Materialien / Mythos RAF - Pressetexte zur geplanten
Berliner RAF-Ausstellung (Link
zur tatsächlich durchgeführten Ausstellung der
Kunst-Werke)
taz Nr. 7257 vom 14.1.2004, Seite 18,
Kommentar
Haltung
gezeigt
Dann eben ohne Staatsknete! Die Berliner Kunst-Werke wollen
die RAF-Ausstellung selbst finanzieren. Ist staatliche
Förderung nur noch bei Wohlverhalten zu erwarten?
VON BRIGITTE WERNEBURG
(nebenstehendes Bild: Gerhard
Richter, Jugendbildnis, 1988, Museum of Modern Art, New
York)
Die umstrittene Kunstausstellung zur RAF wird wie geplant
im Winter 2004/2005 in den Kunst-Werken, Berlin, stattfinden.
Staatsknete allerdings wird zu ihrer Finanzierung nicht
beitragen. Die Ablehnung des staatlichen Zuschusses kam
jedoch nicht vom Hauptstadtkulturfonds, der über
den modifizierten, zweiten Antrag der Kunst-Werke zur
Förderung ihrer Ausstellung am Montag entscheiden
wollte. Die Kunst-Werke selbst und ihr Leiter Klaus Biesenbach
kamen dieser Entscheidung zuvor, indem sie den Antrag
an diesem Tag einfach zurückzogen.
Ein beachtlicher Schritt. Die Kunst-Werke
zeigen Haltung und fordern damit auch Haltung in der Kunstwelt,
denn die Ausstellung muss sich nun mittels Spenden und
einer künstlerischen Edition finanzieren. Nur mit
diesem Schritt ist nun sichergestellt, dass das Konzept
verwirklicht werden kann, die ästhetische Auseinandersetzung
mit der RAF aufzuzeigen, wie sie im Kunstbetrieb seit
Jahren im Gange ist, von Joseph Beuys angefangen über
Gerhard Richter bis hin zu Johannes Kahrs oder André
Korpys und Markus Löffler. Die Einwendungen von Angehörigen
der RAF-Opfer, die befürchteten, die Ausstellung
mit dem Arbeitstitel "Mythos RAF" wolle die
Taten der Baader-Meinhof-Gruppe glorifizieren, lieferten
nämlich im Sommer vorigen Jahres Politikern aller
Couleur die passende Gelegenheit, sich als politisch korrekte
Sittenwächter zu profilieren. Allen voran Bundeskanzler
Gerhard Schröder und sein Innenminister und ehemaliger
RAF-Verteidiger Otto Schily; lautstark aber auch Friedrich
Merz und Guido Westerwelle.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss,
die am Montag in einer ersten Stellungnahme betonte, jetzt
könne die Kunstausstellung weiter vorbereitet werden,
"ohne Kritikern die Chance zu geben, die staatliche
Unterstützung als Vorwand für politische Polemik
zu missbrauchen", war freilich diejenige, die die
Vorgaben aus dem Kanzleramt zu exekutieren hatte. Das
den Kunst-Werken vom Hauptstadtkulturfonds - in dessen
Entscheidungskommission die Staatsministerin Stimmrecht
hat - schon zugesagte Geld wurde auf ihren Druck hin einer
erneuten Prüfung unterzogen. Zudem wurde Biesenbach
aufgefordert, das Konzept zu modifizieren und sich der
wissenschaftlichen Beratung durch die Bundeszentrale für
Politische Bildung und das Hamburger Institut für
Sozialforschung zu versichern.
Nun also geht es ohne politpädagogisches
Begleitprogramm. Nun qualifiziert sich die Tauglichkeit
des Konzepts am ausgearbeiteten Gegenstand selbst, an
der Ausstellung. Nun also wird es Kritik geben, aber keine
Vorverurteilung. Das ist ein Sieg der Kunstfreiheit, und
doch steht zu befürchten, es sei ein Pyrrhussieg.
Denn die Frage, inwieweit unter der jetzigen Bundesregierung
staatliche Kunst- und Kulturförderung nur bei Wohlverhalten
zu erwarten ist, steht weiterhin im Raum. An die liberalen
Grundsätze, die jeder staatlichen Förderung
zugrunde liegen sollten, mag man jedenfalls nach dem RAF-Procedere
nicht mehr glauben. Christina Weiss als Herrin der Künste
war nicht gut beraten, als sie sich in die Vorzensur des
Projekts verwickeln ließ.
Unbenommen steht es der Bundeszentrale
oder dem Reemtsma-Institut zu, die überfällige
historisch-kritische Ausstellung zur RAF zu machen - vielleicht
sogar mit neuen Dokumenten aus den Archiven? Im Falle
von Jan Philipp Reemtsmas Institut für Sozialforschung,
kann man sich denken, würde auch diese Ausstellung
ohne staatliche Förderung auskommen. Weithin bekannt
wurde das Hamburger Institut ja durch die umstrittene
und schließlich sogar revidierte Wehrmachtsausstellung,
die mit Staatsknete auch nie durchzusetzen gewesen wäre.
Der Tagesspiegel, 13.01.2004
RAF-Ausstellung ohne Bundesmittel
Die umstrittene RAF-Ausstellung
in Berlin soll jetzt überraschend ohne Bundesmittel
realisiert werden. Die Kunst-Werke Berlin sollen jedoch
nur einen Teilbetrag der bereits erhaltenen Gelder zurückzahlen.
Berlin (12.01.2004, 18:45 Uhr) - Wie geplant
soll die Ausstellung im Winter 2004/2005 gezeigt und jetzt
durch Spenden und durch eine Edition finanziert werden,
an der sich Künstler und andere Privatpersonen beteiligen
können. Dies sagte der Leiter der Kunst-Werke, Klaus
Biesenbach, am Montag der dpa.
Am selben Tag sollte ursprünglich
der vom Bund finanzierte Hauptstadtkulturfonds über
einen erneuten Antrag zur RAF-Ausstellung entscheiden.
Erste Pläne waren auf scharfen Protest von Angehörigen
der RAF-Opfer und von Politikern gestoßen, die eine
Mystifizierung der Terrororganisation befürchteten.
Zudem hatten die Angehörigen kritisiert, dass sie
nicht rechtzeitig in die Konzeption der Ausstellung einbezogen
worden waren.
Biesenbach begründete seine jetzige
Entscheidung mit dem «politischen Gerangel»
um die Ausstellung. «Das lässt darauf schließen,
dass dieses Projekt auch in seinem weiteren Verlauf nicht
sachlich an seinen Inhalten gemessen wird, sondern zum
politischen Spielball verkommt.»
Die Kunst-Werke hätten sich die Entscheidung
sehr schwer gemacht. Nach der heftigen öffentlichen
Debatte hatten die Kunst-Werke im Herbst ein neues Konzept
vorgelegt, das sich ausschließlich auf eine kritische
Reflexion der RAF in Kunst und Kultur beschränkt.
Die historische Wahrheit über die RAF zu dokumentieren,
wie die Öffentlichkeit jetzt erwartet habe, könne
eine Kunstausstellung nicht leisten, hatte es geheißen.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss
(parteilos) betonte, jetzt könne die Kunstausstellung
weiter vorbereitet werden, «ohne Kritikern die Chance
zu geben, die staatliche Unterstützung als Vorwand
für politische Polemik zu missbrauchen». Sie
hatte zuvor den Anfang 2003 vom Hauptstadtkulturfonds
bewilligten Zuschuss in Höhe von 100 000 Euro wieder
zurückgefordert und die Kunst-Werke zu einem modifizierten
Antrag aufgefordert. Der erste Antrag, für den der
Zuschuss gegolten habe, sei hinfällig. Es ging dabei
um eine Teilfinanzierung der ursprünglich auf 500
000 Euro veranschlagten Ausstellungskosten.
Die Kunst-Werke sollen nun statt der von
Weiss bisher geforderten 100 000 Euro nur noch 45 000
Euro zurückzahlen. 55 000 Euro seien ordnungsgemäß
verwendet worden, das übrige Geld sei noch nicht
für den bestimmten Zweck ausgegeben worden und werde
daher zurückgefordert, wurde am Montag nach einer
Sitzung des Hauptstadtkulturfonds in Anwesenheit von Weiss
und unter Leitung des Berliner Kultursenators Thomas Flierl
(PDS) mitgeteilt.
Die Kommission habe nach einer Prüfung
festgestellt, dass die Bewilligung und die sachgerechte
Verwendung der Fördermittel nicht zu beanstanden
sei. Flierl betonte, er habe das Projekt von Anfang an
unterstützt und nehme zur Kenntnis, dass es jetzt
ohne öffentliche Gelder realisiert wird.
Die FDP im Bundestag will zur Rückzahlungsforderung
des Hauptstadtkulturfonds in Höhe von nur noch 45
000 Euro den Rechnungshof einschalten. Der kulturpolitische
Sprecher seiner Fraktion, Hans-Joachim Otto, kündigte
«massiven Widerstand» gegen die Entscheidung
an, die gegen alle Haushaltsgrundsätze verstoße.
Der Zuschuss für die Kunst-Werke müsse in voller
Höhe zurückgezahlt werden, sagte Otto der dpa.
«Der Bund hat keinen Einfluss mehr auf die Ausstellung
und die Kunst-Werke dürfen dafür 55 000 Euro
behalten, das ist instinktlos.»
«Wir sind eine relativ kleine Institution,
in der alle möglichen Interessengruppen plötzlich
mitreden wollten», klagte Biesenbach. «Aber
wessen Ausstellung ist das denn? Das ist unsere Ausstellung!»
Die Ausstellung müsse sich der Kritik stellen, wenn
sie existiert. Er dankte ausdrücklich der Kuratorin
des Hauptstadtkulturfonds, der früheren Berliner
Kultursenatorin Adrienne Goehler. «Sie hat für
uns gekämpft wie ein Löwe.» (tso/dpa)
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
13.01.2004, Nr. 10 / Seite 4
RAF-Ausstellung ohne Bundeszuschuß
mk. BERLIN, 12. Januar. Die "Kunst-Werke"
Berlin haben am Montag ihren Antrag auf Förderung
einer Ausstellung über die "Rote-Armee-Fraktion"
(RAF) zurückgezogen. Am Nachmittag entschied der
Hauptstadtkulturfonds, der über die Vergabe von staatlicher
Förderung in Höhe von zehn Millionen Euro jährlich
für kulturelle Projekte in Berlin entscheidet, daß
von den im Januar 2003 den "Kunst-Werken" bewilligten
100 000 Euro 45 000 zurückgezahlt werden müssen.
Die bereits ausgegebenen 55 000 Euro werden nicht zurückgefordert.
Die Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss
(parteilos), sagte, Kritikern werde es nun nicht mehr
möglich sein, die staatliche Unterstützung für
die Ausstellung "als Vorwand für politische
Polemik zu mißbrauchen". Angehörige von
Opfern der Terrorgruppe und Politiker hatten den ersten
Entwurf für die Ausstellung kritisiert; die "Kunst-Werke"
hatten daraufhin das Konzept zurückgezogen, die Ausstellung
um ein Jahr verschoben und ein neues Konzept vorgelegt,
das eine rein künstlerische Auseinandersetzung mit
dem Thema vorsieht.
taz Nr. 7256, 13.1.2004, Seite
18
unterm strich
Und wieder geht es um die RAF-Ausstellung
in den Kunst-Werken in Berlin. Die Ausstellung muss ohne
Bundesmittel realisiert werden. Die Kunst-Werke Berlin
selbst zogen gestern ihren Antrag beim Hauptstadtkulturfonds
zur finanziellen Förderung der Dokumentationsschau
zur Geschichte der terroristischen "Rote Armee Fraktion"
zurück. Die Ausstellung soll wie geplant im Winter
2004/2005 gezeigt werden, sagte der Leiter der Kunst-Werke,
Klaus Biesenbach, der dpa.
Gestern sollte ursprünglich der vom
Bund finanzierte Hauptstadtkulturfonds über einen
erneuten Antrag zur RAF-Ausstellung entscheiden. Erste
Pläne waren auf Protest von Angehörigen der
RAF-Opfer und von Politikern gestoßen, die die Gefahr
einer Mystifizierung der RAF befürchteten.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss
hatte daraufhin den zunächst vom Hauptstadtkulturfonds
bewilligten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro wieder
zurückgefordert und die Kunst-Werke zu einem modifizierten
Antrag aufgefordert. Der erste Antrag, für den der
Zuschuss gegolten habe, sei hinfällig.
Biesenbach begründete seine jetzige
Entscheidung mit dem "politischen Gerangel"
um die Ausstellung. "Das lässt darauf schließen,
dass dieses Projekt auch in seinem weiteren Verlauf nicht
sachlich an seinen Inhalten gemessen wird, sondern zum
politischen Spielball verkommt."
Berliner Zeitung, 12.01.2004
TAGEBUCH
Es geht um Vorzensur
Sebastian Preuss
Am heutigen Montag
wird der Hauptstadtkulturfonds endgültig über
das Schicksal der umstrittenen RAF-Ausstellung
der Berliner Kunst-Werke bestimmen. Wie sich die Bund-Land-Kommission,
die hierüber das letzte Wort hat, entscheiden wird,
ist noch völlig offen. Die Fonds-Kuratorin Adrienne
Goehler gilt als Unterstützerin des Projekts; bei
der Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die sich sonst
so gerne für eine unbequeme Kunst stark macht, darf
man sich in diesem Fall wohl nicht mehr so sicher sein.
Denn durch die RAF-Ausstellung ist sie stark unter Druck
geraten. Der Kanzler und auch Innenminister Otto Schily,
einst Anwalt des ehemals linksextremen Horst Mahler, sind
gegen die Ausstellung.
Besonders ausgiebig aber hat die FDP-Fraktion des Bundestags
gegen die Ausstellung gehetzt, dass man sich fragen musste,
welcher populistische Eifer in diese angeblich so liberale
Partei gefahren ist. Ausgerechnet die Partei der Besserverdienenden
und der noblen Diskussionskultur macht sich heute mit
Stammtischparolen zum Vorkämpfer von Basisdemokratie,
wo es um Fördersummen von 100 000 Euro geht. Gerhard
Baum, ein altgedienter Liberaler und während der
RAF-Zeit selber Innenminister, rief im Herbst seine jungforschen
Parteifreunde zur Mäßigung auf und verwies
auf die Urteilskraft mündiger Bürger, die einer
Kontrolle der Ausstellung durch die Politik nicht bedürften,
sondern durchaus in der Lage seien, sich ihr eigenes Bild
von der Geschichte zu machen.
Wie sehr Weiss immer noch unter Druck
der Parlamentarier steht, zeigt die Rückforderung
der im Januar des vergangenen Jahres bewilligten Fördersumme
von 100 000 Euro. Die Rahmenbedingungen der Förderung,
vor allem die Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für
politische Bildung und dem Hamburger Institut für
Sozialforschung, seien nach deren Rückzug, nicht
mehr gegeben. Die Rückforderung mag juristisch unanfechtbar
sein, doch weist sie einen bedenklichen Weg. Kann jetzt
bald jeder mit starken Worten ein wissenschaftliches oder
museales Projekt während der Erarbeitung und noch
ohne endgültiges Ergebnis zu Fall bringen und sich
dadurch wohlfeil öffentlich in Szene setzen?
Als Christina Weiss im Oktober,
auf Antrag der FDP, den Hauptstadtkulturfonds vor dem
Bundestag verteidigen musste, tat sie dies mit den Worten:
"Wer sich anschickt, hier hinein zu regieren, zensiert
am Ende die Kunst." Und Vorzensur ist im demokratischen
Förderprozess von Kunst und Wissenschaft nicht vorgesehen.
Die Kritik am fertigen Produkt steht jedem offen, dafür
sorgt die Meinungsfreiheit. Daran sollten Christina Weiss
und alle Kommissionsmitglieder sich heute erinnern.
taz Nr. 7255, 12.1.2004, Seite
19
unterm strich
Vor wenigen Tagen hat Kulturstaatsministerin
Christina Weiss einen gewährten Zuschuss von 100.000
Euro zurückgefordert, den die Kunst-Werke Berlin
für ihre geplante RAF-Ausstellung erhalten haben.
Die Begründung: In der beantragten Form wird die
Ausstellung nicht stattfinden. Das hat gute Gründe,
denn nach zahlreichen Protesten des Projekts, die eine
Mystifizierung der RAF und der Geschichte des Terrorismus
witterten, mussten die Kunst-Werke ihr Konzept unter großem
öffentlichen Druck überarbeiten. Das ist inzwischen
geschehen und der neue Antrag liegt dem Hauptstadtkulturfonds
schon vor.
Die Rückforderung
des Geldes allerdings gefährdet das Projekt. Wenn
es nicht zustande käme, sieht Klaus Biesenbach, der
Leiter der Kunst-Werke, darin "ein Zeichen, dass
es hierzulande zusehends unmöglich wird, Kunst als
Freiraum zu verstehen".
taz Nr. 7253, 9.1.2004, Seite 18
unterm strich
Kulturstaatsministerin Christina Weiss fordert den bisher
gewährten Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro für
die geplante RAF-Ausstellung in Berlin zurück. Die
Mittel waren über den vom Bund finanzierten Hauptstadtkulturfonds
den Berliner "Kunst-Werken" bewilligt worden.
Der alte Zuschussantrag sei hinfällig, da das Projekt
in der bisher vorgesehenen und beantragten Form nicht zustande
kommt. Allerdings liegt ein neuer Antrag beim Hauptstadtkulturfonds
vor, über den am Montag entschieden werden soll. Die
Kunst-Werke waren aufgefordert worden, ihren alten Antrag
nach den Auseinandersetzungen über die Pläne in
der Öffentlichkeit im vergangenen Herbst zu modifizieren.
Der künstlerische Leiter der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach,
ohne offizielle Kenntnis einer Rückzahlungsforderung,
wartet jetzt auf die neue Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds.
Eine Rückzahlung wäre für die Kunst-Werke
existenzgefährdend, sagte er. Anders als der kulturpolitische
Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto,
mit seiner Anmerkung, diese Aussagen würde bedeuten,
dass das Geld bereits im allgemeinen Haushalt der Kunst-Werke
"verbraten sei", insinuiert, kostet auch die Vorbereitung
einer Ausstellung Geld, gibt es etwa Verträge mit Honorarverpflichtungen,
die erfüllt werden müssen.
Berliner Morgenpost, 8.1.2004
RAF-Ausstellung: Bund fordert Geld zurück
Die Kunst-Werke haben ein Problem: Im vergangenen Jahr bekamen
sie vom Hauptstadtkulturfonds 100 000 Euro für eine
geplante Ausstellung über die terroristische "Rote
Armee-Fraktion" (RAF) überwiesen. Nach Protesten
von Angehörigen der RAF-Opfer wurde das Konzept überarbeitet.
Jetzt fordert Kulturstaatsministerin Christina Weiss das
Geld zurück. Der Antrag sei hinfällig, da das
Projekt in der bisher vorgesehenen Form nicht zu Stande
komme, so die Begründung. Klaus Biesenbach, der künstlerische
Leiter der Kunst-Werke, bezeichnete die Rückzahlungsforderung,
von der er offiziell noch keine Kenntnis habe, als "existenzgefährdend".
Er hofft, dass sich am Montag alles klärt. Dann entscheidet
der Hauptstadtkulturfonds über den Nachfolgeantrag
zur modifizierten RAF-Ausstellung. Beantragt ist ein Zuschuss
von 100 000 Euro. skin
Tagesspiegel, 7.1.2004
Weiss fordert Zuschuss zurück
Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) fordert
den bisher gewährten Zuschuss in Höhe von 100.000
Euro für die geplante RAF-Ausstellung in Berlin zurück.
Der Zuschuss sei hinfällig, sagte ein Sprecher des
Ministeriums.
Berlin (07.01.2004, 16:11 Uhr)
- Die Mittel waren über den vom Bund finanzierten
Hauptstadtkulturfonds den Berliner «Kunst-Werken»
bewilligt worden. Der alte Zuschussantrag sei hinfällig,
da das Projekt in der bisher vorgesehenen und beantragten
Form nicht zu Stande komme, sagte ein Sprecher der Staatsministerin
am Mittwoch der dpa. Das sei verwaltungstechnisch auch
gegenüber dem Rechnungshof erforderlich.
Inzwischen liege allerdings ein neuer Antrag beim Hauptstadtkulturfonds
vor, über den am nächsten Montag entschieden
werden soll. Die Kunst-Werke waren aufgefordert worden,
ihren alten Antrag nach den Auseinandersetzungen über
die Pläne in der Öffentlichkeit im vergangenen
Herbst zu modifizieren. Der künstlerische Leiter
der Kunst-Werke, Klaus Biesenbach, hat noch keine offizielle
Kenntnis von einer Rückzahlungsforderung und wartet
jetzt auf die neue Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds.
Eine Rückzahlung wäre für die Kunst-Werke
existenzgefährdend, sagte er am Mittwoch.
Der kulturpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion,
Hans- Joachim Otto, forderte «ein absolut sauberes
Verfahren und Transparenz für den Bundestag sowie
eine peinliche Beachtung der haushaltsrechtlichen Vorgaben»
bei einer neuerlichen Beratung des Antrages der Kunst-Werke.
«Es darf jetzt nicht gemauschelt werden»,
sagte Otto der dpa.
Er wies in diesem Zusammenhang darauf
hin, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits
Anfang November vergangenen Jahres den Rechnungshof gebeten
habe, die Zuschussgewährung für die Ausstellung
zu überprüfen. Der Rechnungshof habe Weiss daraufhin
bereits im Herbst zum Eingreifen aufgefordert, betonte
Otto. Dass die Kunst-Werke eine Rückzahlung als existenzgefährdend
bezeichnen, nannte Otto alarmierend. «Das würde
ja bedeuten, dass sie das Geld bereits in ihrem allgemeinen
Haushalt verbraten haben.»
Der Sprecher von Kultursenator Thomas
Flierl (PDS) sagte dazu, dem Senator sei es wichtig, «dass
es ein guter und förderungsfähiger Antrag ist
und dass die Ausstellung dann in der entsprechenden und
gebotenen Qualität realisiert wird». Die ersten
Pläne für die nach wie vor für den Winter
2004/2005 geplante Ausstellung über die terroristische
«Rote Armee-Fraktion» (RAF) waren auf heftigen
Protest der Angehörigen der RAF-Opfer und zahlreicher
Politiker gestoßen. Sie befürchteten die Gefahr
einer Mystifizierung der RAF. (tso/dpa)
Stuttgarter Zeitung, 23.09.2003
Auch Kunst hat Grenzen
Weshalb eine RAF-Schau nicht ohne Zeitgeschichte auskommt
Von Werner Birkenmaier
Wer die Jahre der RAF von ihren Anfängen beim Frankfurter
Kaufhausbrand bis zum großen Stammheimer Prozess
als journalistischer Beobachter miterlebt hat, tut sich
zunächst schwer mit der Frage, warum die "Kunst-Werke"
in Berlin besagter "Rote-Armee-Fraktion" eine
Ausstellung widmen wollen. Vielleicht wissen es die Veranstalter
selbst nicht genau. Dieser Verdacht liegt jedenfalls nahe,
denn sie haben ihr ursprüngliches Konzept, nämlich
die Verknüpfung von Kunst und Zeitgeschichte, rasch
aufgegeben, als es in die Kritik geriet.
In der Tat ist dieses Ausstellungskonzept
schlecht vorbereitet und nicht hinreichend durchdacht
gewesen. Angehörige der Opfer, die nicht informiert
worden waren, befürchteten eine Glorifizierung der
Täter. Bedenken äußerten Politiker von
Gerhard Schröder über Otto Schily bis hin zu
Guido Westerwelle, der eine "Romantisierung des Terrorismus"
befürchtete. Denn wer sich auf Zeitgeschichte einlässt,
sollte sich wappnen. Angesichts massiver Vorbehalte änderten
die Veranstalter ihr Konzept, denn es geht dabei auch
um hunderttausend Euro Fördermittel aus dem Hauptstadtkulturfonds.
Da ist Streit nicht hilfreich. Nun setzen die Ausstellungsplaner
ausschließlich auf die Kunst, insoweit sie sich
mit der RAF beschäftigt. Kunst ist weniger verfänglich,
sie muss sich nicht an die Tatsachen halten. Das neue
Konzept wird nun geprüft. Noch fließen die
Gelder nicht.
Doch zurück zur Eingangsfrage: warum
überhaupt eine RAF-Ausstellung? Gibt es da Defizite,
muss der Öffentlichkeit aufgeholfen, müssen
Lücken geschlossen werden, tatsächliche und
solche des Bewusstseins? Unwillkürlich denkt man
an Reemtsmas Wehrmachtsausstellung, die - so umstritten
sie zunächst auch war - einem breiteren Publikum
bekannt machte, dass Teile der Wehrmacht in Kriegsverbrechen
verstrickt waren. In Paul Carells auflagenstarken Büchern
"Unternehmen Barbarossa" und "Verbrannte
Erde" wird ein sauberer Krieg an der Ostfront geführt
- und das war lange auch die allgemeine Sicht der Dinge.
Hier ist tatsächlich einiges verdrängt worden.
Was aber ist an der Geschichte der RAF
verdrängt worden? Wo ist hier der pädagogische
Nachholbedarf? Das sind die Fragen eines Angehörigen
der "skeptischen Generation", der die Re-Ideologisierung
der 68er-Generation zunächst mit Verwunderung, dann
voll Abwehr betrachtete. Das gilt natürlich erst
recht für den RAF-Terrorismus, der ohne die Rebellion
und die ideologische Aufladung der Achtundsechziger nicht
denkbar ist. Natürlich haben deren Angehörige
einen anderen Blick auf diese Vergangenheit. Sie ist ein
Teil ihres Lebens, mit dem sie sich identifizieren. Das
bestimmt die Position zur RAF, zum Umschlag der Bewegung
in den Terrorismus. Das wirkt wie der Pfahl im Fleische.
Die RAF und ihre Geschichte bleiben deshalb auf der Tagesordnung.
So gesehen ist die Idee einer Ausstellung
zu diesem Thema nicht abwegig. Sie könnte der Klärung,
aber auch der Selbstvergewisserung dienen. Die RAF hat
schließlich die Republik in Atem gehalten, hat sie
auch verändert hin zu weniger Liberalität. Darin
steckt ein Problem, das uns angesichts neuartiger terroristischer
Herausforderungen weiterhin beschäftigen wird. Aus
den Erfahrungen der siebziger Jahre ließe sich lernen.
Sinnvoll wäre eine Ausstellung über
die RAF allerdings nur dann, wenn sie auch Zeitgeschichtliches
einbezieht. Der Niederschlag des RAF-Terrors allein in
der Kunst wäre zu wenig. Gerhart Baum, der frühere
Bundesinnenminister, sagt denn auch: "Der enge Zusammenhang
zwischen Kunst und Politik macht allerdings notwendig,
dass die Ausstellung auch über die damalige Zeit
informiert. Es bedarf dazu nicht grundlegender neuer Untersuchungen,
denn seit Jahren gibt es dazu eine Fülle von Sachdarstellungen
und kontroversen Meinungsäußerungen."
Dispute darüber wären nicht zu fürchten,
denn, so sagt Gerhart Baum: "Wir sollten auf die
Urteilskraft mündiger Bürger vertrauen, die
die Ausstellung besuchen werden."
In der Tat: die RAF ist ja nicht bloß
Kunst. Doch weil die Planer von den "Kunst-Werken"
vorschnell das Feld geräumt haben, läuft es
- sofern die Ausstellung verwirklicht wird - genau darauf
hinaus. Statt aufzuklären und zur Diskussion herauszufordern,
bleibt am Ende nur das Argument, aktuellen Tendenzen zur
Verharmlosung der RAF durch eine gedankenlose Popkultur
entgegenzuwirken. Klaus Biesenbach, der Organisator der
Ausstellung, merkt dazu an: "Die jüngere Generation
soll das nicht sehen als eine Art Bonnie und Clyde aus
Hollywood. Wenn man aber weiß, worum es geht, dann
trägt man auch nicht so ein RAF-Logo auf dem T-Shirt."
Also Entmythologisierung der RAF
durch Kunst? Der Bundeszentrale für politische Bildung
und dem Hamburger Institut für Sozialforschung von
Jan Reemtsma ist das zu wenig. Sie haben ihre Beteiligung
aufgekündigt. Gewiss lässt sich eine nur auf
künstlerische Reaktionen gestützte Ausstellung
machen. Es gibt dazu Werke von Joseph Beuys, Marcel Odenbach,
Gerhard Richter, Katharina Sieverding . . . Auch Filme
von Harun Farocki, Rainer Werner Fassbinder oder Andres
Veiel ("Black Box BRD") könnten einbezogen
werden. Nur: wenn in Berlin gesagt wird, eine Ausstellung
sei ein Appell an die Öffentlichkeit, zu einem Thema
Stellung zu nehmen, bleibt am Ende doch die Frage, ob
Kunst allein das bewirken kann.
Süddeutsche Zeitung, 17.09.2003
RAF-Ausstellung
Politische Berater ziehen sich
zurück
Nach der Vorlage des neuen Konzepts zu der umstrittenen
RAF-Ausstellung erwägt die Bundeszentrale für
politische Bildung einen eigenen Beitrag zum Thema RAF.
Er gehe davon aus, dass sich eine Kooperation mit dem
Verein Kunst-Werke Berlin nach dem neuen Entwurf (SZ vom
15. September) erledigt habe, sagte der Präsident
der Zentrale, Thomas Krüger. Der Beirat des Hauptstadt-Kulturfonds
gab bekannt, er halte an seiner Finanzzusage über
100 000 Euro für die Ausstellung fest. Die Ausstellungsmacher
müssten bis zur nächsten Sitzung im November
ein neues Finanzierungskonzept vorlegen.
Frankfurter Rundschau, 15.09.2003
Kunstwärts
Mythos RAF, überarbeitet
Von Thomas Medicus
Wie heiß die Sache noch immer ist,
lässt sich an den Kältegraden erkennen, mit
der sie jetzt abgekühlt wurde. Binnen zweier Monate
hatte sich die von den Berliner KunstWerken geplante Ausstellung
mit dem Titel "Mythos RAF" zum Politikum hochgeschaukelt.
Eine geplante Sondersitzung des für die finanzielle
Unterstützung des Projektes zuständigen Hauptstadtkulturfonds
wurde kurzerhand abgesagt. Kulturstaatsministerin Christina
Weiss und Berlins Kultursenator Thomas Flierl, dem Vorsitzenden
der Gemeinsamen Kommission des Hauptstadtkulturfonds,
war die Geschäftsgrundlage entzogen. Die KunstWerke
hatten das alte Exposé zurückgezogen und ein
überarbeitetes Konzept der für 2004 anberaumten
Schau vorgelegt. Der alte Antrag sei vom Tisch, hieß
es in der Verlautbarung der Kulturstaatsministerin, das
neue Konzept werfe eine Reihe von Fragen auf, die einer
intensiven Prüfung bedürften.
Die in diesen Worten einer gebrannten
Kulturstaatsminsterin waltende Vorsicht ist unüberhörbar.
Sie ist die Konsequenz auf die heftige Debatte, die das
erste Konzept gleich nach Bekanntwerden weckte. Eilig
mit 100 000 Euro aus dem Haupstadtkulturfonds unterstützt,
soll das im Juli vorgetragene Ideengut kaum eine DIN-A4-Seite
umfasst haben. So dünn der Antrag, so schrill die
Reaktionen. Von "Verunglimpfung der Opfer" und
"Glorifizierung" der Terroristen war die Rede.
Entfesselt wurde die Kontroverse durch einen einzigen
Satz des ursprünglichen Konzeptes, der es in sich
hatte. Zu überprüfen, "welche Ideen, Ideale
... ihren Wert durch die Zeit behalten" hätten,
war die erklärte Absicht der Ausstellungsmacher.
Auch wenn kaum einer seinen Ohren traute,
gemeint waren die Ideen und Ideale der RAF. Was immer
damit beabsichtigt gewesen sein mochte, der unfreiwillige
Test der Ausstellungsmacher, ausgerechnet an Phänomen
der RAF zu überprüfen, wie historisch die alte
Bundesrepublik inzwischen wohl geworden sei, rächte
sich. Die öffentliche Ablehnung war einhellig. Die
schwersten Vorwürfe, erhoben von den Nachkommen prominenter
RAF-Opfer, wie Hans-Eberhard Schleyer, riefen sogar den
Kanzler auf den Plan. Von der Gedankenlosigkeit des inkriminierten
Satzes abgesehen, hatten es die KunstWerke mit ihrem Leiter
Klaus Biesenbach auch versäumt, mit den Nachkommen
der Opfer in Dialog zu treten. Der Vorwurf, sich zu stark
auf die Täter zu konzentrieren, war nur der letzte,
der deutlich machte, dass das Konzept gescheitert war.
Die Frage war nur, wer es zu Fall bringen würde.
Das haben die Ausstellungsmacher jetzt
selbst besorgt. Aus der öffentlich vorgetragenen
Sorge über eine "Mystifizierung der RAF"
zieht ihr neu formuliertes Konzeptpapier überraschende
Konsequenzen. Anders als ursprünglich geplant, heißt
es jetzt: "Die Kunst muss bei dieser Ausstellung
im Mittelpunkt stehen." Es bestünde die Absicht,
dem Besucher "einen Zugang zu den Fakten, den Ereignissen
und deren Aufarbeitung, wie sie bis heute geschehen ist,
mit den Mitteln einer zeitgenössischen Kunstausstellung
zu ermöglichen." Zurück zur Kunst, lautet
demnach die aus den öffentlichen Schelten gezogene
Konsequenz. Kultursenator Flierl ließ vermelden,
er halte die Neukonzeption für "fundiert",
Adrienne Goehler, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds,
sprach gar von einem "Befreiungsschlag".
Wovon sich die Kunstwerke befreit haben,
darüber lässt sich allerdings streiten. Vom
Tisch ist mit der Neukonzeption jedenfalls eine wissenschaftlich
fundierte Dokumentation des RAF-Terrorismus, die im ursprünglichen
Antrag noch enthalten war. Dazu heißt es jetzt mit
beleidigtem Unterton, die Aussteller könnten nicht
leisten, "was Jahrzehnte an historischer, publizistischer,
soziologischer und anderer wissenschaftlicher Arbeit nicht
geleistet haben: Ein abschließendes, abgerundetes
Bild über einen Zeitabschnitt der bundesrepublikanischen
Geschichte zu liefern." Warum eine Ausstellung dies
nicht leisten können soll, ist unklar, zumal den
KunstWerken mit der Bundeszentrale für politische
Bildung und dem Hamburger Institut für Sozialforschung
fundierte wissenschaftliche Beratung zur Seite steht.
In welcher Form sich diese beiden Institutionen zukünftig
beteiligen werden, ist nach der Neuformulierung allerdings
unklar.
Zur Aufklärung des historischen Kontextes
begnügen sich die Kunstwerke mit dem Vorschlag, "ein
vielfältiges, dezentral organisiertes Beiprogramm"
anbieten zu wollen. Die Ausstellung selbst konzentriere
sich auf "den Niederschlag von Terror in der Kunst",
"eine Fallstudie am Beispiel der RAF", "die
Spektakularisierung des Terrors in den Massenmedien"
und deren künstlerische Reflexion. Die Namen der
Künstler, die genannt werden, reichen von Beuys,
Vostell und Richter bis zu Filmemachern wie Schlöndorff,
Trotta und Veiel.
Das klingt unverbindlich-allgemein und
ist es auch. Mehr als eine ratlose Ausflucht angesichts
massiver Kritik an der ursprünglichen Ausstellungskonzeption
ist die Neufassung nicht. Mit ihrer Konzentration auf
künstlerische Reflexion haben die Ausstellungsmacher
vor allem ihren mangelnden Mut bewiesen, im Dialog mit
den Kritikern zu eigenen Positionen zu finden. Auf die
Instinktlosigkeit der ersten Konzeption folgt die Unverbindlichkeit
der zweiten. Man überlässt den Künstlern
das Wort, um es selbst nicht erneut ergreifen zu müssen.
Wohl deshalb bläst man zum Rückzug. Ob eine
reine Kunstausstellung nicht hinterrücks der Mystifizierung
der RAF erliegt, die sie zu vermeiden beabsichtigt, wird
sich erweisen.
Stuttgarter Zeitung, 26.08.2003
Mörder als Ikonen
Über den schwierigen Umgang
mit der RAF / Von Andres Veiel
Im Frühjahr 2003 hat in Boston an der Harvard-Universität
ein Symposium stattgefunden. Titel: "The RAF"s
Germany". Dass die Rote-Armee-Fraktion (RAF) Teil
der kollektiven deutschen Geschichte und Gegenwart ist,
gilt in den USA längst als eine Selbstverständlichkeit.
Ob eine deutsche Universität eine Veranstaltung mit
gleichem Titel hätte durchführen können,
muss angesichts der aktuellen Debatte zur Aufarbeitung
der RAF bezweifelt werden. Die RAF der siebziger Jahre
hat sich mittlerweile zu einer Pop-Ikone entwickelt. Andreas
Baader und Ulrike Meinhof sind die neuen Helden der T-Shirt-Industrie.
Die RAF ist Materiallieferant für unzählige
Filme, Gemälde, Romane, Theaterstücke, Comics.
Die RAF ist als Phänomen flächendeckend präsent.
Doch eine tiefere Reflexion der Geschichte
der RAF und ihrer Gewordenheit wird dadurch eher versperrt.
Die Chance der für 2004 in Berlin geplanten und jetzt
bereits umstrittenen RAF-Ausstellung liegt darin, eben
diesen Widerspruch zum Thema zu machen. Die Ausstellung
wird in den Kunstwerken stattfinden - und nicht im Deutschen
Historischen Museum. Eine Ästhetisierung und Fiktionalisierung
des Phänomens RAF und ihr Widerschein in der Kunst
aber setzen eine genau erstellte "faktische Kartografie"
voraus. Das eine braucht das andere.
Die Blackbox des Nichtwissens ist gigantisch.
Wir wissen immer noch nicht, ob das RAF-Mitglied Wolfgang
Grams in Bad Kleinen durch eigene Hand oder durch
Fremdeinwirkung ums Leben gekommen ist. Von der letzten,
seit Mitte der achtziger Jahre agierenden Gruppe sind
nur Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld namentlich bekannt,
die meisten der Attentate gelten als nicht aufgeklärt.
In der Blackbox nisten sich Legenden und Verschwörungstheorien
ein. Das gilt auch für die siebziger Jahre.
Einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte
haben sich die meisten (ehemaligen) RAF-Mitglieder verweigert.
Auch diejenigen, die sich ihren Erinnerungen stellen,
tragen nicht unbedingt zur Erhellung der Blackbox bei.
Jüngstes Beispiel ist Peter Jürgen Boock, der
in seiner "dokumentarischen Fiktion" zur Entführung
und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer wortreich verhüllt,
was er zu beschreiben vorgibt. Aber auch staatliche Stellen
sind bis heute weit davon entfernt, zur faktischen Aufarbeitung
der RAF Erhellendes beizutragen. So sind etwa die Protokolle,
die beim Abhören der Gespräche zwischen Verteidigern
und RAF-Gefangenen in Stammheim angefertigt wurden, bis
heute unter Verschluss.
Darin liegt die eigentliche Herausforderung
der Ausstellung: einen Gegenstand zu erhellen, der sich
in seinem Kern bis heute als nur begrenzt darstellbar
erwiesen hat. Eine Brechung der Wahrnehmung durch das
künstlerische Abbild des RAF-Phänomens öffnet
Räume - und verschließt andere. Die Ausstellung
hat die Chance, die Grenzen des Wissens und die Zonen
des Verschweigens auszuloten und sichtbar zu machen.
Die Geschichte der RAF ist auch eine Geschichte
der Opfer und ihrer Angehörigen. Die RAF hat sich
angemaßt, Vertreter aus Wirtschaft und Politik zum
Tode zu verurteilen. Einige dieser Repräsentanten
sind nach ihrem gewaltsamen Tod Teil einer kollektiven
Erinnerung geworden, andere sind längst vergessen.
Inge Viett, das ehemalige RAF-Mitglied, beschreibt in
ihrer Autobiografie, wie sie, noch im Untergrund, in Paris
ohne Helm Motorrad fährt. Ein Verkehrspolizist beobachtet
und verfolgt sie. In einem Parkhaus läuft sie auf
ihn zu, sie beschreibt seinen Blick als "dümmlich"
- und drückt ab. Er sitzt seitdem im Rollstuhl und
ist für sein Leben gezeichnet. In ihrem Buch erwähnt
sie, dass sie sich erst zehn Jahre nach dem Vorfall mit
dem Schicksal des Polizisten "als gelähmten
und abhängigen Menschen" auseinander gesetzt
hat.
Die weit gehende Ausblendung der Opferperspektive
ist jedoch nicht nur ein Problem ehemaliger RAF-Angehöriger.
Opfer sind, wie mir einmal ein auf RAF-Ikonen spezialisierter
T-Shirt-Designer sagte, einfach "nicht sexy".
Eine durchdachte Ausstellungskonzeption braucht den Wechsel
der Perspektiven. Opfer sind nicht nur Opfer: Ein Alfred
Herrhausen und ein Hanns-Martin Schleyer stehen auch für
ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Sie lassen sich
eben nicht auf ihre Funktion reduzieren, wie es die RAF
immer wieder versucht hat. Auch ein Andreas Baader ist
nicht nur ein Menschen verachtender Killer. Der biografische
Zugang eröffnet einen widersprüchlichen Blick
auf einen schillernden Lebensweg - mit zahlreichen Momenten
von Nähe, Sympathie und damit Identifikation. Dieser
Widerspruch ist die eigentliche Provokation. Wenn er mit
all seinen Irritationen in einer Ausstellung nachvollziehbar
wird, werden schließlich auch Angehörige der
Opfer eine solche Auseinandersetzung akzeptieren können.
Zwischen diesen Aspekten steht die deutsche
Geschichte, aus der beide, Täter wie Opfer, herauswachsen.
Die Heftigkeit, mit der die Debatte um die Ausstellung
geführt wird, zeigt, dass die Kampfschablonen der
siebziger Jahre noch immer in den Köpfen wirksam
sind. Hier die Sympathisanten, die das Phänomen der
RAF verharmlosen, dort die Panikmacher: Die RAF, das sind
Killer, das ist eine Bande, sonst nichts. Gerade deshalb
ist eine Ausstellung wichtig, die einen genauen zweiten
Blick auf die RAF wirft, sowohl auf die historischen Wurzeln,
die weit vor das Jahr 1968 zurückreichen bis hinein
in die Lebensgeschichten der Väter und Großväter,
als auch auf die Rolle des Staates und seiner Repräsentanten.
Die einen projizierten in die Bundesrepublik das Phantom
eines faschistoiden Staates, die anderen sahen umgekehrt
in der RAF eine faschistoide Gruppe, die mit allen Mitteln
bekämpft werden muss. Auch diesen gegenseitigen Faschismusvorwurf
kann eine Ausstellung jenseits der bekannten Schuldzuweisungen
ergründen.
Die jetzige Debatte zeigt: Die RAF
ist nicht nur Geschichte. Sie ist Gegenwart.
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
08.08.2003, Nr. 182 / Seite 33
RAF-Ausstellung
Was eigentlich wird zu sehen sein?
Von Niklas Maak
08. August 2003 Vor fünfzehn Jahren
stellte Gerhard Richter einen Gemäldezyklus mit dem
Titel "18. Oktober 1977" vor. Der Zyklus zeigt
pathetische Momentaufnahmen aus dem Leben der Terroristen:
ein Jugendbild von Ulrike Meinhof, ein Bild der Toten,
die Festnahme von Holger Meins, drei Bilder von Gudrun
Ensslin, Baaders Zelle in Stammheim, das Bild seines Plattenspielers,
die Beerdigung, gemalt nach Bildern aus Polizeiarchiven.
Damals wurde Richter in einem Interview gefragt, ob er
erwogen hätte, "auch die Opfer der Terroristen
zu malen, zum Beispiel Hans-Martin Schleyer". Richter
antwortete: "Nein. Nie. Das ist ja das normale Verbrechen,
das normale Unglück, das täglich passiert. Was
ich gewählt habe, ist doch ein exzeptionelles Unglück."
Man kann die Wut der Angehörigen, für die der
Tod des Vaters oder Mannes vermutlich ebenfalls ein "exzeptionelles"
Unglück war, angesichts solcher Äußerungen
gut begreifen. Als bekannt wurde, daß der Zyklus
im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden
würde, zog sich die Dresdner Bank, deren Vorstandsmitglied
Jürgen Ponto von der RAF ermordet worden war, aus
dem Förderkreis des Museums zurück. Richters
Werk wurde schließlich vom Museum of Modern Art
in New York gekauft und sorgte auch dort, obwohl es immer
wieder als einer der wichtigsten Beiträge der Kunst
zur neueren Zeitgeschichte und als kritische Beschäftigung
mit tödlicher Ideologie gefeiert wird, für Debatten.
Der Kritiker David Gordon forderte in "Newsweek",
die Bilder durch Porträts der Opfer zu ergänzen.
Seltsame Ikonenmalerei
Die Debatte um Richter erlebt nun ihre Wiederkehr anläßlich
der geplanten Berliner Ausstellung zur RAF. Im Kern geht
es auch in dieser Diskussion um Wirkungsmacht und Kommentierbarkeit
von Bildern. Daß in den vergangenen Jahren in einem
bestimmten Milieu die RAF zum Modephänomen wurde,
läßt sich nicht bestreiten. Das Magazin "Tussi
de Luxe" inszenierte die Geschichte der Gruppe als
Modestrecke - Models posieren als elegische Terroristen.
Zur Londoner Kunstausstellung "Crash" erschien
ein Begleitheft mit dem Titel "Prada Meinhof",
in Leander Scholz' Roman "Rosenfest" trifft
ein zurechtromantisierter Baader eine idealisierte Gudrun
Ensslin. Zahlreiche Kunstwerke widmen sich der RAF.
Ob Odd Nerdrums für die Ausstellung angefragtes Bild
"Murder of Andreas Baader" von 1997 oder Johannes
Kahrs' Gemälde "Meinhof 2001", das zuletzt
in der Frankfurter Schau "Deutsche Malerei 2003"
zu sehen war: Die RAF-Terroristen sind längst Gegenstand
einer seltsamen Ikonenmalerei, die das "exzeptionelle"
der Terroristen feiert. In Literatur und Kunst werden
sie wie Popstars präsentiert, mit denen sie die Allgegenwart
ihrer Bilder und ihre gleichzeitige reale Verborgenheit
ebenso verbindet wie ihr vermeintlich "exzeptionelles"
Leben. Ihr früher Tod ist in bester Pop-Tradition
nicht Drohung, sondern Versprechen: "Hope I die before
I get old", sang schon "The Who".
Porträts einer tödlichen Ideologie
Daß die RAF statt mit Musik durch Morde die Welt
verbessern wollte, wird vergessen. Ein nostalgisch-jugendliches
Milieu schaut mit vernieseltem "Damals-war-noch-was-los"-Blick
auf eine zur Abenteurerbande romantisierte RAF. Doch auch
in der Kunst selbst gab es Gegenbewegungen zum RAF-Kult
der Künste. Vor drei Jahren präsentierte "Susi
Pop" in Berlin rosa eingefärbte Siebdrucke von
Richters RAF-Zyklus. Die Farbe zerstörte jedes Geheimnis,
jedes graue Raunen und machte den Zyklus zum warholartigen
Wandschmuck - eine Polemik gegen die elegische Unbestimmtheit
der Vorlage.
Die wenigsten Kunstwerke, die die RAF zum Thema machen,
beschäftigen sich mit den Opfern des Terrors. Doch
es gibt Ausnahmen, etwa Hans-Peter Feldmanns eindrucksvolles,
ebenfalls auf der Wunschliste der Ausstellungsmacher stehendes
Werk "Die Toten". Feldmann hat die Bilder der
Toten auf beiden Seiten versammelt, Jugendbildnisse, Paßbilder
und Aufnahmen der Orte, an denen Terroristen und Opfer
zwischen 1968 und 1993 zu Tode kamen. Feldmanns Arbeit
ist das unheroische Porträt einer tödlichen
Ideologie, sein Prinzip der Bergung vergessener Presse-Bilder
machen sich auch die Berliner Kuratoren zu eigen.
Ein Bildgedächtnis als Herzstück
Der einzige Künstler, der um eine Auftragsarbeit
gebeten wurde, ist der Filmemacher Harun Faroki, der Nachrichtensendungen
und Folgen der Sendereihe "Aktenzeichen XY"
zur RAF-Fahndung zu einem Dokumentarband zusammenschneidet.
Dieser Film, der in Zusammenarbeit mit Wolfgang Kraushaar
erarbeitet wird, ist das Herzstück der Schau, ein
Bildgedächtnis, an dem man die Entstehung des "Mythos
RAF" wird verfolgen können: Welche Bilder wurden
vergessen, welche wurden - in Schulbüchern, in der
Kunst, von Modemachern, Regisseuren und Schriftstellern
- aufgegriffen, und warum?
Zwischen 1970 und 1977 berichteten Zeitungen auf ganzen
Seiten auch vom Schicksal der "zufällig"
erschossenen Personen, die am Rande von RAF-Überfällen
zu Tode kamen. Auch ihre Geschichten und Bilder sind heute
vergessen. Nach Aussage der Kuratoren sollen diese Foto-Berichte
in der Ausstellung präsentiert werden. Im dämmernden
Revoltenkitsch der neueren Kunstproduktion sollen, so
die Hoffnung der Kuratoren, die vergessenen, erschütternden
Bilder und Berichte über das Leiden der Opfer ihre
Wirkung entfalten, die Konstruktion des "Mythos RAF"
offenlegen und seine Wirkung zersetzen.
Wobei offenbleibt, ob das die Popkultur selbst nicht besser
kann. Nichts ist für Ideologie und Mythos so schädlich
wie Klamauk. Baader und Meinhof, stets darauf aus, Schrecken
zu verbreiten, hätten die Verballhornung ihres Weltrettungsplans
sicherlich nicht gern gesehen. Der geschmacklose "Prada
Meinhof"-Spektakel war vielleicht schon das Ende
eines raunenden RAF-Mythos, an dem einige Künstler
noch eifrig herummalen.
Frankfurter Rundschau,
ca. 26. Juli 2003
Koalition der Empörung über
den "Mythos Rote Armee Fraktion"
Angehörige von Opfern befürchten
Glorifizierung der RAF durch geplante Ausstellung in Berlin
/ Kanzleramt ist alarmiert
Eigentlich schien das düstere
Kapitel "Rote Armee Fraktion" (RAF) durch die
Selbstauflösung der Terror-Gruppe längst beendet.
Doch plötzlich beschäftigt die RAF wieder die
Politik. Eine mit staatlichen Mitteln geförderte
Ausstellung über den "Mythos RAF" schmiedet
eine parteiübergreifende Koalition der Empörung
- und politische Verwirrung.
Von Vera Gaserow
BERLIN, 23. Juli. In der Ausstellungs-
und Veranstaltungsgalerie "Kunst-Werke" in Berlin-Mitte
weiß man zurzeit nicht mehr, welches Telefon man
zuerst abnehmen soll. Wohlmeinendes Interesse und Anerkennung
für das, was hier in den Räumen einer früheren
Margarinefabrik auf die Beine gestellt wird, ist man durchaus
gewohnt. Aber jetzt sind die Ausstellungsplaner in grelles
Scheinwerferlicht geraten, das bis ins Kanzleramt leuchtet.
Dort ging dieser Tage, adressiert an den
Bundeskanzler persönlich, der besorgte Brief der
Familien der beiden RAF-Opfer Hanns-Martin Schleyer und
Detlev Rohwedder ein. Mit Empörung, Unverständnis
und Bitterkeit wehren sich die Angehörigen der Ermordeten
dagegen, dass "nicht nur mit Billigung, sondern mit
staatlicher Förderung" in den Räumen der
Kunst-Werke eine Ausstellung über den "Mythos
RAF" geplant sei, die der "vorhandenen Legendenbildung
und Glorifizierung der RAF Vorschub leistet".
Das Kanzleramt reagierte alarmiert auf
den Anlass des Schreibens, der bereits via Bild bei Politikern
von SPD, CDU und FDP öffentliche Empörung provoziert
hatte. "Unter dem Eindruck der Vielschichtigkeit
des Themas", so mühte sich am Mittwoch der stellvertretende
Regierungssprecher die Aufregung zu dämpfen, habe
Schröder Kulturstaatsministerin Christina Weiss aufgefordert,
die Kritik an dem Ausstellungskonzept zu überprüfen.
Die Prüfung dürfte nicht leicht sein, denn ein
solches Konzept gibt es bisher nicht.
Und doch hat der Hauptstadtkulturfonds,
der auch aus Zuschüssen des Bundes gespeist wird,
bereits im Januar 100 000 Euro für das Projekt bewilligt.
Im Herbst sollte die Ausstellung fertig sein und später
unter anderem weiter nach Düsseldorf wandern. Inzwischen
ist sie bereits auf nächstes Jahr verschoben. Gestaltet
werden soll das Projekt unter der wissenschaftlichen Mitarbeit
des Zeithistorikers Wolfgang Kraushaar vom namhaften Hamburger
Institut für Sozialforschung. Und auch die Bundeszentrale
für politische Bildung war gebeten, das sensible
Vorhaben zu begleiten.
Die Macher bestreiten vehement, dass die
Ausstellung die Gewalttaten der RAF glorifizieren könnte.
Durch eine Verbindung von politisch-historischer Dokumentation
und einem künstlerischen Teil wolle man gerade die
leichtfertige "ästhetische Aneignung" der
RAF-Symbole in Mode und Popkultur problematisieren, betont
Beate Barner, Geschäftsführerin der "Kunst-Werke".
Bereits im Juni habe man darüber hinaus beschlossen,
Angehörige von Opfern der RAF über das Ausstellungskonzept
zu informieren.
Nur: Eine solche Information blieb bisher
aus. Angesichts der medialen Aufregung schaltet das politische
Berlin jetzt die Warnblinkanlage ein. Deutlich distanziert
klingt inzwischen die Mitteilung der Bundeszentrale für
politische Bildung, die bislang der Regierung als Garant
für eine sensible Begleitung des Vorhabens galt.
Bisher, betont die Bundeszentrale, habe man sich noch
gar nicht an dem Projekt beteiligt. Ob man es tun werde,
hänge von einem schlüssigen Gesamtkonzept ab,
"das einer Glorifizierung strikt entgegenwirkt"
und die Angehörigen von RAF-Opfern einbezieht.
Ein
FR-Rückblick in die 70er Jahre
Frankfurter Rundschau
ca. 26. Juli 2003
TIMES MAGER
Legenden
Eine gewisse rhetorische Fiebrigkeit gehört
zu den Erkennungsmerkmalen zeithistorischer useinandersetzungen.
Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.
Schon deshalb muss es niemanden wundern, wenn eine geplante
Ausstellung über den "Mythos RAF" bereits
im Vorfeld die Gemüter erhitzt. Wie ein dissonanter
Agit-Prop-Chor sind denn auch die politischen Lautsprecher
von Friedrich Merz bis zu Guido Westerwelle auf der Szene
erschienen, um das Skandalon einer Ausstellung der Berliner
Kunstwerke e.V. zu markieren, die mit finanzieller Unterstützung
der "Bundeszentrale für politische Bildung"
erst im November 2004 das Betrachterauge der interessierten
Öffentlichkeit passieren soll. Der ursprüngliche
Eröffnungstermin, der für Ende 2003
vorgesehen war, wurde seitens der Veranstalter noch einmal
verschoben, weil eine frühe Präsentation nicht
zu Lasten einer wissenschaftlichen Genauigkeit des Projekts
gehen sollte. Ein gültiges Ausstellungskonzept, das
nun von den politischen Kommentatoren in Zweifel gezogen
wird und die Angehörigen von RAF-Opfern besorgt,
gibt es bis zum heutigen Tag nicht.
Der in der Erhitzungsphase befindliche
Skandal dreht sich denn auch gar nicht um eine Ausstellung,
sondern um einen Satz, der in einer frühen Planungsphase
formuliert worden ist. Der Satz lautet: "Welche Ideen,
Ideale haben ihren Wert durch die Zeit behalten und können
nicht als naiv abgetan werden." Es wäre den
Ausstellungsmachern um den erfahrenen Berliner Kurator
Klaus Biesenbach ("Berlin Biennale") gewiss
zu wünschen, dass die sprachliche und gedankliche
Hilflosigkeit, die sich in diesem Satz ausdrückt,
sich später in der Ausstellung nicht wiederfindet.
Die allein aus inhaltlichen Gründen erwogene Verschiebung
des Projektes um ein ganzes Jahr deutet bereits darauf
hin, dass die Schnoddrigkeit eines frühen Thesenpapiers
keineswegs ein Gestaltungsmerkmal des Unternehmens ist.
Dass dieser Satz den Anlass für ein gewünschtes
politisches Sommertheater abgibt, ist denn wohl auch eher
einer Indiskretion im Entstehungsprozess der Ausstellung
geschuldet. Er derartiges Papier, so der Zeithistoriker
und wissenschaftliche Berater der Ausstellung, Wolfgang
Kraushaar, sei nie über seinen Tisch gegangen und
gewiss nicht für die Öffentlichkeit bestimmt
gewesen.
Der Erregungsfaktor, der die Auseinandersetzung
um die Ausstellung und die politischen Gelder, die ihr
zufließen, bestimmt, kennzeichnet nicht zuletzt
ein kulturpolitisches Klima, das durch Verdachtsrhetorik
und Aufpassermentalität geprägt ist. Der hier
aufkeimende Kampf um den Mythos RAF wiederholt längst
bearbeitet geglaubte Antagonismen von Staatstreue und
Terrorismussympathisanten als Farce. Das Medium der Ausstellung
ist gewiss nicht vor politischer Legendenbildung gefeit.
Das hysterische Vorspiel zu einer solchen Schau wäre
dann aber nicht zuletzt ein starkes Argument dafür,
dass sie entstehen sollte. HARRY NUTT
Donnerstag, 24.
Juli 2003 - 16.00 Uhr, AFP Agence France-Presse GmbH
Streit um geplante RAF-Ausstellung
Schily teilt Kritik der Hinterbliebenen an umstrittenem
Projekt
Die Macher der umstrittenen RAF-Ausstellung
haben sich in einem persönlichen Brief an die Witwe
des erschossenen Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder und die
Hinterbliebenen des ermordeten Arbeitgeber-Präsidenten
Hanns Martin Schleyer gewandt. "Wir bitten darin
um ein persönliches Gespräch, um alle offenen
Fragen und Bedenken zu klären", sagte die Geschäftsführerin
der Berliner Kunst-Werke, Beate Barner. Bundesinnenminister
Otto Schily (SPD) hatte zuvor die Kritik an der Ausstellung
unterstützt. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete
Hans-Christian Ströbele, der wie Schily früher
als RAF-Anwalt tätig war, plädierte für
die Ausstellung.
In einem Brief an Hergard Rohwedder und
die Hinterbliebenen von Schleyer schrieb Schily, er teile
deren Kritik an der geplanten Ausstellung "Mythos
RAF". Schily betonte, er habe dem Präsidenten
der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas
Krüger, seine "erheblichen Bedenken" gegen
die Ausstellung mitgeteilt. Von Krüger sei ihm versichert
worde, dass sich die Bundeszentrale "selbstverständlich"
an keiner Ausstellung beteiligen werde, die einer "Glorifizierung"
der RAF Vorschub leisten könnte.
Ströbele sagte: "Eine kritische
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ereignissen
oder auch Phänomenen wie der RAF ist nicht nur wichtig,
sondern auch dringend notwendig." Insbesondere junge
Menschen zwischen 18 und 22 Jahren seien an dem Thema
sehr interessiert.
Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
Wolfgang Bosbach (CDU), rief dazu auf, die geplante Ausstellung
unter allen Umständen zu verhindern. Es sei unvorstellbar,
dass dafür Steuergelder zur Verfügung gestellt
würden, sagte er der in Halle erscheinende "Mitteldeutsche
Zeitung". Die RAF sei "mordend durchs Land gezogen".
Eine Ausstellung über sie wäre "geschmack-
und instinktlos".
Die Ausstellung soll nach Angaben der
Kunst-Werke die Geschichte der RAF und ihre Reflektion
in der Arbeit von Künstlern behandeln. Bei dem Vorhaben
gehe es darum, den "oberflächlichen und ahistorischen
popkulturellen Verarbeitungen der letzten Jahre eine ernsthafte
Auseinandersetzung entgegenzustellen", hieß
es in einer Erklärung. Sie werde nicht wie ursprünglich
geplant im November diesen Jahres eröffnet. Wegen
der noch nötigen Vorbereitungen sei sie um ein Jahr
verschoben worden.
24.7.2003, NÜRNBERGER
NACHRICHTEN
Streit um RAFAusstellung
Eine Schande für unser Land
Viele Politiker befürchten die Verklärung
der Terroristen
BERLIN Es ist ein eher friedlicher, vom Touristenstrom
abgeschnittener Ort, an dem die Berliner Kunst-Werke
die Arbeiten junger Künstler präsentieren. Doch
mit der Ruhe ist es seit einigen Tagen vorbei: Plötzlich
befasst sich die große Politik mit dem, was in den
Räumen einer ehemaligen Margarinefabrik im Stadtteil
Mitte geschieht. Die Verantwortlichen planen eine Ausstellung
über die Rote Armee Fraktion (RAF), die
gefährlichste terroristische Vereinigung im Nachkriegsdeutschland.
Für Aufsehen sorgte vor allem die
Ankündigung der Veranstalter, dass man in der Schau
auch nach Ideen und Idealen der RAF suchen wolle, die
ihren Wert behalten haben. Das unterstellt,
zumindest in den Anfangszeiten der Baader-Meinhof-Bande
müsse es positive Ansätze gegeben haben. CDU-Fraktionsvize
Friedrich Merz hält das für einen ungeheuerlichen
Skandal, Peter Ramsauer (CSU) spricht von einer
Schande für die Bundeshauptstadt und unser Land.
Was die Politiker, darunter auch solche
von SPD und FDP, am meisten empört: Die Ausstellung
soll mit 100 000 Euro aus dem Hauptstadt-Kulturfonds gefördert
werden. Sie befürchten, dass öffentliche Gelder
dazu verwendet werden, die Terroristen zu verklären.
Die RAF war immerhin für eine Serie brutaler Verbrechen
verantwortlich, unter anderem die Morde an dem Arbeitgeberpräsidenten
Hanns Martin Schleyer (1977) und dem Treuhandchef Detlev
Carsten Rohwedder (1991).
Die Angehörigen der Getöteten
haben sich bereits mit einem Brief an Bundeskanzler Gerhard
Schröder und andere führende Politiker gewandt.
Sie fordern eine Absage der Ausstellung oder zumindest
das Streichen der Zuschüsse. FDP-Chef Guido Westerwelle
hat schon geantwortet. Er wolle sich dafür einsetzen,
schreibt er, dass für eine solch einseitige Auseinandersetzung
mit dem Terrorismus kein Steuergeld eingesetzt werde.
Der sozialdemokratische Abgeordnete Dieter Wiefelspütz
sprang ihm bei: Es gibt nichts, was an der RAF positiv
sein könnte.
Ein Missverständnis?
Die Kunst-Werke-Macher fühlen sich
missverstanden. Man wolle den oberflächlichen
und ahistorischen, popkulturellen Verarbeitungen der letzten
Jahre eine ernsthafte Auseinandersetzung entgegenstellen,
beteuern sie. Niemand denke an eine Verklärung, aber
die RAF sei nun eben ein wichtiger Teil der bundesrepublikanischen
Nachkriegsgeschichte, den man nicht einfach übergehen
könne. Dennoch wurde die für den Herbst geplante
Schau vorerst um ein Jahr verschoben. Begründung:
Man wolle noch ein Einvernehmen
mit den Angehörigen der Ermordeten herstellen.
Mittlerweile haben sich einige Förderer
der Ausstellung schon zurückgezogen, darunter der
Hamburger Kunstmäzen Jan Philipp Reemtsma. Mit ihrer
momentanen Schau haben die Kunst-Werke nicht
solche Probleme, denn da geht es nur um die Produktion
von Raum und dessen Eroberung, Besetzung, Verteidigung
und Kontrolle. Das ist der Politik egal. HARALD
BAUMER
25.07.2003, Die Presse, Wien
Wirbelsturm um den "Mythos RAF"
Warum eine für 2004 geplante
Ausstellung in Berlin schon heute die politischen Gemüter
erhitzt.
VON DIETER STÄCKER
Es ist ein kurzer Satz, aber er hat es
in sich. "Welche Ideen und Ideale der RAF haben ihren
Wert durch die Zeit behalten und können nicht als
naiv abgetan werden?", schrieb ein Mitarbeiter der
Berliner Kunst-Werke ins Konzept einer Ausstellung über
die "Rote-Armee-Fraktion". Damit provozierte
er einen Sturm der Empörung, der die geplante Ausstellung
- Arbeitstitel "Mythos RAF" - zum Scheitern
bringen könnte.
"Ein ungeheuerlicher Skandal",
wetterte CDU-Politiker Friedrich Merz. "Es gibt nichts,
was an der RAF positiv sein könnte", sekundierte
Dieter Wiefelspütz (SPD). Und FDP-Chef Guido Westerwelle
drohte: "Ich werde mich dafür einsetzen, dass
für eine solche einseitige Auseinandersetzung mit
dem deutschen Terrorismus kein Steuergeld eingesetzt wird."
Dabei war der Satz schon lange gestrichen.
"Er stammt aus einem früheren Entwurf",
sagt Beate Barner, Geschäftsführerin der Berliner
Kunst-Werke. Die Schau mit Kunstobjekten zum Thema RAF
habe nichts mit Glorifizierung oder gar Banalisierung
der Baader-Meinhof-Terroristen zu tun. Im Gegenteil: Sie
wolle Schluss machen mit der "popkulturellen und
ahistorischen" Verarbeitung des RAF-Phänomens
in Filmen und populären Fernsehbeiträgen. Die
Terroristen sollen ihren Kult-Status bei der Pop-Generation
verlieren:
Andreas Baader soll nicht mehr der Desperado sein, als
der er jüngst in einem TV-Film dargestellt wurde,
Gudrun Ensslin nicht die blasse Heroine mit dem verlorenen
Blick.
Doch für erklärende Worte war
es zu spät. Am Dienstag schon hatte Graf Nayhauß
in der "Bild"-Zeitung gefragt: "Warum zahlt
Berlin 100.000 Euro für Skandal-Ausstellung über
RAF?" Das fragten auch die Angehörigen von RAF-Opfern,
so Hergard Rohwedder, Witwe des 1991 von den Terroristen
erschossenen Treuhandanstalts-Vorstands Detlev Rohwedder:
Sie sieht "Ansätze zu einer nachträglichen
Geschichtsverfälschung".
Auch bisherige Förderer wurden vorsichtig:
Jan Philipp Reemtsma zog sich ganz aus dem Projekt zurück.
Und die Kunst-Werke Berlin haben die Ausstellung bereits
von Herbst 2003 auf November 2004 verschoben. Begründung:
Es fehlen noch wichtige Exponate.
24.07.2003
Die RAF tut weiter weh
Streit über eine Ausstellung, die es noch gar
nicht gibt
Ein Skandal? Ein Sommerlochthema? Ein Missverständnis?
In Berlin gibt es Streit über eine Ausstellung zur
RAF. Die Hinterbliebenen fühlen sich verletzt, Kritiker
schimpfen, die Macher verteidigen sich, und manche Politiker
mischen vorsorglich schon mit. Der Ausgang ist offen.
Von Katja Bauer und Stefan Braun, Berlin
Hergard Rohwedder ist empört, verärgert,
entsetzt. Und das scheint auf den ersten Blick verständlich.
Sie ist die Witwe von Detlev Rohwedder, dem mutmaßlich
von Terroristen ermordeten ehemaligen Treuhandchef. Nun
soll es in Berlin eine Ausstellung zum Thema Mythos RAF
geben. Und für Hergard Rohwedder ist das ein Skandal.
Wie eine Verherrlichung klingt das in ihren Ohren. In
dem Konzept sieht sie "Ansätze zu einer nachträglichen
Geschichtsverfälschung, die für mich unerträglich
ist".
Noch allerdings gibt es diese Ausstellung
nicht. Noch gibt es nicht viel mehr als eine erste Planung
- nebst dem dafür bewilligten Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds,
der jährlich auch mit gut zehn Millionen Euro vom
Bund mitfinanziert wird. Erfahren hat Rohwedder von der
Ausstellung durch den Hamburger Mäzen Jan Phillip
Reemtsma. Ein Wissenschaftler aus seinem Institut für
Sozialforschung arbeitet mit am Konzept. Deshalb hat Reemtsma
früh von den Planungen erfahren - und irgendwann
die Witwe eingeschaltet. Er hatte nach Gesprächen
mit den Machern den Eindruck bekommen, dass die Verantwortlichen
kein angemessenes Konzept
würden vorlegen können.
Daraufhin schrieb Rohwedder einen auch
von Reemtsma unterzeichneten Brief an zahlreiche Politiker,
darunter den Kanzler, den Bundesinnenminister und die
Vorsitzenden der Bundestagsparteien. Ihre Bitte: die Politiker
sollten bitte dafür sorgen, dass der Bund für
diese Ausstellung kein Geld geben werde. Zunächst
blieb die Reaktion gering. Als aber die "Bild"-Zeitung
am Dienstag einen Skandal aus der Ausstellung machte,
kamen prompt erste Reaktionen. So sprach Unionsfraktionsvize
Friedrich Merz gestern von einem "ungeheuerlichen
Skandal". Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz
erklärte, es gebe "nichts, was an der RAF positiv
sein könnte". Und FDP-Chef Guido Westerwelle
versprach in einem Brief an Rohwedders Witwe, er werde
sich dafür einsetzen, "dass für eine solche
einseitige Auseinandersetzung mit dem Terrorismus kein
Steuergeld eingesetzt wird".
So weit - so deutlich die Politik. Auf
der anderen Seite, bei den Machern der Ausstellung genauso
wie bei denen, die im Namen des Bundes Fördermittel
bewilligt haben, sieht die Sache anders aus. Beate Barner,
die Geschäftsführerin der Galerie Kunst-Werke,
in der die Ausstellung gezeigt werden soll, verwahrt sich
gegen die Vorwürfe. Nicht eine irgendwie geartete
Glorifizierung, sondern die Entglorifizierung der RAF
sei das konkrete Ziel der Ausstellung. Und die Aufregung
zeige, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema sehr
wichtig sei. Die Geschichte der RAF sei "ein wichtiger
Teil der jüngeren deutschen Geschichte". So
gehe es auch darum zu fragen, warum die RAF in den vergangenen
Jahren plötzlich auf fragwürdige und undifferenzierte
Weise in Musik, Film und Mode auftauche - beispielsweise
als Shirt-Aufdruck bei Jugendlichen.
Barner sagte, die in einigen Medien zitierten
Sätze aus einem früheren Konzeptionsentwurf
seien aus dem Zusammenhang gerissen, falsch und im Übrigen
überholt. Die Auseinandersetzung zum jetzigen Zeitpunkt
sei sehr misslich: "Wir wollten in den kommenden
Wochen unser Projekt in einem ersten Papier der Öffentlichkeit
vorstellen, um genau diesen Streit zu verhindern."
Zudem gebe es kein fertiges Konzept, da nach den ersten
Recherchen neue Aspekte hinzugekommen seien - mit der
Folge, dass die Ausstellung frühestens in einem Jahr
gezeigt wird.
Ähnliches kommt auch aus dem Büro
der Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Ihr Büro
hatte vom Kanzler das Schreiben Frau Rohwedders erhalten
- und hatte dem Hauptstadtkulturfonds auch ein vorläufiges
Ja mit auf den Weg gegeben. Jetzt heißt es von dort,
es sei nie Ziel gewesen, die Geschichte der RAF zu ästhetisieren
oder schönzufärben. Außerdem sei man sicher,
dass "natürlich auch die Bedenken noch eingearbeitet"
würden. Ein Signal, das auch der Kurator der Ausstellung,
Klaus Biesenbach, bereits versendet. Er bedaure, die Angehörigen
nicht früher einbezogen zu haben. Ein entsprechender
Brief an die Witwe aber sei bereits vorbereitet.