Materialien / Archiv
Presseerklärung von Libertad,
Frühjahr 1995
Zum Prozeß gegen Birgit
Hogefeld
Seit dem 15.11.1994 findet vor dem Oberlandesgericht
(OLG) Frankfurt der Prozeß gegen Birgit Hogefeld
statt. Delegierte von Libertad! werden den Prozeß
vom 28.03. bis zum 11.04.95 besuchen und darüber
berichten.
Die Initiative Libertad! wurde gegründet,
um mit der Kampagne für einen Internationalen Kampftag
"Freiheit für alle politischen Gefangenen weltweit"
den Widerstand von politischen Gefangenen überall
auf der Welt zu unterstützen.
Birgit Hogefeld war in der Stadtguerillaorganisation
RAF (Rote Armee Fraktion) von 1984 bis zu ihrer Verhaftung
1993 organisiert. Darum ist sie wegen Mitgliedschaft in
der RAF und mehreren Aktionen aus diesem Zeitraum (Sprengstoffanschlag
auf die US-Airbase Frankfurt 1985 und in dem Zusammenhang
die Erschießung der US-Soldaten Pimental, Anschlag
auf den damaligen Finanzstaatssekretär Tietmeyer
1987, Sprengung des Knastneubaus Weiterstadt 1993) angeklagt.
Aus diesen Anklagepunkten wird deutlich, daß in
diesem Prozeß auch 10 Jahre Geschichte der RAF abgeurteilt
werden sollen und damit auch 10 Jahre politischer Kampf
der radikalen Linken in der BRD, von der die RAF Teil
ist. Ein Kampf, den auch wir, die wir uns in der Initiative
Libertad! zusammengeschlossen haben, geführt haben
und weiterführen werden.
Birgit Hogefeld ist außerdem wegen
der Umstände ihrer Verhaftung in Bad Kleinen 1993
angeklagt: Am 27. Juni 1993 kam es zwischen ihrem Genossen
Wolfgang Grams und der Bundesgrenzschutzeinheit GSG 9
auf dem Bahnsteig in Bad Kleinen zu einem Schußwechsel,
bei dem Wolfgang Grams angeschossen und mutmaßlich
von der GSG 9 per Kopfschuß hingerichtet worden
ist. Dabei wurde auch ein Beamter der GSG 9 getötet.
Obwohl Birgit Hogefeld zum Zeitpunkt der Schießerei
bereits gefangengenommen und lag gefesselt war, ist sie
des Mordes und des 6fachen Mordversuchs angeklagt.
Zusammen mit ihr wurde der Verfassungsschutzagent
Klaus Steinmetz aus Wiesbaden festgenommen, dann aber
wieder freigelassen. Durch seinen Verrat war diese polizeilich-geheimdienstliche
Operation erst möglich geworden.
Zwei Genossinnen aus unserer Initiative
waren u.a. deshalb inhaftiert. Eine hat bei ihrer Zeugenvorladung
die Aussage verweigert und kam deshalb mit einer weiteren
Genossin in Beugehaft. Die andere wurde verhaftet, weil
die Bundesanwaltschaft (BAW) behauptet, sie habe Kontakte
zur RAF und vertrete öffentlich politische Positionen
der RAF. Alle sind inzwischen - letztere gegen Auflagen
- wieder frei.
Die Ereignisse von Bad Kleinen machten
Schlagzeilen. Eine öffentliche und unabhängige
Untersuchung fand jedoch nicht statt. Die Bundesregierung
sagte: äSelbstmord!ô und Punkt und Basta. Im
laufenden Verfahren gegen Birgit Hogefeld soll die staatliche
Version dieser Ereignisse juristisch und im öffentlichen
Meinungsbild festgeschrieben werden.
Auch der Prozeß gegen Birgit Hogefeld
ist geprägt von den Sonderbedingungen eines Verfahrens
nach §129a (Mitgliedschaft in, Unterstützung
von, Werbung für eine terroristische Vereinigung).
Der in den 70er Jahren gegen die radikale
linke Opposition eingeführte §129a ermöglicht
zum einen die Verhängung der Isolationshaftbedingungen,
zum anderen eine erhebliche Einschränkung von VerteidigerInnenrechten.
So wie sich die Lage darstellt, gehen wir davon aus, daß
Birgit Hogefeld zu äLebenslänglichô verurteilt
werden wird.
Libertad! vertritt, daß die Menschenrechte
erkämpft werden müssen. Sie sind nicht gegeben
und werden uns nicht geschenkt.
Die Empörung nach äBad Kleinenô
hielt nicht lange an und die Finger verbrennen wollte
sich niemand. Die Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission
kam nie über die Recherche hinaus. Das folgenlose
Fordern unabhängiger Untersuchungen (gelegentlich
einhergehend mit Beteuerungen, daß diese Republik
nicht "Chile" sei) zeugt von der Angst vor der
Erkenntnis, welche Kräfte diese Bundesrepublik treiben
und führen. Es hatte niemand "chilenische Verhältnisse"
behauptet, aber die Assoziationen führten dahin.
Schon als es 1976 und 1977 um den Tod von Gefangenen in
Stammheim und Stadelheim ging, war es das Hauptinteresse
einer überwältigenden Anzahl von links oder
liberal Genannten, das angekratzte Bild der Bundesrepublik
aufzupolieren. Ein Journalist hat das 1977 wie folgt charakterisiert:
"wenn ihr den Rechtsstaat reizt, verliert er die
Contenance. Wenn er die Contenance verliert, wird er gefräßig.
Wenn er gefräßig wird, frißt er uns-
die Linke- auf. Oder: schlafende Hunde soll man nicht
wecken."
Im Verhältnis Staat - Opposition
haben deutsche DemokratInnen und Linke selten Selbstbewußtsein
bewiesen. Wenn das äUngeheuer Staatô hervorkam,
wurde auf Verdrängung geschaltet. Bei "Bad Kleinen"
ist die Empörung und die Skandalsuche wieder dem
Schweigen gewichen, als klar war, daß die Bundesregierung
die politische Verantwortung übernimmt und damit
jede Kritik mit der Staatsraison zu tun bekommen wird.
Diese Lektion ist in der (kritischen) Öffentlichkeit
von Ost wie West gefressen worden und in den Medien wurde
die staatliche Untersuchungsversion als die "letzte,
gültige Version" übernommen.
Es war lange Zeit Konsens weit über
die radikale Linke hinaus, daß Widerstand ein Menschenrecht
ist. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Selbst wenn
es um antifaschistischen Widerstand geht, der bis in die
bürgerliche Öffentlichkeit hinein eine besondere
Rechtfertigung aus der Geschichte des Nationalsozialismus
gehabt hat.
Heute gilt auch hier der Reflex: Distanzierung
von denjenigen, die sich wehren bis hin zum Verständnis
für diejenigen, deren Treiben wenigstens für
einen Moment Einhalt geboten wurde. So geschehen und zu
beobachten beim Prozeß gegen die kurdischen, türkischen
und deutschen AntifaschistInnen in Berlin, die um ihr
Recht auf Widerstand gekämpft haben.
Wir haben unsere Initiative auch gegründet,
um die nationale Enge und politische Beschränktheit
in der Diskussion um die politischen Gefangenen zu durchbrechen.
In der BRD gibt es nicht nur die Gefangenen aus der RAF.
Es ist klar, sie alle müssen raus, die kranken und
haftunfähigen Gefangenen sofort und bedingungslos.
Es muß endlich Schluß sein mit der Tortur
der Isolationsfolter, die zur Zeit am härtesten gegen
kurdische politische Gefangene angewendet wird. Denn die
politischen Gefangenen in der BRD kommen mehr und mehr
aus anderen Bewegungen, als aus denen der vergangenen
10 oder 20 Jahre und die Mehrheit ist anderer Nationalität.
Die Inhaftierung von über 200 kurdischen
Frauen und Männern, die den Widerstand gegen den
Völkermord in Nordwest-Kurdistan und die Komplizenschaft
der deutschen mit der türkischen Republik organisiert
haben, ist eine Rückwirkung weltweiter Unterdrückung.
Sie alle, genau wie die Gefangenen aus
anderen Widerstands- und Befreiungsprozessen als auch
die vielen gefangenen MigrantInnen, sind diejenigen, deren
Rechte international erkämpft werden müssen.
Ihre Rechte sind unsere Rechte, ihr Anliegen ist unser
Anliegen. Praktische Solidarität wird dafür
ein wesentlicher Bestandteil sein. Es gab z.B. die Bereitschaft
von internationalen Organisationen und Persönlichkeiten,
an einer unabhängigen Untersuchungskommission zur
Aufklärung der Erschießung von Wolfgang Grams
und der Umstände von äBad Kleinenô teilzunehmen.
Die zu geringe Resonanz in Deutschland war das Problem.
Wir werden den Kampf gegen repressive
Entwicklungen und Menschenrechtsverletzungen in die eigenen
Hände nehmen müssen. Es ist Sache, wieder ein
Teil der Lösung von Problemen zu werden.
Freiheit für alle politischen Gefangenen
weltweit!
Für den Initiativkreis "Libertad!"