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Die Historisierung der RAF in der Kultur

Die Geschichte der RAF ist hierzulande niemals wirklich politisch aufgearbeitet worden. Statt dessen lässt sich gerade auch aus einem gewissen zeitlichen Abstand heraus eine kulturelle und mediale Behandlung des schlicht "Phänomen RAF" betitelten Komplexes ausmachen. Die Verweigerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung machte seit den 90er Jahren einer Überführung des Themas in die Sphäre bürgerlicher Kulturproduktion Platz, wobei sich die auftretenden Deutungsmuster immer mehr um sich selbst zu drehen scheinen. Einmal mehr wird in altbekannter Manier ein unbequemes Element bundesrepublikanischer Realität bewältigt, - es wird historisiert und in den Kanon der sukzessiven "Republikwerdung" Deutschlands eingereiht.
Der Bezug auf die RAF verlief daher auch medial immer wieder in den üblichen Zyklen runder Jahrestage, wobei hier insbesondere das "Zwanzigjährige" des "Deutschen Herbstes" eine wesentliche Zäsur bedeutet. 1997, als die, dann auch ein Jahr später vollzogene, Auflösung der RAF bereits für viele absehbar war, hatte sich, im Gegensatz zum Jahrestag 1987, die politische Realität Deutschlands grundlegend gewandelt. Während sich die "Bonner Republik" der 70er und 80er Jahre politisch in erster Linie auf sich selbst bezog, war Deutschland seit 1990 wieder in die erste Riege der "global players" aufgerückt.
Es war daher nun durchaus opportun, wenn nicht sogar erwünscht, die RAF als Element einer Geschichtsschreibung in die Zeitgeschichte der BRD einzureihen und in die Legitimierungsstrategien Deutschlands einzuverleiben.
Schon die Anschläge gegen Herrhausen und mehr noch gegen Rohwedder riefen bei weitem nicht mehr die hysterischen Reaktionen hervor wie im Herbst 1977 und führten nicht wie damals zu einer autoritären Formierung der gesamten Gesellschaft. Das Rätsel um die 3., bzw. 4. Generation der RAF schien sich gerade durch die Verhaftung der in der DDR untergetauchten RAF-Mitglieder und nach den tödlichen Schüssen in Bad Kleinen zu lichten. Inzwischen begannen auch Gefangene aus der RAF zu reden, gerade Peter-Jürgen Boock machte sich zu einem Liebling der Medien.
Entscheidend für die Historisierung der RAF war sicherlich Breloers TV-Dokudrama "Todesspiel", das als Medienereignis gefeiert, 1997 nun endlich erklären sollte, "was damals wirklich geschah". In seiner totalen Inszenierung, die für Widersprüche oder alternative Erklärungsmuster keinen Platz liess, versuchte Breloer den FernsehzuschauerInnen mit seinem bunten TV-Spiel die "historischen Fakten" der militärischen Auseinandersetzung des Jahres 1977 offenzulegen.
Breloer beanspruchte hierbei für seine historisierende Seifenoper einen Neuen Zugang zum "Deutschen Herbst", in Abgrenzung zu älteren Filmen zum Thema wie z.B. "Deutschland im Herbst" von 1977 oder Margarethe von Trottas "Bleierne Zeit" von 1982. Den FilmemacherInnen der 70er und 80er Jahre warf er generalisierend vor, die "Opfer des Terrorismus" auszublenden. Stattdessen warb er für ein neues "Opferbewusstsein", welches der historischen Situation gerecht werden müsse. Dementsprechend macht er Helmut Schmidt, der ja schließlich enorm schwere Entscheidungen zu fällen hatte, ebenso wie die Geiseln der Landshut zu Opfern der jüngsten deutschen "Terrorismusgeschichte". Die Zustimmung zu Breloers Inszenierung war groß, von allen Seiten wurde ihm beigepflichtet, nun sei endlich "alles gesagt", was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Die Feuilleton-Debatten von 1997 domestizierten die RAF, indem sie diese zu einem Teil der deutschen Geschichte erklärten, und die angeblich so einfachen und klaren Fakten auf künftiges Schulbuchwissen reduzierten. Ein Schlusstrich war gezogen.
Dennoch blieb die Beschäftigung mit dem "Meta-Phänomen" RAF auch weiterhin ein Faible der deutschen Kulturszene. Waren die frühen Filme zur RAF noch geprägt von der Frage des Bezugs der Linken zu den Illegalen, wie auch zur polizeistaatlichen Repression jener Zeit, so fallen die Darstellungen der jüngsten Zeit wieder zurück in die Deutungsschemata der bürgerlichen "Terrorismus"-Hysterie.
Mit Filmen wie jüngst "Baader" wird sich nurmehr an einer Ikonisierung einzelner Personen aus der RAF, jenseits jeglicher politischer Dimension, versucht. Vielmehr scheinen hier altbekannte Deutungen der "Baader-Meinhof-Bande" als schlichtweg Kriminelle mit versatzstückartigem politischem Hintergrund durch. So scheint auch in Schlöndorffs "Die Stille nachdem Schuss" die Geschichte der RAF ausschließlich als interessantes Setting, als Hintergrundfolie für eine dünne Story herhalten zu müssen.
Zudem ist mit der historischen Abwicklung der RAF eine Strategie der Enttabuisierung festzustellen: Von den toten Stammheimer Gefangenen als Vorbild für eine Modestrecke bis hin zu Shirts mit dem Aufdruck "Prada Meinhof"- das popkulturelle "anything goes" folgte prompt der Einbettung in die (staatstragende) Geschichtsschreibung. Dabei bleiben sowohl die Frage nach den noch inhaftierten RAF-Mitglieder als auch die Machtfrage, die die RAF gestellt hat nach wie vor mit einem Tabu belegt. Der Nimbus des "radical chic" gilt nur für tote "TerroristInnen". Und anders als noch in den 80er Jahren lässt sich keine Linke mehr finden, die gegen solche Strategien der Enttabuisierung vorgehen würde. Ein Film wie "Baader" hätte vor 20 Jahren wohl kaum seinen Weg in die deutschen Kinos gefunden.
Die kulturelle Strategie der Personifikation der RAF und ihre Umdeutung in eine postmoderne Gangsterstory mit dem Vorlauf einer normierenden Historisierung beerdigen letztendlich eine politische Auseinandersetzung mit den bewaffneten Kampf.

Hanno Balz, Bremen