Materialien / Archiv
Medienberichte (Auswahl aus der bürgerlichen Presse)
27.06.03, Neues Deutschland
Vorsicht am Gleis 4
Die Schüsse von Bad
Kleinen. Oder wie zehn Jahre nicht die Welt verändern
Von René Heilig
Vor
zehn Jahren war Bad Kleinen, ein Nest am nördlichen
Rand von Schwerin, Eilmeldungen wert: RAF-Terroristen
geschnappt
Es war der 27. Juni nachmittags. Ein Sonntag. Am Tisch
in der Bahnhofskneipe Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams.
Beide gehören zur Rote Armee Fraktion. Sie sind die
Letzten der Letzten. Die Terrortruppe, ursprünglich
angetreten für eine gerechte Welt, ist am Ende. Der
Verrat saß schon am Tisch. Klaus Steinmetz, ein
V-Mann. Die Jäger von BKA und Grenzschutzgruppe 9
lauerten. Minuten später ist Hogefeld gefangen, Grams
getötet. Erschossen wird auch ein Grenzschutz-Beamter.
Aber wer will das heute schon noch wissen?
»Nur ab und zu fragt noch ein Reisender«,
sagt der freundliche Bahnbeamte. Er streckt seinen Kopf
aus einer Tür, über der groß Service angeschrieben
ist. Manchmal komme noch jemand, der wissen will, wo die
Stelle ist, an der der tote Grams lag. »Nach dem
toten Polizisten fragt niemand.« Das finde er schon
etwas erbärmlich. Obwohl damals vor zehn Jahren noch
nicht auf dem Bahnhof angestellt, kennt er dessen Namen:
Michael Newrzella. Vielleicht, weil jedes Jahr eine Frau
Blumen an der Stelle niederlegt, an der er gestorben ist.
»Es ist seine Mutter.« Der Bahnbeamte zuckt
mit den Schultern, schaut vielleicht eine Spur zu servicemäßig
betroffen, entschuldigt sich, er müsse die nächste
Durchsage machen. »Vorsicht am Gleis 4
«
Der Intercity nach Berlin fährt ein und derweil der
Zug auf Anschluss warten muss, erzählt eine junge
Kollegin, warum das Ereignis von damals heute so unbedeutend
ist. »Terror gibt's doch jetzt mehr als genug. Heute
bringt man Menschen mit Flugzeugen um 3000 von
einer Minute zur anderen.« Die RAF dagegen
die junge Frau schaut aus, als hätte sie das Wort
»Kinderkram« nur mühsam für sich
behalten.
Es sind nur ein paar Schritte bis zur Unterführung.
Irgendwo dort sollte der Zugriff erfolgen. Doch alles
ging schief. Grams konnte flüchten, der Schusswechsel
dauerte nur Sekunden. Dann lag er hingestreckt von Schüssen
auf dem Gleis 4. Zeugen berichteten viel Widersprüchliches.
Ganz offenkundig halfen Vernehmer so lange, bis die Erinnerungen
ins Protokoll passten. Nur eine Zeugin, die von ihrem
Kiosk einen guten Blick auf das Geschehen hatte, blieb
dabei: Man habe den bereits wehrlos am Boden Liegenden
aus nächster Distanz erschossen. Das wäre Mord.
Die Frau im Kiosk ist längst ersetzt durch seelenlose
Verkäufer: Selecta und tobaccoland machen das Geschäft
Geld rein, Knopf drücken, Klappe öffnen
Auf dem Bahnhofsvorplatz harkt eine alte Frau den Bürgersteig.
Hat sie dieser Tage schon viele Journalisten im Ort gesehen?
»Was sollten die hier wohl wollen?!« Die Alte
versteht die Frage nicht. »Wegen unserer 820-Jahr-Feier?«,
fragt sie zurück. »Vielleicht, wenn Anfang
Juli der Innenminister aus Schwerin kommt, um mit Bürgermeister
Friese das Fest zu eröffnen.« Nein, nein, wegen
der Schießerei, die hier vor zehn Jahren war
Es dämmert der Frau, sie hat es eilig, Kehricht in
den Kübel auf dem Hof zu tragen. Im »Pottkiecker«
gibt es Fischfilet mit Gurkensalat für 3,80 Euro.
Gegenüber in der »Weißen Ratte«
Königsberger Klopse zum gleichen Preis. Samt Bild-Zeitung.
Der Rattenwirt ist allein, blättert lustlos darin:
»Kahn liegt wieder bei seiner Frau« hat das
Millionenblatt getitelt. »Kahn«, murmelt der
verächtlich. Dessen Probleme möchte er haben.
Dem Wirt, der die »Ratte« gerade renovierte,
bleiben die Gäste weg. Die einheimischen sowieso,
Touristen verirren sich nicht nach Bad Kleinen. »Wozu
auch, die einzige Attraktion des Ortes ist der Eiertunnel.
Doch wer das eigenartig geformte Ding nicht gesehen hat,
hat auch nichts versäumt. Hier war nichts, ist nichts,
wird nichts sein!« Abgesehen von der Mehrzweckhalle,
die der Bürgermeister bauen will. »Da bucht
dann kein Mensch mehr meinen großen Saal.«
So unklar wie die Zukunft ist die Vergangenheit. Seit
Jahren grüble er, ob er damals den Terroristen begegnet
ist. Sein Zug fuhr kurz vor 15 Uhr und vorher war auch
er in der Bahnhofskaschemme. Egal. Eigentlich interessiert
ihn das Thema nicht.
Es riecht nach Heu. Regen hat die Luft gereinigt. Ein
Mann befestigt Plakate entlang der reparaturbedürftigen
Dorfstraße: Der Zirkus ist los in Bad Kleinen. Wer
zum »Eiertunnel« will, kommt am Stützpunkt
der Arbeitsloseninitiative vorbei. Dort essen ein paar
Frauen gerade Mitgebrachtes von zu Hause. 3,80 Euro für
Klopse oder Fischfilet sind zu teuer. 41 Mitglieder hat
der Verband, man bietet ein Dach, unter dem man Reden
kann, betreibt eine Kleider- und eine Möbelbörse.
Montags spielen die Männer Skat, am Brett hängt
eine Einladung zum Computer-Klub. Daran, wie es war, als
man morgens noch nach Schwerin oder Wismar oder in die
LPG zur Arbeit fuhr, denkt man nicht mehr. Es ist zu lange
her. Nie wieder wird es so sein. Mit dem Reporter aus
der Hauptstadt mag man schon gar nicht darüber reden.
Der kommt, fragt und geht wieder. Sie bleiben zurück
mit dem Frust, mal wieder nur für eine Schlagzeile
gut gewesen zu sein.
Die bietet aber bereits das Statistische Landesamt. Wieder
sei die Einwohnerzahl des Landes um ein Prozent zurückgegangen.
43115 Menschen hätten Mecklenburg-Vorpommern »Lebwohl«
gesagt. Die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen
stellte drei Viertel der Wegzieher.
Auch Bad Kleinen wird alt. Die noch was erwarten vom Leben,
gehen nach Hamburg oder Lübeck. Eine geht nach Dessau.
Es ist die Tochter des freundlichen Dorfpolizisten. Sie
ist noch Azubi, lernt bei einem hiesigen Geflügelzüchter,
der Pleite ist und demnächst schließen wird.
Ihre Mutter, die Frau des Polizisten, wird demnächst
im Arbeitsamt eine Nummer ziehen. Sie war angestellt bei
einer Bank, die die Filialen schloss, weil sie alles,
was im Osten abzugreifen war, abgegriffen hat. Der Gedanke
an ein Versetzungsgesuch ist dem Polizeihauptmeister nicht
nur einmal gekommen. Dabei liebt er diese Gegend, auch
weil sie entgegen dem nun wieder aufgewärmten Ruf
als »Terror-City« so wunderbar friedlich ist.
Kürzlich las ich in einem Buch
folgende Charakteristik: »Ein Wesen, in dem die
Liebe verkörpert war, nicht nur zur Menschheit, sondern
zum einzelnen Menschen« ich musste dabei
sofort an Wolfgang denken, denn es beschreibt den Wesenszug,
den ich an ihm am meisten mochte.
Birgit Hogefeld über Wolfgang Grams
27.06.03, Neues
Deutschland
Der ganz alltägliche
Ausnahmezustand
Rolf Gössner über Bad
Kleinen und die Folgen
Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist, (Foto:
Schneider-Sonnemann) gilt als engagierter Kritiker der
»Inneren Sicherheit«. Im Herbst erscheint
im Knaur-Verlag sein neues Buch: »Geheime Informanten.
V-Leute des Verfassungsschutzes: Kriminelle im Dienst
des Staates«. Mit ihm sprach Tom Strohschneider.
ND: Zehn Jahre nach den Vorgängen
in Bad Kleinen ist der Tod Wolfgang Grams weiter
umstritten: Tötung oder Selbstmord?
R. Gössner: Auch wenn staatliche Stellen von einer
Selbsttötung ausgehen und Gerichte einen hinreichenden
Tatverdacht gegen beteiligte Polizisten verneinen
der Tod von Wolfgang Grams bleibt mit vielen Fragezeichen
verbunden. Es gibt Augenzeugen für einen polizeilichen
Todesschuss, aber keine für einen Suizid. Und für
den Rechtsmediziner Wolfgang Bonte ist die staatliche
Selbstmord-Version schlicht unhaltbar. Anders gesagt:
Bad Kleinen zeigt, wie der ungeheuerliche Vorwurf eines
»staatlichen Mordes« kleingearbeitet und in
einen unbewiesenen »Selbstmord« umdefiniert
wurde, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber
empörte.
Sind nach der vermeintlichen »Pannenserie«
der Behörden richtige Konsequenzen gezogen worden?
Weder der Fahndungseinsatz wurde wirklich aufgeklärt
noch wurden geeignete Konsequenzen gezogen. Rücktritte
und Versetzungen reichen jedenfalls nicht aus, höchstens
als Eingeständnis von Fehlverhalten. Fest steht:
Nach dem Fahndungsdesaster wurde eine Nachrichtensperre
verhängt, und Ermittlungsbeamte haben wichtige Spuren
vernachlässigt oder gar verwischt. Es ist unter rechtsstaatlichen
Gesichtspunkten unverzeihlich, dass angesichts solcher
Ermittlungspannen und Vertuschungen aber auch angesichts
der Bedeutung des Falls noch nicht einmal Anklage
erhoben und ein ordentliches Strafverfahren durchgeführt
wurde, um die Angelegenheit nach allen Regeln der Kunst
zu prüfen.
Steht es um die Überprüfung
tödlicher Polizeischüsse in den letzten
Jahrzehnten starb im Durchschnitt jeden Monat ein Mensch
sonst besser?
Bei der gerichtlichen Aufarbeitung solcher Fälle
werden viele Ursachen häufig ausgeblendet
also jene Sicherheitsrisiken, die mit Polizeibewaffnung,
Schießausbildung, Eigensicherung und Fahndungsbedingungen
verbunden sind. Sind Angehörige von Spezialeinsatzkommandos
beteiligt, so können ihr geheimpolizeilich-konspirativer
Auftrag, die praktizierte Abschottung und der ausgeprägte
Korpsgeist solcher Einheiten dazu führen, dass eine
rechtsstaatliche Überprüfung der Vorfälle
systematisch behindert wird. Insgesamt ist es nicht verwunderlich,
dass die meisten Ermittlungsverfahren gegen schießende
Polizeibeamte eingestellt werden oder mit Freispruch enden.
Das gegen die militanten Linken errichtete Sicherheitsinstrumentarium
wird dagegen gern genutzt nun auch gegen »ausländische
Terroristen«. Wogegen richtet sich eigentlich die
Verfolgung: gegen politische Meinungen oder kriminelles
Handeln?
Gerade im Bereich des politischen Strafrechts spielt die
Meinung der Betroffenen eine nicht zu unterschätzende
Rolle. Speziell beim § 129a Strafgesetzbuch mit seiner
Tatbestandsvariante »Werben für eine terroristische
Vereinigung« handelt es sich letztlich um Gesinnungsstrafrecht
denn Werben ist in aller Regel eine rein verbale
»Tat«. Inzwischen wird das bloße Werben
allerdings nicht mehr unter Strafe gestellt, wenn es sich
um reine Sympathiewerbung für eine »terroristische
Vereinigung« oder ihre Ziele handelt.
Bad Kleinen bildete gewissermaßen
das Ende einer Entwicklung, die 1977 ihren Höhepunkt
hatte. Ist das Kapitel »bewaffneter Kampf«
abgeschlossen?
Nicht, solange ehemalige RAF-Angehörige in den Gefängnissen
sitzen, solange die Todesumstände der im Hochsicherheitstrakt
von Stammheim umgekommenen Gefangenen nicht aufgeklärt
sind. Die Bundesrepublik trägt noch spürbar
an der Erblast der Terrorismus-Hysterie des »Deutschen
Herbstes«. Die damals höchst umstrittenen Sondergesetze
sind zum innenpolitischen Standard geronnen, auf den die
herrschende Politik der »Inneren Sicherheit«
später trefflich aufzubauen wusste zuletzt
nach den Anschlägen vom 11. September mit den hochproblematischen
»Anti-Terror-Paketen«. Diese Art von staatlichen
»Anti-Terror«-Reaktionen hat Bürgerrechte
demontiert und dem Rechtsstaat schweren Schaden zugefügt.
Wir leben längst in einem permanenten, ganz alltäglichen
Ausnahmezustand.
27.06.2003, taz Nr. 7089, Seite 8
Zwei Tote bei der "Weinlese"
Vor zehn Jahren starben das RAF-Mitglied
Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella auf
dem Bahnhof Bad Kleinen. Innenminister Seiters und Bundesanwalt
von Stahl traten zurück, doch der genaue Ablauf der
Aktion ist bis heute ungeklärt
von WOLFGANG GAST
Schon das Codewort verrät, dass die Ermittler endlich
einmal einen Erfolg verkünden wollten. "Weinlese"
nennen sie den Einsatz, der sie nach den Jahren der erfolglosen
Fahndung endlich einmal zur Festnahme von Terroristen
der "Roten Armee Fraktion" führen soll.
Die Weinlese wird zum Desaster. Am 27.
Juni 1993, heute vor zehn Jahren, kommt es auf dem Bahnhof
im mecklenburgischen Bad Kleinen zu seinem Höhepunkt.
Der Versuch, die RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit
Hogefeld festzunehmen, mündet in eine wilde Schießerei.
Am Ende sind der Polizeibeamte Michael Newrzella und das
RAF-Mitglied Grams tot. Grams Gefährtin Hogefeld
wird verhaftet.
Anfangs wird die tödliche Aktion
noch als Erfolg der Terrorismusbekämpfer gefeiert.
Das ändert sich schlagartig, als mit den Aussagen
einer Kioskverkäuferin und eines anonymen Polizeibeamten
ein Verdacht aufkommt: Als Grams bereits wehrlos auf den
Gleisen lag, sei er von der Polizei aus nächster
Nähe gezielt erschossen worden - womöglich aus
Rache für den getöteten Kollegen Newrzella.
Die Medien recherchieren immer neue Pannen
bei Vorbereitung und Ausführung des Einsatzes. Innenminister
Rudolf Seiters tritt wenig später zurück. Und
der oberste Terroristenjäger der Republik, Generalbundesanwalt
Alexander von Stahl, muss seinen Hut nehmen. Leitende
Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamtes ebenso.
Die Schießerei beschäftigt
monatelang den Bundestag, den Bonner Innenausschuss und
mehrere Staatsanwaltschaften. Pannen über Pannen
zählt schließlich auch ein Schlussbericht der
Bundesregierung zu Bad Kleinen auf. Nur der böse
Verdacht, dass Beamte der Grenzschutzsondereinheit GSG
9 das RAF-Mitglied exekutiert haben könnten, wird
nach und nach entsorgt. Trotz gegenteiliger Zeugenaussagen,
trotz einer Vielzahl an Unstimmigkeiten, trotz widersprüchlicher
Expertengutachten.
Der Freispruch für die unter Verdacht
stehenden Elitebeamten erfolgt im Umkehrschluss. "Es
gibt somit auch aus unserer Sicht keine neuen Erkenntnisse,
die zwingend gegen eine Selbstbeibringung des Nahschusses
durch Grams sprechen würden": Mecklenburg-Vorpommerns
damaliger Justizminister Herbert Helmrich (CDU) ist einer
der Ersten, der auf Freispruch plädiert. Helmrich
räumt zwar ein, dass es eine "lupenreine"
Rekonstruktion der Vorgänge nicht gibt. Aber der
erste Schritt, den Verdacht zu beseitigen, ist getan.
Verdachtsentsorgung betreibt auch die
Schweriner Staatsanwaltschaft, die das "Todesermittlungsverfahren"
führt. Die Todesumstände seien "widerspruchsfrei
durch Selbstbeibringung" zu erklären.
Folgt man der Lesart der Staatsanwälte
und dem Tenor des regierungsamtlichen Schlussberichts,
dann hat sich Grams Tod etwa wie folgt zugetragen: Beim
Versuch der Festnahme im Fußgängertunnel des
Bahnhofs flüchtet Grams die Treppe zum Bahnsteig
hinauf. Innerhalb von fünf oder sechs Sekunden feuert
er an die zehnmal mit seiner Pistole. Er erschießt
den GSG-9-Beamten Newrzella, der ihm auf der Treppe in
kurzer Distanz folgt. Ein weiterer Polizist wird von Grams
angeschossen.
Alles geschieht im Laufen. Grams, der
das obere Treppenende erreicht, wird dann durch einen
Bauchschuss und vier weitere Treffer schwer verletzt.
Er stürzt rücklings auf die Gleise, ohne seine
Waffe zu verlieren. Angesichts seiner aussichtslosen Lage
fasst er den Entschluss, sich zu erschießen. Grams
tötet sich mit einem Schuss in die Schläfe.
Selbst gestandenen Terrorismusfahndern
leuchtet ein solcher Ablauf nicht ein. Dass ein von einer
Polizeikugel mit voller Wucht Getroffener noch in der
Lage sein soll, in Sekundenfrist den eigenen Suizid zu
beschließen und durchzuführen, das scheint
den Polizeipraktikern ziemlich ausgeschlossen.
Widerspruchsfrei ist die These von der
Ermordung Grams allerdings auch nicht. So stellt sich
heraus, dass der vom Spiegel präsentierte, anonym
gebliebene Beamte zeitgleich an mehreren Orten gewesen
sein muss, wenn er die von ihm behaupteten Vorgänge
selbst beobachtet haben will. Und die Aussage der Kioskbesitzerin
soll ein Fernsehjournalist redigiert haben.
Umso wichtiger wäre es gewesen, die
Vorgänge vor Gericht oder von einem Parlamentsausschuss
klären zu lassen. Dazu kommt es aber nicht. Grams
Eltern scheitern mit ihrem Versuch, eine Untersuchung
gerichtlich zu erzwingen. Und die Bundesregierung erklärt
den Fall trotz aller offenen Fragen mit Vorlage ihres
"Abschlussberichtes" für erledigt.
27.06.2003, taz
Nr. 7089, Seite 8
pannen & patzer
Der Einsatz der GSG 9
Die versuchte Festnahme der RAF-Mitglieder Wolfgang Grams
und Birgit Hogefeld geriet der GSG 9 zur Pleite, nicht
nur weil Grams und der Polizist Michael Newrzella erschossen
zurückblieben.
- Die Polizisten trugen keine schusssicheren
Westen. Diese wären während der Observation
aufgefallen
- Im Bahnhofsbereich war "aus Tarnungsgründen"
kein Notarzt
- Aufgrund eines Funklochs in der Bahnhofsunterführung
hielten zwei Beamte nach einem Funkspruch die Aktion für
beendet und ließen den Terroristen Wolfgang Grams
vorbei
- Der Polizist Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene
Waffe. Angeblich war er sogar unbewaffnet, als Grams ihn
erschoss
- Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach
Tagen fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile
- Ein Beamter, der verletzt wurde, gab seine Waffe den
Ermittlern erst nach einer Woche
- Bei der als äußerst gefährlich geltenden
Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole
und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt
- Grams Leiche wurde nicht fotografiert, bevor ihm die
Fingerabdrücke abgenommen wurden. Spuren an der linken
Hand wurden nicht gesichert - dpa
27.06.2003, Der Tagesspiegel
Schweigen am Gleis
Vor zehn Jahren starben am Bahnhof
von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Wer
wen erschoss, ist bis heute umstritten. In dem Ort will
kaum jemand mehr über den Vorfall reden
Von Jan Freitag
Ein Tag im Frühsommer. Da,
ein Hubschrauber. Christian Poppe zeigt nach oben.
Wie damals. Von seiner Terrasse aus genießt
er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige
hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer
vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter
kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei
Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle
rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte
das Provinznest weiter.
Auch jetzt scheint die Sonne durch eine
löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch
die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum
sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen
Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis
seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen
der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang
Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197
Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für
den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf
Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf
den vermeintlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.
Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal
existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem
verbogenen Gitterstab. Hier ist eine Maschinengewehrsalve
gelandet. Die Strebe im Geländer haben
wir erhalten. Er schwenkt nach rechts. Und
da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?.
Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen,
als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese
fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall.
Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei
überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was
Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis
die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein.
Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die
ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung
die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen,
von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt.
Noch aufregender als das Ereignis selbst waren die
Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten,
berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos.
Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar,
Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme.
Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem
Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen,
doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter
Schluss. Wir wissen schlichtweg nicht, verkündete
ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, was genau
passiert ist. Fall erledigt. Seither, sagt Hans
Kreher, ist alles ruhig.
So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem
Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig
3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor
halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn
Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation,
mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz
das Café auf der Plattform gegenüber. Stets
im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf
Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress
gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade
Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es
gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still,
als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still
mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung
aufmachte.
Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere.
Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht.
Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen
erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper.
Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen,
um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins
Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a,
Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut
Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum
Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen
Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre
nie dort gewesen. Ich habe alles hinter mir, bitte!
Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll,
hat die 44-Jährige Grams Hinrichtung beobachtet
durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von
Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen
Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft
waren, ist Teil der Legende.
Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs
Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz.
Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von
93, sagt sie, interessiert im Dorf keinen.
Anschlussreisende dagegen schon eher. Eine Bockwurst,
und sagen sie: War hier nicht mal
Die Leute
fragen immer, jeden Tag. Seit 1995, als sie den
Pachtvertrag abschloss.
Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit,
meint Ex-Bürgermeister Kreher. Arbeitslosigkeit,
das hat die Leute interessiert. Auch heute sucht
jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt,
der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte
Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag
gekündigt. Von der Sache mit dem Terroristen
haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen,
gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film
fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über
einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann
ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.
27.06.2003, Der Tagesspiegel
Schief gelaufen
Der GSG-9-Einsatz war wie die anschließenden
Ermittlungen von einer Serie von Pannen begleitet.
Die Polizisten trugen keine schusssicheren
Westen. Diese wären während der Observation
aufgefallen, dünnere Westen standen nicht zur Verfügung.
Im Bahnhofsbereich war aus Tarnungsgründen
kein Notarzt.
Auf Grund eines Funklochs hielten zwei Beamte nach einem
Funkspruch die Aktion für beendet und ließen
den Terroristen Wolfgang Grams vorbei.
Der von Grams getötete Polizist Michael Newrzella
verfolgte Grams ohne gezogene Waffe. Angeblich war er
sogar unbewaffnet.
Die Spuren wurden nur schlampig gesichert. Noch nach Tagen
fanden Reisende Patronenhülsen und Geschossteile.
Bei der als äußerst gefährlich geltenden
Birgit Hogefeld wurden erst im Polizeiwagen eine Pistole
und zwei Magazine im Hosenbund entdeckt.
Grams Leiche wurde entgegen den Regeln
des Bundeskriminalamtes nicht fotografiert, bevor ihm
die Fingerabdrücke abgenommen wurden.dpa
27.06.2003, Berliner Zeitung, Seite
3
Totes Gleis
Vor zehn Jahren starben in Bad
Kleinen ein mutmaßlicher Terrorist und ein GSG-9-Mann.
Erinnerung an einen Tag, an den nicht erinnert wird
Andreas Förster
BAD KLEINEN, im Juni. Angst geht um im
Buchenring. In den letzten vier Jahren sind in dem kleinen
Neubaugebiet am Rande von Bad Kleinen knapp ein Dutzend
Hauskatzen verschwunden. Manfred Stein will das nicht
länger hinnehmen. In den letzten Tagen hat er bei
den Nachbarn Handzettel verteilt ("Ist unser Wohngebiet
katzenfeindlich?") und zur Gründung einer Bürgerinitiative
aufgerufen. Jeder, dem eine Katze abhanden gekommen ist,
soll eine schriftliche Strafanzeige gegen unbekannt bei
der Polizei erstatten, fordert er. "Die Beamten haben
natürlich gemault, als die ersten mit einer Anzeige
kamen", erzählt Manfred Stein. "Aber sie
mussten das entgegennehmen, wir leben ja in einem demokratischen
Rechtsstaat."
Zehn Jahre ist es her, dass in dem gleichen Bad Kleinen,
das jetzt im Namen des Rechts den Katzenräuber vom
Buchenring jagt, der demokratische Rechtsstaat Deutschland
in Schwierigkeiten geriet. Am frühen Nachmittag des
27. Juni 1993, einem Sonntag, war eine Polizeiaktion auf
dem Bahnhof des Ortes außer Kontrolle geraten. Das
Desaster von Bad Kleinen bezahlten der GSG-9-Beamte Michael
Newrzella und der mutmaßliche RAF-Terrorist Wolfgang
Grams mit dem Leben.
Zur Staatskrise geriet der Zugriff, als
das ARD-Magazin "Monitor" und der Spiegel wenige
Tage nach der Aktion Zeugen präsentierten, die eine
Hinrichtung Grams durch einen GSG-9-Beamten beobachtet
haben wollten. Schlampige Ermittlungen durch das Bundeskriminalamt,
vertuschte Spuren und diverse Ungereimtheiten in der offiziellen
Darstellung der Abläufe des Geschehens verstärkten
in den folgenden Wochen den Verdacht, dass ein Beamter
- möglicherweise aus Rache für den erschossenen
Kollegen Newrzella - kurzen Prozess mit dem RAF-Mann Grams
gemacht haben könnte.
Ein ungeheuerlicher Verdacht. Er beendete
seinerzeit die Karrieren einer Reihe hochrangiger Staatsdiener:
Bundesinnenminister Rudolf Seiters musste zurücktreten,
sein Polizeikoordinator Wolfgang Schreiber wurde ebenso
entlassen wie Generalbundesanwalt Alexander von Stahl,
Beamte des Bundeskriminalamtes aus der Anti-Terror-Abteilung
wurden strafversetzt.
Die knapp viertausend Einwohner des am
Nordufer des Schweriner Sees liegenden Ortes leben noch
immer mit der Geschichte. Dabei wären sie so gern
das Stigma des "RAF-Städtchens" los. Von
jedem, den man in Bad Kleinen auf die Vorgänge von
vor zehn Jahren anspricht, erhält man die gleiche
Antwort: Es bringe nichts, immer wieder in der Sache herumzustochern,
das habe doch nichts mit Bad Kleinen zu tun, überall
hätte das passieren können - und bitte erwähnen
Sie nicht meinen Namen. Einer schreit: "Lassen Sie
uns endlich in Ruhe!" Und ein anderer schimpft, man
solle lieber darüber schreiben, dass hier in Bad
Kleinen früher alle Arbeit hatten und heute jeder
Fünfte auf der Straße stehe. "Das gehört
auch zur deutschen Geschichte", sagt der Mann.
"In der Firma meiner Frau in Lübeck
hat jetzt ein Praktikant aus den USA angefangen, ein junger
Mann", erzählt Manfred Stein aus dem Buchenring.
"Als meine Frau ihm sagte, dass sie in Bad Kleinen
lebt, sagte der Amerikaner: Das ist doch die Stadt, wo
damals dieser Terrorist erschossen wurde. Unser Bad Kleinen
ist eine Fußnote in der Weltgeschichte, aber glauben
Sie mir: Stolz ist hier niemand darauf."
Zum Mythos von Bad Kleinen hat vor allem
beigetragen, dass die Umstände, unter denen Newrzella
und Grams ihr Leben verloren, bis heute nicht aufgeklärt
sind. Hat sich der angebliche RAF-Terrorist, nachdem er
Newrzella erschossen und von mehreren Kugeln getroffen
auf das Gleis 4 gestürzt war, selbst mit einem Kopfschuss
gerichtet? So lauten die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen
von Ermittlungsbehörden, Bundesregierung und Staatsanwaltschaft.
Oder wurde Grams mit einem aufgesetzten
Kopfschuss durch einen GSG-9-Beamten getötet, nachdem
er bereits wehrlos am Boden lag? So will es ein am Einsatz
beteiligter Grenzschutzbeamter beobachtet haben, der sich
damals dem Spiegel anvertraute, aber seine Aussage vor
Ermittlern nicht wiederholte. Und so will es auch die
Verkäuferin Joanna Baron gesehen haben, die im Bahnhofskiosk
am Gleis 4 stand und sich vor lauter Angst in einen Schrank
verkrochen hatte. Frau Baron wiederholte ein paar Mal
ihre Aussage, verwickelte sich dann aber in Widersprüche
und verstummte schließlich, als einige Medien damit
begannen, sie als Trinkerin und Wichtigtuerin darzustellen.
Heute lebt sie zurückgezogen in Wismar, verjagt alle
Journalisten und will von Bad Kleinen nichts mehr hören.
Letztmals befasste sich die Justiz im
Jahre 1998 mit den Todesumständen von Wolfgang Grams.
Vor dem Bonner Landgericht hatten dessen Eltern die Bundesregierung
auf Erstattung der Beerdigungskosten für ihren Sohn
verklagt. Die Bonner Richter lehnten die Klage ab, stellten
aber gleichwohl fest, dass es weder für eine Fremdtötung
noch für einen Selbstmord Grams überzeugende
Beweise gebe.
Tatsächlich wird man wohl auch keine
überzeugenden Beweise mehr für eine der beiden
Tatversionen finden. Zu gründlich sind unmittelbar
nach der Schießerei auf dem Bahnhof alle Spuren
verwischt worden, was für sich genommen schon verdächtig
ist.
Da durften die GSG-9-Beamten ihre Waffen
reinigen, bevor sie von den Ermittlern beschlagnahmt wurden,
da sind Grams Hände gewaschen worden, noch ehe ein
Gerichtsmediziner sie auf Schmauch- und Pulverspuren untersuchen
konnte, da kamen Ton- und Filmdokumente von dem Einsatz
abhanden. Unklar ist bis heute, wer der Mann war, der
die Schießerei vom nahen Bahnübergang aus fotografierte.
Unbeantwortet ist auch die Frage, warum sich auf der Treppe,
auf der Michael Newrzella von Grams niedergeschossen worden
sein soll, kein Blut fand. Und warum schlugen die Fahnder
erst an jenem 27. Juni zu, obwohl sie an den Tagen zuvor
bereits zwei Treffen von RAF-Terroristen in Bad Kleinen
überwacht hatten ohne einzugreifen?
Auf die Fragen gibt es bis heute keine
Antwort. Inzwischen hat sich die Sprachregelung vom "missglückten
Polizeieinsatz" durchgesetzt. Damals wie heute mangelt
es an politischem Willen, die wahren Hintergründe
des Desasters restlos aufzuklären. Auch in Bad Kleinen
gibt es niemanden, der sich noch dafür interessiert.
Vor fünf Jahren flammte kurz nur eine Diskussion
darüber auf, ob man zur Erinnerung an die getöteten
Michael Newrzella und Wolfgang Grams eine kleine Gedenktafel
am Bahnhof von Bad Kleinen anbringen sollte. Heute aber
käme wohl niemand mehr auf die Idee, ein solches
Ansinnen vorzustellen. "Lieber sollte man eine Gedenktafel
für unseren Bahnhof anbringen", sagt ein Bahnmitarbeiter.
"Um den kann man wirklich trauern."
Ende des 19. Jahrhunderts war der Bahnhof
von Bad Kleinen zu einem Verkehrsknotenpunkt ausgebaut
worden. Seitdem kreuzen sich hier die Eisenbahnlinien
von Schwerin nach Wismar und von Rostock nach Hamburg.
Zu DDR-Zeiten entstand in Bad Kleinen zusätzlich
ein riesiger Rangierbahnhof. Bis zu zweitausend Güterwagen
wurden hier täglich auf ihrem Weg von und nach den
Ostseehäfen in Rostock und Wismar zu Zügen zusammengekoppelt.
Heute gibt es keinen Rangierbahnhof mehr,
die Gleise sind von Gras überwuchert. Der Bahnhof,
der mehr als hundert Jahre lang das Leben der Menschen
von Bad Kleinen prägte, ist für die Bahn bedeutungslos
geworden. Verlassen steht das alte Bahnhofsgebäude
da, an den geweißten Wände blättert Farbe
ab. Wer das Haus betritt, läuft durch einen langen
leeren Gang, vorbei an mit Holz vernagelten Fenstern und
Schaukästen. Am Ende des Flurs versperrt eine weiße
Tür den Durchgang zur ehemaligen Schalterhalle. Hinter
den vernagelten Fenstern befand sich früher das Billard-Café,
in dem Wolfgang Grams am 27. Juni 1993, eine Stunde vor
seinem Tod, Würzfleisch und Wiener Würstchen
aß.
Mit ihm am Tisch saßen damals seine
Freundin Birgit Hogefeld, die unverletzt festgenommen
werden konnte und heute eine lebenslängliche Haftstrafe
absitzt, und Klaus Steinmetz, ein V-Mann des Verfassungsschutzes,
der die Fahnder auf die Spur der beiden mutmaßlichen
RAF-Terroristen gebracht hatte und heute unter neuer Identität
irgendwo lebt.
Es war das fünfte Mal, dass sich
das Trio heimlich traf. Hogefeld und Grams waren schon
vor Jahren in den Untergrund gegangen und hielten über
Freunde und Unterstützer den Kontakt zur Außenwelt.
Irgendwie war es Steinmetz gelungen, in dieses konspirative
Netz einzudringen. Noch heute wird dies als Glücksfall
für die Terroristenjäger von Verfassungsschutz
und Bundeskriminalamt dargestellt, denen es angeblich
nie zuvor gelungen war, einen Spitzel an die Kommandoebene
der RAF heranzuführen.
Was Steinmetz aber von Hogefeld und Grams
erfuhr, was er seinen Verbindungsführern beim Geheimdienst
über die Strukturen der Terrorgruppe und ihr Helfernetz
berichtete, ob er überhaupt der Superspitzel war,
zu dem er nach Bad Kleinen von den Medien erklärt
wurde - all das ist bis heute nicht geklärt, weil
die Berichte des V-Manns nach wie vor strengster Geheimhaltung
unterliegen. Die Rote Armee Fraktion, die es nicht mehr
gibt, ist auch heute noch ein Staatsfeind und eine Staatsaffäre.
An diesem Freitag wird wie an jedem Freitag
gegen 15.15 Uhr im Bahnhof von Bad Kleinen ein Zug auf
Gleis 4 einfahren und auf die Weiterfahrt nach Rostock
warten.
Die Kioskverkäuferin steht dann vielleicht
gerade am Fenster und schaut zu den Treppen, die zur Unterführung
hinabführen und auf denen zehn Jahre zuvor um die
gleiche Zeit Michael Newrzella verblutete. Möglicherweise
dreht sie dann leicht den Kopf und blickt auf die Stelle
von Gleis 4, wo Wolfgang Grams starb.
Nach ein paar Minuten wird der Zug
nach Rostock den Bahnhof wieder verlassen. Viel mehr wird
nicht geschehen an diesem Tag, zu dieser Stunde in Bad
Kleinen. Zehn Jahre danach.
27.06.2003, Schweriner Volkszeitung
Totes Gleis an Bahnsteig 4
Vor zehn Jahren starben Michael
Newrzella und Wolfgang Grams in Bad Kleinen
Bad Kleinen 27. Juni 1993: Bürgermeister
Hans Kreher geht mit seiner Tochter am Schweriner See
spazieren, als im nahen Bad Kleinen das Chaos ausbricht:
Anti-Terror-Einheiten stürmen in den Bahnhof, Schüsse
fallen. Bei der Aktion gegen die Rote Armee Fraktion (RAF)
sterben der Polizist Michael Newrzella, der Terrorist
Wolfgang Grams - und der Mythos GSG 9. In Deutschland
droht eine Staatskrise.
Von Matthias Hufmann
Kreher eilt vom See zurück. Vom Plan
der Fahnder, ausgerechnet in seinem Ort loszuschlagen,
weiß er nichts. Er erinnert sich nur an den seltsamen
Hinweis, die Gemeinde solle die Papierkörbe am Bahnhof
nicht leeren - dienen sie als geheime Briefkästen?
"Ich musste wissen, was los ist." Weit kommt
Kreher jedoch nicht. Das Einsatzgebiet ist abgesperrt.
Seine Fragen bleiben unbeantwortet. Erst später geben
die Beteiligten der Staatsanwaltschaft widerwillig Auskunft.
So kommt Stück für Stück heraus, was in
Bad Kleinen geschah - eine beispiellose Serie von Pannen
und Verschleierungsversuchen.
Aus Wismar angereist - von Spitzel
begleitet
Heute vor genau zehn Jahren treffen die Terroristin Birgit
Hogefeld und Klaus Steinmetz um 12.58 Uhr mit dem Zug
aus Wismar ein. Seit Tagen schon werden sie observiert.
Der Verfassungsschutz ist Hogefeld dabei näher als
sie ahnen kann: Ihr Begleiter ist V-Mann. Die RAF-Frau
und der Spitzel gehen ins "Billard-Café",
der Bahnhofsgaststätte von Bad Kleinen. Gegen 14
Uhr holt Hogefeld einen Mann vom Bahnsteig ab - Wolfgang
Grams. Seit ihrem Abtauchen in die Illegalität 1984
werden die beiden der Kommandoebene der Roten Armee Fraktion
zugerechnet.
Zwei Zugriffstrupps sind in Bereitschaft
Hogefeld, Grams und Steinmetz bleiben bis 15.15 Uhr
in der Kneipe, gehen dann Richtung Tunnel. Zwei Zugriffstrupps
der GSG 9 mit 16 Beamten warten an den Bahnsteigen und
am Treppenaufgang zum Vorplatz auf ihren Einsatzbefehl.
Trotz der Planungen kommt dieser völlig unerwartet.
Ein zivil gekleideter Beamter läuft die Unterführung
hinunter und trifft auf Grams und Steinmetz. Möglicherweise
habe er einen Funkspruch missverstanden, heißt es
im Abschlussbericht der Schweriner Staatsanwaltschaft.
Was tun? Die GSG 9 löst den Zugriff aus.
Der Beamte im Tunnel nimmt die jetzt neben ihm stehende
Hogefeld fest, auch V-Mann Steinmetz leistet keinen Widerstand.
Grams aber flüchtet die Treppe hinauf Richtung Bahnsteig
4. Die Anti-Terror-Gruppe folgt. Als sich der Abstand
verringert, dreht sich Grams um und schießt. Michael
Newrzella sinkt zu Boden, er ist tot. Drei weitere GSG
9-Männer werden getroffen. Die Verfolger erwidern
das Feuer, schießen vermutlich ohne zu zielen auf
den Bahnsteig. Eine Lok im Hintergrund wird getroffen,
ein Geschosssplitter steckt im Oberarm von Schaffnerin
Sigrid Helberg.
Wolfgang Grams stürzt mit Bauch-, Streif- und Beinschüssen
ins Gleisbett. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft
hält er sich seine Waffe an den Kopf und drückt
ab. Um 15.36 Uhr landet der Rettungshubschrauber in Bad
Kleinen, um 17.30 Uhr stirbt Grams in der Uni-Klinik Lübeck.
Zur selben Zeit kursieren bereits die ersten Gerüchte.
Wurde der Terrorist womöglich durch die beiden nachrückenden
Beamten erschossen? Aus Rache für den Tod von Newrzella?
"Der Spiegel" zitiert später einen namentlich
nicht genannten Polizisten, der genau das vor Ort gesehen
haben will. Auch die Kioskverkäuferin Joanna Baron
vertritt die These - und beeidet ihre Aussage.
17 "Schwachstellen" im Untersuchungsbericht
Aus dem Verdacht wird eine öffentliche Anklage, die
droht, sich zu einer Staatskrise auszuweiten. Die Republik
habe damals "gewackelt", erinnert sich der frühere
Chef des Bundeskriminalamtes, Hans-Ludwig Zachert. Einsatzkräfte
und Ermittler allerdings haben kräftig dazu beigetragen.
17 "Schwachstellen" listet ein Bericht für
den Bundestag auf. Die gravierendsten Mängel: Die
GSG 9-Leute trugen keine schusssicheren Westen. Herkömmliche
wären aufgefallen, dünne Westen standen nicht
zur Verfügung. Newrzella verfolgte Grams ohne gezogene
Waffe - ein Indiz dafür, dass die Einsatzkräfte
gar nicht wussten, hinter wem sie eigentlich her waren.
Ein Funkloch im Bahnhofstunnel verhinderte genaue Absprachen.
Birgit Hogefelds Waffe wurde erst im Polizeiwagen entdeckt.
Pannen über Pannen: Seit Bad Kleinen ist der Mythos
GSG 9 zerstört, die "Helden von Mogadischu"
machten peinliche Fehler. Für die Eliteeinheit war
der Einsatz eine einzige Katastrophe - Fortsetzung folgte.
Von Wolfgang Grams Händen wurde Blut weggewaschen,
noch ehe ein Gerichtsmediziner sie untersuchen konnte.
Beamte reinigten vor der Schussprüfung ihre Waffen,
Filmdokumente verschwanden, Spuren wurden nur schlampig
gesichert. Als sich der Leitende Oberstaatsanwalt Gerrit
Schwarz selbst ein Bild vor Ort machen wollte, fand er
noch Tage nach der Aktion Sägemehl im Gleisbett,
das Blut und ein Projektil bedeckte. "Blamabel",
so sein Kommentar.
Schwarz hatte ohnehin mit widrigen Bedingungen zu kämpfen.
Zwischen den Ermittlungsbehörden gab es "schwerwiegende
Koordinierungsdefizite", heißt es im Bericht
für den Bundestag. Die Öffentlichkeit wurde
zum Teil falsch informiert, Strafverfolger erfuhren von
neuen Erkenntnissen aus der Zeitung, Wesentliches wurde
verschwiegen. "Vom dritten Festgenommenen habe ich
erst erfahren, als ich ihn auf einem Videoband sah",
sagt Schwarz.
Vermummte Zeugen zur Aussage eingeflogen
Kein Wunder, dass die Mordtheorien nicht verstummten.
Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wurde entlassen,
Innenminister Rudolf Seiters (CDU) trat zurück, um
"ein Signal zu setzen, dass nichts vertuscht wird".
In Schwerin wurde der Rückzug anders verstanden.
"Da kocht noch was", dachte Gerrit Schwarz und
ermittelte weiter. Dutzende Zeugen wurden vernommen, die
GSG 9-Beamten wurden vermummt eingeflogen. Selbst mit
dem Spitzel Steinmetz konnten Schwarz und seine Kollegen
reden - unter konspirativen Bedingungen in einem Hotel
im Rheinland.
Beweise für einen Mord fand die Staatsanwaltschaft
allerdings nicht. Am 13. Januar 1994 wurde das Verfahren
gegen die beiden GSG-Leute, die zuerst bei Grams waren,
eingestellt. Der "Spiegel"-Informant gab sich
nicht zu erkennen, die Angaben der Kioskverkäuferin
waren widersprüchlich. Heute will sie über die
Ereignisse von 1993 nicht mehr sprechen. Sie lebt zurückgezogen
an der Küste.
Akte im vergangenen Jahr endgültig
geschlossen
Also keine Verschwörung? "Dann hätten
sich die Einsatzkräfte geschickter angestellt",
vermutet Schwarz. Sein Ermittlungsergebnis wird vor allem
von einem Gutachten der Züricher Polizei gestützt,
wonach sich Grams selbst erschossen hat. Das Spurenbild
an der Waffe lasse keinen anderen Schluss zu.
Am 2. Januar 2002 wurde die Akte "Bad Kleinen"
endgültig geschlossen. Die Eltern von Grams hatten
zuvor jahrelang erfolglos prozessiert und gingen bis zum
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
In Bad Kleinen spielt der 27. Juni
1993 längst keine große Rolle mehr. Birgit
Hogefeld sitzt in Haft, Klaus Steinmetz lebt mit neuer
Identität vermutlich irgendwo in Deutschland. Zur
Ruhe gekommen ist Gerrit Schwarz trotzdem nicht: Die Ermittlungsakte
steht noch immer in seinem Büro. "Mehr als 95
Prozent des Zugriffs können wir rekonstruieren."
Ganz zufrieden ist er damit aber nicht: 100 Prozent werden
es wohl nie sein.
27.06.2003, Ostsee-Zeitung
Die Schüsse von Bad Kleinen interessieren nur noch
Fremde
Vor zehn Jahren katapultierte eine
Schießerei auf dem Bahnhof den Ort Bad Kleinen in
die Medien. Heute interessiert der Tod des Terroristen
Wolfgang Grams und des GSG-9-Beamten Michael Newrzella
kaum noch jemanden.
Bad Kleinen (OZ) Christian Poppe (60)
hatte am 27. Juni 1993 einen Logenplatz, als er vom benachbarten
Bahnhof erst die Knallerei hörte und
dann die Polizeihelikopter kreisen sah. Auf seiner Terrasse
am Schweriner See wurde Poppe Zeuge eines Polizeieinsatzes,
der Bad Kleinen jäh aus seiner schläfrigen Idylle
riss. Auf dem Bahnhof starben Wolfgang Grams, Mitglied
der Rote Armee Fraktion (RAF), und der GSG-9-Mann
Michael Newrzella.
Wer wen erschoss, bleibt wohl ewig ungeklärt. Klar
ist dagegen, dass 54 Beamte zwei mutmaßlichen Terroristen
auflauerten und nur Birgit Hogefeld lebend erwischten.
Zwei Tote, 44 Schüsse, mehrere Verletzte, zahllose
Ermittlungspannen und noch mehr offene Fragen das
ist die Bilanz, die Bad Kleinen seitdem immer in den Blickpunkt
rückt.
Zum Leidwesen der Einwohner. Die nämlich blieben
im Gegensatz zu Medien und Politik recht gelassen, ist
heute oft in Bad Kleinen zu hören. Ich musste
keine Beruhigungsmittel verteilen, sagt Apotheker
Poppe sarkastisch. Der Grund liegt aus Sicht des damaligen
Bürgermeisters Hans Kreher auf der Hand: Arbeitslosigkeit,
die Umbrüche das hat die Leute mehr
bewegt. Der Wirbel um eine katastrophale Festnahmeaktion
war ja eher eine Wessiangelegenheit.
Augenscheinlich erinnert nichts mehr an die Aktion vor
zehn Jahren. Fast nichts, sagt Krehers Amtsnachfolger
Siegfried Friese. Er zeigt auf einen verbogenen Gitterstab
auf Bahnsteig 3/4. Hier ist eine Maschinengewehrsalve
gelandet. Das einzige Denkmal. Mehr wollte niemand
im Ort, betont Friese. Die Einwohner sind der Reduzierung
ihrer Heimat auf zehn Sekunden überdrüssig.
Doch immer noch erzeugt Bad Kleinen ein Klingeln im kollektiven
Gedächtnis. Bad Kleinen? Da war doch was! Und niemand
hört das so oft wie Urda Klein. Sechs Tage die Woche
steht die 55-Jährige im Bahnsteigkiosk, direkt am
Tatort. Im Dorf, erzählt sie, interessiert
das keinen. Reisende, die hier umsteigen, schon.
Fürs Geschäft sei das nicht mal schlecht, findet
Urda Klein. Eine Bockwurst bitte, berlinert und schwäbelt
es oft, erzählt sie. Dann wird gefragt: Sagen Sie,
war hier nicht . . .? Die Leute fragen immer, jeden
Tag.
Joanna Baron, die 1993 in dem langen Schlauch arbeitete,
will nicht mehr reden: Ich habe alles hinter mir,
bitte! Ihre Stimme zittert. Von ihrem Kiosk aus,
gab sie einst zu Protokoll, konnte sie sehen und hören,
wie Grams von zwei Polizisten hingerichtet wurde. Staat
und Justiz glaubten ihr nicht. Dass niemand Grams' Selbstmord
beobachtet hat, Beweismittel verschwanden, Spuren beseitigt
wurden und Köpfe rollten all das scheint heute
vergessen.
Ex-Bürgermeister
Kreher fürchtete lange, Bad Kleinen wird zum
Wallfahrtsort für Linksextreme. Aber spätestens,
als nach dem letzten Prozess 1998 wegen Beweislosigkeit
die Akten endgültig zuklappten, ist alles ruhig
bei uns.
Zum Foto: Hans Kreher (l.), vor zehn Jahren
Bürgermeister von Bad Kleinen, steht mit dem heutigen
Bürgermeister Siegfried Friese auf dem Bahnhof.
Text und Foto: JAN FREITAG
27.06.2003, Stuttgarter Nachrichten
Bad Kleinen
Jahrestag der Todesschüsse
Bad Kleinen - Auf dem Bahnhof des verträumten
mecklenburgischen Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts
mehr an die spektakuläre Anti-Terroraktion, bei der
vor zehn Jahren am 27. Juni 1993 der GSG-9-Beamte Michael
Newrzella und das Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF),
Wolfgang Grams, starben.
Die Komplizin und Lebensgefährtin von Grams, Birgit
Hogefeld, wurde dabei festgenommen und 1996 wegen Mitgliedschaft
in einer terroristischen Vereinigung, zweifachen Mordes
und fünffachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft
verurteilt. Obgleich jahrelange juristische und politische
Streitereien dem missglückten Einsatz von Bad Kleinen
folgten, sind vor Ort die Erinnerungen an die Geschehnisse
inzwischen verblasst und der normale Alltag wieder eingekehrt.
Eine für den von Grams erschossenen Polizisten angebrachte
Gedenktafel auf dem Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig
später demontiert. Das geschah, weil RAF-Sympathisanten
ein Symbol des Gedenkens auch für ihren Toten auf
dem Bahnhof beanspruchten. Um nicht zwischen die Fronten
zu geraten und kein Ziel möglicher Anschläge
zu werden, entschied die Unternehmensleitung der Bahn
von keiner der betroffenen Parteien Gedenksymbole auf
ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in
besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche
Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint
Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen
und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein
und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz
gepflegt.
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei
wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde
von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg
vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh,
dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht
mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen
Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung
des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte
Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden
kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin
wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden
Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Bei dem von den Eltern Grams angestrengten juristischen
Marathon wegen angeblicher Ermordung ihres Sohnes, bis
hin zu einer letztlich abgewiesenen Menschenrechtsbeschwerde
an den europäischen Gerichtshof in Straßburg,
schlossen die befassten Gerichte sich mehrheitlich der
Selbstmordvariante an. Lediglich das Amtsgericht Bonn
räumte im Februar 1999 in einem Zivilrechtsprozess
ein, dass die Umstände des Todes von Grams ungeklärt
seien und "weder Selbsttäterschaft bewiesen
noch Fremdtäterschaft ausgeschlossen werden könne".
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste
getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen
Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April
1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten
Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende
Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag
auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin
von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung
sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner
Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache
ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF
aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes
Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge
zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte
Wachsamkeit beim Staatsschutz.
Lutz Jordan, AP
27.06.2003, Weser-Kurier
Pannen in der Provinz kosteten Minister das Amt
Vor zehn Jahren starben beim Anti-Terror-Einsatz
der GSG 9 in Bad Kleinen zwei Menschen
Schwerin. Die Worte passten nicht
so recht zueinander: RAF, GSG 9 Bad Kleinen. Waren
die Rote Armee Fraktion und die Grenzschutzgruppe
9 seit dem blutigen Deutschen Herbst
1977 ein Begriff, kannte das mecklenburgische 3500-Seelen-Städtchen
am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993:
Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen
RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen:
der Polizist Michael Newrzella und der Terrorist Wolfgang
Grams.
Wie sich später herausstellte, waren den Fahndern
in Bad Kleinen unglaubliche Pannen unterlaufen. Gesucht
hatten sie nach der Mörderin Birgit Hogefeld. Die
wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter aber kaum
beachtet.
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang
Grams einen weiteren Topterroristen vor sich hatten. Da
lag der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des
Provinzbahnhofes, nachdem er sich den Weg freigeschossen
und den 26-jährigen Polizisten Newrzella getötet
hatte. In auswegloser Situation so die spätere
Darstellung feuerte sich der 40-Jährige mit
seiner fast leer geschossenen Brünner schließlich
selbst eine Kugel in den Kopf.
Diese, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung
rief jedoch auch Zweifel hervor. Wie bei Meinhof, Baader
und anderen toten Mitgliedern des antifaschistischen
Widerstandskampfes blühten auch hier die Mordtheorien.
Die zu Kampfmaschinen ausgebildeten Elite-Polizisten
hätten Grams die Waffe entwunden und ihren erschossenen
Kameraden gerächt, lautete eine der Theorien.
Auch wenn an der Selbstmord-Theorie heute kaum noch Zweifel
bestehen, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre
an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das
Image der Helden von Mogadischu beschädigt.
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten weitere Folgen:
Eine Woche nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) völlig unerwartet
seinen Hut. Seiters wollte Würde und Respekt wahren,
die der damalige Generalbundesanwalt nach Ansicht vieler
Kritiker verloren hatte. Alexander von Stahl wurde zwei
Tage später von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
(FDP) entlassen.
Zehn Jahre nach dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlev Karsten
Rohwedder im Jahr 1991 konnte per Gen-Analyse der Täter
ermittelt werden. Der war da schon acht Jahre tot: Wolfgang
Grams.
Chris Melzer (dpa)
27.06.2003, Frankfurter Rundschau Hochtaunus
HINDENBURGRING
Straßenschilder aus Protest geschwärzt
BAD HOMBURG. "Unbekannte" haben
sämtliche Straßenschilder auf dem Hindenburgring
in Bad Homburg geschwärzt. Darauf wies die antifaschistische
Gruppe Bad Homburg (Antifa) gestern hin; sie wertet die
Tat als einen "Akt der Zivilcourage". Es sei
unerträglich, dass in Bad Homburg eine Straße
nach dem "militaristischen Nationalisten" und
"Steigbügelhalter des Nazi-Regimes" Hindenburg
benannt sei.
Die Antifa-Gruppe schlägt vor,
den Hindenburgring in Wolfgang-Grams-Ring umzubenennen
Sie will so an den RAF-Aktivisten Wolfgang Grams erinnern,
der vor zehn Jahren bei einem Polizeieinsatz in Bad Kleinen
unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben
gekommen ist. Dabei starb auch ein Polizeibeamter.
27.06.2003, ZDF heute-online
Der unerkannte Terrorist
Vor zehn Jahren GSG 9-Einsatz in
Bad Kleinen
Waren die Rote Armee Fraktion und die
"Grenzschutzgruppe 9" seit dem blutigen "Deutschen
Herbst" 1977 ein Begriff, kannte das Städtchen
am Schweriner See kaum jemand. Bis zum 27. Juni 1993:
Vor zehn Jahren starben bei einer Polizeiaktion gegen
RAF-Terroristen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zwei Menschen:
der Polizist Michael Newrzella und der Topterrorist Wolfgang
Grams. Er wurde zu spät erkannt.

Wie
sich später herausstellen sollte, war den Fahndern
in Bad Kleinen eine unglaubliche Panne unterlaufen. Gesucht
hatten sie nach der dreifachen Mörderin Birgit Hogefeld.
Die wurde zwar überwältigt, ihr Begleiter jedoch
kaum beachtet.
Tödlich getroffen auf den Gleisen
Spät bemerkten die Polizisten, dass sie mit Wolfgang
Grams einen weiteren Terroristen vor sich hatten. Da lag
der schon tödlich getroffen auf den Gleisen des Provinzbahnhofes,
nachdem er sich den Weg freigeschossen und den 26-jährigen
Polizisten Newrzella getötet hatte.
In auswegloser Situation - so die spätere Darstellung
- feuerte sich der 40-Jährige mit seiner fast leer
geschossenen Brünner schließlich selbst eine
Kugel in den Kopf. Die Komplizin und Lebensgefährtin
von Grams, Birgit Hogefeld, wurde festgenommen und 1996
wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung,
zweifachen Mordes und fünffachen Mordversuchs zu
lebenslanger Haft verurteilt
Zweifel an der Ereignisdarstellung
Die, von mehreren Untersuchungen untermauerte Darstellung
über den Tod Grams, rief jedoch auch Zweifel hervor.
Wie bei Meinhof, Baader und anderen toten Mitgliedern
des "antifaschistischen Widerstandskampfes"
blühten auch hier die Mordtheorien. Die zu "Kampfmaschinen"
ausgebildeten Elite-Polizisten hätten Grams die Waffe
entwunden und ihren erschossenen Kameraden gerächt,
lautete eine der Theorien.
Gestützt auch durch Angaben einer Verkäuferin
vom Bahnhofskiosk, die das Geschehen verfolgt hatte. In
einem Interview behauptete sie, einen polizeilichen Mord
beobachtet zu haben. Zudem meldete das Nachrichtenmagazin
"Der Spiegel", ihm habe sich ein Beamter der
GSG 9 offenbart, der die Aktion ähnlich schilderte.
Prozess gegen Staat und Justiz
Die deutsche Polizei zog ausländische Ermittler hinzu,
quasi als unabhängige Instanz. Die Züricher
Stadtpolizei bestätigte wie zuvor die Universität
Münster die Selbstmordtheorie. Auch zwei Wismarer
sagten aus, ein Grenzschützer habe den am Boden liegenden
Terroristen zwar mit seiner Waffe in Schach gehalten,
ein Schuss sei jedoch nicht gefallen.
Grams Eltern hielten hingegen die Exekutions-Theorie aufrecht
und prozessierten noch Jahre gegen Staat und Justiz. Bis
vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
hatte das Ehepaar gehen wollen, um eine Anklage wegen
Mordes zu erzwingen. Doch die dahin gehenden Bemühungen
blieben ohne Erfolg.
Auch wenn an der Selbstmordtheorie heute kaum noch Zweifel
bestünden, die Eliteeinheit GSG 9 brachte die Affäre
an den Rand der Auflösung. Seit Bad Kleinen ist das
Image der "Helden von Mogadischu" beschädigt.
Der Skandal: Die Pannen-Serie
Der eigentliche Skandal war aber wohl nicht Grams Tod,
sondern eher die Serie von Pannen: Die Elitepolizisten
trugen bei ihrem Einsatz in Bad Kleinen weder schusssichere
Westen noch war ihre Kommunikation ausreichend. Die Untersuchungen
offenbarten große Schwächen. Noch Tage nachdem
die Spurensicherung das Gelände "abgegrast"
hattte, fanden Passanten eine Patrone.
Jahre später kamen weitere Peinlichkeiten ans Tageslicht.
So waren in dem mecklenburgischen Städtchen an diesem
27. Juni wohl nicht nur Grams und Hogefeld, sondern weitere
Terroristen aus der Kommandoebene der dritten RAF-Generation
auf dem Bahnhof - sie entkamen unerkannt.
Seiters tritt zurück
Die Vorgänge in Bad Kleinen hatten Folgen: Eine Woche
nach dem verpatzten Polizeieinsatz nahm Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) - völlig unerwartet - seinen
Hut. Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker
sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln",
die es bei den Bundesbehörden gegeben habe.Er übernehme
die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber
nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen
getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament
Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle
weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige
Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem
Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft
gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen
Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins
Amt.
"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang
anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht
zu."
Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger
Stahl aus dem Amt
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann
auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander
von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit
wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik
entlassen.
Zur Begründung erklärte
die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger:
"Die Bedeutung seines Amtes lässt eine lang
anhaltende Diskussion um seine Amtsführung nicht
zu." Ungeachtet vielfältiger Kompetenzprobleme
drohe die anhaltende Kritik das Amt zu beschädigen.
Erst nach langen Diskussionen einigten sich Regierung
und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay Nehm, der im
Februar 1994 offiziell den Dienst begann.
Konsequenzen im Bundeskriminalamt
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hat sich das
Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft
schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen
lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter
Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard
Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte
dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über
die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass
er gelogen habe.
Auch der Leiter der Polizei-Abteilung im Innenministerium,
Wolfgang Schreiber, wurde in den Ruhestand geschickt.
Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich
und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb
in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck
haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in
Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.
Mit Material von dpa, AP
27.06.2003, ZDF
heute-online
Keine Gedenksymbole
auf dem Bahnhof
Vor zehn Jahren starben
bei der Anti-Terroraktion der Polizist Michael Newrzella
und RAF-Mitglied Wolfgang Grams
Auf dem Bahnhof des verträumten mecklenburgischen
Örtchens Bad Kleinen erinnert nichts mehr an die
Anti-Terroraktion vor zehn Jahren. Am 27. Juni 1993 starben
hier der Polizist Michael Newrzella und das Mitglied der
Roten-Armee-Fraktion (RAF), Wolfgang Grams.
Obgleich jahrelange juristische
und politische Streitereien dem missglückten Einsatz
von Bad Kleinen folgten, sind vor Ort die Erinnerungen
an die Geschehnisse inzwischen verblasst und der normale
Alltag wieder eingekehrt. Eine für den von Grams
erschossenen Polizisten angebrachte Gedenktafel auf dem
Bahnhof Bad Kleinen wurde schon wenig später demontiert.
Aus Angst vor Anschlägen
Das geschah, weil RAF-Sympathisanten ein Symbol des Gedenkens
auch für ihren Toten auf dem Bahnhof beanspruchten.
Um nicht zwischen die Fronten zu geraten und kein Ziel
möglicher Anschläge zu werden, entschied die
Unternehmensleitung der Bahn von keiner der betroffenen
Parteien Gedenksymbole auf ihrem Gelände zuzulassen.
"Das Geschehen auf unserem Bahnhof ließ in
besonders drastischer Weise das spezifische westdeutsche
Problem Terror auf den Osten durchschlagen", meint
Hans Kreher, damaliger Bürgermeister von Bad Kleinen
und heutiger Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommerns.
Das Gedenken an Newrzella wird inzwischen mit Gedenkstein
und -tafel in einem Bundesgrenzschutzobjekt in Neustrelitz
gepflegt.
Blumen zum Jahrestag
"Regelmäßig zu den Jahrestagen der Schießerei
wird am Ort des Geschehens auf Bahnsteig vier ein Blumengebinde
von Unbekannten hinterlegt", berichtet Doris Kirchberg
vom Bahn-Service in Bad Kleinen. Sie ist noch heute froh,
dass sie vor zehn Jahren im Juni in Urlaub war und nicht
mit den gewalttätigen Ereignissen konfrontiert wurde.
Anders erging es der inzwischen nicht mehr tätigen
Verkäuferin im Bahnsteigkiosk, die eine Art Hinrichtung
des verletzt auf den Gleisen liegenden Grams durch vermummte
Einsatzkräfte gesehen haben will. Die Ermittlungsbehörden
kamen indes zu dem Schluss, dass sich Grams selbst richtete.
Die Glaubwürdigkeit der geschockten Verkäuferin
wurde, genau wie ähnliche Aussagen eines reisenden
Rentners, von Staatsanwaltschaft und Gerichten bezweifelt.
Wachsamkeit beim Staatsschutz
Der Name Wolfgang Grams ist der letzte in einer Liste
getöteter RAF-Mitglieder, die von der linksradikalen
Organisation im Zuge ihrer Selbstauflösung im April
1998 veröffentlicht wurde. Kurz vor seinem zehnten
Todestag machte in der Nacht zum 11. Juni eine "Kämpfende
Brigade Wolfgang Grams" mit einem versuchten Brandanschlag
auf Bundeswehrfahrzeuge im Kreiswehrersatzamt Schwerin
von sich reden.
Bereits im September vergangenen Jahres hatte diese Gruppierung
sich zu zwei ähnlichen Versuchen auf Autos der Schweriner
Bereitschaftspolizei bekannt. "Wir nehmen die Sache
ernst, gehen aber nicht von einer Wiederbelebung der RAF
aus", betont ein Sprecher des Landeskriminalamtes
Mecklenburg-Vorpommern. Die dilettantischen Anschläge
zeigten nicht die RAF-Handschrift, trotzdem herrsche erhöhte
Wachsamkeit beim Staatsschutz.
Donnerstag, 26. Juni 2003, n-tv
10
Jahre danach
Das Desaster von Bad Kleinen
Bad Kleinen - seit dem 27. Juni
1993 steht die kleine mecklenburgische Gemeinde als Synonym
für eine missglückte Anti-Terror-Aktion und
zugleich für einen politischen Skandal ersten Ranges.
Unmittelbar nach dem Zugriff der GSG 9 auf die RAF-Terroristen
Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams vor zehn Jahren sprach
Generalbundesanwalt Alexander von Stahl noch stolz vom
"ersten Erfolg gegen die RAF seit sieben Jahren"
- und das, obwohl bei dem Einsatz der Polizeibeamte Michael
Newrzella und der Terrorist Wolfgang Grams im Kugelhagel
starben.
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Zugriff als
polizeitaktisches Desaster. Binnen Tagen entwickelte sich
die Angelegenheit zudem zu einer politischen Affäre.
Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und das Innenministerium
in Bonn lieferten entweder gar keine Informationen, Fehlinformationen
oder widersprüchliche Informationen. Steckte hinter
dem "absoluten Nahschuss" in den Kopf, an dem
Grams starb, ein Selbstmord, ein Unfall oder gar eine
gezielte Hinrichtung?
Seiters trat zurück
Tage- und wochenlang war Politikern und der Medienöffentlichkeit
nicht klar, was sich wirklich auf dem Bahnhof zugetragen
hatte. Die Konsequenz: Nicht einmal zwei Wochen vergingen,
da waren der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters
und auch Generalbundesanwalt von Stahl ihre Jobs los.
Seiters trat am 4. Juli zurück. Der CDU-Politiker
sprach von "offensichtlichen Fehlern und Koordinationsmängeln",
die es bei den Bundesbehörden gegeben habe. Er übernehme
die politische Verantwortung, sich selbst habe er aber
nichts vorzuwerfen. Er habe weder falsche Entscheidungen
getroffen noch der Öffentlichkeit oder dem Parlament
Informationen vorenthalten, erklärte er. Er wolle
weder sich noch seiner Familie eine "unwürdige
Diskussion" zumuten, wer in dieser Angelegenheit
wem Verantwortung zuschiebt "oder wer an welchem
Amte festhält".
Seiters Haltung wurde von Parteifreunden als ehrenhaft
gelobt, Ersatz war aber schnell gefunden: Schon einen
Tag später rief der damalige Bundeskanzler Helmut
Kohl den hessischen CDU-Politiker Manfred Kanther ins
Amt.
Von Stahl wurde rausgeschmissen
Wenige Tage später, am 7. Juli, erwischte es dann
auch den damals 55-Jährigen Generalbundesanwalt Alexander
von Stahl (FDP). Er wurde nach dreijähriger Amtszeit
wegen der Pannen und mangelhafter Informationspolitik
geschasst.
Zur Begründung erklärte die damalige Justizministerin
Leutheusser-Schnarrenberger: "Die Bedeutung seines
Amtes lässt eine lang anhaltende Diskussion um seine
Amtsführung nicht zu." Ungeachtet vielfältiger
Kompetenzprobleme drohe die anhaltende Kritik das Amt
zu beschädigen. Erst nach langem Gezerre einigten
sich Regierung und SPD-Opposition auf den Nachfolger Kay
Nehm, der im Februar 1994 offiziell den Dienst begann.
Zweifel bis heute
Laut Abschlussbericht der Bundesregierung hatte sich das
Bundeskriminalamt im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft
schwere Versäumnisse und Fehler zu Schulden kommen
lassen. Doch personelle Konsequenzen gab es nur auf nachgeordneter
Ebene. So wurde der Vizepräsident des BKA, Gerhard
Köhler, ins Bundesinnenministerium versetzt. Er hatte
dem Innenausschuss des Bundestags zwei Versionen über
die Vorgänge vorgelegt, woraus die FDP schloss, dass
er gelogen habe. Auch der Leiter der Polizei-Abteilung
im Innenministerium, Wolfgang Schreiber, wurde in den
Ruhestand geschickt.
Trotz oder wegen der Personalwechsel und neuer nachträglich
und stückweise ans Licht gekommener Tatsachen blieb
in Teilen der Öffentlichkeit bis heute der Eindruck
haften, dass die ganze Wahrheit über das, was in
Bad Kleinen geschah, nie ans Licht gekommen ist.
Torsten Holtz, AP
25.06.2003,
jungle world Nr. 27
Der Innenminister musste zurücktreten,
der Generalbundesanwalt wurde versetzt. Warum eigentlich?
Wolfgang Grams soll sich doch selbst erschossen haben.
So zumindest lautet die offizielle Version der Ereignisse
vor zehn Jahren auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Eine
Wiederbegegnung mit dem Ort, der nichts zu bieten hat
außer der Erinnerung an ein totes RAF-Mitglied.
Hier werden Terroristen erschossen
Vor zehn Jahren starb Wolfgang
Grams, Birgit Hogefeld wurde festgenommen. In Bad Kleinen
können sich alle genau an den Tag erinnern. Von Selbstmord
spricht keiner. von martin kröger, bad kleinen
Auf dem Bahnhof von Bad Kleinen findet
sich kein Hinweis mehr darauf, was hier vor zehn Jahren
geschah.
Am 27. Juni 1993 war Wolfgang Grams, ein
Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), bei einem Polizeieinsatz
von mehreren Kugeln so schwer verletzt worden, dass er
wenig später im Universitätsklinikum in Lübeck
starb. Die Hauptursache für den Tod war nach offizieller
Darstellung ein aufgesetzter Kopfschuss, den sich Wolfgang
Grams, schon durch mehrere Schüsse schwer verletzt
im Schotterbett des Gleises 4 liegend, selbst beigebracht
haben soll. Ein zweites Mitglied der RAF, Birgit Hogefeld,
war Augenblicke zuvor in der Unterführung, die die
Bahnsteige verbindet und zum Ausgang führt, festgenommen
worden.
Heute ist die Unterführung, die ursprünglich
mal ein ziviler Luftschutzbunker war, frisch gestrichen,
Graffiti sind mit grauer Farbe übertüncht. Eine
Gedenktafel, die FreundInnen von Wolfgang Grams nach einer
Demonstration 1993 angebracht hatten, wurde noch in derselben
Nacht wieder entfernt. Nur ein Hinweisschild der Deutschen
Bahn, das Versammlungen im Bahnhof verbietet, fällt
auf.
Am Bahnsteig 3/4
"Nein, ich bin die Dame nicht."
Die Verkäuferin im Kiosk auf dem Bahnsteig 3/4 reagiert
sichtlich genervt auf die Frage, ob sie hier schon vor
einem Jahrzehnt gearbeitet habe. Nachdem sie sich in die
hinterste Ecke ihrer Imbissbude zurückgezogen hat,
bringt sie immerhin hervor, dass sie es nicht mehr ertragen
kann, ständig mit der damaligen Angestellten verwechselt
zu werden. Die ganze Aufregung kann sie sowieso nicht
verstehen: "Aus diesem läppischen Vorfall wird
so ein Drama gemacht." Ab und zu kämen noch
Journalisten vorbei, in letzter Zeit aber zusehends weniger,
und außer ein paar Reisenden, die sich gelegentlich
für den Tod von Wolfgang Grams interessierten, hätten
doch die meisten vergessen, was hier passiert sei.
Der Bekanntheitsgrad ihrer Vorgängerin
Joanna Baron hatte sich nach dem 27. Juni 1993 schlagartig
erhöht. In ihrer Bude sitzend, wurde sie unfreiwillig
Zeugin der Operation Weinlese, wie die Grenzschutzgruppe
9 (GSG 9) ihren Einsatz nannte. Nicht einmal 15 Meter
von dem Verkaufsstand entfernt endet der Aufgang aus der
Unterführung zum Bahnsteig 3/4. Genau diesen Weg
schlug Wolfgang Grams ein, als er bemerkte, dass sich
vermummte Einsätzkräfte auf ihn stürzen
wollten. Diesen Fluchtweg sollte Wolfgang Grams einschlagen,
vermuten andere, da alle anderen Ausgänge aus der
Unterführung ins Freie versperrt waren.
Was nach der darauf folgenden Schießerei
geschah, beschrieb Joanna Baron, die Bad Kleinen bald
verließ, weil sie bedroht und geschmäht wurde,
so: "Dann traten zwei Beamte an den reglos daliegenden
Grams heran. Der eine Beamte bückte sich und schoss
aus nächster Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei
sah der schon wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf
und schoss, aus nächster Nähe, wenige Zentimeter
vom Kopf des Grams entfernt. Dann schoss auch der zweite
Beamte auf Grams, aber mehr auf den Bauch oder die Beine.
Auch der Beamte schoss mehrmals." Ihre Aussage sorgte
damals für Furore. Hatte "die wichtigste Zeugin
der Nation", wie der Spiegel sie nannte, beobachten
können, dass der Staat seine Gegner gezielt ermordete?
Im Wesentlichen gestützt wurde ihre
Aussage damals von einem anonymen Zeugen des Bundeskriminalamts
(BKA), der an dem Einsatz in Bad Kleinen beteiligt war.
Dieser sagte dem Spiegel: "Ein Kollege von der GSG
9 hat aus einer Entfernung von Maximum fünf Zentimetern
auf Grams gefeuert." Der Zeuge, der sich nie den
Staatsanwälten offenbarte, resümierte: "Die
Tötung des Herrn Grams gleicht einer Exekution."
Der schlimmste Fall für die Regierung
war eingetreten: "Polizeidebakel ohnegleichen",
"Das Fiasko von Bad Kleinen", "Der Höhepunkt
unter den nachkriegsdeutschen Polizeipannen" - die
bürgerlichen Medien übertrafen sich. Im "größten
innenpolitischen Skandal seit Bestehen der Bundesrepublik"
war für ein paar Wochen die Glaubwürdigkeit
der Regierung unter Helmut Kohl in Frage gestellt.
Um die Reputation Deutschlands wiederherzustellen,
mußten Rücktritte her. Der damalige Bundesinnenminister
Rudolf Seiters (CDU) übernahm die politische Verantwortung
für Bad Kleinen und trat zurück, der Generalbundesanwalt
bei der Bundesanwaltschaft (BAW), Alexander von Stahl,
wurde in den Ruhestand versetzt, weitere Beamte des BKA
und des Bundesinnenministeriums wurden entlassen oder
in Rente geschickt.
Der V-Mann
Nachdem die ErmittlerInnen der Bundesanwaltschaft
und des BKA in Bezug auf die RAF jahrelang im Dunkeln
getappt waren, hatten die Informationen eines V-Mannes
des Verfassungsschutzes, Klaus Steinmetz, zum Einsatz
in Bad Kleinen geführt. Steinmetz war es als langjährigem
Aktivisten in der autonomen Szene des Rhein-Main-Gebietes
gelungen, Kontakt zur RAF und zu Birgit Hogefeld aufzunehmen.
Bereits einige Tage vor dem Sonntag, den Wolfgang Grams
nicht überleben sollte, hatten sich Steinmetz und
Hogefeld in Bad Kleinen getroffen. Sie verbrachten die
Zeit bis zum 27. Juni im benachbarten Wismar. Bereits
da überlegten BAW und BKA zuzuschlagen. Doch wurde
der Zugriff durch die per Wanze abgehörte Ankündigung
Hogefelds, es kämen noch weitere Freunde hinzu, verzögert.
Ein größerer Schlag schien möglich.
Nachdem Wolfgang Grams in Bad Kleinen
eingetroffen war, gingen die drei zunächst in der
Bahnhofsgaststätte "Billardcafé"
essen. Hier verzichteten die Einsatzkräfte auf einen
Zugriff, vorgeblich weil ZivilistInnen hätten gefährdet
werden können. Zur besagten Zeit waren allerdings
nur zwei weitere zivile Personen, aber schon mehrere verdeckte
ErmittlerInnen in der Gaststätte.
Erst in der Unterführung griff die
GSG 9 an. Hogefeld und Steinmetz, die hinter Grams gingen,
wurden festgenommen. Grams konnte in Richtung des Bahnsteigs
fliehen. Im Verlauf des Schusswechsels zwischen Grams
und den nachsetzenden Männern der GSG 9 starb der
Beamte Michael Newrzella durch mehrere Schüsse, ein
Kollege von ihm wurde ebenfalls verletzt.
Der Einsatzleiter des BKA, Rainer Hofmeyer,
der jedes Wort zwischen Grams und Hogefeld belauschte
und den Einsatz von Wiesbaden aus koordinierte, sagte
damals: "Wir haben von der GSG 9 her keine Darstellung,
keinen Verlaufsbericht. Da laufen ja auch die üblichen
Todesermittlungsverfahren. Hier gab es dann einen Schusswechsel.
Ich weiß nicht, wie nahe man dran war oder wie weit
weg. Dabei lag letztlich Herr Grams tot auf den Gleisen.
Das ist die Situation."
Außer der Zeugin Baron und dem anonymen
BKA-Beamten will niemand etwas gesehen haben. Den angeblichen
Selbstmord bezeugte bis heute niemand, die Bundesregierung
verhängte eine Nachrichtensperre. Black Box BRD:
das totale Schweigen.
Neun Monate später bestätigte
der Abschlussbericht der Bundesregierung zu Bad Kleinen
die Selbsttötungsversion - aus Mangel an gegenteiligen
Beweisen. Der Kommentar des neuen Innenministers Manfred
Kanther (CDU) lautete lapidar: "Die letzte Version
ist immer die gültige."
Schon vorher waren die Ermittlungsverfahren
gegen die beteiligten GSG 9-Beamten aufgrund der Mordvorwürfe
eingestellt worden. Die in die Kritik geratenen Dienste
und Sondereinheiten wurden rehabilitiert, ihre Kompetenzen
und Einsatzbereiche teilweise sogar erweitert. Stimmen,
die forderten, die GSG 9 aufzulösen, wie sie kurz
nach dem Fall laut wurden, verstummten.
Die Pannen
Auf dem Bahnhofsvorplatz von Bad Kleinen
hat sich eine Gruppe von RentnerInnen aus Schwerin nach
einer Radtour um den Schweriner See unter einem großen
Baum niedergelassen. "Stimmt, hier ist doch der -
wie hieß er noch? - ach ja, Grams ermordet worden."
Es entwickelt sich eine angeregte Diskussion unter den
RadtouristInnen über die damalige Informationspolitik
der Bundesregierung. Da seien doch Beweise systematisch
vernichtet worden.
In der Sprache der Bundesregierung handelte
es sich dabei jedoch um Pannen während der Ermittlungsarbeiten.
Doch hinter diesen vermeintlichen Pannen der BeamtInnen
der GSG 9 und des BKA steckte System. So reinigten beispielsweise
Kräfte des BKA die Leich