Aufrufe und Texte der InitiatorInnen
Interview
Zehn jahre nach Bad Kleinen
neue Debatte um politische Repression?
jW sprach mit einem Mitglied
der Gruppe Libertad!
F: Sie haben mit anderen Gruppen die Initiative »Zehn
Jahre nach dem Tod von Wolfgang Grams« ergriffen,
um eine Diskussion über den Fall in der Linken anzustoßen.
Die RAF ist schon lange aufgelöst: Warum also noch
diese Initiative?
Zum einen soll an den Tod eines Genossen
erinnert werden und daran, daß er wie andere
vor und nach ihm durch Polizeikugeln ums Leben
kam. Zum anderen wollen wir der staatlichen Geschichtsschreibung
Akzente entgegensetzen. In den letzten Jahren wird versucht
die bürgerliche Version der 25jährigen Geschichte
des bewaffneten Kampfes zu festigen. Unsere Initiative
will andere Sichtweisen zur Diskussion stellen. So wird
auch das Thema der politischen Gefangenschaft thematisiert.
Noch immer sitzen heute Menschen in deutschen Knästen,
die in der RAF organisiert waren. Trotz der Selbstauflösung
1998 hat sich am staatlichen Interesse, diese Gefangenen
so lange wie nur möglich einzusperren, nichts geändert.
F: Die Initiative ist zeitlich an den
Todestag von Wolfgang Grams am 27. Juni gebunden. Besteht
nicht die Gefahr, daß die Diskussion danach schnell
wieder verebbt?
Die Diskussionsanstöße nach
Bad Kleinen 1993 sind tatsächlich kaum aufgegriffen
worden, und eine neue Diskussion ist auch heute nicht
zu erwarten. Nichtsdestotrotz verlangt staatliche Repression
weiterhin praktische Solidarität. Dabei sehen wir
aktuelle Anknüpfungspunkte für eine neue Debatte:
Gerade die Generation der 20- bis 30jährigen fährt
heute zu internationalen Gipfel-Events mit teilweise militantem
Charakter...
F: ... deren politisches Umfeld aber auch
für neue Inhalte steht.
Aber die Beispiele Göteborg und Genua
zeigen, daß auch Teile dieser Bewegung von Knast
bedroht sein können. Derzeit sind in Deutschland
drei Magdeburger inhaftiert, die sich mit anderen im »Autonomen
Zusammenschluß« organisiert haben. Ihnen wird
vorgeworfen, eine terroristische Vereinigung gegründet
zu haben. Eine wichtige Rolle im Rahmen des Ermittlungsverfahrens
spielt dabei die Diskussion über Militanz, die Bezüge
zu einer Politik herstellt, für die auch Wolfgang
Grams stand. Die Mauern zwischen den Gefangenen und uns
können wir durch aktuelle Debatten durchlässiger
machen, indem wir die Genossinnen und Genossen drinnen
zum Teil der Auseinandersetzungen draußen machen.
F: Der offiziellen Version nach hat Wolfgang
Grams vor zehn Jahren Selbstmord begangen. Wollen Sie
diese Version erneut in Abrede stellen?
An die staatliche Selbstmordversion
glaubt doch eh keiner. Die Vertuschungen, Verdrehungen
und Lügen nach dem 27. Juni 1993 von Seiten der Behörden
und der Bundesregierung sind vielen noch in Erinnerung.
Auch in bürgerlichen Medien wird häufig ganz
offen von der Erschießung Wolfgang Grams gesprochen.
Bad Kleinen wird mit einer Kritik am staatlichen Vorgehen
verbunden bleiben.
Erscheinungsdatum: 28.06.2003