Zu dieser Dokumentation....

Wir dokumentieren im Folgenden die Beiträge der Veranstaltung "Bad Kleinen - nur eine PR-Panne?", die am 24.3.94 im Volksbildungsheim Frankfurt mit ca. 800 TeilnehmerInnen (!) stattfand, um deren Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ulla Jelpke sprach bei dieser Veranstaltung über den Gang der Ermittlungen und deren Untersuchung im Bundestagsinnenausschuß. Ursula Seifert stellte die Haftbedingungen von Birgit Hogefeld - nämlich Isololationshaft - dar. Bertold Fresenius erläuterte die Anklage wegen sechsfachen Mordversuchs gegen Birgit Hogefeld, in der ein möglicher Gedankengang als Beweis für eine lebenslange Haft herhalten soll (eine neue Eskalation in der Spirale des Gesinnungsstrafrechts). Thomas Kieseritzky beschrieb die Arbeit der Rechtsanwälte der Familie Grams: die Zeugenaussagen, die nicht gewährte Akteneinsicht, die Behinderungen etc. Andreas Groß ging auf die Fehler der Spurensicherung und die forensischen Gutachten ein, die, wie wackelig auch immer, als Hauptstütze der Selbstmordthese herhalten müssen. Rolf Gössner schließlich sprach über die Ausbildung, die Geschichte sowie die Einsätze der GSG 9.

Zur Entstehungsgeschichte der Veranstaltung und unserer Gruppe
Als sich im Verlauf der Nichtermittlungen zu Bad Kleinen herausstellte, daß keine politischen oder gesellschaftlichen Kräfte eine Diskussion dazu in Gang brachten (es geht immerhin um den Vorwurf, die GSG 9 als staatliche Institution habe Wolfgang Grams ermordet), fanden wir uns mit dem Ziel zusammen, in unserem Umfeld eine Auseinandersetzung zu initiieren. Wir, das sind Frauen und Männer aus verschiedenen politischen Zusammenhängen, mit unterschiedlicher politischer Erfahrung und Geschichte. Es ging uns darum, eine Position zu entwickeln. Dies vor dem Hintergrund, daß es den staatlichen Institutionen gelang, ihre Version als Wahrheit durchzusetzen, die ohne große Widerstände von der Öffentlichkeit akzeptiert wird, obwohl die meisten Menschen sie nicht glauben. In diesem Kontext stellte es für uns eine praktische Notwendigkeit dar, eine solche Verdrehung der Wirklichkeit durch den Staat mit möglichst vielen Kräften zu verhindern.

Klar war und ist aber für uns, daß alle Linken betroffen sind von der staatlichen Repressionspolitik wie auch von deren Akzeptanz durch das öffentliche Schweigen. Bad Kleinen ist nur zu verstehen als Teil des staatlichen Versuches, den linken Widerstand in diesem Land zu zerstören. Gelingt es uns nicht, die staatliche Selbstmordversion zu widerlegen, würde der Spielraum staatlicher Macht, linke Opposition auszuschalten, noch größer werden.

Diese Veranstaltung vorzubereiten, bedeutete eine große Anstrengung, wobei uns von Vielen geholfen wurde. Das Dritte-Welt-Haus hat als vielgestaltiges demokratisches Zentrum diese Initiative mitgetragen, was ebenfalls keine Selbstverständlichkeit war. Dies alles und das bunte Spektrum der 800 BesucherInnen haben uns doch gezeigt, wie groß noch das Interesse ist an einer Frage, die vor einem Jahr das politische Establishment dieses Landes erschüttert hat.

Inzwischen ist die Anklage gegen Birgit Hogefeld erhoben. Neben Mitgliedschaft in der RAF und Beteiligung an verschiedenen Anschlägen wird ihr in der Anklageschrift, der Mord an dem GSG9-Beamten M. Newrzella und der versuchte Mord an sechs seiner Kollegen am 27.6.1993 in Bad Kleinen als Mittäterin zugerechnet, obwohl sie zu dem Zeitpunkt des Schußwechsels gefesselt am Boden lag" (FR 22.4.94). Daß die Bundesanwaltschaft einer am Boden liegenden gefesselten Frau sechsfachen Mord vorwirft, zeigt weniger die Absurdität der BAW als vielmehr die fortgeschrittenen Möglichkeiten der Justiz, Recht in ihrem Sinne zu definieren. ("...das sogenannte staatliche Gewaltmonopol, das manche Menschen für einen Fortschritt halten..." - vergleiche den Beitrag von RA Kieseritzky -). In dem Prozeß, der voraussichtlich noch in diesem Jahr beginnen wird, wird es auch darum gehen, der Gesinnungsjustiz in einer noch schärferen Variante etwas entgegenzusetzen.... Nachdem die Rechtsanwälte der Familie Grams Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens bei der Staatsanwaltschaft Schwerin eingelegt haben (siehe Pressemitteilung), wird der Erfolg ihrer Arbeit, unterstützt durch weiteren öffentlichen Druck, Einfluß auf diesen Prozeß gegen Birgit Hogefeld nehmen. Insofern hoffen wir, daß die Veranstaltung und ihre Dokumentation Grundlage für weitere Aktivitäten ist. Es gibt noch viel zu tun...

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