieso nicht verstehen: "Aus diesem läppischen Vorfall wird so ein Drama gemacht." Ab und zu kämen noch Journalisten vorbei, in letzter Zeit aber zusehends weniger, und außer ein paar Reisenden, die sich gelegentlich für den Tod von Wolfgang Grams interessierten, hätten doch die meisten vergessen, was hier passiert sei.

Der Bekanntheitsgrad ihrer Vorgängerin Joanna Baron hatte sich nach dem 27. Juni 1993 schlagartig erhöht. In ihrer Bude sitzend, wurde sie unfreiwillig Zeugin der Operation Weinlese, wie die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) ihren Einsatz nannte. Nicht einmal 15 Meter von dem Verkaufsstand entfernt endet der Aufgang aus der Unterführung zum Bahnsteig 3/4. Genau diesen Weg schlug Wolfgang Grams ein, als er bemerkte, dass sich vermummte Einsätzkräfte auf ihn stürzen wollten. Diesen Fluchtweg sollte Wolfgang Grams einschlagen, vermuten andere, da alle anderen Ausgänge aus der Unterführung ins Freie versperrt waren.

Was nach der darauf folgenden Schießerei geschah, beschrieb Joanna Baron, die Bad Kleinen bald verließ, weil sie bedroht und geschmäht wurde, so: "Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und schoss aus nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei sah der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoss, aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf des Grams entfernt. Dann schoss auch der zweite Beamte auf Grams, aber mehr auf den Bauch oder die Beine. Auch der Beamte schoss mehrmals." Ihre Aussage sorgte damals für Furore. Hatte "die wichtigste Zeugin der Nation", wie der Spiegel sie nannte, beobachten können, dass der Staat seine Gegner gezielt ermordete?

Im Wesentlichen gestützt wurde ihre Aussage damals von einem anonymen Zeugen des Bundeskriminalamts (BKA), der an dem Einsatz in Bad Kleinen beteiligt war. Dieser sagte dem Spiegel: "Ein Kollege von der GSG 9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern auf Grams gefeuert." Der Zeuge, der sich nie den Staatsanwälten offenbarte, resümierte: "Die Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution."

Der schlimmste Fall für die Regierung war eingetreten: "Polizeidebakel ohnegleichen", "Das Fiasko von Bad Kleinen", "Der Höhepunkt unter den nachkriegsdeutschen Polizeipannen" - die bürgerlichen Medien übertrafen sich. Im "größten innenpolitischen Skandal seit Bestehen der Bundesrepublik" war für ein paar Wochen die Glaubwürdigkeit der Regierung unter Helmut Kohl in Frage gestellt.

Um die Reputation Deutschlands wiederherzustellen, mußten Rücktritte her. Der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) übernahm die politische Verantwortung für Bad Kleinen und trat zurück, der Generalbundesanwalt bei der Bundesanwaltschaft (BAW), Alexander von Stahl, wurde in den Ruhestand versetzt, weitere Beamte des BKA und des Bundesinnenministeriums wurden entlassen oder in Rente geschickt.

Der V-Mann

Nachdem die ErmittlerInnen der Bundesanwaltschaft und des BKA in Bezug auf die RAF jahrelang im Dunkeln getappt waren, hatten die Informationen eines V-Mannes des Verfassungsschutzes, Klaus Steinmetz, zum Einsatz in Bad Kleinen geführt. Steinmetz war es als langjährigem Aktivisten in der autonomen Szene des Rhein-Main-Gebietes gelungen, Kontakt zur RAF und zu Birgit Hogefeld aufzunehmen.
Bereits einige Tage vor dem Sonntag, den Wolfgang Grams nicht überleben sollte, hatten sich Steinmetz und Hogefeld in Bad Kleinen getroffen. Sie verbrachten die Zeit bis zum 27. Juni im benachbarten Wismar. Bereits da überlegten BAW und BKA zuzuschlagen. Doch wurde der Zugriff durch die per Wanze abgehörte Ankündigung Hogefelds, es kämen noch weitere Freunde hinzu, verzögert. Ein größerer Schlag schien möglich.

Nachdem Wolfgang Grams in Bad Kleinen eingetroffen war, gingen die drei zunächst in der Bahnhofsgaststätte "Billardcafé" essen. Hier verzichteten die Einsatzkräfte auf einen Zugriff, vorgeblich weil ZivilistInnen hätten gefährdet werden können. Zur besagten Zeit waren allerdings nur zwei weitere zivile Personen, aber schon mehrere verdeckte ErmittlerInnen in der Gaststätte.

Erst in der Unterführung griff die GSG 9 an. Hogefeld und Steinmetz, die hinter Grams gingen, wurden festgenommen. Grams konnte in Richtung des Bahnsteigs fliehen. Im Verlauf des Schusswechsels zwischen Grams und den nachsetzenden Männern der GSG 9 starb der Beamte Michael Newrzella durch mehrere Schüsse, ein Kollege von ihm wurde ebenfalls verletzt.

Der Einsatzleiter des BKA, Rainer Hofmeyer, der jedes Wort zwischen Grams und Hogefeld belauschte und den Einsatz von Wiesbaden aus koordinierte, sagte damals: "Wir haben von der GSG 9 her keine Darstellung, keinen Verlaufsbericht. Da laufen ja auch die üblichen Todesermittlungsverfahren. Hier gab es dann einen Schusswechsel. Ich weiß nicht, wie nahe man dran war oder wie weit weg. Dabei lag letztlich Herr Grams tot auf den Gleisen. Das ist die Situation."

Außer der Zeugin Baron und dem anonymen BKA-Beamten will niemand etwas gesehen haben. Den angeblichen Selbstmord bezeugte bis heute niemand, die Bundesregierung verhängte eine Nachrichtensperre. Black Box BRD: das totale Schweigen.

Neun Monate später bestätigte der Abschlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen die Selbsttötungsversion - aus Mangel an gegenteiligen Beweisen. Der Kommentar des neuen Innenministers Manfred Kanther (CDU) lautete lapidar: "Die letzte Version ist immer die gültige."

Schon vorher waren die Ermittlungsverfahren gegen die beteiligten GSG 9-Beamten aufgrund der Mordvorwürfe eingestellt worden. Die in die Kritik geratenen Dienste und Sondereinheiten wurden rehabilitiert, ihre Kompetenzen und Einsatzbereiche teilweise sogar erweitert. Stimmen, die forderten, die GSG 9 aufzulösen, wie sie kurz nach dem Fall laut wurden, verstummten.

Die Pannen

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Bad Kleinen hat sich eine Gruppe von RentnerInnen aus Schwerin nach einer Radtour um den Schweriner See unter einem großen Baum niedergelassen. "Stimmt, hier ist doch der - wie hieß er noch? - ach ja, Grams ermordet worden." Es entwickelt sich eine angeregte Diskussion unter den RadtouristInnen über die damalige Informationspolitik der Bundesregierung. Da seien doch Beweise systematisch vernichtet worden.

In der Sprache der Bundesregierung handelte es sich dabei jedoch um Pannen während der Ermittlungsarbeiten. Doch hinter diesen vermeintlichen Pannen der BeamtInnen der GSG 9 und des BKA steckte System. So reinigten beispielsweise Kräfte des BKA die Leich