Materialien / Mythos RAF - Pressetexte zur geplanten Berliner RAF-Ausstellung (Link zur tatsächlich durchgeführten Ausstellung der Kunst-Werke)

taz Nr. 7257 vom 14.1.2004, Seite 18, Kommentar

Haltung gezeigt
Dann eben ohne Staatsknete! Die Berliner Kunst-Werke wollen die RAF-Ausstellung selbst finanzieren. Ist staatliche Förderung nur noch bei Wohlverhalten zu erwarten?

VON BRIGITTE WERNEBURG

(nebenstehendes Bild: Gerhard Richter, Jugendbildnis, 1988, Museum of Modern Art, New York)

Die umstrittene Kunstausstellung zur RAF wird wie geplant im Winter 2004/2005 in den Kunst-Werken, Berlin, stattfinden. Staatsknete allerdings wird zu ihrer Finanzierung nicht beitragen. Die Ablehnung des staatlichen Zuschusses kam jedoch nicht vom Hauptstadtkulturfonds, der über den modifizierten, zweiten Antrag der Kunst-Werke zur Förderung ihrer Ausstellung am Montag entscheiden wollte. Die Kunst-Werke selbst und ihr Leiter Klaus Biesenbach kamen dieser Entscheidung zuvor, indem sie den Antrag an diesem Tag einfach zurückzogen.

Ein beachtlicher Schritt. Die Kunst-Werke zeigen Haltung und fordern damit auch Haltung in der Kunstwelt, denn die Ausstellung muss sich nun mittels Spenden und einer künstlerischen Edition finanzieren. Nur mit diesem Schritt ist nun sichergestellt, dass das Konzept verwirklicht werden kann, die ästhetische Auseinandersetzung mit der RAF aufzuzeigen, wie sie im Kunstbetrieb seit Jahren im Gange ist, von Joseph Beuys angefangen über Gerhard Richter bis hin zu Johannes Kahrs oder André Korpys und Markus Löffler. Die Einwendungen von Angehörigen der RAF-Opfer, die befürchteten, die Ausstellung mit dem Arbeitstitel "Mythos RAF" wolle die Taten der Baader-Meinhof-Gruppe glorifizieren, lieferten nämlich im Sommer vorigen Jahres Politikern aller Couleur die passende Gelegenheit, sich als politisch korrekte Sittenwächter zu profilieren. Allen voran Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Innenminister und ehemaliger RAF-Verteidiger Otto Schily; lautstark aber auch Friedrich Merz und Guido Westerwelle.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die am Montag in einer ersten Stellungnahme betonte, jetzt könne die Kunstausstellung weiter vorbereitet werden, "ohne Kritikern die Chance zu geben, die staatliche Unterstützung als Vorwand für politische Polemik zu missbrauchen", war freilich diejenige, die die Vorgaben aus dem Kanzleramt zu exekutieren hatte. Das den Kunst-Werken vom Hauptstadtkulturfonds - in dessen Entscheidungskommission die Staatsministerin Stimmrecht hat - schon zugesagte Geld wurde auf ihren Druck hin einer erneuten Prüfung unterzogen. Zudem wurde Biesenbach aufgefordert, das Konzept zu modifizieren und sich der wissenschaftlichen Beratung durch die Bundeszentrale für Politische Bildung und das Hamburger Institut für Sozialforschung zu versichern.

Nun also geht es ohne politpädagogisches Begleitprogramm. Nun qualifiziert sich die Tauglichkeit des Konzepts am ausgearbeiteten Gegenstand selbst, an der Ausstellung. Nun also wird es Kritik geben, aber keine Vorverurteilung. Das ist ein Sieg der Kunstfreiheit, und doch steht zu befürchten, es sei ein Pyrrhussieg. Denn die Frage, inwieweit unter der jetzigen Bundesregierung staatliche Kunst- und Kulturförderung nur bei Wohlverhalten zu erwarten ist, steht weiterhin im Raum. An die liberalen Grundsätze, die jeder staatlichen Förderung zugrunde liegen sollten, mag man jedenfalls nach dem RAF-Procedere nicht mehr glauben. Christina Weiss als Herrin der Künste war nicht gut beraten, als sie sich in die Vorzensur des Projekts verwickeln ließ.

Unbenommen steht es der Bundeszentrale oder dem Reemtsma-Institut zu, die überfällige historisch-kritische Ausstellung zur RAF zu machen - vielleicht sogar mit neuen Dokumenten aus den Archiven? Im Falle von Jan Philipp Reemtsmas Institut für Sozialforschung, kann man sich denken, würde auch diese Ausstellung ohne staatliche Förderung auskommen. Weithin bekannt wurde das Hamburger Institut ja durch die umstrittene und schließlich sogar revidierte Wehrmachtsausstellung, die mit Staatsknete auch nie durchzusetzen gewesen wäre.


Der Tagesspiegel, 13.01.2004

RAF-Ausstellung ohne Bundesmittel
Die umstrittene RAF-Ausstellung in Berlin soll jetzt überraschend ohne Bundesmittel realisiert werden. Die Kunst-Werke Berlin sollen jedoch nur einen Teilbetrag der bereits erhaltenen Gelder zurückzahlen.

Berlin (12.01.2004, 18:45 Uhr) - Wie geplant soll die Ausstellung im Winter 2004/2005 gezeigt und jetzt durch Spenden und durch eine Edition finanziert werden, an der sich Künstler und andere Privatpersonen beteiligen können. Dies sagte der Leiter der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, am Montag der dpa.

Am selben Tag sollte ursprünglich der vom Bund finanzierte Hauptstadtkulturfonds über einen erneuten Antrag zur RAF-Ausstellung entscheiden. Erste Pläne waren auf scharfen Protest von Angehörigen der RAF-Opfer und von Politikern gestoßen, die eine Mystifizierung der Terrororganisation befürchteten. Zudem hatten die Angehörigen kritisiert, dass sie nicht rechtzeitig in die Konzeption der Ausstellung einbezogen worden waren.

Biesenbach begründete seine jetzige Entscheidung mit dem «politischen Gerangel» um die Ausstellung. «Das lässt darauf schließen, dass dieses Projekt auch in seinem weiteren Verlauf nicht sachlich an seinen Inhalten gemessen wird, sondern zum politischen Spielball verkommt.»

Die Kunst-Werke hätten sich die Entscheidung sehr schwer gemacht. Nach der heftigen öffentlichen Debatte hatten die Kunst-Werke im Herbst ein neues Konzept vorgelegt, das sich ausschließlich auf eine kritische Reflexion der RAF in Kunst und Kultur beschränkt. Die historische Wahrheit über die RAF zu dokumentieren, wie die Öffentlichkeit jetzt erwartet habe, könne eine Kunstausstellung nicht leisten, hatte es geheißen.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) betonte, jetzt könne die Kunstausstellung weiter vorbereitet werden, «ohne Kritikern die Chance zu geben, die staatliche Unterstützung als Vorwand für politische Polemik zu missbrauchen». Sie hatte zuvor den Anfang 2003 vom Hauptstadtkulturfonds bewilligten Zuschuss in Höhe von 100 000 Euro wieder zurückgefordert und die Kunst-Werke zu einem modifizierten Antrag aufgefordert. Der erste Antrag, für den der Zuschuss gegolten habe, sei hinfällig. Es ging dabei um eine Teilfinanzierung der ursprünglich auf 500 000 Euro veranschlagten Ausstellungskosten.

Die Kunst-Werke sollen nun statt der von Weiss bisher geforderten 100 000 Euro nur noch 45 000 Euro zurückzahlen. 55 000 Euro seien ordnungsgemäß verwendet worden, das übrige Geld sei noch nicht für den bestimmten Zweck ausgegeben worden und werde daher zurückgefordert, wurde am Montag nach einer Sitzung des Hauptstadtkulturfonds in Anwesenheit von Weiss und unter Leitung des Berliner Kultursenators Thomas Flierl (PDS) mitgeteilt.

Die Kommission habe nach einer Prüfung festgestellt, dass die Bewilligung und die sachgerechte Verwendung der Fördermittel nicht zu beanstanden sei. Flierl betonte, er habe das Projekt von Anfang an unterstützt und nehme zur Kenntnis, dass es jetzt ohne öffentliche Gelder realisiert wird.

Die FDP im Bundestag will zur Rückzahlungsforderung des Hauptstadtkulturfonds in Höhe von nur noch 45 000 Euro den Rechnungshof einschalten. Der kulturpolitische Sprecher seiner Fraktion, Hans-Joachim Otto, kündigte «massiven Widerstand» gegen die Entscheidung an, die gegen alle Haushaltsgrundsätze verstoße. Der Zuschuss für die Kunst-Werke müsse in voller Höhe zurückgezahlt werden, sagte Otto der dpa. «Der Bund hat keinen Einfluss mehr auf die Ausstellung und die Kunst-Werke dürfen dafür 55 000 Euro behalten, das ist instinktlos.»

«Wir sind eine relativ kleine Institution, in der alle möglichen Interessengruppen plötzlich mitreden wollten», klagte Biesenbach. «Aber wessen Ausstellung ist das denn? Das ist unsere Ausstellung!» Die Ausstellung müsse sich der Kritik stellen, wenn sie existiert. Er dankte ausdrücklich der Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, der früheren Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler. «Sie hat für uns gekämpft wie ein Löwe.» (tso/dpa)


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2004, Nr. 10 / Seite 4
RAF-Ausstellung ohne Bundeszuschuß

mk. BERLIN, 12. Januar. Die "Kunst-Werke" Berlin haben am Montag ihren Antrag auf Förderung einer Ausstellung über die "Rote-Armee-Fraktion" (RAF) zurückgezogen. Am Nachmittag entschied der Hauptstadtkulturfonds, der über die Vergabe von staatlicher Förderung in Höhe von zehn Millionen Euro jährlich für kulturelle Projekte in Berlin entscheidet, daß von den im Januar 2003 den "Kunst-Werken" bewilligten 100 000 Euro 45 000 zurückgezahlt werden müssen. Die bereits ausgegebenen 55 000 Euro werden nicht zurückgefordert. Die Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss (parteilos), sagte, Kritikern werde es nun nicht mehr möglich sein, die staatliche Unterstützung für die Ausstellung "als Vorwand für politische Polemik zu mißbrauchen". Angehörige von Opfern der Terrorgruppe und Politiker hatten den ersten Entwurf für die Ausstellung kritisiert; die "Kunst-Werke" hatten daraufhin das Konzept zurückgezogen, die Ausstellung um ein Jahr verschoben und ein neues Konzept vorgelegt, das eine rein künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema vorsieht.


taz Nr. 7256, 13.1.2004, Seite 18
unterm strich

Und wieder geht es um die RAF-Ausstellung in den Kunst-Werken in Berlin. Die Ausstellung muss ohne Bundesmittel realisiert werden. Die Kunst-Werke Berlin selbst zogen gestern ihren Antrag beim Hauptstadtkulturfonds zur finanziellen Förderung der Dokumentationsschau zur Geschichte der terroristischen "Rote Armee Fraktion" zurück. Die Ausstellung soll wie geplant im Winter 2004/2005 gezeigt werden, sagte der Leiter der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, der dpa.

Gestern sollte ursprünglich der vom Bund finanzierte Hauptstadtkulturfonds über einen erneuten Antrag zur RAF-Ausstellung entscheiden. Erste Pläne waren auf Protest von Angehörigen der RAF-Opfer und von Politikern gestoßen, die die Gefahr einer Mystifizierung der RAF befürchteten.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss hatte daraufhin den zunächst vom Hauptstadtkulturfonds bewilligten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro wieder zurückgefordert und die Kunst-Werke zu einem modifizierten Antrag aufgefordert. Der erste Antrag, für den der Zuschuss gegolten habe, sei hinfällig.

Biesenbach begründete seine jetzige Entscheidung mit dem "politischen Gerangel" um die Ausstellung. "Das lässt darauf schließen, dass dieses Projekt auch in seinem weiteren Verlauf nicht sachlich an seinen Inhalten gemessen wird, sondern zum politischen Spielball verkommt."


Berliner Zeitung, 12.01.2004

TAGEBUCH

Es geht um Vorzensur

Sebastian Preuss

Am heutigen Montag wird der Hauptstadtkulturfonds endgültig über das Schicksal der umstrittenen RAF-Ausstellung der Berliner Kunst-Werke bestimmen. Wie sich die Bund-Land-Kommission, die hierüber das letzte Wort hat, entscheiden wird, ist noch völlig offen. Die Fonds-Kuratorin Adrienne Goehler gilt als Unterstützerin des Projekts; bei der Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die sich sonst so gerne für eine unbequeme Kunst stark macht, darf man sich in diesem Fall wohl nicht mehr so sicher sein. Denn durch die RAF-Ausstellung ist sie stark unter Druck geraten. Der Kanzler und auch Innenminister Otto Schily, einst Anwalt des ehemals linksextremen Horst Mahler, sind gegen die Ausstellung.
Besonders ausgiebig aber hat die FDP-Fraktion des Bundestags gegen die Ausstellung gehetzt, dass man sich fragen musste, welcher populistische Eifer in diese angeblich so liberale Partei gefahren ist. Ausgerechnet die Partei der Besserverdienenden und der noblen Diskussionskultur macht sich heute mit Stammtischparolen zum Vorkämpfer von Basisdemokratie, wo es um Fördersummen von 100 000 Euro geht. Gerhard Baum, ein altgedienter Liberaler und während der RAF-Zeit selber Innenminister, rief im Herbst seine jungforschen Parteifreunde zur Mäßigung auf und verwies auf die Urteilskraft mündiger Bürger, die einer Kontrolle der Ausstellung durch die Politik nicht bedürften, sondern durchaus in der Lage seien, sich ihr eigenes Bild von der Geschichte zu machen.

Wie sehr Weiss immer noch unter Druck der Parlamentarier steht, zeigt die Rückforderung der im Januar des vergangenen Jahres bewilligten Fördersumme von 100 000 Euro. Die Rahmenbedingungen der Förderung, vor allem die Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Hamburger Institut für Sozialforschung, seien nach deren Rückzug, nicht mehr gegeben. Die Rückforderung mag juristisch unanfechtbar sein, doch weist sie einen bedenklichen Weg. Kann jetzt bald jeder mit starken Worten ein wissenschaftliches oder museales Projekt während der Erarbeitung und noch ohne endgültiges Ergebnis zu Fall bringen und sich dadurch wohlfeil öffentlich in Szene setzen?

Als Christina Weiss im Oktober, auf Antrag der FDP, den Hauptstadtkulturfonds vor dem Bundestag verteidigen musste, tat sie dies mit den Worten: "Wer sich anschickt, hier hinein zu regieren, zensiert am Ende die Kunst." Und Vorzensur ist im demokratischen Förderprozess von Kunst und Wissenschaft nicht vorgesehen. Die Kritik am fertigen Produkt steht jedem offen, dafür sorgt die Meinungsfreiheit. Daran sollten Christina Weiss und alle Kommissionsmitglieder sich heute erinnern.


taz Nr. 7255, 12.1.2004, Seite 19
unterm strich

Vor wenigen Tagen hat Kulturstaatsministerin Christina Weiss einen gewährten Zuschuss von 100.000 Euro zurückgefordert, den die Kunst-Werke Berlin für ihre geplante RAF-Ausstellung erhalten haben. Die Begründung: In der beantragten Form wird die Ausstellung nicht stattfinden. Das hat gute Gründe, denn nach zahlreichen Protesten des Projekts, die eine Mystifizierung der RAF und der Geschichte des Terrorismus witterten, mussten die Kunst-Werke ihr Konzept unter großem öffentlichen Druck überarbeiten. Das ist inzwischen geschehen und der neue Antrag liegt dem Hauptstadtkulturfonds schon vor.

Die Rückforderung des Geldes allerdings gefährdet das Projekt. Wenn es nicht zustande käme, sieht Klaus Biesenbach, der Leiter der Kunst-Werke, darin "ein Zeichen, dass es hierzulande zusehends unmöglich wird, Kunst als Freiraum zu verstehen".



taz Nr. 7253, 9.1.2004, Seite 18
unterm strich

Kulturstaatsministerin Christina Weiss fordert den bisher gewährten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro für die geplante RAF-Ausstellung in Berlin zurück. Die Mittel waren über den vom Bund finanzierten Hauptstadtkulturfonds den Berliner "Kunst-Werken" bewilligt worden. Der alte Zuschussantrag sei hinfällig, da das Projekt in der bisher vorgesehenen und beantragten Form nicht zustande kommt. Allerdings liegt ein neuer Antrag beim Hauptstadtkulturfonds vor, über den am Montag entschieden werden soll. Die Kunst-Werke waren aufgefordert worden, ihren alten Antrag nach den Auseinandersetzungen über die Pläne in der Öffentlichkeit im vergangenen Herbst zu modifizieren. Der künstlerische Leiter der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, ohne offizielle Kenntnis einer Rückzahlungsforderung, wartet jetzt auf die neue Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds. Eine Rückzahlung wäre für die Kunst-Werke existenzgefährdend, sagte er. Anders als der kulturpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto, mit seiner Anmerkung, diese Aussagen würde bedeuten, dass das Geld bereits im allgemeinen Haushalt der Kunst-Werke "verbraten sei", insinuiert, kostet auch die Vorbereitung einer Ausstellung Geld, gibt es etwa Verträge mit Honorarverpflichtungen, die erfüllt werden müssen.

Berliner Morgenpost, 8.1.2004
RAF-Ausstellung: Bund fordert Geld zurück

Die Kunst-Werke haben ein Problem: Im vergangenen Jahr bekamen sie vom Hauptstadtkulturfonds 100 000 Euro für eine geplante Ausstellung über die terroristische "Rote Armee-Fraktion" (RAF) überwiesen. Nach Protesten von Angehörigen der RAF-Opfer wurde das Konzept überarbeitet. Jetzt fordert Kulturstaatsministerin Christina Weiss das Geld zurück. Der Antrag sei hinfällig, da das Projekt in der bisher vorgesehenen Form nicht zu Stande komme, so die Begründung. Klaus Biesenbach, der künstlerische Leiter der Kunst-Werke, bezeichnete die Rückzahlungsforderung, von der er offiziell noch keine Kenntnis habe, als "existenzgefährdend". Er hofft, dass sich am Montag alles klärt. Dann entscheidet der Hauptstadtkulturfonds über den Nachfolgeantrag zur modifizierten RAF-Ausstellung. Beantragt ist ein Zuschuss von 100 000 Euro.
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Tagesspiegel, 7.1.2004

Weiss fordert Zuschuss zurück

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) fordert den bisher gewährten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro für die geplante RAF-Ausstellung in Berlin zurück. Der Zuschuss sei hinfällig, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Berlin (07.01.2004, 16:11 Uhr) - Die Mittel waren über den vom Bund finanzierten Hauptstadtkulturfonds den Berliner «Kunst-Werken» bewilligt worden. Der alte Zuschussantrag sei hinfällig, da das Projekt in der bisher vorgesehenen und beantragten Form nicht zu Stande komme, sagte ein Sprecher der Staatsministerin am Mittwoch der dpa. Das sei verwaltungstechnisch auch gegenüber dem Rechnungshof erforderlich.
Inzwischen liege allerdings ein neuer Antrag beim Hauptstadtkulturfonds vor, über den am nächsten Montag entschieden werden soll. Die Kunst-Werke waren aufgefordert worden, ihren alten Antrag nach den Auseinandersetzungen über die Pläne in der Öffentlichkeit im vergangenen Herbst zu modifizieren. Der künstlerische Leiter der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, hat noch keine offizielle Kenntnis von einer Rückzahlungsforderung und wartet jetzt auf die neue Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds. Eine Rückzahlung wäre für die Kunst-Werke existenzgefährdend, sagte er am Mittwoch.

Der kulturpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans- Joachim Otto, forderte «ein absolut sauberes Verfahren und Transparenz für den Bundestag sowie eine peinliche Beachtung der haushaltsrechtlichen Vorgaben» bei einer neuerlichen Beratung des Antrages der Kunst-Werke. «Es darf jetzt nicht gemauschelt werden», sagte Otto der dpa.

Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits Anfang November vergangenen Jahres den Rechnungshof gebeten habe, die Zuschussgewährung für die Ausstellung zu überprüfen. Der Rechnungshof habe Weiss daraufhin bereits im Herbst zum Eingreifen aufgefordert, betonte Otto. Dass die Kunst-Werke eine Rückzahlung als existenzgefährdend bezeichnen, nannte Otto alarmierend. «Das würde ja bedeuten, dass sie das Geld bereits in ihrem allgemeinen Haushalt verbraten haben.»

Der Sprecher von Kultursenator Thomas Flierl (PDS) sagte dazu, dem Senator sei es wichtig, «dass es ein guter und förderungsfähiger Antrag ist und dass die Ausstellung dann in der entsprechenden und gebotenen Qualität realisiert wird». Die ersten Pläne für die nach wie vor für den Winter 2004/2005 geplante Ausstellung über die terroristische «Rote Armee-Fraktion» (RAF) waren auf heftigen Protest der Angehörigen der RAF-Opfer und zahlreicher Politiker gestoßen. Sie befürchteten die Gefahr einer Mystifizierung der RAF. (tso/dpa)


Stuttgarter Zeitung, 23.09.2003
Auch Kunst hat Grenzen
Weshalb eine RAF-Schau nicht ohne Zeitgeschichte auskommt

Von Werner Birkenmaier

Wer die Jahre der RAF von ihren Anfängen beim Frankfurter Kaufhausbrand bis zum großen Stammheimer Prozess als journalistischer Beobachter miterlebt hat, tut sich zunächst schwer mit der Frage, warum die "Kunst-Werke" in Berlin besagter "Rote-Armee-Fraktion" eine Ausstellung widmen wollen. Vielleicht wissen es die Veranstalter selbst nicht genau. Dieser Verdacht liegt jedenfalls nahe, denn sie haben ihr ursprüngliches Konzept, nämlich die Verknüpfung von Kunst und Zeitgeschichte, rasch aufgegeben, als es in die Kritik geriet.

In der Tat ist dieses Ausstellungskonzept schlecht vorbereitet und nicht hinreichend durchdacht gewesen. Angehörige der Opfer, die nicht informiert worden waren, befürchteten eine Glorifizierung der Täter. Bedenken äußerten Politiker von Gerhard Schröder über Otto Schily bis hin zu Guido Westerwelle, der eine "Romantisierung des Terrorismus" befürchtete. Denn wer sich auf Zeitgeschichte einlässt, sollte sich wappnen. Angesichts massiver Vorbehalte änderten die Veranstalter ihr Konzept, denn es geht dabei auch um hunderttausend Euro Fördermittel aus dem Hauptstadtkulturfonds. Da ist Streit nicht hilfreich. Nun setzen die Ausstellungsplaner ausschließlich auf die Kunst, insoweit sie sich mit der RAF beschäftigt. Kunst ist weniger verfänglich, sie muss sich nicht an die Tatsachen halten. Das neue Konzept wird nun geprüft. Noch fließen die Gelder nicht.

Doch zurück zur Eingangsfrage: warum überhaupt eine RAF-Ausstellung? Gibt es da Defizite, muss der Öffentlichkeit aufgeholfen, müssen Lücken geschlossen werden, tatsächliche und solche des Bewusstseins? Unwillkürlich denkt man an Reemtsmas Wehrmachtsausstellung, die - so umstritten sie zunächst auch war - einem breiteren Publikum bekannt machte, dass Teile der Wehrmacht in Kriegsverbrechen verstrickt waren. In Paul Carells auflagenstarken Büchern "Unternehmen Barbarossa" und "Verbrannte Erde" wird ein sauberer Krieg an der Ostfront geführt - und das war lange auch die allgemeine Sicht der Dinge. Hier ist tatsächlich einiges verdrängt worden.

Was aber ist an der Geschichte der RAF verdrängt worden? Wo ist hier der pädagogische Nachholbedarf? Das sind die Fragen eines Angehörigen der "skeptischen Generation", der die Re-Ideologisierung der 68er-Generation zunächst mit Verwunderung, dann voll Abwehr betrachtete. Das gilt natürlich erst recht für den RAF-Terrorismus, der ohne die Rebellion und die ideologische Aufladung der Achtundsechziger nicht denkbar ist. Natürlich haben deren Angehörige einen anderen Blick auf diese Vergangenheit. Sie ist ein Teil ihres Lebens, mit dem sie sich identifizieren. Das bestimmt die Position zur RAF, zum Umschlag der Bewegung in den Terrorismus. Das wirkt wie der Pfahl im Fleische. Die RAF und ihre Geschichte bleiben deshalb auf der Tagesordnung.

So gesehen ist die Idee einer Ausstellung zu diesem Thema nicht abwegig. Sie könnte der Klärung, aber auch der Selbstvergewisserung dienen. Die RAF hat schließlich die Republik in Atem gehalten, hat sie auch verändert hin zu weniger Liberalität. Darin steckt ein Problem, das uns angesichts neuartiger terroristischer Herausforderungen weiterhin beschäftigen wird. Aus den Erfahrungen der siebziger Jahre ließe sich lernen.

Sinnvoll wäre eine Ausstellung über die RAF allerdings nur dann, wenn sie auch Zeitgeschichtliches einbezieht. Der Niederschlag des RAF-Terrors allein in der Kunst wäre zu wenig. Gerhart Baum, der frühere Bundesinnenminister, sagt denn auch: "Der enge Zusammenhang zwischen Kunst und Politik macht allerdings notwendig, dass die Ausstellung auch über die damalige Zeit informiert. Es bedarf dazu nicht grundlegender neuer Untersuchungen, denn seit Jahren gibt es dazu eine Fülle von Sachdarstellungen und kontroversen Meinungsäußerungen." Dispute darüber wären nicht zu fürchten, denn, so sagt Gerhart Baum: "Wir sollten auf die Urteilskraft mündiger Bürger vertrauen, die die Ausstellung besuchen werden."

In der Tat: die RAF ist ja nicht bloß Kunst. Doch weil die Planer von den "Kunst-Werken" vorschnell das Feld geräumt haben, läuft es - sofern die Ausstellung verwirklicht wird - genau darauf hinaus. Statt aufzuklären und zur Diskussion herauszufordern, bleibt am Ende nur das Argument, aktuellen Tendenzen zur Verharmlosung der RAF durch eine gedankenlose Popkultur entgegenzuwirken. Klaus Biesenbach, der Organisator der Ausstellung, merkt dazu an: "Die jüngere Generation soll das nicht sehen als eine Art Bonnie und Clyde aus Hollywood. Wenn man aber weiß, worum es geht, dann trägt man auch nicht so ein RAF-Logo auf dem T-Shirt."

Also Entmythologisierung der RAF durch Kunst? Der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Hamburger Institut für Sozialforschung von Jan Reemtsma ist das zu wenig. Sie haben ihre Beteiligung aufgekündigt. Gewiss lässt sich eine nur auf künstlerische Reaktionen gestützte Ausstellung machen. Es gibt dazu Werke von Joseph Beuys, Marcel Odenbach, Gerhard Richter, Katharina Sieverding . . . Auch Filme von Harun Farocki, Rainer Werner Fassbinder oder Andres Veiel ("Black Box BRD") könnten einbezogen werden. Nur: wenn in Berlin gesagt wird, eine Ausstellung sei ein Appell an die Öffentlichkeit, zu einem Thema Stellung zu nehmen, bleibt am Ende doch die Frage, ob Kunst allein das bewirken kann.


Süddeutsche Zeitung, 17.09.2003
RAF-Ausstellung
Politische Berater ziehen sich zurück

Nach der Vorlage des neuen Konzepts zu der umstrittenen RAF-Ausstellung erwägt die Bundeszentrale für politische Bildung einen eigenen Beitrag zum Thema „RAF“. Er gehe davon aus, dass sich eine Kooperation mit dem Verein Kunst-Werke Berlin nach dem neuen Entwurf (SZ vom 15. September) erledigt habe, sagte der Präsident der Zentrale, Thomas Krüger. Der Beirat des Hauptstadt-Kulturfonds gab bekannt, er halte an seiner Finanzzusage über 100 000 Euro für die Ausstellung fest. Die Ausstellungsmacher müssten bis zur nächsten Sitzung im November ein neues Finanzierungskonzept vorlegen.



Frankfurter Rundschau, 15.09.2003

Kunstwärts
Mythos RAF, überarbeitet

Von Thomas Medicus

Wie heiß die Sache noch immer ist, lässt sich an den Kältegraden erkennen, mit der sie jetzt abgekühlt wurde. Binnen zweier Monate hatte sich die von den Berliner KunstWerken geplante Ausstellung mit dem Titel "Mythos RAF" zum Politikum hochgeschaukelt. Eine geplante Sondersitzung des für die finanzielle Unterstützung des Projektes zuständigen Hauptstadtkulturfonds wurde kurzerhand abgesagt. Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Berlins Kultursenator Thomas Flierl, dem Vorsitzenden der Gemeinsamen Kommission des Hauptstadtkulturfonds, war die Geschäftsgrundlage entzogen. Die KunstWerke hatten das alte Exposé zurückgezogen und ein überarbeitetes Konzept der für 2004 anberaumten Schau vorgelegt. Der alte Antrag sei vom Tisch, hieß es in der Verlautbarung der Kulturstaatsministerin, das neue Konzept werfe eine Reihe von Fragen auf, die einer intensiven Prüfung bedürften.

Die in diesen Worten einer gebrannten Kulturstaatsminsterin waltende Vorsicht ist unüberhörbar. Sie ist die Konsequenz auf die heftige Debatte, die das erste Konzept gleich nach Bekanntwerden weckte. Eilig mit 100 000 Euro aus dem Haupstadtkulturfonds unterstützt, soll das im Juli vorgetragene Ideengut kaum eine DIN-A4-Seite umfasst haben. So dünn der Antrag, so schrill die Reaktionen. Von "Verunglimpfung der Opfer" und "Glorifizierung" der Terroristen war die Rede. Entfesselt wurde die Kontroverse durch einen einzigen Satz des ursprünglichen Konzeptes, der es in sich hatte. Zu überprüfen, "welche Ideen, Ideale ... ihren Wert durch die Zeit behalten" hätten, war die erklärte Absicht der Ausstellungsmacher.

Auch wenn kaum einer seinen Ohren traute, gemeint waren die Ideen und Ideale der RAF. Was immer damit beabsichtigt gewesen sein mochte, der unfreiwillige Test der Ausstellungsmacher, ausgerechnet an Phänomen der RAF zu überprüfen, wie historisch die alte Bundesrepublik inzwischen wohl geworden sei, rächte sich. Die öffentliche Ablehnung war einhellig. Die schwersten Vorwürfe, erhoben von den Nachkommen prominenter RAF-Opfer, wie Hans-Eberhard Schleyer, riefen sogar den Kanzler auf den Plan. Von der Gedankenlosigkeit des inkriminierten Satzes abgesehen, hatten es die KunstWerke mit ihrem Leiter Klaus Biesenbach auch versäumt, mit den Nachkommen der Opfer in Dialog zu treten. Der Vorwurf, sich zu stark auf die Täter zu konzentrieren, war nur der letzte, der deutlich machte, dass das Konzept gescheitert war. Die Frage war nur, wer es zu Fall bringen würde.

Das haben die Ausstellungsmacher jetzt selbst besorgt. Aus der öffentlich vorgetragenen Sorge über eine "Mystifizierung der RAF" zieht ihr neu formuliertes Konzeptpapier überraschende Konsequenzen. Anders als ursprünglich geplant, heißt es jetzt: "Die Kunst muss bei dieser Ausstellung im Mittelpunkt stehen." Es bestünde die Absicht, dem Besucher "einen Zugang zu den Fakten, den Ereignissen und deren Aufarbeitung, wie sie bis heute geschehen ist, mit den Mitteln einer zeitgenössischen Kunstausstellung zu ermöglichen." Zurück zur Kunst, lautet demnach die aus den öffentlichen Schelten gezogene Konsequenz. Kultursenator Flierl ließ vermelden, er halte die Neukonzeption für "fundiert", Adrienne Goehler, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, sprach gar von einem "Befreiungsschlag".

Wovon sich die Kunstwerke befreit haben, darüber lässt sich allerdings streiten. Vom Tisch ist mit der Neukonzeption jedenfalls eine wissenschaftlich fundierte Dokumentation des RAF-Terrorismus, die im ursprünglichen Antrag noch enthalten war. Dazu heißt es jetzt mit beleidigtem Unterton, die Aussteller könnten nicht leisten, "was Jahrzehnte an historischer, publizistischer, soziologischer und anderer wissenschaftlicher Arbeit nicht geleistet haben: Ein abschließendes, abgerundetes Bild über einen Zeitabschnitt der bundesrepublikanischen Geschichte zu liefern." Warum eine Ausstellung dies nicht leisten können soll, ist unklar, zumal den KunstWerken mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Hamburger Institut für Sozialforschung fundierte wissenschaftliche Beratung zur Seite steht. In welcher Form sich diese beiden Institutionen zukünftig beteiligen werden, ist nach der Neuformulierung allerdings unklar.

Zur Aufklärung des historischen Kontextes begnügen sich die Kunstwerke mit dem Vorschlag, "ein vielfältiges, dezentral organisiertes Beiprogramm" anbieten zu wollen. Die Ausstellung selbst konzentriere sich auf "den Niederschlag von Terror in der Kunst", "eine Fallstudie am Beispiel der RAF", "die Spektakularisierung des Terrors in den Massenmedien" und deren künstlerische Reflexion. Die Namen der Künstler, die genannt werden, reichen von Beuys, Vostell und Richter bis zu Filmemachern wie Schlöndorff, Trotta und Veiel.

Das klingt unverbindlich-allgemein und ist es auch. Mehr als eine ratlose Ausflucht angesichts massiver Kritik an der ursprünglichen Ausstellungskonzeption ist die Neufassung nicht. Mit ihrer Konzentration auf künstlerische Reflexion haben die Ausstellungsmacher vor allem ihren mangelnden Mut bewiesen, im Dialog mit den Kritikern zu eigenen Positionen zu finden. Auf die Instinktlosigkeit der ersten Konzeption folgt die Unverbindlichkeit der zweiten. Man überlässt den Künstlern das Wort, um es selbst nicht erneut ergreifen zu müssen. Wohl deshalb bläst man zum Rückzug. Ob eine reine Kunstausstellung nicht hinterrücks der Mystifizierung der RAF erliegt, die sie zu vermeiden beabsichtigt, wird sich erweisen.


Stuttgarter Zeitung, 26.08.2003
Mörder als Ikonen
Über den schwierigen Umgang mit der RAF / Von Andres Veiel

Im Frühjahr 2003 hat in Boston an der Harvard-Universität ein Symposium stattgefunden. Titel: "The RAF"s Germany". Dass die Rote-Armee-Fraktion (RAF) Teil der kollektiven deutschen Geschichte und Gegenwart ist, gilt in den USA längst als eine Selbstverständlichkeit. Ob eine deutsche Universität eine Veranstaltung mit gleichem Titel hätte durchführen können, muss angesichts der aktuellen Debatte zur Aufarbeitung der RAF bezweifelt werden. Die RAF der siebziger Jahre hat sich mittlerweile zu einer Pop-Ikone entwickelt. Andreas Baader und Ulrike Meinhof sind die neuen Helden der T-Shirt-Industrie. Die RAF ist Materiallieferant für unzählige Filme, Gemälde, Romane, Theaterstücke, Comics. Die RAF ist als Phänomen flächendeckend präsent.

Doch eine tiefere Reflexion der Geschichte der RAF und ihrer Gewordenheit wird dadurch eher versperrt. Die Chance der für 2004 in Berlin geplanten und jetzt bereits umstrittenen RAF-Ausstellung liegt darin, eben diesen Widerspruch zum Thema zu machen. Die Ausstellung wird in den Kunstwerken stattfinden - und nicht im Deutschen Historischen Museum. Eine Ästhetisierung und Fiktionalisierung des Phänomens RAF und ihr Widerschein in der Kunst aber setzen eine genau erstellte "faktische Kartografie" voraus. Das eine braucht das andere.

Die Blackbox des Nichtwissens ist gigantisch. Wir wissen immer noch nicht, ob das RAF-Mitglied Wolfgang Grams in Bad Kleinen durch eigene Hand oder durch Fremdeinwirkung ums Leben gekommen ist. Von der letzten, seit Mitte der achtziger Jahre agierenden Gruppe sind nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld namentlich bekannt, die meisten der Attentate gelten als nicht aufgeklärt. In der Blackbox nisten sich Legenden und Verschwörungstheorien ein. Das gilt auch für die siebziger Jahre.

Einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte haben sich die meisten (ehemaligen) RAF-Mitglieder verweigert. Auch diejenigen, die sich ihren Erinnerungen stellen, tragen nicht unbedingt zur Erhellung der Blackbox bei. Jüngstes Beispiel ist Peter Jürgen Boock, der in seiner "dokumentarischen Fiktion" zur Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer wortreich verhüllt, was er zu beschreiben vorgibt. Aber auch staatliche Stellen sind bis heute weit davon entfernt, zur faktischen Aufarbeitung der RAF Erhellendes beizutragen. So sind etwa die Protokolle, die beim Abhören der Gespräche zwischen Verteidigern und RAF-Gefangenen in Stammheim angefertigt wurden, bis heute unter Verschluss.

Darin liegt die eigentliche Herausforderung der Ausstellung: einen Gegenstand zu erhellen, der sich in seinem Kern bis heute als nur begrenzt darstellbar erwiesen hat. Eine Brechung der Wahrnehmung durch das künstlerische Abbild des RAF-Phänomens öffnet Räume - und verschließt andere. Die Ausstellung hat die Chance, die Grenzen des Wissens und die Zonen des Verschweigens auszuloten und sichtbar zu machen.

Die Geschichte der RAF ist auch eine Geschichte der Opfer und ihrer Angehörigen. Die RAF hat sich angemaßt, Vertreter aus Wirtschaft und Politik zum Tode zu verurteilen. Einige dieser Repräsentanten sind nach ihrem gewaltsamen Tod Teil einer kollektiven Erinnerung geworden, andere sind längst vergessen. Inge Viett, das ehemalige RAF-Mitglied, beschreibt in ihrer Autobiografie, wie sie, noch im Untergrund, in Paris ohne Helm Motorrad fährt. Ein Verkehrspolizist beobachtet und verfolgt sie. In einem Parkhaus läuft sie auf ihn zu, sie beschreibt seinen Blick als "dümmlich" - und drückt ab. Er sitzt seitdem im Rollstuhl und ist für sein Leben gezeichnet. In ihrem Buch erwähnt sie, dass sie sich erst zehn Jahre nach dem Vorfall mit dem Schicksal des Polizisten "als gelähmten und abhängigen Menschen" auseinander gesetzt hat.

Die weit gehende Ausblendung der Opferperspektive ist jedoch nicht nur ein Problem ehemaliger RAF-Angehöriger. Opfer sind, wie mir einmal ein auf RAF-Ikonen spezialisierter T-Shirt-Designer sagte, einfach "nicht sexy". Eine durchdachte Ausstellungskonzeption braucht den Wechsel der Perspektiven. Opfer sind nicht nur Opfer: Ein Alfred Herrhausen und ein Hanns-Martin Schleyer stehen auch für ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Sie lassen sich eben nicht auf ihre Funktion reduzieren, wie es die RAF immer wieder versucht hat. Auch ein Andreas Baader ist nicht nur ein Menschen verachtender Killer. Der biografische Zugang eröffnet einen widersprüchlichen Blick auf einen schillernden Lebensweg - mit zahlreichen Momenten von Nähe, Sympathie und damit Identifikation. Dieser Widerspruch ist die eigentliche Provokation. Wenn er mit all seinen Irritationen in einer Ausstellung nachvollziehbar wird, werden schließlich auch Angehörige der Opfer eine solche Auseinandersetzung akzeptieren können.

Zwischen diesen Aspekten steht die deutsche Geschichte, aus der beide, Täter wie Opfer, herauswachsen. Die Heftigkeit, mit der die Debatte um die Ausstellung geführt wird, zeigt, dass die Kampfschablonen der siebziger Jahre noch immer in den Köpfen wirksam sind. Hier die Sympathisanten, die das Phänomen der RAF verharmlosen, dort die Panikmacher: Die RAF, das sind Killer, das ist eine Bande, sonst nichts. Gerade deshalb ist eine Ausstellung wichtig, die einen genauen zweiten Blick auf die RAF wirft, sowohl auf die historischen Wurzeln, die weit vor das Jahr 1968 zurückreichen bis hinein in die Lebensgeschichten der Väter und Großväter, als auch auf die Rolle des Staates und seiner Repräsentanten. Die einen projizierten in die Bundesrepublik das Phantom eines faschistoiden Staates, die anderen sahen umgekehrt in der RAF eine faschistoide Gruppe, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Auch diesen gegenseitigen Faschismusvorwurf kann eine Ausstellung jenseits der bekannten Schuldzuweisungen ergründen.

Die jetzige Debatte zeigt: Die RAF ist nicht nur Geschichte. Sie ist Gegenwart.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2003, Nr. 182 / Seite 33

RAF-Ausstellung
Was eigentlich wird zu sehen sein?


Von Niklas Maak

08. August 2003 Vor fünfzehn Jahren stellte Gerhard Richter einen Gemäldezyklus mit dem Titel "18. Oktober 1977" vor. Der Zyklus zeigt pathetische Momentaufnahmen aus dem Leben der Terroristen: ein Jugendbild von Ulrike Meinhof, ein Bild der Toten, die Festnahme von Holger Meins, drei Bilder von Gudrun Ensslin, Baaders Zelle in Stammheim, das Bild seines Plattenspielers, die Beerdigung, gemalt nach Bildern aus Polizeiarchiven. Damals wurde Richter in einem Interview gefragt, ob er erwogen hätte, "auch die Opfer der Terroristen zu malen, zum Beispiel Hans-Martin Schleyer". Richter antwortete: "Nein. Nie. Das ist ja das normale Verbrechen, das normale Unglück, das täglich passiert. Was ich gewählt habe, ist doch ein exzeptionelles Unglück."
Man kann die Wut der Angehörigen, für die der Tod des Vaters oder Mannes vermutlich ebenfalls ein "exzeptionelles" Unglück war, angesichts solcher Äußerungen gut begreifen. Als bekannt wurde, daß der Zyklus im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden würde, zog sich die Dresdner Bank, deren Vorstandsmitglied Jürgen Ponto von der RAF ermordet worden war, aus dem Förderkreis des Museums zurück. Richters Werk wurde schließlich vom Museum of Modern Art in New York gekauft und sorgte auch dort, obwohl es immer wieder als einer der wichtigsten Beiträge der Kunst zur neueren Zeitgeschichte und als kritische Beschäftigung mit tödlicher Ideologie gefeiert wird, für Debatten. Der Kritiker David Gordon forderte in "Newsweek", die Bilder durch Porträts der Opfer zu ergänzen.

Seltsame Ikonenmalerei
Die Debatte um Richter erlebt nun ihre Wiederkehr anläßlich der geplanten Berliner Ausstellung zur RAF. Im Kern geht es auch in dieser Diskussion um Wirkungsmacht und Kommentierbarkeit von Bildern. Daß in den vergangenen Jahren in einem bestimmten Milieu die RAF zum Modephänomen wurde, läßt sich nicht bestreiten. Das Magazin "Tussi de Luxe" inszenierte die Geschichte der Gruppe als Modestrecke - Models posieren als elegische Terroristen. Zur Londoner Kunstausstellung "Crash" erschien ein Begleitheft mit dem Titel "Prada Meinhof", in Leander Scholz' Roman "Rosenfest" trifft ein zurechtromantisierter Baader eine idealisierte Gudrun Ensslin. Zahlreiche Kunstwerke widmen sich der RAF.
Ob Odd Nerdrums für die Ausstellung angefragtes Bild "Murder of Andreas Baader" von 1997 oder Johannes Kahrs' Gemälde "Meinhof 2001", das zuletzt in der Frankfurter Schau "Deutsche Malerei 2003" zu sehen war: Die RAF-Terroristen sind längst Gegenstand einer seltsamen Ikonenmalerei, die das "exzeptionelle" der Terroristen feiert. In Literatur und Kunst werden sie wie Popstars präsentiert, mit denen sie die Allgegenwart ihrer Bilder und ihre gleichzeitige reale Verborgenheit ebenso verbindet wie ihr vermeintlich "exzeptionelles" Leben. Ihr früher Tod ist in bester Pop-Tradition nicht Drohung, sondern Versprechen: "Hope I die before I get old", sang schon "The Who".

Porträts einer tödlichen Ideologie
Daß die RAF statt mit Musik durch Morde die Welt verbessern wollte, wird vergessen. Ein nostalgisch-jugendliches Milieu schaut mit vernieseltem "Damals-war-noch-was-los"-Blick auf eine zur Abenteurerbande romantisierte RAF. Doch auch in der Kunst selbst gab es Gegenbewegungen zum RAF-Kult der Künste. Vor drei Jahren präsentierte "Susi Pop" in Berlin rosa eingefärbte Siebdrucke von Richters RAF-Zyklus. Die Farbe zerstörte jedes Geheimnis, jedes graue Raunen und machte den Zyklus zum warholartigen Wandschmuck - eine Polemik gegen die elegische Unbestimmtheit der Vorlage.
Die wenigsten Kunstwerke, die die RAF zum Thema machen, beschäftigen sich mit den Opfern des Terrors. Doch es gibt Ausnahmen, etwa Hans-Peter Feldmanns eindrucksvolles, ebenfalls auf der Wunschliste der Ausstellungsmacher stehendes Werk "Die Toten". Feldmann hat die Bilder der Toten auf beiden Seiten versammelt, Jugendbildnisse, Paßbilder und Aufnahmen der Orte, an denen Terroristen und Opfer zwischen 1968 und 1993 zu Tode kamen. Feldmanns Arbeit ist das unheroische Porträt einer tödlichen Ideologie, sein Prinzip der Bergung vergessener Presse-Bilder machen sich auch die Berliner Kuratoren zu eigen.

Ein Bildgedächtnis als Herzstück
Der einzige Künstler, der um eine Auftragsarbeit gebeten wurde, ist der Filmemacher Harun Faroki, der Nachrichtensendungen und Folgen der Sendereihe "Aktenzeichen XY" zur RAF-Fahndung zu einem Dokumentarband zusammenschneidet. Dieser Film, der in Zusammenarbeit mit Wolfgang Kraushaar erarbeitet wird, ist das Herzstück der Schau, ein Bildgedächtnis, an dem man die Entstehung des "Mythos RAF" wird verfolgen können: Welche Bilder wurden vergessen, welche wurden - in Schulbüchern, in der Kunst, von Modemachern, Regisseuren und Schriftstellern - aufgegriffen, und warum?
Zwischen 1970 und 1977 berichteten Zeitungen auf ganzen Seiten auch vom Schicksal der "zufällig" erschossenen Personen, die am Rande von RAF-Überfällen zu Tode kamen. Auch ihre Geschichten und Bilder sind heute vergessen. Nach Aussage der Kuratoren sollen diese Foto-Berichte in der Ausstellung präsentiert werden. Im dämmernden Revoltenkitsch der neueren Kunstproduktion sollen, so die Hoffnung der Kuratoren, die vergessenen, erschütternden Bilder und Berichte über das Leiden der Opfer ihre Wirkung entfalten, die Konstruktion des "Mythos RAF" offenlegen und seine Wirkung zersetzen.
Wobei offenbleibt, ob das die Popkultur selbst nicht besser kann. Nichts ist für Ideologie und Mythos so schädlich wie Klamauk. Baader und Meinhof, stets darauf aus, Schrecken zu verbreiten, hätten die Verballhornung ihres Weltrettungsplans sicherlich nicht gern gesehen. Der geschmacklose "Prada Meinhof"-Spektakel war vielleicht schon das Ende eines raunenden RAF-Mythos, an dem einige Künstler noch eifrig herummalen.


Frankfurter Rundschau, ca. 26. Juli 2003
Koalition der Empörung über den "Mythos Rote Armee Fraktion"

Angehörige von Opfern befürchten Glorifizierung der RAF durch geplante Ausstellung in Berlin / Kanzleramt ist alarmiert

Eigentlich schien das düstere Kapitel "Rote Armee Fraktion" (RAF) durch die Selbstauflösung der Terror-Gruppe längst beendet. Doch plötzlich beschäftigt die RAF wieder die Politik. Eine mit staatlichen Mitteln geförderte Ausstellung über den "Mythos RAF" schmiedet eine parteiübergreifende Koalition der Empörung - und politische Verwirrung.

Von Vera Gaserow

BERLIN, 23. Juli. In der Ausstellungs- und Veranstaltungsgalerie "Kunst-Werke" in Berlin-Mitte weiß man zurzeit nicht mehr, welches Telefon man zuerst abnehmen soll. Wohlmeinendes Interesse und Anerkennung für das, was hier in den Räumen einer früheren Margarinefabrik auf die Beine gestellt wird, ist man durchaus gewohnt. Aber jetzt sind die Ausstellungsplaner in grelles Scheinwerferlicht geraten, das bis ins Kanzleramt leuchtet.

Dort ging dieser Tage, adressiert an den Bundeskanzler persönlich, der besorgte Brief der Familien der beiden RAF-Opfer Hanns-Martin Schleyer und Detlev Rohwedder ein. Mit Empörung, Unverständnis und Bitterkeit wehren sich die Angehörigen der Ermordeten dagegen, dass "nicht nur mit Billigung, sondern mit staatlicher Förderung" in den Räumen der Kunst-Werke eine Ausstellung über den "Mythos RAF" geplant sei, die der "vorhandenen Legendenbildung und Glorifizierung der RAF Vorschub leistet".

Das Kanzleramt reagierte alarmiert auf den Anlass des Schreibens, der bereits via Bild bei Politikern von SPD, CDU und FDP öffentliche Empörung provoziert hatte. "Unter dem Eindruck der Vielschichtigkeit des Themas", so mühte sich am Mittwoch der stellvertretende Regierungssprecher die Aufregung zu dämpfen, habe Schröder Kulturstaatsministerin Christina Weiss aufgefordert, die Kritik an dem Ausstellungskonzept zu überprüfen. Die Prüfung dürfte nicht leicht sein, denn ein solches Konzept gibt es bisher nicht.

Und doch hat der Hauptstadtkulturfonds, der auch aus Zuschüssen des Bundes gespeist wird, bereits im Januar 100 000 Euro für das Projekt bewilligt. Im Herbst sollte die Ausstellung fertig sein und später unter anderem weiter nach Düsseldorf wandern. Inzwischen ist sie bereits auf nächstes Jahr verschoben. Gestaltet werden soll das Projekt unter der wissenschaftlichen Mitarbeit des Zeithistorikers Wolfgang Kraushaar vom namhaften Hamburger Institut für Sozialforschung. Und auch die Bundeszentrale für politische Bildung war gebeten, das sensible Vorhaben zu begleiten.

Die Macher bestreiten vehement, dass die Ausstellung die Gewalttaten der RAF glorifizieren könnte. Durch eine Verbindung von politisch-historischer Dokumentation und einem künstlerischen Teil wolle man gerade die leichtfertige "ästhetische Aneignung" der RAF-Symbole in Mode und Popkultur problematisieren, betont Beate Barner, Geschäftsführerin der "Kunst-Werke". Bereits im Juni habe man darüber hinaus beschlossen, Angehörige von Opfern der RAF über das Ausstellungskonzept zu informieren.

Nur: Eine solche Information blieb bisher aus. Angesichts der medialen Aufregung schaltet das politische Berlin jetzt die Warnblinkanlage ein. Deutlich distanziert klingt inzwischen die Mitteilung der Bundeszentrale für politische Bildung, die bislang der Regierung als Garant für eine sensible Begleitung des Vorhabens galt. Bisher, betont die Bundeszentrale, habe man sich noch gar nicht an dem Projekt beteiligt. Ob man es tun werde, hänge von einem schlüssigen Gesamtkonzept ab, "das einer Glorifizierung strikt entgegenwirkt" und die Angehörigen von RAF-Opfern einbezieht.

Ein FR-Rückblick in die 70er Jahre


Frankfurter Rundschau ca. 26. Juli 2003
TIMES MAGER
Legenden

Eine gewisse rhetorische Fiebrigkeit gehört zu den Erkennungsmerkmalen zeithistorischer useinandersetzungen. Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Schon deshalb muss es niemanden wundern, wenn eine geplante Ausstellung über den "Mythos RAF" bereits im Vorfeld die Gemüter erhitzt. Wie ein dissonanter Agit-Prop-Chor sind denn auch die politischen Lautsprecher von Friedrich Merz bis zu Guido Westerwelle auf der Szene erschienen, um das Skandalon einer Ausstellung der Berliner Kunstwerke e.V. zu markieren, die mit finanzieller Unterstützung der "Bundeszentrale für politische Bildung" erst im November 2004 das Betrachterauge der interessierten Öffentlichkeit passieren soll. Der ursprüngliche Eröffnungstermin, der für Ende 2003
vorgesehen war, wurde seitens der Veranstalter noch einmal verschoben, weil eine frühe Präsentation nicht zu Lasten einer wissenschaftlichen Genauigkeit des Projekts gehen sollte. Ein gültiges Ausstellungskonzept, das nun von den politischen Kommentatoren in Zweifel gezogen wird und die Angehörigen von RAF-Opfern besorgt, gibt es bis zum heutigen Tag nicht.

Der in der Erhitzungsphase befindliche Skandal dreht sich denn auch gar nicht um eine Ausstellung, sondern um einen Satz, der in einer frühen Planungsphase formuliert worden ist. Der Satz lautet: "Welche Ideen, Ideale haben ihren Wert durch die Zeit behalten und können nicht als naiv abgetan werden." Es wäre den Ausstellungsmachern um den erfahrenen Berliner Kurator Klaus Biesenbach ("Berlin Biennale") gewiss zu wünschen, dass die sprachliche und gedankliche Hilflosigkeit, die sich in diesem Satz ausdrückt, sich später in der Ausstellung nicht wiederfindet. Die allein aus inhaltlichen Gründen erwogene Verschiebung des Projektes um ein ganzes Jahr deutet bereits darauf hin, dass die Schnoddrigkeit eines frühen Thesenpapiers keineswegs ein Gestaltungsmerkmal des Unternehmens ist. Dass dieser Satz den Anlass für ein gewünschtes politisches Sommertheater abgibt, ist denn wohl auch eher einer Indiskretion im Entstehungsprozess der Ausstellung geschuldet. Er derartiges Papier, so der Zeithistoriker und wissenschaftliche Berater der Ausstellung, Wolfgang Kraushaar, sei nie über seinen Tisch gegangen und gewiss nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen.

Der Erregungsfaktor, der die Auseinandersetzung um die Ausstellung und die politischen Gelder, die ihr zufließen, bestimmt, kennzeichnet nicht zuletzt ein kulturpolitisches Klima, das durch Verdachtsrhetorik und Aufpassermentalität geprägt ist. Der hier aufkeimende Kampf um den Mythos RAF wiederholt längst bearbeitet geglaubte Antagonismen von Staatstreue und Terrorismussympathisanten als Farce. Das Medium der Ausstellung ist gewiss nicht vor politischer Legendenbildung gefeit. Das hysterische Vorspiel zu einer solchen Schau wäre dann aber nicht zuletzt ein starkes Argument dafür, dass sie entstehen sollte. HARRY NUTT


Donnerstag, 24. Juli 2003 - 16.00 Uhr, AFP Agence France-Presse GmbH
Streit um geplante RAF-Ausstellung
Schily teilt Kritik der Hinterbliebenen an umstrittenem Projekt

Die Macher der umstrittenen RAF-Ausstellung haben sich in einem persönlichen Brief an die Witwe des erschossenen Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder und die Hinterbliebenen des ermordeten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer gewandt. "Wir bitten darin um ein persönliches Gespräch, um alle offenen Fragen und Bedenken zu klären", sagte die Geschäftsführerin der Berliner Kunst-Werke, Beate Barner. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte zuvor die Kritik an der Ausstellung unterstützt. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele, der wie Schily früher als RAF-Anwalt tätig war, plädierte für die Ausstellung.

In einem Brief an Hergard Rohwedder und die Hinterbliebenen von Schleyer schrieb Schily, er teile deren Kritik an der geplanten Ausstellung "Mythos RAF". Schily betonte, er habe dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, seine "erheblichen Bedenken" gegen die Ausstellung mitgeteilt. Von Krüger sei ihm versichert worde, dass sich die Bundeszentrale "selbstverständlich" an keiner Ausstellung beteiligen werde, die einer "Glorifizierung" der RAF Vorschub leisten könnte.

Ströbele sagte: "Eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ereignissen oder auch Phänomenen wie der RAF ist nicht nur wichtig, sondern auch dringend notwendig." Insbesondere junge Menschen zwischen 18 und 22 Jahren seien an dem Thema sehr interessiert.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), rief dazu auf, die geplante Ausstellung unter allen Umständen zu verhindern. Es sei unvorstellbar, dass dafür Steuergelder zur Verfügung gestellt würden, sagte er der in Halle erscheinende "Mitteldeutsche Zeitung". Die RAF sei "mordend durchs Land gezogen". Eine Ausstellung über sie wäre "geschmack- und instinktlos".

Die Ausstellung soll nach Angaben der Kunst-Werke die Geschichte der RAF und ihre Reflektion in der Arbeit von Künstlern behandeln. Bei dem Vorhaben gehe es darum, den "oberflächlichen und ahistorischen popkulturellen Verarbeitungen der letzten Jahre eine ernsthafte Auseinandersetzung entgegenzustellen", hieß es in einer Erklärung. Sie werde nicht wie ursprünglich geplant im November diesen Jahres eröffnet. Wegen der noch nötigen Vorbereitungen sei sie um ein Jahr verschoben worden.


24.7.2003, NÜRNBERGER NACHRICHTEN
Streit um RAF–Ausstellung
„Eine Schande für unser Land“
Viele Politiker befürchten die „Verklärung der Terroristen“


BERLIN – Es ist ein eher friedlicher, vom Touristenstrom abgeschnittener Ort, an dem die Berliner „Kunst-Werke“ die Arbeiten junger Künstler präsentieren. Doch mit der Ruhe ist es seit einigen Tagen vorbei: Plötzlich befasst sich die große Politik mit dem, was in den Räumen einer ehemaligen Margarinefabrik im Stadtteil Mitte geschieht. Die Verantwortlichen planen eine Ausstellung über die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die gefährlichste terroristische Vereinigung im Nachkriegsdeutschland.

Für Aufsehen sorgte vor allem die Ankündigung der Veranstalter, dass man in der Schau auch nach Ideen und Idealen der RAF suchen wolle, die „ihren Wert behalten haben“. Das unterstellt, zumindest in den Anfangszeiten der „Baader-Meinhof-Bande“ müsse es positive Ansätze gegeben haben. CDU-Fraktionsvize Friedrich Merz hält das für einen „ungeheuerlichen Skandal“, Peter Ramsauer (CSU) spricht von „einer Schande für die Bundeshauptstadt und unser Land“.

Was die Politiker, darunter auch solche von SPD und FDP, am meisten empört: Die Ausstellung soll mit 100 000 Euro aus dem Hauptstadt-Kulturfonds gefördert werden. Sie befürchten, dass öffentliche Gelder dazu verwendet werden, die Terroristen zu verklären. Die RAF war immerhin für eine Serie brutaler Verbrechen verantwortlich, unter anderem die Morde an dem Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer (1977) und dem Treuhandchef Detlev Carsten Rohwedder (1991).

Die Angehörigen der Getöteten haben sich bereits mit einem Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder und andere führende Politiker gewandt. Sie fordern eine Absage der Ausstellung oder zumindest das Streichen der Zuschüsse. FDP-Chef Guido Westerwelle hat schon geantwortet. Er wolle sich dafür einsetzen, schreibt er, dass für eine solch einseitige Auseinandersetzung mit dem Terrorismus kein Steuergeld eingesetzt werde. Der sozialdemokratische Abgeordnete Dieter Wiefelspütz sprang ihm bei: „Es gibt nichts, was an der RAF positiv sein könnte.“

Ein Missverständnis?
Die „Kunst-Werke“-Macher fühlen sich missverstanden. Man wolle „den oberflächlichen und ahistorischen, popkulturellen Verarbeitungen der letzten Jahre eine ernsthafte Auseinandersetzung entgegenstellen“, beteuern sie. Niemand denke an eine Verklärung, aber die RAF sei nun eben „ein wichtiger Teil der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte“, den man nicht einfach übergehen könne. Dennoch wurde die für den Herbst geplante Schau vorerst um ein Jahr verschoben. Begründung: Man wolle noch ein Einvernehmen
mit den Angehörigen der Ermordeten herstellen.

Mittlerweile haben sich einige Förderer der Ausstellung schon zurückgezogen, darunter der Hamburger Kunstmäzen Jan Philipp Reemtsma. Mit ihrer momentanen Schau haben die „Kunst-Werke“ nicht solche Probleme, denn da geht es nur um die „Produktion von Raum und dessen Eroberung, Besetzung, Verteidigung und Kontrolle“. Das ist der Politik egal. HARALD BAUMER



25.07.2003, Die Presse, Wien

Wirbelsturm um den "Mythos RAF"

Warum eine für 2004 geplante Ausstellung in Berlin schon heute die politischen Gemüter erhitzt.

VON DIETER STÄCKER

Es ist ein kurzer Satz, aber er hat es in sich. "Welche Ideen und Ideale der RAF haben ihren Wert durch die Zeit behalten und können nicht als naiv abgetan werden?", schrieb ein Mitarbeiter der Berliner Kunst-Werke ins Konzept einer Ausstellung über die "Rote-Armee-Fraktion". Damit provozierte er einen Sturm der Empörung, der die geplante Ausstellung - Arbeitstitel "Mythos RAF" - zum Scheitern bringen könnte.

"Ein ungeheuerlicher Skandal", wetterte CDU-Politiker Friedrich Merz. "Es gibt nichts, was an der RAF positiv sein könnte", sekundierte Dieter Wiefelspütz (SPD). Und FDP-Chef Guido Westerwelle drohte: "Ich werde mich dafür einsetzen, dass für eine solche einseitige Auseinandersetzung mit dem deutschen Terrorismus kein Steuergeld eingesetzt wird."

Dabei war der Satz schon lange gestrichen. "Er stammt aus einem früheren Entwurf", sagt Beate Barner, Geschäftsführerin der Berliner Kunst-Werke. Die Schau mit Kunstobjekten zum Thema RAF habe nichts mit Glorifizierung oder gar Banalisierung der Baader-Meinhof-Terroristen zu tun. Im Gegenteil: Sie wolle Schluss machen mit der "popkulturellen und ahistorischen" Verarbeitung des RAF-Phänomens in Filmen und populären Fernsehbeiträgen. Die Terroristen sollen ihren Kult-Status bei der Pop-Generation verlieren:
Andreas Baader soll nicht mehr der Desperado sein, als der er jüngst in einem TV-Film dargestellt wurde, Gudrun Ensslin nicht die blasse Heroine mit dem verlorenen Blick.

Doch für erklärende Worte war es zu spät. Am Dienstag schon hatte Graf Nayhauß in der "Bild"-Zeitung gefragt: "Warum zahlt Berlin 100.000 Euro für Skandal-Ausstellung über RAF?" Das fragten auch die Angehörigen von RAF-Opfern, so Hergard Rohwedder, Witwe des 1991 von den Terroristen erschossenen Treuhandanstalts-Vorstands Detlev Rohwedder: Sie sieht "Ansätze zu einer nachträglichen Geschichtsverfälschung".

Auch bisherige Förderer wurden vorsichtig: Jan Philipp Reemtsma zog sich ganz aus dem Projekt zurück. Und die Kunst-Werke Berlin haben die Ausstellung bereits von Herbst 2003 auf November 2004 verschoben. Begründung: Es fehlen noch wichtige Exponate.


24.07.2003
Die RAF tut weiter weh

Streit über eine Ausstellung, die es noch gar nicht gibt

Ein Skandal? Ein Sommerlochthema? Ein Missverständnis? In Berlin gibt es Streit über eine Ausstellung zur RAF. Die Hinterbliebenen fühlen sich verletzt, Kritiker schimpfen, die Macher verteidigen sich, und manche Politiker mischen vorsorglich schon mit. Der Ausgang ist offen.

Von Katja Bauer und Stefan Braun, Berlin

Hergard Rohwedder ist empört, verärgert, entsetzt. Und das scheint auf den ersten Blick verständlich. Sie ist die Witwe von Detlev Rohwedder, dem mutmaßlich von Terroristen ermordeten ehemaligen Treuhandchef. Nun soll es in Berlin eine Ausstellung zum Thema Mythos RAF geben. Und für Hergard Rohwedder ist das ein Skandal. Wie eine Verherrlichung klingt das in ihren Ohren. In dem Konzept sieht sie "Ansätze zu einer nachträglichen Geschichtsverfälschung, die für mich unerträglich ist".

Noch allerdings gibt es diese Ausstellung nicht. Noch gibt es nicht viel mehr als eine erste Planung - nebst dem dafür bewilligten Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds, der jährlich auch mit gut zehn Millionen Euro vom Bund mitfinanziert wird. Erfahren hat Rohwedder von der Ausstellung durch den Hamburger Mäzen Jan Phillip Reemtsma. Ein Wissenschaftler aus seinem Institut für Sozialforschung arbeitet mit am Konzept. Deshalb hat Reemtsma früh von den Planungen erfahren - und irgendwann die Witwe eingeschaltet. Er hatte nach Gesprächen mit den Machern den Eindruck bekommen, dass die Verantwortlichen kein angemessenes Konzept
würden vorlegen können.

Daraufhin schrieb Rohwedder einen auch von Reemtsma unterzeichneten Brief an zahlreiche Politiker, darunter den Kanzler, den Bundesinnenminister und die Vorsitzenden der Bundestagsparteien. Ihre Bitte: die Politiker sollten bitte dafür sorgen, dass der Bund für diese Ausstellung kein Geld geben werde. Zunächst blieb die Reaktion gering. Als aber die "Bild"-Zeitung am Dienstag einen Skandal aus der Ausstellung machte, kamen prompt erste Reaktionen. So sprach Unionsfraktionsvize Friedrich Merz gestern von einem "ungeheuerlichen Skandal". Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz erklärte, es gebe "nichts, was an der RAF positiv
sein könnte". Und FDP-Chef Guido Westerwelle versprach in einem Brief an Rohwedders Witwe, er werde sich dafür einsetzen, "dass für eine solche einseitige Auseinandersetzung mit dem Terrorismus kein Steuergeld eingesetzt wird".

So weit - so deutlich die Politik. Auf der anderen Seite, bei den Machern der Ausstellung genauso wie bei denen, die im Namen des Bundes Fördermittel bewilligt haben, sieht die Sache anders aus. Beate Barner, die Geschäftsführerin der Galerie Kunst-Werke, in der die Ausstellung gezeigt werden soll, verwahrt sich gegen die Vorwürfe. Nicht eine irgendwie geartete Glorifizierung, sondern die Entglorifizierung der RAF sei das konkrete Ziel der Ausstellung. Und die Aufregung zeige, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema sehr wichtig sei. Die Geschichte der RAF sei "ein wichtiger Teil der jüngeren deutschen Geschichte". So gehe es auch darum zu fragen, warum die RAF in den vergangenen Jahren plötzlich auf fragwürdige und undifferenzierte Weise in Musik, Film und Mode auftauche - beispielsweise als Shirt-Aufdruck bei Jugendlichen.

Barner sagte, die in einigen Medien zitierten Sätze aus einem früheren Konzeptionsentwurf seien aus dem Zusammenhang gerissen, falsch und im Übrigen überholt. Die Auseinandersetzung zum jetzigen Zeitpunkt sei sehr misslich: "Wir wollten in den kommenden Wochen unser Projekt in einem ersten Papier der Öffentlichkeit vorstellen, um genau diesen Streit zu verhindern." Zudem gebe es kein fertiges Konzept, da nach den ersten Recherchen neue Aspekte hinzugekommen seien - mit der Folge, dass die Ausstellung frühestens in einem Jahr gezeigt wird.

Ähnliches kommt auch aus dem Büro der Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Ihr Büro hatte vom Kanzler das Schreiben Frau Rohwedders erhalten - und hatte dem Hauptstadtkulturfonds auch ein vorläufiges Ja mit auf den Weg gegeben. Jetzt heißt es von dort, es sei nie Ziel gewesen, die Geschichte der RAF zu ästhetisieren oder schönzufärben. Außerdem sei man sicher, dass "natürlich auch die Bedenken noch eingearbeitet" würden. Ein Signal, das auch der Kurator der Ausstellung, Klaus Biesenbach, bereits versendet. Er bedaure, die Angehörigen nicht früher einbezogen zu haben. Ein entsprechender Brief an die Witwe aber sei bereits vorbereitet.