Materialien und Archiv / analyse und kritik Nr. 356 vom
7.7.1993
Mord inbegriffen? (Seite 1)
Killfahndung nach mutmaßlichen
RAF-Mitgliedern
Nun ist Innenminister Seiters zurückgetreten.
Nein, Schuld treffe ihn keine, nur - er müsse an
seine Familie denken. Diese Heuchelei ist unerträglich
angesichts der von Anfang an wissentlich und bewußt
vom Innenminister, der Bundesanwaltschaft (BAW) und dem
Bundeskriminalamt (BKA) betriebenen Falschinformation
über die Vorgänge in Bad Kleinen. Wolfgang Grams
ist tot, gestorben durch einen aufgesetzten Kopfschuß,
während er verletzt am Boden lag: das heißt
im allgemein üblichen Sprachgebrauch Exekution. In
der BRD ist die Kill-Fahndung zumindest offiziell nicht
erlaubt. Es scheint aber, daß sie klammheimlich
gewünscht und staatlicherseits gedeckt wird: Eine
Woche nach der Tat sind diejenigen, unter denen der Täter
zu vermuten ist, die eingesetzten Beamten der GSG-9, noch
nicht einmal staatsanwaltlich vernommen worden.
Entgegen besseren Wissens ließ die BAW noch am Tage
des Einsatzes verbreiten, Birgit Hogefeld hätte in
"menschenverachtender" Weise "wild um sich"
geschossen. Birgit Hogefeld hat nicht einmal ihre Waffegezogen.
Als sich die Aussage der BAW nicht mehr halten ließ,
wurde dem erschossenen Wolfgang Grams der Tod des GSG-9-Mannes
angelastet. Aber selbst eine Woche nach der Tat wollte
sich von Stahl auf Nachfragen von "Spiegel-TV"
Journalisten - nicht definitiv festlegen, ob Wolfgang
Grams' auf den GSG-9-Mann geschossen hat oder ob er überhaupt
eine Waffe bei sich hatte.
Seiters' Rücktritt reicht bei weitem nicht aus. Der
Einsatz muß nicht nur weitere Konsequenzen haben,
wie den sofortigen Rücktritt von Stahls; das Wesentliche
aber ist die vollständige Aufklärung und Aburteilung
derjenigen, die Wolfgang Grams in Anlehnung an die Praxis
von Todesschwadronen hingerichtet haben. Wenn wir, wie
es die bekannt gewordenen Informationen nahelegen, von
einem staatlichen Mord ausgehen müssen, dann gibt
es außerdem Täter nicht nur Mitwisser, sondern
wahrscheinlich auch Mittäter. (Auf Hintermänner
bzw. Auftraggeber verweist bisher nur das amtliche Vertuschungsinteresse
bezüglich des "dritten Mannes".) Auch sie
müßten vor Gericht gestellt und bestraft werden.
Eine "rechtliche Würdigung müßte
auch das Verhalten der Vorgesetzten der an dem Einsatz
beteiligten GSG-9bzw. BKA-Beamten bis hin zu Innenminister
Seiters, BKA-Chef Zachert und Auftraggeber von Stahl einbeziehen.
Anzuwenden wäre § 258a StGB (Strafvereitelung
im Amt), zu bestrafen mit sechs Monaten bis fünf
Jahren Gefängnis.
Politisch kann es nur eine Konsequenz geben: Polizeitruppen
- und das bezieht sich sowohl auf die GSG-9 als auch auf
die wahrscheinlich am Tatort anwesenden BKA-Sondereinheiten
-, deren Korpsgeist die Deckung eines Mordes einschließt,
müssen sofort aufgelöst werden.
Innenministerium nach
Kopfschuß kopflos (Seite
4)
Innenminister Selters tritt
zurück, Hinrichtungsvorwurf verdichtet sich
Der Ruf nach dem Rücktritt von
von Stahl wird zwar immer lauter, aber hat noch keinen
Erfolg gezeitigt. Der Ruf nach dem Rücktritt von
Selters war noch gar nicht sehr laut geworden, als er
dann überraschend am Sonntagabend seinen Rücktritt
bekannt gab. Ob und wenn ja, wer, noch gehen muß,
wird sich erst in den nächsten Tagen herausstellen
- vielleicht noch vor Erscheinen des ak herausgestellt
haben. Wichtiger allerdings wäre es, endlich den
tatsächlichen Tathergang am 27.6.93 im und auf dem
Bahnhof Bad Kleinen bekanntzugeben. Daß BAW, BKA
und die beteiligten Beamten des MEK und der GSG-9 versuchen,
das tatsächliche Tatgeschehen zu vernebeln, um ihre
eigenen Verstrickungen in den Tod von Wolfgang Grams nicht
bekannt werden zu lassen, ist inzwischen mehr als deutlich
geworden. Alles, was bis heute an ZeugInnenaussagen, Obduktionsberichten,
anonymen Anrufen und Aussagen von Polizeibeamten und Widersprüchen
in den Erklärungen der Bundesanwaltschaft (BAW) und
des Bundeskriminalamtes (BKA) vorliegt, läßt
nur einen Schluß zu: Wolfgang Grams wurde, bereits
angeschossen und wehrlos am Boden liegend, von Beamten
der GSG-9 aus nächster Nähe erschossen.
Schon am 27.6.93, also am Tage der Festnahme
von Birgit Hogefeld und des Todes von Wolfgang Grams,
wird von Birgit Hogefelds Anwalt mitgeteilt, daß
seine Mandantin überwältigt worden ist,_ ohne
daß sie ihre Waffe gezogen hätte. Trotzdem
ist am 28.6.1993 die offizielle und in den Medien verbreitete
Version - "nach Mitteilung es 'Generalbundesanwaltes"
-, daß Birgit Hogefeld sofort das Feuer eröffnete
und daß daraufhin sowohl ein Beamter der GSG-9 als
auch Wolfgang Grams erschossen wurden.
Während die "Welt" am 28.6. noch meldet,
daß Grams und Hogefeld "anscheinend unterfalscher
Identität vor der Wende in der DDR Unterschlupf gefunden"
hatten, bezog sich die FAZ am 28.6. auf einen Zeitungsbericht
- vermutlich die Nachtausgabe der "Bild", die
diese Nachricht aber schon in ihrer Tagesausgabe nicht
mehr bringt -, demzufolge: "hatte Birgit Hogefeld
sich vor der Vereinigung Deutschlands unterfalschem Namen
in der DDR versteckt. Sie soll jetzt mit Hilfe von Stasi-Unterlagen
enttarnt worden sein. " Gleichzeitig schrieb die
FAZ: " Wie das Bundeskriminalamt (BKA) auf ihre Spur
gekommen ist, wollte die Bundesanwaltschaft nicht mitteilen.
" "Wie ändere RAF-Mitglieder hatten die
beiden in der DDR Unterschlupf gefunden, dort eine neue
Identität erhalten ", reduziert die "Bild"
am 28.6. dann ihre Berichterstattung. Die Stasi-Akten-Spur
wird aber nach zwei Tage später von der BAW widerrufen.
Was aus den Angaben der BAW insgesamt hervorgeht, ist
nicht viel und überwiegend falsch. Selbst die Gaststätte,
in der sich Hogefeld und Grams aufgehalten haben sollen,
bevor die Beamten sie angriffen, wird erst nach ZeugInnenaussagen
von der BAW korrigiert. Die von der BAW angegebene Gaststätte
"Waldeck" ist Sonntags nicht geöffnet,
die Observierten waren in dem zweiten Gasthaus im Bahnhof,
dem "Billard-Cafe".
Die Auskünfte der BAW lassen sich nach den tagelangen
und noch immer anhaltenden Fehlinformationen aus Karlsruhe
nicht verifizieren. So scheint neben der GSG-9 außerdem
ein MEK im Einsatz gewesen zu sein. Aber welche Truppe
außer der GSG-9 nun tatsächlich eingesetzt
war, bleibt wiederum im Dunkeln, wenn mensch sich die
Formulierungen in der Tagespresse ansieht:" Ein beim
Mobilen Einsatzkommando eingesetzter Beamter der Grenzschutztruppe
9" (Hamburger Abendblatt 28.6.93), "Ein Mobiles
Einsatzkommando des Bundeskriminalamtes" ("Welt"
28.6.). Um einen "im MEK eingesetzten GSG-9-Beamten"
handelt es sich nach "Welt" vom 30.6. Die Verwirrung
komplett macht dann der "Spiegel vom 5.7. mit seiner
Angabe, wer in Bad Kleinen eingesetzt war: "... Unter
sich muß er Dutzende Kollegen eines Mobilen Einsatzkommandos
und von der Terrorismusabteilung, der Spezialtruppe GSG-9,
einerweiteren Grenzschutzeinheit und der örtlichen
Polizei dirigieren" und etwas später heißt
es dort: "Rund 48 Stunden haben schon 54 Beamte,
darunter ein 11 Mann starkes Greifkommando der GSG 9,
des BKA und der Grenzschutz-Sicherungstruppe Bonn, auf
ihren Einsatz gewartet. " Bei all diesen Bezeichnungen
bleibt völlig unklar, um was für eine Einheit
es sich überhaupt gehandelt haben soll. Über
ein "Mobiles Einsatzkommando des BKA" ist jedenfalls
vorher nie etwas bekannt gewesen. Bisher waren MEKs Länder-
und nicht Bundessache. Die Anzahl der gesamt eingesetzten
Beamten wird bis heute mit Zahlen zwischen 15 und 54 angegeben.
Rührt die Namensverwirrung vielleicht daher, daß
nur die GSG-9 eingesetzt war, die dann als MEK des BKA
bezeichnet worden ist? Allerdings bleibt dann die Frage,
warum der Einsatzleiter Hoffmann vor Ort vom BKA war.
Die GSG-9 hat üblicherweise einen eigenen Einsatzleiter,
der wird aber bisher nirgendwo erwähnt. Am Schußwechsel
- sofern es überhaupt ein Schußwechsel gewesen
ist - waren offensichtlich nach der bisherigen Darstellung
nur die Beamten der GSG-9 beteiligt. Auch einen Tag später,
am 29:6., erging die Presse in Spekulationen und Fragen.
Die BAW hat nach Agenturmeldungen eine Nachrichtensperre
verhängt, die sie mit den laufenden Vernehmungen
von Birgit Hogefeld und der Notwendigkeit, die weiteren
Ermittlungen nicht zu behindern, begründete. Das
die verhängte Nachrichtensperre nicht fahndungstechnische
Gründe hat, sondern verhindern soll, daß Berichte
über den tatsächlichen Hergang zur Tötung
von Wolfgang Grams zu verhindern, wird erst später
offensichtlich. Aber immer wieder wird jetzt betont, daß
es sich bei der Aktion um einen Fahndungserfolg gehandelt
habe und nicht um das Ergebnis von Erkenntnissen aus Stasi-Akten.
Wie zur Bestätigung dankte Innenminister Seiters
'den Sicherheitsbehörden für ihre "intensive
und gezielte Ermittlungsarbeit".
Während die BAW sich in Schweigen hüllt und
nur Fragmente vom Hergang des Einsatzes an die Öffentlichkeit
läßt, melden sich immer mehr AugenzeugInnen
und AnwohnerInnen, die verschiedenste Dinge beobachtet
haben. So sagen einige AnwohnerInnen, sie hätten
bei der Schießerei auf den Gleisen eine "Gruppe
schwarzvermummter Männer mit schußsicheren
Kevlar-Westen " gesehen, "die sogar aus dem
Aktenkoffer geschossen" (Hamburger Abendblatt 29.6.93)
hätten (Hier wurden nicht etwa Außerirdische
beobachtet, es wird tatsächlich aus Koffern geschossen.
Siehe Kasten). Von den offiziellen Stellen gab es dazu
keinen Kommentar, obwohl es doch auch hier sicherlich
Erklärungsbedarf gibt. Schließlich wurde noch
Stunden zuvor behauptet, die GSG-9 Beamten hätten
keine schußsicheren Westen getragen, um nicht aufzufallen.
Andere schildern den Einsatz so, daß mensch den
Eindruck erhält, auf dem Bahnhof in Bad Kleinen sei
ein Wildwestfilm abgedreht worden. Menschen hätten
sich in Sicherheit bringen müssen, weil die Beamten
wild um sich geschossen hätten. Wenn die Angabe der
Behörden stimmt, daß insgesamt 44 Schüsse
abgegeben worden sind, kommen diese Schilderungen der
Situation auf dem belebten Bahnhof wohl ziemlich nahe.
In der taz entblödete sich Michael Sontheimer dann
auch nicht, auf die allgemeine Pressestimmung draufzusatteln
und die Schießerei folgendermaßen zu kommentieren:
"Auf der anderen Seite galt es auch bei der RAF als
stillos sich einfach widerstandslos festnehmen zu lassen.
" Zu dem Zeitpunkt war über die Verteidigung
von Birgit Hogefeld bereits bekannt gemacht worden, daß
diese nicht geschossen hat. Ob Wolfgang Grams geschossen
hat, wird sich noch herausstellen - falls nicht auch hier
von seiten der Behörden entsprechende Manipulationen
vorgenommen werden. Auch kann Sontheimer die Gelegenheit
nicht verstreichen lassen und orakelt unisono mit der
"Süddeutschen Zeitung" und dem "Hamburger
Abendblatt" über vielleicht doch vorhandene
Zusammenarbeit von Stasi und aktiver RAF gegen die imperialistische
BRD.
Vielleicht war
es doch anders
"Behörden liefern neue Version zur Aktion gegen
RAF-Mitglieder" titelte am 30.6.93 die FR - es sollte
nicht die letzt sein. Die Version, die die BAW nun präsentierte,
kam dem tatsächlichen Geschehen nur in einem Punktnäher:
sie gab zu, daß Birgit Hogefeld nicht geschossen
hatte, sondern sofort überwältigt werden konnte.
Verlagert den Treffpunkt der Observierten von der geschlossenen
in die geöffnete Gaststätte und den Festnahmeort
vom Bahnhofsvorplatz in die Unterführung. Nun präsentiert
sie den toten Wolfgang Grams als denjenigen, der sofort
das Feuer eröffnet und den GSG-9 Mann erschossen
haben soll. Die Korrektur erklärten die Karlsruher
Ermittler damit, daß die Medien aus Aktualitätsgründen
am Sonntag sehr früh informiert worden seien - dümmeres
ist in Karlsruhe wohl nicht aufzutreiben gewesen. Nachdem
also nun Birgit Hogefeld ihre Waffe nicht gezogen hat,
hat Wolfgang Grams angeblich mit seiner "Pistole
Marke Para" das Feuer eröffnet und den GSG-9
Mann aus nächster Nähe erschossen. Während
die BAW diesen Hergang genau schildern kann, wird zu den
Schüssen auf Grams gesagt, daß deren Herkunft
noch nicht geklärt werden - konnte. Zwei Tage nach
dem Einsatz! Die Formulierung im "Hamburger Abendblatt"
vom 30.6: läßt Zweifel aufkommen, ob Grams
überhaupt geschossen hat und wenn ja, zu welchem
Zeitpunkt: "Die beiden am Sonntag in Bad Kleinen
bei Schwerin gestellten mutmaßlichen RAF-Terroristen
Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams haben nach neuen Angaben
der Bundesanwaltschaft nicht von sich aus das Feuer eröffnet.
" Wem nicht schon vorher Zweifel über diese
ganze Aktion gekommen waren, dem drängten sich jetzt
die Fragen auf: Welchen anderen Grund kann es geben, völlig
falsche Informationen an die Öffentlichkeit zu geben,
als den, das Tun eines oder mehrerer Beamten abzudeckeln?
Todesursache' Kopfschuß erinnert mensch sofort an
die anderen Kill-Fahndungen gegen mutmaßliche RAF-Mitglieder
(siehe Kasten). Auf der Sondersitzung des Bundestagsinnenausschußes
am 30.6. muß von Stahl so katastrophal aufgetreten
sein, daß die sonst verbreitete Haltung: deckst
du mich, dann deck ich dich, nicht mehr aufrecht erhalten
wurde. Der Vorsitzende Hans-Gottfried Bernrath forderte
von Stahl zum Rücktritt auf. Was auf der Sitzung
alles bekannt wurde, bleibt weiterhin Verschlußsache;
an die Presse wurden nur ausgesuchte Informationen gegeben,
die den eigentlichen Punkt, den Hergang, der zu dem Tod
von Wolfgang Grams führte, nicht weiter berührten:
die eingesetzten Beamten sollen keine schußsicheren
Westen getragen haben, die Beamten kannten nur Birgit
Hogefeld als festzunehmende Person, nicht aber Wolfgang
Grams. Über die Vorgeschichte, die zu dem Einsatz
in Bad Kleinen führte, gaben weder von Stahl, noch
der Vertreter des Verfassungsschutzes Werthebach oder
der Vertreter des BKA Köhler den Abgeordneten im
Innenausschuß Informationen. Nach Ansicht des innenpolitischen
Sprechers der SPD soll hier offensichtlich etwas vertuscht
oder verheimlicht werden.
Oder vielleicht
so?
Nachdem am 1.7.93 der Anwalt in einer Pressemitteilung
erklärte, daß Wolfgang Grams durch einen aufgesetzten
Schuß, mindestens aber durch einen Schuß aus
unmittelbarer Entfernung zu Tode gekommen ist, präsentierte
die Schweriner Staatsanwaltschaft die nächste Version
des Ablaufes des Gesehehens: Da nicht sein kann, was nicht
sein darf, erinnerte man sich offensichtlich an Stammheim
und äußerte die Vermutung, daß Wolfgang
Grams verletzt auf den Gleisen liegend nur Selbstmord
begangen haben könne; einen anderen Schluß
lasse die Art der Schußwunde nicht zu. Die Anwälte
können sich aber außer auf das Obduktionsergebnis
auch auf die Zeuginnenaussage stützen, die
seif Sonntag den 27.6. bei der Staatsanwaltshaft Schwerin
vorliegt. Danach wurde beobachtet, daß Beamte aus
unmittelbarer Nähe auf den am Boden liegenden Grams
schossen. (Siehe Kasten) Inzwischen gibt es eine Bestätigung
des Vorganges, so wie ihn die o.g. Zeugin schildert, durch
einen GSG-9 Beamten, der, sogar davon spricht, daß
ein GSG-9 Beamter auf Grams gekniet habe, als er geschossen
habe (Spiegel TV, 4.7.). Die Selbstmordversion wurde nicht
gefressen und verschwand wieder.
Notfalls schoß
er ohne Waffe
Aufrechterhalten wird die Behauptung, Grams habe den GSG-9-Mann
erschossen, obwohl nach wie vor technisch nicht festgestellt
worden ist, aus welcher Waffe die Kugel abgefeuert wurde.
Und sogar noch am 3.7. unklar war, ob Grams überhaupt
eine Waffe hatte. Auf die Vorhaltung, Herr Bernrath würde
anzweifeln, daß Grams eine Waffe hatte, antwortete
von Stahl erst gar nicht, und nachdem insistiert wurde,
zog er sich darauf zurück, daß für ihn
klar sei, daß Grams eine Waffe gehabt haben muß.
Aber was für eine eigentlich?
Die tödliche Kugel, die Wolfgang Grams traf, soll
noch nicht gefunden worden sein; trotzdem wissen die eingesetzten
GSG-9lern angeblich genau, daß es keiner von ihnen
gewesen ist.
Der Dritte Mann
Nach der dritten Person, vermutlich einem Mann, der in
den Medien irgend etwas zwischen V-Mann und ehemaligem
bzw. neu aktiviertem RAF-Mitglied sein soll, wird immer
noch nicht gefahndet. In der Presse liest sich das dann
so, daß dies den sicheren Schluß zulasse,
daß diese Person mit den Behörden zusammengearbeitet
haben muß. Nach Aussagen des Wirtes der Bahnhofsgaststätte
hat der Mann nach dem Einsatz mit Beamten am Tisch der
Gaststätte gesessen und geredet. Nach jemandem, mit
dem mensch eh Kontakt hat, braucht natürlich keine
Fahndung in Gang gesetzt zu werden.
Die Vorbereitungen für den Einsatz in Bad Kleinen
liefen seit den Morgenstunden. AnwohnerInnen berichteten
von Hubschrauberflügen seit dem frühen Vormittag.
Auch die Angaben der BAW "daß der Zugriff der
GSG-9 'im Auftrag' von Generalbundesanwalt von Stahl erfolgte",
lassen eindeutig darauf schließen, daß der
Einsatz, der dort stattfinden sollte, seit längerem
geplant und "generalstabsmäßig vorbereitet"
(Spiegel TV, 4.7.) war.
Da sich aber Menschen, die als RAF-Mitglieder gesucht
werden, nicht mal so eben mit irgendjemand zum Kaffee
treffen, muß es eine Person gewesen sein, zu der
zumindest eine der beiden, Hogefeld oder Grams, Vertrauen
gehabt hat. Der penetrante Hinweis darauf, daß nur
Frau Hogefeld aber nicht Herr Grams den eingesetzten Beamten
bekannt gewesen sei, klingt unglaubwürdig angesichts
der Tatsache, daß es eine von langer Hand vorbereitete
Aktion war. Kein zufälliges Aufeinandertreffen. Einen
Moment Zeit wäre es sicher wert, darüber nachzudenken,
ob es ein "aktiver V-Mann" innerhalb der RAF
- z.B. bei Aktionen wie Rohwedder oder Herrenhausen -
gewesen ist, der von Grams hätte enttarnt werden
können. Ein Toter aber kann nicht mehr reden.
Es bleiben viele
Fragen
Wie lange wurden Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams bereits
überwacht? Woher wußte das BKA von dem Treffen?
Wer ist die dritte Person, der Mann, der sich mit den
beiden in der Gaststätte traf? Wo befindet er sich
jetzt? Wieso wurde angeblich mit Hubschraubern nach ihm
gesucht, obwohl er nach Aussagen des Wirtes noch nach
dem ganzen Geschehen in der Bahnhofsgaststätte von
Bad Kleinen mit Beamten am Tisch saß und redete?
Kannten die ermittelnden Behörden den Aufenthaltsort
von Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams?
Wieso ist es bis heute nicht möglich, die Anzahl
der abgegebenen Schüsse festzustellen. Wurde nach
dem Einsatz nicht die verbrauchte Munition überprüft
oder haben auch die GSG-9 Beamten "Schwarze Magazine"
während ihrer Einsätze bei sich? Tragen die
eingesetzten Beamten auch eigene private Waffen und Munition?
Welche bewaffneten Kräfte waren außer der GSG-9
eingesetzt? Gibt es eine Verfügung aufgrund derer
die GSG-9 mit Dum-Dum-Geschossen in Einsätzen schießen
darf? Aus welchen Waffen stammen die Kugeln, die den GSG-9
Beamten trafen? Welcher Schuß war davon tödlich?
Wenn jetzt behauptet wird, daß der tödliche
Schuß auf den GSG-9 Mann nicht aus einer GSG-9 Waffe
stammt, aber auch bisher offenbar nicht festgestellt werden
konnte, daß er aus der Waffe stammt, die Grams zugeordnet
wird, stellt sich die Frage: Wurde aus Waffen geschossen,
die weder Grams noch der GSG-9 gehörten - und von
wem?
Warum ist der Einsatz der Beamten, der generalstabsmäßig
vorbereitet worden war, an einem Ort geplant worden, an
dem immer Publikum hin- und herläuft? Zu einem Zeitpunkt,
wo an diesem Bahnhof innerhalb kurzer Zeit drei Züge'
ankommen und wieder abfahren? Offensichtlich versteckt
sich von Stahl hinter dem Wohl und der Unversehrtheit
der Öffentlichkeit, wenn er behauptet, daß
der Zugriffsort in die Unterführung gelegt wurde.
Wenn das eine ernste Begründung für die Wahl
des Zugriffsortes ist, warum wurde dann nicht im Lokal
zugegriffen, wo tatsächlich niemand Unbeteiligtes
gefährdet worden wäre.
Hat von Stahl den tatsächlichen Tathergang verschwiegen
und aus Karlsruhe die falschen Versionen des Tatherganges
bewußt an die Medien weitergeben, um die eingesetzten
Beamten zu schützen?
Welcher Beamte kniete laut Augenzeugenbericht auf Wolfgang
Grams, während dessen Waffe mindestens zwei . Meter
entfernt und damit für ihn unerreichbar war? Welche
Beamten haben die Schüsse auf Wolfgang Grams abgegeben
und aus welcher Waffe stammt der aufgesetzte Schuß?
Wenn sich herausstellt, daß der Ablauf so war, wie
er sich nach allen inzwischen vorliegenden Informationen
darstellt ist Wolfgang Grams bei seiner Festnahme durch
einen Beamten der GSG-9 ermordet worden. Oder wie es in
der Presse in Frageform auftaucht: Ist Wolfgang Grams
hingerichtet worden? Eine Hinrichtung würde über
den "durchgeknallten" GSG-9 Mann hinausgehen,
es wäre Mord in staatlichem Auftrag. Daß der
Tathergang bis jetzt nicht aufklärbar ist, liegt
daran, daß sich die Mitwisser im Staatsdienst in
Schweigen hüllen oder nur vage Aussagen machen. Sicher
ist, daß sich unmittelbar um die Stelle, wo Wolfgang
Grams zu Tode gekommen ist, 14 Einschüsse befinden.
Daß heißt; innerhalb kürzester Zeit,
nachdem Grams schon zu Boden gerissen worden war, wurden
in seine Richtung und auf ihn 14 Schüsse abgegeben.
Wenn alle GSG-9ler sagen, keiner habe aus einer kleineren
Entfernung als 1,50 m geschossen, sich aber mindestens
ein Einschuß am Kopf als aus nächster Näher
erfolgt herausstellt, dann wird da von einer Seite gelogen.
ga., 4.7.1993
Quellen: "Bild", FAZ, FR, Hamburger
Abendblatt, Süddeutsche Zeitung, taz, "Welt"
vom 28.8. bis 3.7.1993, Spiegel 5.7.93, Presseerklärungen
des RA Andreas Groß.
GSG-9: Auf Todesschüsse
gedrillt (Seite 5)
Die GSG-9 müsse "Elitebewußtsein entwickeln"
und "mit dem Willen kämpfen, den Gegner zu vernichten",
"kampfunfähig schießen ist Quatsch".
So der damalige Innenminister Genscher 1972 bei der Gründung
der Truppe. (Spiegel 39/72)
Heute ist das Selbstverständnis des BGS das einer
Eliteeinheit, die Aufträge in eigener Verantwortung
"erledigt" und sich dabei der Deckung durch
die Regierung von vornherein sicher sein kann: "Wir
müssen nämlich nicht auf Einsatzbefehle von
oben warten ... Wir entscheiden völlig selbständig-
die Planung und auch die Ausführung:" (so "ein
hochrangiger Mitarbeiter" der GSG-9 in "Bild
am Sonntag", 21.8.88) GSG-9-Chef Uwe Dee zum "Stern":
"Elite ist ein Wort, das aus mir unverständlichen
Gründen heute nicht mehr gern benutzt wird. Wir sind
Elite." Unter dem Titel "So hätten wir
es gemacht" protzte der "hochrangige Mitarbeiter"
nach der Gladbecker Geiselnahme, die GSG-9 hätte
gleich am Anfang die Geiselnehmer "mit gezielten
Kopfschüssen aus Präzisionswaffen kampfunfähig"
gemacht. Und weiter: "Für den gezielten Todesschuß
haben wir auch mehr politische Rückendeckung als
die SEK-Gruppen. ... Wir trainieren nahezu täglich
den gezielten Todesschuß." (BamS, ebd.)
Zu Elitebewußtsein, Drill und der gezielten. Ausschaltung
jeder Tötungshemmung esellt sich ein makaberer Waffenkult.
"Jeder der 200 GSG-9-Leute hat seine speziell auf
ihn eingestellte Waffe." Hauptkommissar Weygold zum
Beispiel, der im Dienst einen silbrig glänzenden
Privatcolt trug und "nach der Geiselbefreiung in
den Griff seines Dienstrevolvers wie früher Wildwesthelden
eine Kerbe und das Datum des Coups geschlagen hatte".
(Stern, 3.3.83)
Zur Ausrüstung der so strukturierten staatlichen
Waffenträger gehören (lt. Spiegel, 7.5.90) auch
Maschinenpistolen des Typs HK-5, die getarnt in Aktenkoffer
oder Taschen eingebaut sind. Durch einen Auslöser
am Griff können in drei Sekunden 30 Schuß verballert
werden. Es werden, so der Stuttgarter Schießausbilder
Hübner, "wie mit einem Gartenschlauch Kugeln
in die Gegend gespritzt". (Spiegel, ebd.) Rundfunkmeldungen
zufolge wurden in Bad Kleinen eben solche Koffer-MPs eingesetzt.
U.a. seien ein Dutzend Schüsse in die Lokomotive
eines bereitstehenden Zuges eingeschlagen. Die Chance,
dabei einen der eigenen Leute zu erwischen, ist groß.
Dum-Dum-Geschosse Im Einsatz?
Der erschossene BGSler sei durch ein von Wolfgang Grams
abgefeuertes - Dum-Dum-Geschoß" aus einer 9mm"Para"
tödlich getroffen worden, so "Bild" am
30.6. Diese Meldung macht stutzig - war u.W. doch der
RAF weder bei ihren gezielt tödlichen Anschlägen
auf Buback etc. noch später jemals vorgeworfen worden,
Dum-Dum-Geschosse einzusetzen.
Solche Geschosse wurden von den Briten im indischen Kolonialkrieg
entwickelt und bereits in der Petersburger Konvention
von 1868 sowie im gesamten Kriegsrecht seitdem geächtet.
Es handelt sich um Kugeln mit freiliegendem Bleikern,
der beim Einschlag breitgequetscht wird und im Körper
riesige Wunden reißt.
Interessanterweise wird nun seit Jahren von Sonderpolizeiführern
und Waffenexperten immer wieder gefordert, die Polizei
mit "action"-Munition mit "sofortiger Mann-Stop-Wirkung"
auszustatten. Nach der Gladbecker Geiselnahme verlangte
die Polizeigewerkschaft, es müsse die jeweils "wirksamste
Munition, also auch Deformationsgeschosse, für alle
polizeilichen Einsatzsituationen grundsätzlich in
das Waffenarsenal der Polizei - und insbesondere der Sondereinheiten
- gehören". (Welt, 2.2.89) NRW-Innenminister
Schnoor hatte die Forderungen der nordrheinwestfälischen
SEKs nach solcher "action"-Munition mit der
Bemerkung zurückgewiesen, er wolle keine DumDum-Geschosse
(ebd.), was zu einem empörten Aufjaulen der Protagonisten
führte.
Die Gelegenheit "Gladbeck" hatte auch der Waffenexperte
H. J. Stammet genutzt, um für die allgemeine Einführung
von Deformations- und (ebenso wirkenden) Hohlspitzgeschossen
zu werben. Nur in Bayern könnten die SEKs die "9-mm-Para-,Action'-Hohlspitz-Munition"
verwenden. Und: Auch GSG-9-Einheiten dürften solche
Munition benutzen. (Bild am Sonntag, 28.8.88)
Die Quelle der Behauptung vom Tod durch ein Dum-Dum-Geschoß
ist nicht nachvollziehbar, der "Bild"-Reporter
berichtet allerdings im selben Artikel von einem Gespräch
mit der Mutter des getöteten BGSlers. Von offizieller
Seite fehlt bislang ein Obduktionsbericht, der die Meldung
widerlegen oder verifizieren könnte. Trotz der offenkundigen
Brisanz des Themas ist es merkwürdig still darum.
Auch das spricht dafür, daß der Mann durch
"friendly fire" starb, und daß vertuscht
werden soll, daß die GSG-9 mit international geächteten
Waffen auf Menschenjagd geht.
Ein Genosse der anti-rep-Kommission
"Todesstrafe
auf der Straße" (Seite 5)
Wolfgang Grams ist nicht
der erste politische Gegner dieses Staates, der unter
Polizeikugeln starb. Die Todesschußpraxis westdeutscher
Sonderpolizeieinheiten geht bis Anfang der 70er Jahre
zurück.
Hamburg, 15.7.1971: Nach einer Verfolgungsjagd im Zuge
der RAF-Großfahndungsaktion "Kora" hat
sich Petra Schelm in einen Torbogen geflüchtet. Als
sie heraustritt, wird sie durch einen Schuß aus
einer Maschinenpistole unterhalb des linken Auges tödlich
getroffen.
Westberlin, 4.12.1971: Ein Zivilpolizist schießt
Georg von Rauch gezielt in den Kopf, als der mit erhobenen
Händen an einer Hauswand steht und bereits ohne Erfolg
nach Waffen durchsucht worden ist. Es entwickelt sich
eine Schießerei, an der verschiedene Einheiten von
Polizei und Verfassungsschutz beteiligt sind.
Augsburg, 2.3.1972: Seit längerer Zeit wird Thomas
Weißbecker u.a. von der "Sicherungsgruppe Bonn"
und dem bayrischen Verfassungsschutz observiert. Bei seiner
Festnahme wird er aus wenigen Metern Entfernung ins Herz
geschossen. Eine Reihe von bewaffneten Zivilbeamten fahren
in einem Auto weg.
Stockholm, 4.5.1975: Beim Sturm auf die besetzte deutsche
Botschaft wird Siegfried Hausner schwer verletzt. Gegen
den dringenden Rat schwedischer Ärzte wird er nach
Stammheim transportiert, wo er kurz darauf stirbt.
Köln, 9.5.1975: Bei einer Fahrzeugkontrolle wird
Werner Sauber erschossen und seine Begleiter (Karl-Heinz
Roth und Roland Otto) schwer verletzt.
Singen, 3.5.1977: Vier Polizisten verfolgen Günter
Sonnenberg und schießen ihn von hinten gezielt in
den Kopf. Er überlebt mit schwersten Verletzungen
und leidet bis heute unter epileptischen Anfällen
sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.
Düsseldorf, 6.9.1978: In einem China-Restaurant wird
Willy Peter Stoll von zwei Zivilpolizisten erschossen.
Nach unterschiedlichen Schilderungen des Ablaufs bleibt
offen, ob er seine Pistole gezogen hat oder dies lediglich
versuchte.
Dortmund, 24.9.1978: Michael Knoll wird von Polizeibeamten
bei einem Schußwechsel tödlich verwundet.
Nürnberg, 4.5.1979: Beim Betreten ihrer seit einer
Woche von Sondereinheiten observierten Wohnung wird Elisabeth
van Dyck von drei Polizisten erwartet. Der tödliche
Schuß trifft sie in den Rücken.
Frankfurt am Main, 9.6:1979: Ebenfalls beim Betreten der
Wohnung wird Rolf Heißler von einem Sonderkommando
gezielt in den Kopf geschossen. Da er sich in einer Reflexbewegung
dreht, trifft ihn der Schuß nicht zwischen die Augen;
er überlebt.
Eine ausführliche Dokumentation
der polizeilichen Todesschußpraxis zwischen 1971
und 1978 findet sich in "Jeder kann der Nächste
sein" (Antifaschistische Russel-Reihe 4), hrsg. von
der Antifa-Kommission des KB Ende 1978
Dokumentation
Eidesstattliche Erklärung,
zur Vorlage bei Gericht (Seite
5)
Ich, (...), wohnhaft in Bad Kleinen, (...), schildere
hiermit den Ablauf der Geschehnisse um die Festnahme bzw.
Erschießung von Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams.
Zuerst dachte ich an einen Streich von Jugendlichen. Ich
hörte Schüsse aus dem Fußgängertunnel
und glaubte an Sylvesterknaller. Dann wurde laut geschrieen,
ich hörte das Gebrüll eines Mannes: "Halt,
stehenbleiben." Im gleichen Moment wurde wieder geschossen.
Ich sah dann einen Mann auf das Gleis beim Bahnsteig 4
stürzen. Der Mann lag reglos auf dem Gleis. Später
erfuhr ich dann, daß es der Wolfgang Grams war.
Ich dachte schon, der Grams sei tot. Dann traten zwei
Beamte an den reglos daliegenden Grams heran. Der eine
Beamte bückte sich und schoß aus nächster
Nähe mehrmals auf den Grams. Dabei sah der schon
wie tot aus. Der Beamte zielte auf den Kopf und schoß,
aus nächster Nähe, wenige Zentimeter vom Kopf
des Grams entfernt.
Dann schoß auch der zweite Beamte auf Grams, aber
mehr auf den Bauch oder die Beine. Auch der Beamte schoß
mehrmals.
Dann kamen auch schon vermummte Männer und stellten
sich mit Maschinengewehren an die Lok des auf dem Nebengleis
stehenden Zugs. Da habe ich mich dann abgewandt und mich
versteckt. Ich wollte auch nichts mehr sehen, denn ich
hatte Angst, daß man mich entdecken würde.
Das alles habe ich auch der Polizei hier in. Bad Kleinen
gesagt, am selben Abend auf dem Polizeirevier.
Davor war ich, es war gegen 18 oder 19 Uhr, noch mit anderen
Menschen in dem Billard Café auf dem Bahnhof. Dort
haben mir Beamte, die sich weder vorstellten noch sich
auswiesen, die mir auch nicht sagten, was das alles sollte,
mir SchwarzWeiß-Fotos vorgelegt. Es waren mehrere
Fotos, wieviele, weiß ich nicht mehr genau. Aber
ich weiß, daß auf einigen Fotos ein Mann und
eine Frau abgebildet waren, die über einen Zebra-.
streifen gingen. Ich erkannte, daß die Fotos direkt
auf der Straße vor dem Bahnhof aufgenommen waren.
Der Beamte fragte, ob ich eine der beiden Personen kennen
würde. Ich sagte aus, daß ich die Frau erkennen
würde, doch da meinte der Beamte, daß das genügen
würde. Das hat mich geärgert, denn schließlich
wollte der Beamte ja etwas von mir wissen. Mir fiel dann
ein, daß ich die Frau mit den blonden Haaren schon
mal am Sonntag, vor dem ganzen Geschehen, gesehen hatte.
Da trug sie eine Brille und wirkte irgendwie merkwürdig.
Jetzt weiß ich, daß die Beamten also schon
einige Zeit vor der Schießerei am Bahnhof waren.
Sicher auch schon einen Tag vorher, denn wie hätten
sie denn sonst die entwickelten Fotos dabei haben können.
Ich frage mich, warum sie diese Frau und den Mann nicht
da schon festgenommen haben, wo sie sie doch fotographieren
konnten.
Wenn ich mir vorstelle, daß die Schießerei
nur eine halbe Stunde später stattgefunden hätte,
das wäre nicht auszudenken gewesen. Denn kurz vor
16 Uhr sind auch Sonntags in den Fußgängertunnels
immer sehr viele Menschen. Reisende, die die wichtigen
Züge zur vollen Stunde erreichen wollen. Das hätte
viele Tote geben können.
Bad Kleinen, 30.6.1993
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