Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2003,
Nr. 141, S. 62
Ein Schritt ins Innere des Schmerzes
Rauschen, Wummern, Brummen, Pfeifen:
Eine Installation in der U-Bahn-Station Merianplatz
Schon auf der Rolltreppe ist es deutlich zu hören:
das Dröhnen. Ein Rauschen, Wummern, Brummen, Pfeifen
dringt aus diesem kleinen kahlen Raum tief unten in der
U-Bahn-Station Merianplatz. Durch das kleine Fenster fällt
der Blick auf eine PA-Anlage, man sieht die Bässe
flattern, die Warnlichter aufleuchten, doch die Sicherungen
halten. Sonst Leere: Ein Waschbecken, ein Spiegel, ein
Seifenspender, schmutziger Linoleumboden, lose Deckenpaneele.
Ein vergessener Raum, vollgestopft mit nichts als Lärm,
der gedämpft auf den Bahnsteig dringt. Das ist alles.
Und ein Schild: "RAF (1970-1998)".
Kein Denkmal, eine Erinnerung ist diese
Installation des Frankfurter Komponisten, Musikers und
Mitbegründers des Künstlerkollektivs TEXTxtnd,
Christoph Korn, die er als Teil der von der Initiative
"inter.art" ins Leben gerufenen und mit Unterstützung
der Verkehrsgesellschaft Frankfurt realisierten Ausstellungsreihe
"Testbetrieb" geschaffen hat. Eine Erinnerung,
die weh tun soll, ist diese Installation, deren Stärke
die Offenheit ist. Ein Raum, den zu betreten nicht möglich
ist, als wäre es ein Schritt ins Innere des Schmerzes.
Fast 30 Jahre deutscher Nachkriegsgeschichte stehen in
diesen Klammern des Titels, viele Tote, Terror, Trauer
und Leid. "Love + peace" hat jemand vermutlich
schon vor Jahren auf den Rahmen des Fensters gekritzelt,
damals, als das Wünschen noch geholfen hat.
Es klingt wie ein vorauseilendes Echo.
Der von der RAF propagierte bewaffnete Kampf gegen die
Verhältnisse ist nicht zuletzt ein Trauma der Linken.
Schaut man durch diese Scheibe in den nackten Raum, kehren
unwillkürlich längst verblaßte Bilder
wieder, wie sie auch den 1965 geborenen Korn über
Jahre begleitet haben mögen. Flackernde Fernsehbilder,
tief eingegraben im kollektiven Gedächtnis, die auch
von Isolation zu sprechen beginnen angesichts dieses von
infernalischem Lärm angefüllten Raumes, aus
dem alles gedämpft, wie von fern nach außen
dringt. Eine Generation, die mit diesen Bildern aufgewachsen
ist: "Tagesschau" - Jürgen Ponto, Hanns-Martin
Schleyer unter dem Stern, Alfred Herrhausen, aber auch:
Zwangsernährung, Stammheim, Ulrike Meinhof.
Und Wolfgang Grams. Gerade hier, am Bahnsteig,
wo der Wind durchfährt, mit dem sich alle paar Minuten
ein neuer Zug ankündigt. "Die Stadtguerrilla
in Form der RAF ist nun Geschichte", hieß es
im Auflösungsschreiben von 1998 lapidar. Die gesellschaftliche
Wunde, für die das Kürzel "RAF" stehen
mag, schwelt weiter, das zeigt nicht nur der Erfolg eines
Films wie Andreas Veiels "Blackbox BRD". Zu
viele Tote. Die RAF ist Geschichte. Doch die Polizei
hat schon nachgefragt bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt,
was denn da vor sich gehe: Auf einer "einschlägigen"
Internetseite hatte jemand auf die Vernissage hingewiesen.
Das Stichwort "RAF" löst offenbar immer
noch Automatismen aus. Hier wie dort. Es dröhnt,
es rauscht, es pfeift, bedrohlich und nervtötend,
ohne Unterlaß.
CHRISTOPH SCHÜTTE
Bis 14. Juli auf der Ebene D der
U-Bahn-Station Merianplatz
Ein Interview mit dem Künster
befindet sich in der "so
oder so" Nr. 13 vom Frühjahr 2004