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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2003, Nr. 73, S. 65

Anschlag in Weiterstadt als Schlußpunkt der RAF
Zerstörung des Gefängnis-Neubaus 1993 führte sogar zu Verwicklungen mit Rheinland-Pfalz / 65 Millionen Euro Schaden

WEITERSTADT. Was ein Ohrenzeuge zunächst für einen Unfall auf der nahegelegenen Autobahn gehalten hatte, kostete das Land Hessen rund 65 Millionen Euro und Hunderte Häftlinge vier weitere Jahre in der drangvollen Enge des maroden Gefängnisses von Frankfurt-Preungesheim: Der verheerende Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt am Morgen des 27. März 1993 war der letzte Gewaltakt einer erodierenden, an den eigenen verqueren Zielen zunehmend zweifelnden "Rote Armee Fraktion" (RAF). Die dritte Generation der Terrororganisation wollte den Anschlag auf "Deutschlands modernstes und humanstes Gefängnis", wie der ursprünglich mit 250 Millionen Mark kalkulierte Neubau von seinen Planern annonciert worden war, als Zeichen der Abkehr von der mörderischen "Avantgarde" der RAF verstanden wissen. Zugleich aber sollte der Anschlag als Fanal begriffen werden, daß man sich, wie es in dem Selbstbezichtigungsschreiben hieß, nicht "aus der Verantwortung für den revolutionären Umwälzungsprozeß" ziehen werde.

Von den vermutlich drei Männern und einer Frau, die gegen 1.30 Uhr mit Hilfe von Leitern die sechseinhalb Meter hohe Gefängnismauer überwunden und die drei Wachmänner mit vorgehaltener Maschinenpistole überwältigt hatten, konnte bisher keiner zur Rechenschaft gezogen werden. Haftbefehle gebe es in diesem Fall keine mehr, laute die lapidare Auskunft der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Der Plan des "Kommandos Katharina Hammerschmidt" muß lange und gut vorbereitet gewesen sein. Insgesamt rund 200 Kilogramm Sprengstoff, gepackt in ein Auto vor dem Zentralgebäude des Gefängnisses und deponiert an statisch neuralgischen Punkten der Seitenflügel, richtete gewaltigen Schaden an. Die damalige hessische Justizministerin Christine Hohmann-Dennhardt zeigte sich nach einer kurzen Besichtigung schockiert ob der Szenerie, die wie ein gigantisches eingestürztes Kartenhaus anmutete. Auch die Ministerin mußte an jenem Morgen das Gelände schnell wieder verlassen, weil die Experten vom Bundeskriminalamt nicht ausschließen konnten, daß noch eine weitere Bombe versteckt oder nicht gezündet worden war.

Wie die RAF den Anschlag, der aus ihrer Sicht nahezu perfekt durchgeführt worden war, vorbereitet hatte, gibt immer noch Rätsel auf. Womöglich hatte sich ein Attentäter bei einer der vielen Firmen, die an der Errichtung des Komplexes beteiligt waren, als Arbeiter verdingt und die örtlichen Verhältnisse erforschen können, vermuteten die Ermittler. Die Ruhe, mit der das Kommando in jener Nacht zu Werke ging, legte zudem nahe, daß es auch über die sehr läßlichen Sicherheitsvorkehrungen informiert war, die damals, wenige Tage vor der geplanten feierlichen Inbetriebnahme, herrschten. Zwischen Erstürmung des Wachhäuschens und Zünden der Sprengsätze vergingen fast vier Stunden.

Die vermummten Attentäter hatten die elf Bediensteten, die sich in dieser Nacht in der Anstalt aufhielten, mit Handschellen gefesselt, in einen Kleinbus gesperrt und in ein Waldstück vor der gewaltigen Explosion in Sicherheit gebracht. Das RAF-Kommando nahm sich sogar noch die Zeit, Schilder mit der Aufschrift "Knastsprengung in Kürze - Lebensgefahr - sofort wegrennen" aufzustellen. Dann aktivierten die Täter die Zeitzünder und machten sich im Morgengrauen davon; das Fluchtfahrzeug wurde später im Frankfurter Stadtteil Fechenheim gefunden.

Heute liest sich die Kriminalgeschichte des letzten RAF-Anschlags wie ein Brevier über oft vergebliche Anstrengungen des Staates, dem Linksterrorismus beizukommen. Als einzige mögliche Tatbeteiligte ist die Wiesbadenerin Birgit Hogefeld angeklagt worden. Der Bundesgerichtshof hielt die Beweise jedoch nicht für stichhaltig. Ihr Lebensgefährte Wolfgang Grams, womöglich einer der Vermummten in jener Nacht in Weiterstadt, starb drei Monate später. Grams und ein Beamter des Bundesgrenzschutzes, der Hogefeld und Grams als mutmaßliche Terroristen festnehmen wollte, waren die Opfer eines Schußwechsels auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Frankfurterin, gegen die Haftbefehl in diesem Zusammenhang erlassen wurde, starb vermutlich Ende 1998 in den Reihen der "Arbeiterpartei Kurdistan" PKK bei Kämpfen in der Türkei.

Das Land hat die Kosten für den Wiederaufbau in Weiterstadt schließlich selbst getragen, weil die Brandversicherung durch diesen Schadensfall in Existenznöte zu geraten drohte. Die politischen Schockwellen, welche der gewaltige Knall inmitten der Spargelfelder auslöste, wirkten freilich tiefer als dieser Einschnitt ins Budget. "Der Fall Weiterstadt" belastete sogar zeitweise das Verhältnis zum Nachbarland Rheinland- Pfalz. Für dessen Verfassungsschutz arbeitete zu dieser Zeit ein V-Mann, der bis in die Führungsebene der RAF vorgedrungen war. Angeblich hatte dieser Klaus Steinmetz, der die Terrorismusfahnder nach Bad Kleinen führte, wenige Wochen vor der Explosion in Weiterstadt seine Kontaktleute in Mainz vor bevorstehenden Anschlägen gewarnt, diese jedoch die anderen Sicherheitsdienste nicht informiert.

Weiterstadt markiert die letzte Etappe eines deutschen Linksterrorismus, der unter dem Kürzel RAF die Republik zweieinhalb Jahrzehnte in seinen schrecklichen Bann zog. Ob sich 1993 der Kreis schloß, der mit der Kaufhaus-Brandstiftung 1968 in Frankfurt begann, ist wahrscheinlich. Sicher kann angesichts der leidvollen Erfahrungen freilich keiner sein. Beim hessischen Verfassungsschutz formuliert man daher eher vorsichtig: Von den Mitgliedern der RAF, die sich noch im Untergrund aufhalten, sei niemand erkennbar aktiv.

HELMUT SCHWAN