Die Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung

Einige Exponate:


Franz Ackermann: Helicopter Nr. 21 (Flucht- und Befreiungsfahrzeug), 2003 (Installationsansicht im Atelier des Künstlers)


Dennis Adams: Outtake, 1998


Bettina Allamoda: Vom Happening zum Deutschen Herbst, 1992/2005


Sue de Beer: Hans & Grete, 2002/03


Joseph Beuys: Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V, 1972


Dara Birnbaum: Hostage, 1994


Lutz Dammbeck: Nibelungen, 1986/88


Christoph Draeger: Stammheim, 2003


Hans-Peter Feldmann: Die Toten, 1998


Peter Friedl: Neue Straßenverkehrsordnung, 2000


Rudolf Herz: Entladung der Militanz, 1996


Jörg Immendorff: Parlament I (Café Deutschland X), 1981


Johannes Kahrs: Meinhof, 2001


Martin Kippenberger: Ohne Titel, 1986


Rainer Kirberg: Überfahrt, 2004


Astrid Klein: Ohne Titel (Sie wollte...), 1978/2003


Andree Korpys/Markus Löffler: Digging Deep, 1999


Jonathan Meese: Conan der Meese, 2001/2002


Michaela Melián: Triangel, 2002


Klaus Mettig: 1-214/1978-81 (AND SUCH A PRESS OF PEOPLE), 1978-82


Olaf Metzel: Tegeler Weg, 1984/2005


Sigmar Polke: Ohne Titel (Dr. Bonn), 1978


Yvonne Rainer: Journeys from Berlin 1971, 1979


Gerhard Richter: Atlas-Panels 470–479, 1989


Thomas Ruff: Zeitungsfotos 151-158, 1991


Thomas Schütte: Ferienhäuser für Terroristen I - III, 2002


Katharina Sieverding: Schlachtfeld Deutschland XI/78, 1978


Klaus Staeck: Holger der Kampf geht weiter, 1975


Stih & Schnock: Schleyer-Konsorten, 2001


Wolf Vostell: Yuste, 1975


Johannes Wohnseifer: spindy, 1995


Was tun?
In der Stadt, auf dem Land oder Papier: Guerillakampf damals und jetzt

Junge Welt vom 02. und 03.03.2005; Autor: Helmut Höge

Seine Besprechung der RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken schließt Peter O. Chotjewitz in konkret mit: Keiner der Künstler hat sich die Mühe gemacht, »der RAF zuliebe seine eingefahrenen Gleise zu verlassen«. Trotzdem solle man sich das Event ­ »auf der Höhe der Medientheorie«, mit Peter Weibel gesagt ­ anschauen. »Es hält das Thema bewaffneter Kampf in den Metropolen offen, was immer wichtig ist«. Das dachte sich wohl auch die »militante gruppe« (mg), als sie im Anschluß an den Trierer Kongreß über »Stadtguerilla und bewaffneten Kampf in der BRD« anläßlich des 30. Todestages von Holger Meins im interim, dem vierzehntägigen Info der Berliner Autonomen, eine zweiteilige Serie über »(Stadt-) Guerilla oder Miliz?« veröffentlichte. Bei den jüngeren interim-Lesern stieß dieses »Theoriepapier« auf großes Interesse, nicht zuletzt, weil die »Stadtguerilla«-Aktivitäten ­ vor allem im Irak und in Lateinamerika ­ (wieder) stark zugenommen haben.

Abrechnungsshow

Die Kreuzberger »Kiezmiliz« zog 1991 aufs Land, die mg gibt es seit 2001, aber noch immer sind »Defizite militanter Politik in der BRD« zu beklagen, schreiben die Autoren. Ihre Gruppe legt deswegen »großen Wert auf die inhaltliche Begründung von klandestiner Praxis«; eine »plausible Alternative dazu« hat sie bisher nirgendwo vernommen. Sie warnt davor, daß man trotz oder wegen ihrer »relativ hohen Aktionsfähigkeit« sagt: »Die Leute von der mg werden’s schon machen«; stellt aber auch fest, die »Militanzdebatte« habe seit Jahresbeginn »neuen Auftrieb bekommen«. Dabei hat die mg vor allem »die Genossinnen der Autonomen Zelle in Gedenken an Ulrike Meinhof vor Augen«, nicht die RAF-Ausstellung, die von ihr als schnöde »Abrechnungsshow« begriffen wird, auch wenn sie der »Roten Hilfe Berlin« Gelegenheit bot, an die seit bis zu 23 Jahren inhaftierten RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt, Eva Haule, Christian Klar und Birgit Hogefeld zu erinnern, bis die Kunst-Werke Hausverbot erteilten.

Die 20seitige mg-Aufarbeitung der (Stadt-)Guerilla-Erfahrungen beginnt mit Mao Tse Tungs Partisanenkriegslehre, um dann die Guerillakonzeptionen von Che Guevara und Régis Debray zu rekapitulieren, wobei für diese militanten
Theoretiker vor allem der »ländliche Raum« zur Entfaltung einer Widerstandsbewegung wichtig war, die mit »bewaffneter Propaganda« ihren Anfang nahm. Das spätere Scheitern von Chés »Fokus-Theorie« in Bolivien sei kein »nachahmenswertes Beispiel«, aber »Kuba« habe nach wie vor »Modellcharakter«. Im Gegensatz zu Mao Tse Tung hielt Débray nichts von (befreiten) »Stützpunktgebieten« ­ die Guerilla verliere damit ihre »territoriale Beweglichkeit«. Außerdem kritisierte er das Konzept vom »bewaffneten Arm« einer politischen Befreiungsfront: Militärische Pläne sollten nur von denen erstellt werden, »die sie auch auszuführen haben« ­ also erst militärische Foci bilden, nicht politische. Die »städtische Guerilla« lehnte Débray ab, da sie nur auf einem begrenzten Gebiet operieren könne und »in der Tat weder die Wahl des Zeitpunktes noch des Ortes hat«.

Milizauffassungen

Die brasilianische MIR operierte dann aber sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Die MLN-Tupamaros führten in Uruguay sogar fast ausschließlich einen »städtischen Kampf« ­ ländliche Regionen hatten für sie »nur geringe Bedeutung«. Die Dialektik zwischen Militärischem und Politischem wurden dabei von den Tupamaros fast poetisch dargestellt: »Jede Guerilla, die praktisch im Herzen der Bevölkerung kämpft, führt in direktem Kontakt mit den Massen einen politischen Krieg«.

Dagegen wiederum bestand die brasilianische ALN auf einer von der »politischen« nicht getrennten »militärischen Linie«, was für Carlos Marighelas Stadtguerilleros bedeutete, sich »ständig mit der Sache des Volkes (zu) identifizieren«, weil ihre »Einflußzone« eben nur so weit reiche »wie die Unterstützung des Volkes«.

In der Diskussion der »Miliz als bewaffnete Formation« holen die Autoren noch weiter aus: bei Marx, Engels, Luxemburg und der »bürgerlichen Milizauffassung von Clausewitz«; wobei es »grundsätzlich« immer um »eine Form der ›Volksbewaffnung‹ geht, die der regulären Armee der herrschenden Klasse entgegen gestellt wird«. Von Marx und Engels zitiert die mg dazu Passagen, die sich für eine eigenständige politische und militärische Organisation der Arbeiterklasse aussprechen, damit diese nicht »zum bloßen Anhängsel der offiziellen bürgerlichen Demokratie« werde.

Aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zogen Marx und Engels dann jedoch einen ähnlichen Schluß wie später Lenin aus dem russischen Bürgerkrieg: Eine Freiwilligenarmee kann eine reguläre Armee in keiner Weise ersetzen. Luxemburg wollte das stehende Heer trotzdem durch eine Miliz ablösen, was sich in der Forderung des »Spartakusbundes« niederschlug, eine »proletarische Rote Garde« zu formieren ­ »zum Schutz der Revolution vor gegenrevolutionären Anschlägen«. Für Clausewitz hatte sich ­ über hundert Jahre zuvor ­ das Problem noch so dargestellt: »Die Landwehr vermehrt die Gefahr der Revolution; die Entwaffnung der Landwehr vermehrt die Gefahr einer Invasion«.

Nach dem russischen Bürgerkrieg und der Reorganisierung der Armee durch Trotzki bestand Frunse auf dem Aufbau einer »Roten Arbeiter- und Bauern-Miliz«, die »eine schlagkräftige Waffe« auch im Kampf der Werktätigen gegen den Imperialismus in anderen Ländern sein sollte. Trotzki sah darin (mit Lenin) den verderblichen Versuch, den Guerillakampf zu einem »dauernden und universellen System« zu erheben. Dennoch machte auch er sich für eine »Arbeitermiliz« stark, was dann später auch in der DDR auf »Betriebskampfgruppen« hinauslief und davor ­ in der Komintern ­ auf die internationale Organisierung z.B. von Seeleuten, damit diese dann u.a. Schiffe in die Luft sprengten, die im Auftrag der (faschistischen) Achsenmächte unterwegs waren.


Die »militante gruppe« (mg) nimmt es in ihrem »(Stadt-) Guerilla oder Miliz?« überschriebenen interim-Artikel »gleich vorweg: eine Beantwortung ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt«. Als mg sieht sie im bewaffneten Kampf selbstredend eine »objektive Notwendigkeit« – und befindet sich damit »in keiner allzu schlechten Gesellschaft«. Die ländlichen Gebiete der BRD – genannt werden Uckermark, Emsland und Alpen – kämen dafür jedoch so wenig in Frage wie ein temporäres Ausweichen etwa der Berliner Militanten in den Grunewald.

Klassiker ohne Stalin

Dennoch bestehen die Autoren darauf, daß die Guerilla oder Miliz als »Keimzelle« einer »Volks- oder Roten Armee« gesehen werden muß: »Daraus resultiert die strategische Relevanz einer Guerillapolitik«, wobei deren Differenz zur Miliz eher »semantisch als organisatorisch« sei: »Beide ›Formate‹ des bewaffneten (Abwehr-)Kampfes resultieren aus der eigenen militärischen Schwäche gegenüber stehenden Heeren«. Die »bewaffneten Arbeiterwehren« z. B. von Max Hoelz Anfang der 20er Jahre seien deswegen »ebenso (historische) Orientierungspunkte wie das aus Lateinamerika auf die hiesigen Verhältnisse übertragene ›Konzept Stadtguerilla‹ der RAF«. Allerdings, fügen die Autoren an, hätten sich die Guerillas in Lateinamerika aus »einem Aufschwung der (revolutionären) Massen-Bewegung« entwickelt, während die deutsche RAF aus der »Konkursmasse des studentischen 68er-Aufbruchs« hervorgegangen sei.

Von der RAF unterscheide die mg, daß sie nicht »die gesamte Struktur, die bisher eine militante Praxis verfolgte, in ein ›bewaffnetes Format‹ überführen« will: Dies »würde unseren Vorstellungen eines widerstandsebenenübergreifenden Netzwerks völlig zuwiderlaufen«. Statt dessen soll ihr historisierender Text im interim dem gerecht werden, was die mg seit ihrem »Plattformpapier« 2002 als »komplexen revolutionären Aufbauprozeß« bezeichnet. Wie aber kann eine Aufarbeitung der Ideen von zumeist Gescheiterten (Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Frunse, Hoelz, Mao, Ché, Débray, RAF), die weder (unterschiedliche) Gründe für deren Scheitern benennt, noch daraus Schlüsse für eine militante Praxis hier und jetzt zieht, einem »komplexen revolutionären Aufbauprozeß« gerecht werden?

Der Text über »Stadtguerilla oder Miliz?« verdankt sich dem befristeten Rückzug einer kleinen kommunistischen Gruppe, die sich in die »Klassiker« (wozu Stalin nicht mehr gehört) eingelesen hat – und dabei so ins Schwärmen geriet, daß sie sich ungeachtet aller Alltagsprobleme an eine historische Aufarbeitung machte. Mit einem »Aufbauprozeß« hat das nichts zu tun, sonst gehörte auch die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken dazu. Die mg hat sich mit diesem Text eher einen revolutionären Abstammungsnachweis verschafft, der ihre punktuellen Aktionen in den historischen Kontext des bewaffneten Widerstands stellt, der mit der spanischen Guerilla gegen Napoleon und ihrer Aufarbeitung durch die preußischen »Reformer« seinen Anfang nahm.

Das ist ziemlich geschichtsbewußt, jedenfalls für westdeutsche Verhältnisse (in der DDR lernte jedes Kind diesen Kontext), aber es reicht nicht: Noch eine Anstrengung, Genossen! möchte man den Autoren zurufen. Sonst unterscheiden sich eure Analysen von denen der Politikberater wie Herfried Münkler nur dadurch, daß ihr den »Gegenstand« nicht in denunziatorischer Absicht, sondern mit genealogischen Stolz behandelt – und das ist zu wenig!

Widerstandsebenen

Insofern hatte die Redaktion der interim-Hefte 608 und 609 Recht, als sie den mg-Text auf die Hälfte herunterkürzte, um mehr Platz zu haben für Berichte vom »antirassistischen Grenzcamp«, Castor-Transport 2004, Borchardt-Go-In, von Anti-Hartz-IV-Aktionen wie »Agenturschluß« usw. – diese Aktivitäten sind es, die sich bestenfalls zu einem »komplexen revolutionären Aufbauprozeß« entwickeln, wobei noch eine Reihe weiterer Aktionen hinzukommt, die sich in der interim nicht finden. Erwähnt seien die Obstbauern im »Alten Land« bei Hamburg, die eine Erweiterung der Start- und Landebahn des Airbuskonzerns verhindern wollen; die Proteste gegen die erneute Startbahnerweiterung des Frankfurter Flughafens; die letzten Widerständler gegen den Bau des neuen Flughafens Berlin-Schönefeld; ferner die letzten Kämpfer gegen die Abbaggerung ihrer Dörfer durch Braunkohlekonzerne in der Lausitz und in Nordrhein-Westfalen; die schleswig-holsteinischen Marschbauern, die sich gegen eine Zerstörung ihrer Existenz durch Ausweitung der Natur- und Naherholungsflächen wehren oder all die Prostituiertenorganisationen, die gegen das SPD-Grüne-Gesetz gegen Menschenhandel kämpfen, weil es der Willkür der Polizei gegenüber Illegalen Tür und Tor öffnet...

Ich habe bestimmt noch Hunderte weitere Initiativen vergessen. Deutlich wird, daß es sich bei der interim und erst recht dem mg-Papier um Szene-Infos handelt, ähnlich dem telegraph oder dem gegner, die sich auch immer gern mit Geschichten wie den o.e. befassen.

Klein werden!

Wie kann daraus ein (gemeinsamer) »Aufbauprozeß« werden? Und ist das überhaupt wünschenswert? Nehmen wir nur die auch in der interim oft thematisierte »Berliner Bankeninitiative«: Da gibt es die publizistischen Mudracker Mathew Rose und Michael Sontheimer, die ebenso betroffenen wie engagierten Sammelkläger um Jürgen Lindemann, den prominenten Widerstandsorganisierer Peter Grottian, die anonymen Luxusauto-Abfackler in Zehlendorf, die rumänische Villenknackerbande von Nikolai, die auf Banker spezialisierten Trickprostituierten Jana und Helena usw. – müssen oder sollen die sich alle praktisch und theoretisch vereinen, sich gar um ein »widerstandsebenenübergreifendes Netzwerk« bemühen? Nein, sie sind es gewissermaßen bereits! Und ob sich dieses »Netzwerk«, auf das im übrigen auch die »indymedia«-Redakteurin schwört, ausweitet, stabilisiert, militarisiert usw., ist eine Frage der »Konjunktur«, die man weder herbeianalysieren noch -wünschen sollte, denn dann haben zwar alle linken Gruppen regen Zulauf und radikalisieren sich rapide, aber gleichzeitig wird man mit einem anschwellenden Haufen Gesindel konfrontiert.

»Am Anfang waren wir im SDS zwölf Leute, jetzt sind wir in etwa wieder genau so viel.« So sagte es der Widerstandsforscher H.D. Heilmann, selbst erstaunt über diese Tatsache. Daß diese zwölf einer ganzen Partei zur Regierungsmacht verholfen haben und vielleicht 8 000 Linken zu Professorenstellen – davon haben weder die Protagonisten etwas gehabt, noch sind ihre revolutionären Ideen der Verwirklichung näher gekommen. Im Gegenteil – die ganzen zeitweilig »Bewegten« setzten vielmehr alles daran, ihre »Vergangenheit« als Jugendirrtum und sich als nunmehr geläutert darzustellen, wobei für sie jetzt »rechts gleich links« faschistisch ist und sie höchstens noch »Abrechnungsshows« wie die RAF-Ausstellung in den Kunst-Werken zu inszenieren in der Lage sind. Also ein Klein-Werden schaffen! Mit dieser französischen Formel war einmal zweierlei gemeint: Zum einen sollten die Aktivistengruppen nicht ständig danach trachten, größer zu werden, und zum anderen sich bemühen, ihre sozialen Zusammenhänge dergestalt zu erweitern, daß sie darin aufgehen, um tendenziell sogar zu »verschwinden«, d. h. sich schließlich mit nahezu jedem identifizieren zu können.