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Zur Mythenbildung nicht geeignet

"Irgendwie ist es brutal, du wirst völlig abgeschnitten" - Irmgard Möller im Gespräch mit Dagmar Brunow und Luka Skywalker über Geschichtsschreibung, Klischees, Männerbilder, Punk und die RAF im Film.
Hamburg, November 2002

(Dieser Artikel erschien in "Testcard. Beiträge zur Popgeschichte", Ausgabe 12, Mai 2003)

Irmgard Möller wurde im Juli 1972 im Alter von 25 Jahren verhaftet. 1976 wurde sie wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Widerstands gegen die Staatsgewalt, Urkundenfälschung und unerlaubten Waffenbesitzes zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Statt der bevorstehenden Freilassung Anfang 1977 wurde im Dezember 1976 ein neuer Haftbefehl gegen Irmgard Möller ausgestellt.
Als einzige hat sie die sog. "Todesnacht" zum 18. Oktober 1977 von Stammheim überlebt, bei der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ums Leben kamen. Selbst überlebte sie schwerverletzt durch mehrere Messerstiche, von denen einer nur knapp das Herz verfehlte. 1979 wurde sie wegen der Beteiligung an einem Bombenanschlag auf das US-Hauptquartier in Heidelberg, bei dem drei GIs ums Leben kamen, zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf politischen Druck von außen wurde die schwerkranke Irmgard Möller 1994 aus der Haft entlassen - nach 22 Jahren, 4 Monaten und 21 Tagen.
Dem Mythos, dass sich 3 Mitglieder der RAF in Stammheim selbst umgebracht haben, weil sie am Ende waren, steht Irmgard Möller als Überlebende gegenüber. Was Irmgard Möller zu sagen hat, wollen viele nicht hören, weil es zur Mythenbildung einfach nicht geeignet ist.

Testcard: Die RAF erfährt ja gerade eine ungeheure Popisierung: es gibt T-Shirts mit dem RAF-Emblem, Modestrecken in Tussi Deluxe, Baader wird im Kino zur Pop-Ikone stilisiert. Deshalb, exklusiv für die testcard, eine Pop-Frage: Wie habt ihr eigentlich Punk im Knast mitbekommen?

Irmgard Möller: Zuerst nur über die Zeitung. Weil ich kein Radio hören konnte. Aber in den Achtzigern, als ich in der JVA Lübeck saß, haben uns dann FreundInnen Listen gegeben mit Plattentiteln, zum Beispiel THE CLASH, DEAD KENNEDYS oder GANG OF FOUR, und dann mussten wir die Justizbeamten einkaufen schicken. Das Kontingent war begrenzt. Ich glaube, es gab so zehn Platten im Jahr und die haben wir dann immer gehört, von morgens bis abends.

Hast du die Platten noch?

Ja, aber die sind total verkratzt und abgenudelt. Einen Saphir kannst du ja auch nur alle zehn Jahre kaufen.

Hattet ihr keine Tapes?

Ich hatte 1980 nach Lübeck einen Kassettenrekorder aus Stammheim mitgebracht, der wurde mir aber abgenommen. Als ich rauskam, hab ich ihn dann wiederbekommen. Und die ganzen Kassetten waren kaputt, die waren voller Mäusedreck. Jedenfalls haben wir so lange gezerrt, bis wir einen Plattenspieler bekommen haben. Aber das hat einige Jahre gedauert. Der wurde dann noch umgebaut und unten durchsichtig gemacht.

Und Radio?

Ab 1980 hatte ich dann wieder eins, das auch einen Lautsprecher hatte und ab Mitte der Achtziger auch UKW.

Und vorher konntest du nur Mittelwelle oder Langwelle hören? Hast du John Peel gehört?

An John Peel kann ich mich nicht erinnern. Musiksendungen im Radio waren eh eine Qual. Das war kein Genuss, weil es immer so krächzte. Das waren ja keine Apparate mit guter Tonqualität. Ich hab mehr Wortbeiträge und Hörspiele gehört .
Die Bedingungen sind auch von Knast zu Knast verschieden. In Ossendorf hatten sie schon früh CDs, aber bei Brigitte [Mohnhaupt] in Aichach sind noch heute weder Plattenspieler noch Kassettenrekorder erlaubt, und auch keine CD-Player.

Und wie war das mit Büchern?

Wir haben von draußen auch Tipps bekommen oder sind selber beim Lesen auf etwas gestoßen. Dann mussten wir das beantragen. Wenn es genehmigt wurde, mussten wir Büchermarken beantragen, die dann an die Buchhandlung geschickt wurden. Die durfte daraufhin ein Paket schicken mit der Genehmigungsmarke oben drauf. Die Bücher wurden beim Eingang darauf geprüft, ob sie gebraucht sind, da wurde jedes Blatt untersucht. Wenn da ein Eselsohr drin war, wurde das Buch konfisziert. Die mussten absolut nagelneu sein. Kein Besucher durfte einfach mal von zu Hause ein Buch mitbringen, nach dem Motto "hey, geb ich dir mal", das war absolut verboten.

Ist das eigentlich immer noch so?

In manchen Knästen sind die Regeln noch härter: da dürfen die Gefangenen die Bücher nicht geschickt kriegen, sondern müssen die Bücher selber bezahlen - so wie wir die Platten bekommen haben - in einer bestimmten Buchhandlung des Ortes. Da muss immer ein Konto sein, da muss immer Bargeld sein und dann werden die von einer Oberwachtmeisterin gekauft.

Es gab ja auch Knastbibliotheken, aber da war es wohl kaum möglich, so eingehend zu einem Thema zu forschen wie du es zur Zeit über Israel-Palästina betreibst. Gab es so etwas wie Fernleihe?

Das war absolut verboten. Knastbibliotheken sind sehr verschieden. Ich war in Nürnberg, Anfang der Siebziger, da gab es nur so Nazizeugs. In den Siebzigern haben Leute ihre privaten Bücher gestiftet, und deshalb gab es einige Bibliotheken, die gut sortiert waren. In Lübeck musste man zum Beispiel aufpassen, dass man nicht in die Frauenbibliothek geriet, sondern in die Männerbibliothek.

Weil in der Frauenbibliothek eher Romane stehen?

Rosamunde Pilcher und so. Sachbücher gab es nur in der Männerbibliothek. Nach `77 wurden auf allen Ebenen rabiate Beschränkungen eingeführt: Du darfst nur noch maximal 20 Bücher bei dir haben, inklusive Lexika. Und du kannst nicht arbeiten mit so wenigen Büchern. Bei Zeitungen dasselbe.

Die taz hat ja diese Knast-Abos. Hättet ihr so eines kriegen können?

Wir hatten eines, aber die Ausgaben wurden zensiert. Die Achtziger Jahre-taz wurde sehr oft angehalten. Heute gibt es zwar noch Zensur, aber diese Anhaltepraxis ist in dem Maße nicht mehr vorhanden.

Konntet ihr fernsehen?

Fernsehen konnten wir über Tag ab und zu. Abends mussten wir genau auflisten, da mussten wir dreimal in der Woche das Programm studieren und beantragen, dass wir in den Fernsehraum geschlossen werden wollen, und um elf war dann Schluss, aber da waren die Filme meistens noch nicht zu Ende. Das war gemein.

Das haben die auch knallhart durchgezogen?

Bis alle in den Neunzigern ihren eignen Fernseher bekamen, immer. Nach Einschluss kamen die in dreifacher Besetzung und rotteten sich vor der Tür zusammen. Ich kannte ja noch die alten Farbfernseher von 1969, die ganz grauenhaft waren, so grell. Deshalb haben wir drinnen drauf bestanden, einen Schwarzweißfernseher zu haben. Da hatten wir einen riesigen Kasten, mit herrlichem Bildschirm - schwarzweiß. Irgendwann kamen die Beamten und fragten "Wollen sie nicht mal einen Farbfernseher?" Und wir: "Nein, wir wollen schwarzweiß behalten." Was wir uns aber gewünscht haben, war, dass es so etwas geben möge wie Fernbedienung. Ich wußte nicht, dass es so etwas wie Fernbedienung überhaupt gibt.

Wie war das überhaupt mit diesen ganzen Kulturtechniken, die sich in der Zwischenzeit entwickelt hatten und die du neu lernen musstest, als du rauskamst?

Als ich rauskam, musste ich alles, was elektronische Teile oder gar außerdem Räder hat, neu zu bedienen lernen.
Irgendwie ist es brutal, du wirst völlig abgeschnitten. Von Video und Computern hatte ich keine Ahnung. Ich konnte nicht mal im Bibliothekskatalog nach einem Buch suchen. Ich hatte unheimlich Respekt davor und Angst, etwas kaputtzumachen, wenn ich auf einen falschen Knopf drücke und alles stürzt ab. Und dann diese verrückte Maus! Erst vor zwei Jahren habe ich einen Computerkurs gemacht, im Frauentechnikzentrum, "Internet für PC-Einsteigerinnen". Ich hab zuerst gar nichts kapiert, aber es hat die Hemmschwelle gesenkt. Der Respekt ist weg.

Inwiefern herrschte eigentlich damals in den Sechzigern, bevor du in die RAF gingst, ein anderer Zeitgeist als heute?

Da war z.B. ein großer Einschnitt, als Brandt an die Regierung kam. Die sozialdemokratische Strategie, wie wir sie wahrgenommen haben, bestand darin, die Leute voneinander zu isolieren und etwas Kleines, Kaltes, Zerteiltes herzustellen und zu demobilisieren. Sich mit kleinen Dingen abzufinden, sich einzurichten und alles andere zu vergessen. Oder die, die das nicht vergessen haben, als Feinde zu betrachten. Jemand, der mal was anderes erlebt hat und sich dagegen entscheidet, der empfindet andere, die daran festhalten, natürlich als Bedrohung. Das geht ganz tief.
Als Brandt 1969 Kanzler wurde, hat er viele Hoffnungen auf sich gezogen. Die Leute hatten sich gefreut. Ganz wichtig war das Amnestiegesetz für alle, die wegen Aktionen wie Demos, Besetzungen usw. verurteilt oder verfolgt wurden. Nicht, dass Repression die Leute zusammenschweißt, aber sie hat doch bei vielen Betroffenen den Begriff der Lage geschärft: Mit wem ist man konfrontiert? Wie kann man sich dagegen wehren? Vor allem, dass man sich nur zusammen dagegen wehren kann! Dann der Blick auf das ganze Justizsystem, auf das Repressionssystem - Was wird wie verfolgt? In welche Mühle sind wir da geraten? Ich meine nicht, dass Verfolgung automatisch etwas Gutes hervorruft. Aber damals war wichtig, dass wirklich jeder bedroht war, der mal einen Fuß auf die Straße gesetzt hat - gegen die Notstandsgesetze, als Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen die Junta in Griechenland, es gab ja unendlich viele Anlässe für Demonstrationen und Teach-Ins. Da wurde alles kriminalisiert. Wir alle haben damals viele Monate damit verbracht, in Justizpalästen rumzusitzen und Prozesse zu beobachten und zu stören. Und diese Angeklagten wurden dann alle amnestiert und somit war das vom Tisch. Das war ein genialer Schachzug von Brandt, der ja mit seiner Geschichte für etwas stand, weil er unter den Nazis emigrierte und Hoffnungen auf sich ziehen konnte und nicht irgendwer war, nicht Kohl.

Hast du den Eindruck, dass heute noch irgendwas von dieser Hoffnungsfreude zu spüren ist?

Hoffnung auf die Regierung? Grotesk. Niederlagen haben natürlich auch etwas Faktisches. Hoffnung gibt es, wo es Rebellion gibt.

Trotz vieler Versuche von Geschichtsschreibung herrscht in der Linken eine ziemliche Geschichtslosigkeit - neue Generationen wissen kaum etwas über die Debatten noch zehn Jahre zuvor. Hier stellt sich doch die Frage, welche Geschichten überliefert werden. Und vor allem, aus welcher Perspektive? Wie beurteilst du z.B. die Baader-Filme?

Diese Sorte Filme setzen natürlich auf Geschichtslosigkeit, hoffen da auf guten Boden. Sonst sind die Baader-Filme wie die BILD-Zeitung damals, bis ins feinste Detail dieselben Bilder von Andreas. Oder wie Conradts Film über Holger [Meins] - nur war ich da gewappnet, weil ich das Buch schon kannte.

Das Bemerkenswerte an Conradts Film ist ja, dass er so ausgesprochen erkenntnisfrei ist: es ist kein Film über Holger Meins, sondern einer über Gerd Conradt - eine reine Selbstbespiegelung, und dann auch noch auf der Eso-Schiene. Was wäre deine Kritik an Conradt?

In erster Linie, dass er Holger benutzt. Conradt stützt sich auf das BKA, auf den Bullen Klaus. Wie kann man einen Film über uns oder über jemanden von uns drehen und sich dabei auf Dokumente des Intimfeinds stützen? Und das tut er schamlos. Das führt dazu, dass der Klaus die Oberherrschaft über die Geschichte bekommt. Das hat Aust vor 15 Jahren nicht anders gemacht, das machen sie alle so. Immer dieselbe Quelle! Die Quelle ist der über Jahrzehnte auf uns damals, auf die RAF, angesetzte BKAler. Der, der unsere ganzen Papiere analysiert hat, unsere Zettel, unsere Diskussion untereinander, unter den Gefangenen, der bei den Familien rumgeschlichen ist und versucht hat, sich überall einzuschmeicheln, der Besuche überwacht hat und Personagramme über Einzelne für die spezifische Bekämpfung erstellt hat. Und `ne Figur, die dann natürlich auch bei den Verfälschungen über uns die Finger drin hatte - eine seiner Storys, die er verkauft, ist zum Beispiel, Holger sei auf Befehl von Gudrun gestorben. Und der Typ ist praktisch heute der König. Alle bedienen sich bei dem und zeigen das auch. Dass das möglich ist, finde ich den Hammer. Dass gar nicht hinterfragt wird, was für eine Quelle das ist. Und Conradt will euch ja damit zeigen, dass Holger, wäre er nicht zur RAF gegangen, vielleicht ein ganz freundlicher Mensch gewesen wäre (lacht).

Und Breloer? Der das Todesspiel gemacht hat.

Der hat mich nie gefragt. Er wurde mal zur Rede gestellt, warum er, als Dokumentarist, der doch angeblich alles recherchiert und alle befragt, mich nicht kontaktiert hat. Da hat er gesagt, "Nee, die frag ich nicht, von der weiß ich eh, was sie sagt, das passt mir hier nicht."

Das Interessante ist ja auch, dass du im Todesspiel gar nicht vorkommst. In den ganzen Passagen, die in Stammheim spielen, gibt es dich gar nicht.

Das ist die perfekte Lösung.

Das ist ja Geschichtsklitterung wie damals in der Sowjetunion, wo sie immer Trotzki wegretuschiert haben.

Das war in den Achtzigern durchgehend so. In den Öffentlich-Rechlichen kam ich nicht vor, ich wurde einfach nicht erwähnt. Das passiert heute auch noch.

Dafür hatte Breloer ja zwei andere Quellen: Peter-Jürgen Boock und Silke Maier-Witt, die beide als Kronzeugen ausgesagt haben. Die dürfen in der bürgerlichen Presse als authentische RAF-Quellen herhalten.

Ja, natürlich, so funktioniert es. Dafür werden sie gebraucht und aufgebaut. Bei Boock kann man das besonders gut verfolgen, wie er in immer neue Rollen schlüpft - erst Handwerker, dann zerknirschter Oberkader - und immer neue Fälschungen und Denunziationen anbringt.

Siehst du dann überhaupt noch eine Möglichkeit die herrschende Geschichtsschreibung zu korrigieren?

Es ist immer noch die Geschichtsschreibung der Herrschenden. Und an deren Produkten und Produktionen will ich mich nicht mehr abarbeiten. So etwas lässt sich nicht ›korrigieren‹, da kann man nur was Eigenes setzen. Mir ist oft genug die Galle hochgekommen. So wie in den Achtzigern, als Aust Der Baader-Meinhof-Komplex herausgebracht hat. Ich hab jetzt so einen Abstand, dass ich das wirklich nur mit Verachtung beobachten kann. Wenn Leute solche Bücher nicht hinterfragen, kann ich auch nichts machen. Wo bleibt denn der kritische Verstand, dass man einen Bullen als Zeitzeugen oder einen Kronzeugen doch nicht hinnehmen muss?

Du hast ja das Interview mit Tolmein (*) gemacht. War das der Versuch, eine eigene Darstellung zu liefern ohne bloßer Teil eines anderen Projekts zu sein?

Ja, das war so ein Versuch und ich habe darauf geachtet, keine Angelpunkte für Personalisierungen zu liefern, also nicht Einzelne von uns zu porträtieren, keine Anekdoten zu erzählen, auch wenn es dann manchmal so abstrakt daherkommt.

Meinst du, eine Debatte, eine Aufarbeitung unter RAFlerInnen ist überhaupt noch möglich angesichts so vieler, die Kronzeugen geworden sind?

Also, das ist Quatsch, es sind ja nun keineswegs so viele Kronzeugen geworden! Das erscheint nur so, weil die in den Medien präsent sind. Ich denke, für uns, wir brauchen noch Zeit, weil du einen Abstand haben solltest, emotional und überhaupt. Ein cooleres Verhältnis. Und Brigitte (Mohnhaupt) müsste z.B. mit dabei sein.

Brigitte Mohnhaupt sitzt noch, insgesamt sind es noch fünf, nämlich außer ihr noch Christian Klar, Rolf-Clemens Wagner, Eva Haule und Birgit Hogefeld.

Die sitzen auch schon unendlich lange, zwanzig Jahre, die sind 1982 eingefahren. Christian Klar soll 26 Jahre sitzen, es sei denn, er zeigt Reue. Brigitte soll 24 Jahre drinbleiben und Rolf-Clemens Wagner sitzt da auch schon seit 1979. Eva ist ´86, und Birgit ´93 zu lebenslänglich verurteilt worden.

Und Gnadengesuch heißt "Reue zeigen"? Man könnte ja auch meinen, zwanzig Jahre Knast seien gnadenwürdig genug.

Ich bin damals auf politischen Druck rausgekommen und etliche andere auch, weil eine Öffentlichkeit hergestellt wurde. Davon ist die Justiz, entgegen ihrer eigenen Aussage, doch beeinflussbar. Es war auch eine andere politische Situation. Ansonsten kommst du nicht raus, wenn du nicht noch was zu bieten hast. Auch beim Gnadengesuch musst du mitarbeiten, wenn du nicht todkrank bist. Und wenn man sich die Rede von Rau anguckt, die er zum Todestag von Schleyer im Oktober [2002] im Berliner Dom gehalten hat: "Das Urteil der Geschichte über die RAF entspricht dem Urteil der Gerichte über die Gefangenen und es gibt überhaupt keinen Grund für pauschale Begnadigung " - so haben die vor fünf Jahren auch noch nicht geredet. Der Stachel, dass da Leute aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen, ist nicht mehr da.
Was ich überhaupt nicht will, ist, da eine rein humanitäre Sache draus zu machen.

Meinst du denn, dass durch die Pop-isierung der RAF ein größeres Bewusstsein bei der jüngeren Generation geschaffen worden ist und damit eine breitere Mobilisierung für die Freilassung der restlichen fünf Gefangenen erreicht werden kann?

Denk ich überhaupt nicht!
(allgemeines Gelächter)

Weil alles nur an der Oberfläche bleibt?

Gar nichts damit zu tun hat.

Noch mal zum Baader-Bild im Film, der "seine Gudrun" und alle anderen lenkt, was ja eine bedenkliche Geschichtsschreibung ist, ein Bandenchef, der ein paar Hühner im Stall hat.

Es ist eine Zumutung sich damit überhaupt zu befassen. Das werden ja auch nicht die letzten Produkte dieser Art sein, etliche Verträge sind schon unterschrieben, die Gelder sind bewilligt ... Vor zwanzig, dreißig Jahren gab es ähnliche Ansätze, aber einen anderen "Zeitgeist", bewaffneten Kampf mit "Baader und seinen Herrschaftsgelüsten" zu erklären. Das ist doch der totale Abfuck. Dann gab es z.B. Erklärungsmuster zu "Frauen und Terror", zum Beispiel unterschiedliche Gene, wie die sogenannte Ursachenforschung annahm, die 1977 anfing. Zum Beispiel fand man es sehr beunruhigend, dass so viele Frauen bei der RAF dabei waren ...

... da war die Rede von "Terrormädchen", von "Megären", die man gleich zuerst erschießen sollte, weil ja Frauen als Terroristen ohnehin viel gefährlich seien als Männer.

... nicht zu bremsen, pervers und skrupellos ...

eine Sicht auf Frauen und Gewalt, die sich im doppelten Standard in der Rechtsprechung widerspiegelt. Und in den Neunzigern werden die Fakten von einer gewissen Gleichberechtigung, wie sie in der RAF damals verwirklicht worden war, völlig zunichte gemacht, indem nun so ein Macho-Bild von Baader rausgekramt wird.

Andreas wird immer wieder zu einer Projektionsfläche gemacht, auf der sich diese üblen Bilder überschlagen.
Er hat sich intensivst mit den Mechanismen von Männern beschäftigt und uns ne Menge davon gesagt. Natürlich verändert sich auch jeder in so einem Kampf als Person, weil alte Strukturen und Mechanismen stören und blockieren, und Andreas hat gerade diese Rollen immer wieder angegriffen und in der Gruppe die Diskussion darüber vorangetrieben und interveniert.

Davon kriegt man nichts mit!

Es ist besonders perfide, wenn er immer wieder als das armselige Arschloch dargestellt wird, wie schon in Zeiten der Fahndung. Aber so funktioniert psychologische Kriegsführung, über einen werden alle denunziert.

Etwas anderes konnten die sich wohl gar nicht vorstellen.

Das konnten und wollten sie vor allem auch nicht.
Ich erinnere mich noch an den Satz von Andreas, dass Männer in dieser Gesellschaft wie in einem Korsett sitzen, und sie da auch nicht raus können, es sei denn, sie sprengen es. Dass sie total gefangen sind in ihrer Rolle.

War das denn vor 1972 schon Thema?

In den Sechzigern schon, als er nach Berlin gegangen ist und in verschiedenen Szenen gelebt hat. Da hat er alles mögliche ausgelebt, auch in Schwulenclubs. So eine Erkenntnis ist ja immer ein Prozess.

Das war mir gar nicht klar. Dass man irgendwann angefangen hat, die Frauenrollen zu hinterfragen, weiß man ja, aber, dass gerade er dieses Männerthema so gefeatured hat.

Er hat es sehr vorangetrieben und alle mal am Kragen gepackt, denn Männer lassen sich ja auch gern von Männern was sagen, sich korrigieren, sich kritisieren - eher als von Frauen.

Sind solche Debatten denn im Knast später noch weitergegangen?

Im Knast damals noch. Aber bei denen, die draußen weitergekämpft haben, war es sicher wieder anders, da ist es zwischendurch auch mal ein Stück abgerissen.

Hast du nach deiner Entlassung eigentlich den Eindruck gehabt, dass die Frauen tougher und härter geworden sind und auch mehr gefordert haben - dass also zu merken war, es hat eine Frauenbewegung gegeben ...

ja, auf jeden Fall ...

dass die Männer aber eher stehengeblieben sind?

Stehengeblieben? Regression! Massive Regression! Auch bei Leuten von uns - es gibt eben nichts, was nicht immer wieder erobert werden müsste, das gilt für Männer und Frauen.

Wie äußert sich diese regressive Tendenz?

Erspart mir hier `ne Aufzählung! Deshalb wollten wir ja auch gerne gemischte Gruppen unter den Gefangenen, das war ja ein Ziel. Damit es nicht so eine geschlechtergetrennte Gefangengruppen gibt. Bei der Zusammenlegung war es immer ein Ziel, auch bei den Verhandlungen 1989 noch mal, weil der Druck von außen so groß ist. Im Männerknast ist es ein anderes Leben.

Wie gingen eure Forderungen nach Umschluss und gemischten Gruppen denn einher mit dem Wunsch nach neuen Formen der Kommunikation und des Zusammenlebens wie sie nach 68 entwickelt wurden? Hat das damit reingespielt, gab es so eine Möglichkeit des selbstbestimmten Agierens oder ging es im Knast ums nackte Überleben?

Es war beides. Es hat auf jeden Fall mit reingespielt. Dass die Kommunikation auch erstarrt, durch Regression von Einzelnen, das wirkt sich auch auf die ganze Gruppe aus, auf die Wahrnehmungsfähigkeit und alles. Gerade wenn du ums Überleben kämpfst, musst du dir da drin auch was Neues erobern. Es gab ja auch eine richtige Sehnsucht nach den anderen.

Eine Kampagne hieß ja "Die schönste Jugend ist gefangen". Ich würde gern auf den Mythos Jugend zu sprechen kommen. Wenn man auf Demos Leute sieht, die jünger sind als man selbst, überkommt einen ja immer das Gefühl "es gibt noch Hoffnung, es geht noch weiter". Ist es eigentlich so? Warum ist Jugend immer Hoffnungsträger für revolutionäres Potenzial?

Das finde ich schon mal selbstverständlich. Aus den Erfahrungen, aus der Geschichte, weil Veränderungen nie von den Alten gekommen sind. Zum Beispiel in Südafrika: da haben sich Generationen arrangiert und zurückgehalten, bis in den Siebzigern die Schüler kamen und sich gegen die Apartheid aufgelehnt haben. Das hat mit Mobilität und Power zu tun, weil noch keine Erstarrung, Schwächung oder Erschöpfung eingesetzt hat. Wenn du jünger bist, hast du doch viel mehr Kraft. Das muss man einfach akzeptieren. Man darf aber auch nicht erwarten, dass sie alles wiederholen oder sie dauernd mit einem selbst vergleichen.

In der offiziellen Geschichtsschreibung wird ja die RAF immer gern als Gegenpol zu einer lustbetonten Jugendbewegung dargestellt.

Das kommt durch bestimmte Klischees, z.B. gibt es einen Roman von Peter-Paul Zahl, wo die Leute, die illegal leben, so dargestellt werden, als wären sie so, wie sie in bestimmten Momenten auch erscheinen müssen, z.B. im Kostüm, mit Perlenkette oder grauem Hut. Dabei ist das eine Mimikry, die eine Viertelstunde später schon wieder ganz anders aussieht. Du hast dich ja nicht nur als Bürger verkleidet, es gab ja auch total verschiedene Aufzüge, in denen du als Illegaler unterwegs bist - je nach dem, wo du dich bewegst, hast du etliche Facetten von Darstellungen. Auch in dem Conradt-Film kommt vor, dass der Holger in der Illegalität so schrecklich und hässlich aussah. Na gut, dann sah er mal einen Tag lang schrecklich aus, ja und? Dem ging es prächtig dabei! Als Lagerarbeiter im grauen Kittel konnte er sich wunderbar bewegen, das machte ihm doch im Kopf nichts aus! Es muss nicht immer bunt sein mit Schlaghose und langen Haaren. Das Leben im Untergrund erfordert bestimmte Regeln, die du einzuhalten hast: du musst gucken, wo du langgehst, ob du gerade beobachtet oder verfolgt wirst. Kannst nicht einfach dich zudröhnen und in die Luft starren. Es gibt eine bestimmte Verantwortlichkeit, aber das heißt nicht, dass du nur noch im Gleichschritt marschierst oder die Rolle, die du gerade an jenem Tag spielst, verinnerlichst. Diese Auffassung ist unsäglich dumm.
Vor allem ist es lustig, wenn du dann nach Hause kommst und kannst es abwerfen. Du gehst in dieser Mimikry umher und bist es nicht - das ist auch ein tolles Gefühl.

Gab es in der RAF eher die Position sich von der Jugendbewegung abzugrenzen, sie als Hippiekram zu bezeichnen? Liegt der Ort, an dem man wirklich links sein kann und an dem die Möglichkeit zur Revolution besteht, außerhalb der Jugendkultur?

Es gibt ja eine Wechselwirkung. Du bist ja nicht isoliert. Ich erinnere mich, dass es auch eine Akzeptanz gab. Muss ja nicht jeder in den Untergrund gehen.

Als du rausgekommen bist, hast du ja viele Erfahrungen gemacht von Verachtung, Verrat, während die RAF in der Linken andererseits eine ungeheure Autorität besaß. Ist dir das nach deiner Freilassung begegnet, dass Leute dich als Autorität aufgefaßt haben - war das beklemmend?

Weil ich immer vermieden habe, durch die Lande zu reisen und mich auf Podien zu setzen, habe ich diese Erfahrungen nicht gemacht. Andere, die auch lange gefangen waren, hatten das Gefühl, sie halten das nicht mehr aus, dass man zu ihnen hochschaut und wer weiß was von ihnen erwartet. Manchmal höre ich, "zu dir trauen die sich nicht Sachen zu sagen, die sie woanders sagen", was soll ich denn machen, immer misstrauisch sein? Das vergiftet alles so.

Welche Erkenntnisse würdest du gern tradieren?

Die guten Sachen, auf jeden Fall. (lacht)


(*) Buchtipp:
Oliver Tolmein: "RAF - Das war für uns Befreiung". Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke. Überarbeitete Neuauflage. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2002


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