Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken

"Ein Raum für Widersprüche als strategischer Ort für die Phase der Transformation" -
Ein Beitrag zur Fragen revolutionärer Politik (Januar 1994)



Wenn wir hier die jüngste Entwicklung bei RAF und Gefangenen diskutieren, dann vor allem, weil in ihr, wie in einem Brennglas Kernfragen auch unserer Geschichte berührt werden. Sowohl von den jeweiligen Biographien her, wie auch politisch sind wir kein davon abgesonderter Bereich linker Politik. Unsere individuelle wie politische Entwicklung ist, z.T. über zwei Jahrzehnte, aufs Engste mit dieser Strömung revolutionären Kampfes verbunden. Da brauchen gar keine Spekulationen bezüglich organisatorischer Verflechtung angestellt werden - dadrin ist das nicht zu fassen (und das könnte eine Kritik sein) -; wir waren immer Teil dieser Politik, selbst da, wo wir konträr gedacht und gehandelt haben. Und Geschichte heißt in unserem Verständnis auch zukünftige Entwicklungen.

Den Zusammenhang mit Bad Kleinen und dem VS-Agenten hat es nicht nur in formaler, zeitlicher Hinsicht: Ohne die Entwicklung nach Bad Kleinen, wäre auch der Streit unter den Gefangenen und zwischen der RAF und den Gefangenen nicht so aufgebrochen - und wir können nicht sagen, ob das besser gewesen wäre - alles noch viel länger unter der Decke gehalten worden. Die Entscheidung einiger Gefangener, endlich "reinen Tisch zu machen" hat, so verstehen wir es; einen Zusammenhang mit der Erkenntnis, daß die langjährige Zusammenarbeit von Klaus Steinmetz und RAF unmittelbar Resultat auch der politischen Neuorientierungsversuche ist. Dieses Erkennen ist wie die Tatsache selber, in dem defensiven Rahmen einer letztlich, und entgegen anderer Erklärungen, ausschließlich sich ins Verhältnis zum Staat bestimmenden Gefangenenpolitik, gar keine Chance gehabt zu haben, etwas explizit grundsätzliches. Und dadrin unvergleichbar mit allen anderen Verrätereien und Infiltrationen in der Geschichte der RAF und der revolutionären Linken.

Wir sind allerdings der Meinung, daß es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Vordringen des Agenten und der "neuen Politik" gibt. Allerdings weniger in der Hinsicht, wie es die Genossin Birgit Hogefeld in ihrem Brief (taz 22.7.93) sagt: Wenn sich öffnet wird, können halt auch Spitzel kommen. Nein, das ist es ja nicht, weil Spitzel sind auch früher gekommen.
Der Bezug besteht für uns vielmehr dadrin, daß seitens des bewaffneten Kommandos der RAF ein Prozeß historischer Dimension in Gang gesetzt wurde, ohne die dafür notwendigen Mechanismen politischer Intervention und Diskussion zu entwickeln. Was blieb, war die Möglichkeit der Zustimmung oder Ablehnung. Die den Entscheidungen innewohnende Widersprüchlichkeit aber, war innerhalb dieses Prozesses nicht diskutierbar. Das wäre gerade aufgrund der selbst formulierten Zielsetzung: Wiedereroberung einer politischen Offensivposition der revolutionären Linken, spätestens nach dem April 1992 existentiell notwendig gewesen. Und das völlig unabhängig des mörderischen Desasters von Bad Kleinen.

Wie soll ein neuer Weg eingeschlagen werden, wenn kein Organismus der Diskussion geschaffen bzw. noch nicht einmal die Notwendigkeit davon einfordert wird? Dann blüht nur die Kultur der Loyalität und Zustimmung - oder aber lauthalse Kraftmeierei zwecks politischer Abgrenzung. Letztlich die Wiederkehr aller Fehler und Mängel des Frontprozesses der Achtziger, den man meinte selbst schon längst hinter sich gelassen zu haben. Beides aber beinhaltet keine Reibung, keine wirkliche Diskussion, solange dies nicht in einem Prozeß der Auseinandersetzung stattfindet, der sich selbst zum Ziel setzt eine organisatorische Struktur zur Bewältigung der anstehenden Fragen zu entwickeln. Noch nie in der Geschichte des bewaffneten Kampfes in Deutschland wurde von so vielen so viel geschrieben: viel wurde gesagt, aber weder mit einer wirklich substantiellen Bedeutung für die KritikerInnen noch für die Kritisierten. Eine Unzahl von Papieren bedeuten nicht gleichzeitig massenhafte Entscheidungen für verantwortliches Handeln. Vor allem dann nicht, wenn die Kriterien dafür völlig beliebig und den einzelnen überlassen bleiben, sondern alle Beteiligten jeweils nur auf die normative Kraft des selbst Gesagten setzen - das Merkmal der Debatte, in deren Struktur die Beziehung zwischen Diskussion und eigener Entscheidung längst aufgehoben ist. Aber wie soll er auch erkennbar bzw. herzustellen sein, wenn für die Diskussion selbst weder Kriterien noch eine darin überprüfbare Struktur geschaffen wurde?
Wie vielleicht schon seit Jahren nicht mehr ist die RAF heftig kritisiert worden. Aber gleichzeitig hatte die Kritik selten so wenig eigene politische Substanz, wie in der letzten Zeit. Das ist nicht nur das Problem der KritikerInnen selbst, weil sie von ihrer Politik kaum sprachen, sondern auch des fehlenden Rahmens, in der diese Debatte stattfand. Dementsprechend fand in ihr auch keine Entwicklung statt. Außer, daß beim Lesen verschiedenster Papiere und Scene-Zeitschriften klar wurde, wer dagegen, und weniger, wer dafür ist.

Wo aber die Auseinandersetzung längst zugunsten der Verteidigung getroffener Entscheidungen aufgegeben wurde, gewinnt nur die Struktur des vorauseilenden Gehorsames oder der straighten Kritik an Boden. Es macht sich der Typus des 150%igen breit. Die politische Selbständigkeit erübrigt sich durch die Zugehörigkeit zur jeweiligen Familie. Es wird nicht zur Diskussion gestellt, was selbst gedacht, wie die Situation begriffen wird, was es braucht und wohin es einen drängt. Ob zustimmend, oder ablehnend, daß ist für den Verlauf dieser Diskussion letztlich egal. In ihr findet keine Bewegung statt; sie behauptet sich über das müde Abklappern von Begriffen und die Frage, ob diese nun richtig und falsch gewählt sind. Die Genossinnen und Genossen, die sich im Einverständnis mit der RAF begreifen, haben dadrin eine spezielle Verantwortung. Sie selbst haben von sich aus selten oder nie ihre Überlegungen zur Diskussion gestellt. In ihrem Bewußtsein sprach dafür die RAF. In diesem Denken aber, war die Diskussion aufgehoben, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Wir behaupten, daß dies eine der wesentlichen Ursachen ist, warum der VS-Agent nicht nur bei der RAF landen konnte. Wie oft er nun direkt mit der RAF sprach, ist politisch ziemlich unerheblich. Nicht die Entscheidung zur Öffnung ist Problem, - vielleicht: zu wem er sich öffnete und zu wem nicht -, sondern die Tatsache, daß sich dieser Prozeß nie selbst zur Diskussion gestellt hat. Das allerdings ist kein alleiniges Problem der Genossinnen und Genossen in der Illegalität.

Ein Raum für Widersprüche als ein strategischer Ort für die Phase der selbst als notwendig gesehenen Transformation in eine möglicherweise völlig neue organisatorische Struktur revolutionärer Politik, - und dadrin der Funktion von Guerilla, RAF - wurde nicht geschaffen. In diesem Vakuum der Politik gab und gibt es viele Genossinnen und Genossen vom Typus eines Klaus Steinmetz. Ohne daß diese nun Bullen sind. Der ganze Prozeß hat einen Grad der inneren Korruption und Zersetzung erreicht, daß erst ein Verrat dieser tödlichen Qualität stattfinden mußte, bevor wahrscheinlich überhaupt die Auseinandersetzung über die Notwendigkeit eines neuen Selbstverständnisses politischer Diskussions- und Entscheidungsstrukturen innerhalb der revolutionären Linken wieder entfaltet werden kann. Real ist sie seit Jahren blockiert. Davon ist der VS-Spitzel Protagonist und Resultat zugleich, nicht aber die politische Öffnung des Prozesses RAF.


Gefangene/RAF - Die Frage der Linie

Im Einzelnen gibt es unendlich viel zu sagen. Aber letztlich ist es eine Insiderdiskussion. Denn, die in den Andeutungen, Anspielungen usw. erkennbare politische Auseinandersetzung kann nicht stattfinden. Es versteht nämlich kaum jemand. Nicht wegen der Sprache, wie es früher immer wieder zu hören war. Was politischer Verrat ist, was eine Schweinerei ist - das schon, deswegen sind viele empört über "den Deal", "die Abwicklung der RAF". Das ist einfach, das ist verständlich eindeutig. Und auf der Ebene antwortet die RAF - nicht, in dem es wirklich abgestritten wird, sondern: Was wollt ihr eigentlich, es ist ja nur das, was ihr schon vor Jahren wolltet.

So wird es zur Frage, wer wem mehr glaubt bzw., wenn es alle wollten, kann es natürlich kein Verrat sein. Das ist die Haltung der RAF. Die der Gefangenen ist (mit Ausnahme der Gefangenen in Celle), die Ingangsetzung eines Deals hinter ihrem Rücken zum Ausgangspunkt oder Anlaß des Bruchs zu machen. In diesem Dilemma bewegt sich die Auseinandersetzung; für sie kann es keine Entwicklung geben, weil sie von der Politik, also den Absichten, Zielen und Handlungen nicht spricht. Wenn das der Ausgangspunkt wäre, könnte es auch eine Diskussion der realen Politik der ganzen letzten Jahre werden, der Schritte und Handlungen, die unternommen wurden. Viel weniger das, was gewollt wurde - denn ein kollektiver Wille, der sich formuliert hätte, gab es nicht - als das, was tatsächlich gemacht wurde. Das müßte zu Bewertungen und Einschätzungen führen, die nüchtern und ehrlich sind. Und es würde offenbar werden, daß ohne jegliche kollektive politische Bestimmung operiert wurde. Dadrin hatte die RAF und das Kollektiv der Gefangenen schon längst aufgehört zu existieren. Deswegen ging es schon seit Jahren um Abwicklung und an ihr waren alle beteiligt. Und: "Abwicklung" bedeutet in unserem Verständnis nicht zwangsläufig das Ende jeder Politik, also das Aufhören.

Wir sagen das nicht zur RAF und den Gefangenen hin - und wir sehen das auch nicht als ihr alleiniges Problem an. Was dort gegenwärtig passiert ist im sogenannten Widerstand, in der allgemeinen revolutionären bzw. sich revolutionär nennenden Linken längst gelaufen. Dem schleichenden Prozeß der Auflösung revolutionärer Politik ist die Individualisierung vorweggegangen: um eine gemeinsame Entwicklung ist fast nirgendswo gekämpft worden. Dadrin besteht die Verantwortungslosigkeit dieser Linken.

Was stattfindet ist eine innerorganisatorische Abrechnung. Es wird sich gegenseitig die Verantwortung und Schuld zugeschoben für eine Entwicklung, deren Drama dadrin besteht, daß die Akteure sich ihrer eigenen Rolle nicht bewußt zu sein scheinen. Selbst wer glaubt, in einen Film, in eine imaginäre Wirklichkeit, eingetreten zu sein, steht trotzdem auf der Liste der neuen deutschen FilmemacherInnen.

Nur scheinbar geht es um einen Linienstreit. Und zu Recht gibt die RAF zurück: ihr wolltet doch das Gleiche. Unterschiedliche politische Linien sind konkret formuliert wenig zu erkennen - sie existieren höchstens als Schlagworte und können vermutet werden: "Waffe der sozialen Bewegung", "Gesellschaft oder Ghetto" zum Beispiel - erkennbar werden vor allem unterschiedliche Herangehensweisen - aber selbst das stellen wir in Frage.
Es behauptet sich eine moralische Integrität - mehr nicht, mehr sagen die Gefangenen nicht - und moralische Integritäten lassen sich ankratzen, wie Menschen ans Bein gepißt werden kann. Da bleibt nicht viel mehr als die Behauptung, die besseren Menschen zu sein, das Schema gut und böse. Was ist denn der Knackpunkt? Ja, die einen haben etwas gemacht, bewußt berechnend, hinter dem Rücken von anderen, wohl wissend, daß die das nicht o.k. finden. Das ist verwerflich - und in jedem Fall qualitativ der Bruch in einem Kollektiv. Das zerschneidet das Bettuch. Da gibt es nichts außer Selbstkritik - aber dann auch genau daran und an nichts anderem.


Der Mechanismus der Selbstzerstörung

Das Ganze wirkt inszeniert. So, als wenn die einen nur auf eine gute Gelegenheit gewartet haben. Wir wissen, diese Unterstellung ist hart, aber wir können es kaum anders sagen. Hier können sich klare Fronten bilden, wo sonst gemeinsam nichts klar ist, nicht mal, bzw. schon gar nicht darüber, daß es die Politik, um die es letztendlich geht, als politisch-organisatorischer Prozeß schon längst nicht mehr gibt. Ein Anzahl von Gefangenen ergibt noch kein Kollektiv, genauso wenig, wie die Existenz eines bewaffneten Kommandos mit Guerillapolitik gleichzusetzen ist. Die Tatsache als solches ist nicht unsere Kritik. Wie auch? Wir selbst sind auch nur eine kleine Gruppe und reden nicht aus dem Verhältnis "wenn es nach uns gegangen wäre, wäre alles längst anders". Denn dafür haben auch wir viel zu wenig getan. Allerdings kritisieren wir, daß von dieser Situation nicht ausgegangen wird. Bewußtseinsmäßig handeln die Genossinnen und Genossen innerhalb wie außerhalb der Knäste noch immer so, als hätte das ganze nur den Charakter einer organisationsinternen Spaltung. Einer Spaltung, die gefühlsmäßg schon längst fällig war, und nun erklärt wird. Die harten Worte stören uns nicht. In den letzten Jahren ist viel zuwenig kritisiert, gestritten und geschimpft worden. Und wir glauben auch nicht, daß derartig tiefgehende und existentielle Auseinandersetzungen verständnisvoll und abwägend stattfinden können. Revolutionäre Politik ist kein Kaffeekränzchen. Dafür geht es um zuviel.

Sicherlich nicht um "Meinungsverschiedenheiten", wie nicht wenige gerade außerhalb der Knäste meinen. Kein Grund, empört und in den eigenen Empfindungen verletzt, pharisäerhaft einen guten Ton und allgemeines Verständnis einzuklagen, wie es mehr oder weniger in den Stellungnahmen der letzten Monate aus den verschiedensten ZL-Initiativen zu lesen ist. Für derartige Appelle ist kein Platz, solange diejenigen, die nun meinen, schlichtend eingreifen zu müssen von ihrer Politik, ihrer Verantwortung nicht sprechen. Wer das zur Sache der Gefangenen und der RAF macht, der hat mehr zur allseits beklagten Abwicklung der Politik beigetragen, als diejenigen, die jetzt entweder lauthals verurteilt oder mit einem Stoßseufzer der Erleichterung umarmt werden. Beides kennzeichnet nur den Mechanismus des politischen Opportunismus. Der allerdings hat, wie vielleicht keine andere Verhaltensweise in den letzten Jahren, die real stattgefundene Katastrophe vorbereitet, genährt und auf den Weg gebracht.

Der politische Verrat

Die sich im Knast konstituierte Gruppe der Gefangenen gegen die Individualgespräche der celler Gefangenen im Namen der RAF und der Genossin Birgit Hogefeld, hat nicht mehr als den Charakter einer "Ablehnungsfront". Ihre Verantwortung ist es, die jahrelang bis auf wenige Sätze nur intern geäußerte Kritik an der aktuellen Politik des bewaffneten Kommandos allein im Zusammenhang einer Geheimdienst- und Verratsgeschichte öffentlich thematisieren zu können. Und diese Kritik von uns ist weniger ein Vorwurf, als eine Feststellung. Denn, ohne sie wird nichts verständlich, da die formulierte Kritik jeweils dort bricht, wo die eigene Verantwortlichkeit für diesen Prozeß beginnt. Die Kritik von Karl-Heinz Dellwo an der organisationsinternen Diskussionstruktur wird daher nicht deshalb falsch, nur weil er selbst den nun bekannten Weg eingeschlagen hat und die Mehrzahl der Gefangenen aus seinem Vorhaben ausschloß. Einen internen Diskussionsprozeß hat es schon längst nicht mehr gegeben. Die jetzt öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung dafür ist der Beweis. Die Verantwortung dafür tragen letztendlich alle: Die Gefangenen selbst, die Widerstandslinke, aber auch die RAF.

Die erklärt nachträglich Celle zu einer Art "politisch-diplomatischer Kommission" der RAF und Karl-Heinz Dellwo zum "Pressesprecher". Da muß Du aber erst mal draufkommen, daß ihre Stellungnahmen aus dem Knast "korrigiert" werden, z.B. in der Frage der "Kopplung" der Gefangenenfrage mit der Zukunft der RAF. Das insbesondere auch, nach dem gerade Karl-Heinz 1989 erklärte, "Gefangene sind Gefangene und nicht die RAF" (Stern) und damit mit dem politischen Selbstverständnis des Kollektivs der Gefangenen aus der RAF brach: Nicht das, was die Bullen immer draus gemacht haben - Befehlszentrale" usw., aber bis dahin waren die Gefangenen - politisch - immer: "Wir, RAF...".

Die nach der erklärten Spaltung veröffentlichen Briefe von Gefangenen wie auch die Antwort der RAF am 2.11.93 und die zumeist nur verständnislosen Anfragepapiere seitens der Widerstandslinken belegen unwiderruflich die Tatsache, daß jegliches organisatorischen Denken zerstört war. Und das schon lange vor den unmittelbaren Ereignissen des letzten Jahres.

Das allerdings steht nirgendwo im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Wie aber soll ein Prozeß seine eigene Strategie und Taktik diskutieren, wenn er schon längst jegliche Mechanismen zur Organisierung dieser Diskussion verloren, bzw. die Notwendigkeit davon niemals öffentlich gefordert hat? Der wirkliche politische Verrat geht daher viel tiefer. Er ist in diesem Zusammenhang, und wir müssen das so sagen, daher weniger die versuchte Einfädelung etwaiger Abkommen seitens der celler Gefangenen, sondern die Ingangsetzung eines zutiefst widersprüchlichen Prozesses seit spätestens dem Ende des Hungerstreiks 1989, ohne sich über die in dieser Entwicklung liegenden Gefahren im Klaren und die dafür notwendigen Kontroll- und Diskussionsmechanismen geschaffen zu haben. Wir sagen deshalb Verrat, weil ein Prozeß, in dem sich eine Kampferfahrung von mehr als 20 Jahren akkumuliert hat, scheinbar ohne jede Vorstellung in eine Entwicklung hineinschliddert, in der erst mal per se aufgrund der vorhandenen äußerst schwachen Kräfte sehr viel zu verlieren und nur mit großer Disziplin und politischem Geschick etwas zu gewinnen war. Dies berührt weniger die Frage der Notwendigkeit und Richtigkeit getroffener Entscheidungen, es stellt allerdings viel mehr die inneren Voraussetzungen dafür in Frage.

Unsere Kritik ist daher nicht, daß die Gefangenen bzw. der ganze sich in diesem Zusammenhang verstehende Prozeß der revolutionären Linken die dafür notwendigen inneren Diskussionsmechanismen nicht entwickelte, daß läßt sich nur als Feststellung für die heutige Situation sagen, sondern vielmehr, daß von der existentiellen Notwendigkeit, der dafür zu organisierenden politischen Struktur niemand sprach. Wenn aber ein solcher Prozeß letztlich nur von der Fähigkeit der Verständigung zwischen einzelnen Genossinnen und Genossen, kleinster Grüppchen und informeller Zirkel, ob nun innerhalb oder außerhalb der Knäste, abhängt, so ist das Fiasko darin vorprogrammiert, weil es schon längst eines ist. Es bleibt nur noch der Integrität und des Begriffs von individueller Verantwortung überlassen, wann die Ersten die unausgesprochenen Vorgaben verlassen und eigene Wege gehen. In diesem Mechanismus wird jeder organisatorische Prozeß zwangsläufig aufgegeben, wenn vermeintliche oder tatsächliche Vorhaben und Ziele nur noch eine Frage der Interpretation sind und bestenfalls im jeweiligen Verhalten zum Staat überprüfbar werden.

Diese Situation zugelassen zu haben, ist für uns der Verrat der revolutionären Linken in ihrer Gesamtheit. Und der Vorwurf trifft die Gefangenen noch am Wenigsten, auch wenn sie Protagonisten dieser Politik waren. Denn: Wie sollen all diejenigen genannten werden, die sich in den letzten vier Jahren hier draußen nicht an einem Punkt mit eigenständigen Vorschlägen zu Wort meldeten, nun aber meinen die RAF, die celler Gefangenen zum Teufel jagen zu müssen? Sicher, Schweigen ist auch eine Form der Politik, mit revolutionärer Initiative, Aufbau und Suche nach neuen Wegen hat sie aber nichts zu tun. Eher damit, zu versuchen immer richtig zu liegen, mit dem Strom zu schwimmen. Dann allerdings dürfen sie sich nicht beschweren, im Sog der Strudel gemeinsam unterzugehen oder dafür etwa noch andere verantwortlich zu machen.

Daß für getroffene Entscheidungen diejenigen geradestehen müssen, die sie gemacht haben, wie etwa die celler Gruppe, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Allerdings wird auf dieser Ebene die politische Frage als personelles Problem abgehandelt. Auch wenn Genossen und Genossinnen aus dem Prozeß rausgeschmissen werden, so löst das nicht das Problem, vor welche Tür sie denn nun überhaupt gesetzt wurden, bzw. sich selbst gesetzt haben. Ohne die Klärung dieser Frage kann und wird es keinen Schritt nach vorne geben. Es muß die Ausgangssituation benannt werden. Und das meint etwas anderes, als dieses erleichternde "Endlich!" nach Brigitte Monhaupt's Erklärung vom 28.10.93, wie wir es hier von mehreren Genossinnen und Genossen hören mußten, und die allen Ernstes nun glauben, mit gesäuberten Reihen in die Zukunft blicken zu können.


Zäsur: "Es verschiebt sich zum Politischen..."

Für uns ist es notwendig, in der Bestimmung der Ursachen dieser Entwicklung weiter zurückzugehen. Entscheidend ist nicht das Jahr 1992, Kinkelinitiative usw. und wie sich die verschiedenen Tendenzen bei RAF, Gefangenen und der Widerstandslinken darin und dazu verhalten haben. Das ist lediglich ein Resultat einer Entwicklung, die viel früher schon entschieden wurde. Weil aber diese Entscheidung selbst nicht diskutierbar war, ist sie nie bewußter kollektiver Ausgangspunkt gewesen. Es gab nur noch Reaktion, Verhalten zu etwas. Das Heft hatte niemand in der Hand. Das macht die Defensive aus. Eine unbegriffene Defensive führt aber zwangsläufig zu inneren Zerstörungen, die unheilbar werden, je länger dieser Prozeß andauert: Er geht an die Substanz, und muß in allem - weil es der letzte Faustpfand ist - die moralische Integrität angreifen und zersetzen. Da sind wir heute.

Die Entscheidungen, deren Folgen wir heute sehen, wurden in den Jahren 1988/89 getroffen. Es waren Entscheidungen, in denen die RAF als revolutionäre Guerilla längst aufgegeben war. Deswegen können wir mit Positionen wie der "Antiimperialistischen Widerstandszelle Nadia Shehadah" (Erklärung vom 13.12.93). auch nicht übereinstimmen: sie machen eine revolutionäre Politik ausschließlich am Konfrontationsniveau, letztlich also am militärischen Grad fest - "bis 1991", also Rohwedder -, während in dieser Zeit Guerillapolitik, also die Einheit des politischen und militärischen, schon nicht mehr existierte. Auf eine bestimmte Art und Weise verlängert diese Widerstandszelle damit die Entradikalisierung der Politik. Wobei wir nichts an ihrer Entscheidung, auch und gerade in dieser Situation anzugreifen, schmälern wollen. Auch sie tragen zur Diskussion und Herausbildung neuer Bestimmungen bei. Das verstehen wir unter: den Kampf als Prozeß organisieren.

Jede Datierung führt zu einer Vereinfachung und Verflachung. Das ist uns bewußt. Aber das erscheint uns notwendigerweise legitim. Was gegenwärtig passiert und das Ausmaß mechanischen Denkens, was ziemlich einheitlich aus allen Äußerungen von RAF und Gefangenen spricht, macht es notwendig, den politischen Inhalt dieser Auseinandersetzung in den Mittelpunkt zu rücken. In zwei Daten fassen wir die Misere:
14.4.1989 - die "Unterbrechung" des Hungerstreiks, und
30.11.1989 - der Angriff auf den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen.
Die Entscheidungen, die diesen beiden Handlungen zu Grunde liegen, sind für uns die wesentlichen Marksteine der Entwicklung. Dabei sind wir uns bewußt, daß auch diese Entscheidungen selbst nur Ergebnis der vorangegangenen Phase sind. Nicht datieren können wir den Bruch, der sich im Aufbau und in der Entwicklung der "Front von Guerilla und Widerstand" vollzogen hat - den wir aber für den Niedergang revolutionärer Politik dieser politischen Linie für absolut relevant halten.

Inhaltlich sind das:
- die Weigerung und Unfähigkeit die eigene Entwicklung zu reflektieren, konkret: die "Offensive 1986" politisch nie selbst zu beenden, die Ergebnisse und Erfahrungen zusammenzufassen und daraus Vorschläge für die nächste Schritte zu entwickeln. Die Front lief aus, politisch wie organisatorisch hörte sie auf zu existieren, aber eben nicht als bewußter Akt. Die RAF versuchte erst in ihrem "August-Papier" von 1992 eine Bilanz zu ziehen. Dieser Versuch mußte aber jenseits aller subjektiven Absichten der Genossinnen und Genossen allein aufgrund der objektiven Tatsache scheitern, daß der zur Diskussion gestellte Prozeß längst aus seinen individuellen Schlußfolgerungen handelte. Zur Diskussion gestellt wurde keine politische Entwicklung, sondern nur die Schlußfolgerungen durch die RAF.

- Innerhalb dieses Kampfprozesses konnte nicht angepackt werden, was notwendig gewesen wäre: daß sich die RAF genauso wie die Gruppen des antiimperialistischen Widerstands auflösen in eine neue revolutionäre Organisation, deren politische und organisatorische Funktionen nach innen wie nach außen von denen einer Partei wie einer Guerilla charakterisiert sind.
Jetzt kann nur noch festgestellt werden, daß keine zu dieser Diskussion subjektiv und organisatorisch in der Lage war. Die Fähigkeit dafür war nicht vorhanden. Das liegt nicht an den, fälschlicherweise immer wieder zur Sprache gebrachten, internen Umgangsformen und Verhaltensweisen, deren Begriffe von "Hierarchie", "Härte" bis "Unmenschlichkeit" reichen. In der damaligen kämpfenden Struktur von Guerilla bis militanten Widerstandsgruppen fehlte das Bewußtsein über die Notwendigkeit der bewußten Organisierung eines solchen Prozesses der Transformation.

Der Hungerstreik 1989. Angelegt war er als eine - im politischen Sinne - Guerillaaktion: sich völlig bewußt des Mobilisierungsrhythmus - Aktion, Reaktion, Aktion - und darauf setzend, eine Dynamik von Bewegung zu entfalten, um im Kampf mit der politischen Wirkung des eigenen Kampfes arbeiten zu können. Die "Kette", in der die Gefangenen nacheinander in den Streik gingen, sollte sicherstellen, daß es keine einmalige Eskalationsphase gibt; im Gegenteil, der Hungerstreik sollte als langgezogener Kampf mit immer wiederkehrenden eskalierenden Höhepunkten die staatliche Taktik, mittels Zwangsernährung und "Koma-Lösung" den Streik auszuhebeln, wirkungslos machen. Diese aus den Erfahrungen früherer Streiks eingeschlagene Taktik beinhaltete so nicht nur eine Kampfmethode, sondern war gewissermaßen "eine Taktik, die zur Strategie aufsteigt", wie in den 70er Jahren mal die Guerillamethode charakterisiert wurde. Nämlich in dem Sinne, daß Ziel, Prozeß und Methode eins werden. Das ist nur eine andere Umschreibung des Begriffs von Strategie im Befreiungskampf.

In all diesen Überlegungen drückte sich die Entscheidung aus, "nicht mehr loszulassen" - auch deswegen, weil nach 18 Jahren eine endlose Verlängerung der Isolation und schleichenden Vernichtung, keine andere Möglichkeit mehr ließ, als endgültig damit Schluß zu machen. Angelegt war, im Kampf um andere soziale und politische Bedingungen im Knast eine Entwicklung von Bewegung und Mobilisierung freizusetzen, die über die Solidarität mit Gefangenen hinausgeht. Es ging auch um eine weitere Phase fundamentaloppositoneller Politik in Deutschland; auch um die Weiterentwicklung des "revolutionären Projekts", wie es in der damaligen Hungerstreik-Erklärung hieß. Die Gefangenen griffen damit aktiv in den Entwicklungsprozeß der radikalen Linken ein. Wenn wir es genau nehmen, übernahmen sie wieder die Initiative, die ihnen 1985 von der Revolutionären Front aus RAF und antiimperialistischen Widerstand aus der Hand genommen worden war. Nach dem Streik 1984/85 erklärte die RAF stellvertretend für die sich entwickelnde Front, daß dieser kämpfende Zusammenhang jetzt die Zusammenlegung durchsetzen wird. Das allerdings ist in den Jahren bis 1989 nicht geschehen.

Wenn wir die Unterbrechung und dann den Abbruch des Streiks als einen markanten Einschnitt datieren, dann allerdings nicht aus dieser merkwürdigen Radikalität, die damals den Gefangenen vorwarf, es nicht ernst gemeint zu haben, "es nicht wirklich durchkämpfen zu wollen". Das war damals wie heute daneben, weil es die Gefangenen auf der Ebene der Kampfbereitschaft, des Mutes und der Konsequenz kritisiert, wo sie nun wirklich nicht den Beweis antreten müssen, weil sie es schon zigmal in- wie außerhalb der Knäste getan haben.

Mit Unterbrechung und Abbruch wurde aber die gerade erst wieder angeeignete politische Methode Guerilla aufgegeben; gegenüber der Absicht, mit dem eigenen langwierigen, unterschiedliche Phasen durchlaufenden Kampf einen dynamischen Prozeß freizusetzen, hatte sich herausgestellt, daß dafür ganz offensichtlich draußen wie drinnen die Voraussetzungen fehlten - und niemand sich darauf eingestellt hatte, sie erst in diesem Kampf selbst zu schaffen.

Eine Fehleinschätzung war die behauptete Bereitschaft der Linken, aus den eigenen Erfahrungen heraus, innerhalb eines neuformulierten "revolutionären Projekts" initiativ zu werden. Die Bewegung von Einzelnen, die aus ihrem Interesse z.B. eine Beziehung zu den Gefangenen aufgebaut haben, wurde zu einer gesellschaftlichen Bewegung uminterpretiert. Tatsächlich war es eine individuelle Sammlung, aber noch keine Entscheidung zu einem gemeinsamen Aufbruchprozeß. Damit einher ging, daß aus dem selbst so begriffenen Zerstörungsprozeß im Kapitalismus, der Endlichkeit der freigesetzten Destruktion, dem Kapital eine Vernunft unterstellt wurde, die es zu anderen Lösungen befähigen müßte. Ganz offensichtlich war einem fortschrittlich-demokratischen Prozeß in der Gesellschaft eine Chance eingeräumt worden, die er tatsächlich von der Seite des Staates und der machthabenden Klassen nicht hatte. Hier rächte sich, daß, wie schon häufiger, aus der eigenen Erkenntnis und dem eigenen Prozeß eine gesellschaftliche Tatsache gemacht wurde.

Der Gedanke, ein "revolutionäres Projekt" als Sammlungsbewegung "an den Rändern der Gesellschaft", als Ort der Erweiterung der eigenen Politik von Guerilla, Front und Widerstandsgruppen gegen die staatliche und gesellschaftliche Reaktion, konnte einen wirklichen Prozeß nicht zu fassen kriegen und materiell werden. Das Problem war und ist, daß aus den wenigen demokratischen Sektoren dieser Gesellschaft einen radikalen Sammlungs- und Organisierungsprozeß vermittelnde und begleitende Menschen kommen können, aber niemals die initiierende und tragende Kraft.

Weil aber, die diesen Prozeß wirklich organisierende Kraft nicht existierte - und die Front hatte sich in den Jahren zuvor diese Fähigkeit nicht erkämpft -, realisierte der Streik selber, daß objektiv eine ganz andere Entscheidung anstand: Den Sinn revolutionärer Politik ganz neu zu entwickeln. Das hätte auch ein mit der politischen Guerillamethode angelegter Kampf von Gefangenen als Kern und Motor des Prozesses kaum schaffen können.

Die eigene Wahrnehmung schloß aber diese Fragen und Gesichtspunkte weitgehend aus. In diesem Sinne "verkürzte" sich mit der Fortdauer der Streik auf eine Konfrontation zwischen Staat und Gefangenen, in der es tatsächlich auch um das Ganze ging: Ist das der Anfang vom Ende des bewaffneten Kampfes? Die für die Sammlung aller radikalen und linken Kräfte in Gang gesetzte Diskussion auch um die Rolle revolutionärer Gewalt und avantgardistischer Politik, fand dann nur noch Nachhall in der Auseinandersetzung mit dem Staat. Dort wurde es als Signal verstanden: wenn die Frage der Gefangenen so eng gekoppelt ist mit möglichen Perspektiven einer antagonistischen Bewegung, dann kommt ein Nachgeben auch kaum in Frage. "Es verschiebt sich zum Politischen...", mußte und konnte auf der staatlichen Seite nur verstanden werden als eine Möglichkeit, die Guerilla loszuwerden.

Die Aktion gegen Herrhausen griff scheinbar in diesem Dilemma ein, in dem es den bewaffneten Kampf als noch lange nicht erledigt auf die Tagesordnung setzte. Aus dem engen Verständnis der vom Staat aufgezwungenen grundsätzlichen Gewaltdiskussion war das auch mehr als notwendig. Eine tatsächliche Klarstellung konnte das allerdings nicht beinhalten. Auf der einen Seite konnte sich die bewaffnete Linke darin selber nicht mehr definieren, nämlich ihre, mit ihrem Kampf unmittelbar verknüpfte Perspektive. Zum Anderen brach sie darin längst mit dem Guerillaverständnis. Wenn nicht schon früher, aber jetzt wurde deutlich, daß ein grundlegender Verständniswandel von dem was Guerilla ist, stattgefunden hatte. Ob gewollt oder nicht, die militärischen Angriffe selbst wurden mit Guerilla gleichgesetzt. Und hier, nicht erst im April 1992 wurde die Perspektive auch der RAF an die "Gefangenenfrage" gekoppelt: Es geht um die Durchsetzung der Zusammenlegung als Schritte zur Freiheit. Bewaffnete ZL-Politik?

Um diese Verknüpfung in den Jahren danach wieder aufzulösen, hätte es gelingen müssen, die Gefangenen frei zukriegen und mit dem Schub des Erfolges neue Verhältnisse zu setzen. Oder durch die schnellere Entwicklung eigener Vorstellungen und Vorschläge für die nächsten Schritte einer revolutionären Bewegung, sich schon einen anderen Boden geschaffen zu haben. Dazu waren wir aber, die Widerstandslinke, die bewaffnete Linke und die Gefangenen nicht in der Lage. Trotz aller Versuche, es blieben Versuche.


Eine Machtfrage

Eine herbe Situation: Die RAF antwortet den Gefangenen auf den Vorwurf des Deals und der Abwicklung revolutionärer Politik damit, daß ja selbst die Gefangenen 1977 der Regierung bereit waren zuzusichern, daß sie im Falle ihrer Freilassung im Tausch gegen die Freilassung von H.M. Schleyer, nicht mehr in die BRD zurückkämen um hier Aktionen zu unternehmen. Historische Zeugen werden aufgerufen - wo gar keine Gerichtsverhandlung stattfindet. Zeugen, die zum Meineid verführt würden, müßten sie für die Aussage geradestehen, die ihnen abverlangt wird. Den Vergleich von Äpfeln mit Birnen kritisieren wir hier nicht. Aber wir konstatieren einen absoluten Verlust des Bewußtseins über die eigene Geschichte - und kritisieren, daß hier in der Geschichtsfälschung die Zerstörung jeglicher revolutionärer Kriterien billigend in Kauf genommen wird.
1977 hatte die RAF den Staat angegriffen, war in der Offensive, stellte die Machtfrage: Es war der Versuch der Regierung den eigenen Willen aufzuzwingen. Das endete in einer Niederlage und in dem Tod von vier Gefangenen und H.M. Schleyers. Bevor es dazu kam, unternahmen die Gefangenen einen Versuch, der Regierung eine Möglichkeit zu eröffnen, der Forderung nachzugeben und doch etwas in der Hand zu haben: die Zusicherung, daß diese Gefangenen nicht in die BRD zurückkämen. Der Versuch schlug fehl, weil die Regierung sich längst anders entschieden hatte und die RAF und die Gefangenen hinhielt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Muß der Unterschied noch erklärt werden zu einer Situation, die von der Orientierungslosigkeit und Defensive der revolutionären Kräfte, von der Zerstrittenheit der Gefangenen geprägt ist? Von einer Situation, die um die Niederlage des ganzen Projekts RAF handelt - und, das ist ja der Vorwurf, "verhandelt"?

Zentralperspektive

"Die Zentralperspektive revolutionärer Politik in den Metropolen ist weggebrochen" -beide Seiten beanspruchen diese Erkenntnis und scheinbar geht es um einen Streit um die daraus zu ziehenden Konsequenzen.
Darunter verstanden wird die objektiv veränderte Weltlage, allerspätestens seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Kollaps der UdSSR. In den bisherigen Äußerungen wird der Zerfall der eigenen Perspektive in erster Linie mit der Ausblutung des emanzipatorischen Durchbruchs der Befreiungskämpfe im Süden und des Zusammenbruchs des Staatssozialismus begründet. Natürlich haben beide Entwicklungen strategische Bedeutung für alle kämpfenden Bewegungen und Gruppen weltweit. Die in ihnen liegenden Hoffnungen für den internationalen Befreiungskampf sind bis auf weiteres zerstört und was die Entwicklung in Osteuropa betrifft auf unabsehbare Zeit moralisch korrumpiert. Aber beide Stränge waren doch in letzter Konsequenz trotz aller subjektiven Orientierung an den Kämpfen im Süden und der Anerkennung realsozialistischer Macht gegen die Destruktion des kapitalistischen Weltmarktes immer auch nur Rahmenbedingungen des eigenen Kampfes. Warum werden sie dann jetzt im nachhinein zur vermeintlichen Perspektive erklärt?

Aber inwieweit berührt dies wirklich die Perspektive des revolutionären Guerilla- und Klassenkampfes in den Metropolen und der BRD? Historisch kämpfte die neue revolutionäre Linke und mit ihr die RAF doch immer genau auch aus der Antizipation der Niederlage des realsozialistischen und auf friedliche Koexistenz aufgebauten Staats- und Politikbegriffs der traditionellen KP's.

Durch den selbst gesetzten, objektiv begründeten Zusammenhang des Begriffs "Zentralperspektive", wird in letzter Konsequenz denjenigen im Nachhinein noch Recht gegeben, die die Guerillapolitik in der BRD immer schon nur als bewaffneten Wurmfortsatz eines abstrakten Internationalismusbegriffes oder als vermeintlich "fünfte Kolonne" der Befreiungsbewegungen im Trikont denunzierten, die mehr in den Sphären international abstrahierter Kräfteverhältnisse beheimatet sei, als in der Klassenkampfrealität der BRD.

Nicht das vorläufige Ende des Bürgerkrieges in El Salvador oder das ruinöse Gaza-Jericho-Abkommen der PLO-Führung mit Israel, ganz zu schweigen von der Absetzung der maroden und bürokratisierten realsozialistischen Eliten in Osteuropa, hat die eigene Zentralperspektive erschöpft. Ihr Zusammenbruch oder Niederlage kann doch nur im Verhältnis zu den eigenen Kriterien und Vorhaben diskutiert werden. Das weltweite Ausbluten internationalistischer Befreiungsperspektiven hat in letzter Konsequenz damit nur zweitrangig etwas zu tun. Der eigene Begründungszusammenhang ergibt sich vor allem aus den selbst gesetzten Maßstäben und Kriterien derjenigen, die den Prozeß vor gut 20 Jahre mit der Waffe in der Hand begonnen haben. Daraus, und erst mal nur daraus, begründet sich allerdings die Notwendigkeit der Diskussion der Zentralperspektive revolutionärer Politik in unserem Land schärfer denn je. Für uns ist das keine formale Frage, sondern sie hat unmittelbar etwas mit den eigenen Absichten und Zielsetzungen zu tun.

Um zwischen den politischen Erklärungszusammenhängen zum Beispiel der Lübecker Gefangenengruppe und den Gefangenen in Celle für den "Zusammenbruch der Zentralperspektive" Unterschiede feststellen zu können, bedarf es schon einer gehörigen Portion spitzfindiger Interpretationsgabe. Wenn aber beide in der Sache selbst keine Widersprüche feststellen, dann wird die Frage der Politik zur persönlichen Verhaltensweise - und damit undiskutierbar.

Gleichzeitig betrifft aber die Frage der "Zentralperspektive" das grundsätzliche Selbstverständnis der Politik. Dem stimmen wir ohne Abstriche zu. Kriterium dafür muß doch aber sein, inwieweit der Prozeß der revolutionären und bewaffneten Linken gemäß seinen eigenen Zielvorstellungen und Vorgaben handeln konnte, was er erreicht hat und was nicht. Denn die objektive Situation wirkt lediglich vermittelt durch die inneren Grenzen als Grenzen des Kampfes, aber nicht per se. Man muß kein Prophet sein, um behaupten zu können, daß unter der Voraussetzung einer revolutionären Linken, die in der gesellschaftlichen wie politischen Offensive ist, diese Diskussion gänzlich anders verlaufen würde. Das heißt aber, das sich hinter dem Herausstreichen der internationalen Umbrüche als einem wesentlichen Grund für das eigene Scheitern, vor allem das gefühlsmäßige Wissen um die eigene Schwäche und hausgemachte Fehler verbirgt. Aber nur im Verhältnis dazu macht eine solche Diskussion Sinn ohne den Drang zur Ideologisierung und Rechtfertigung der eigenen Politik und Entscheidung. In der Verobjektivierung einer Entwicklung geschieht aber beides zwangsläufig. Unzulänglichkeiten und Versäumnisse werden in den Rang einer historischen Zwangsläufigkeit gehoben und damit zur unumstößlichen Wahrheit. Denn niemand kann ernsthaft bestreiten, daß der Zusammenbruch der Ost-West-Konfrontation Auswirkungen auf alle Befreiungskämpfe hat.

20 Jahre bewaffnete und revolutionäre Politik sind vielleicht im historischen Zeitmaßstab kapitalistischer Expansion nur eine relativ kurze Phase, für die Entwicklung einer revolutionären Bewegung aber gleichzeitig verflucht lang. Zig Genossen und Genossinnen aus diesem Prozeß haben dafür in unserem Land und in den Kämpfen an anderen Abschnitten der Welt mit ihrem Leben bezahlt, diejenigen, die in den ganzen Jahren nicht mehr konnten oder wollten nicht mit einbezogen. Es ist allemal ein Prozeß, der in seiner Gesamtheit über die verschiedenen Jahre sicherlich einige Zehntausend Genossinnen und Genossen umfaßt hat, auch wenn sie zum Teil nur kurze Zeit dabei waren.
Guerillakampf, bewaffnete und militante Linke, die sich zum Ziel setzt in einer strategischen Bestimmung zu kämpfen, war in unserem Land selbst innerhalb der Linken immer eine minoritäre Position. Das allerdings war niemals ein gottgegebener Zustand ohne Ende. Wenn überhaupt, dann war es ein Ausgangspunkt, den es im Kampf zu überwinden gilt. Er erklärt sich in hohem Maße aus den gesellschaftlichen Bedingungen des Kampfes, der Struktur der BRD mit 40-jähriger Geschichte als imperialistischer Frontstaat mit Antikommunismus und "sozialem Netz", aber vor allem auch aus der Struktur der Kämpfenden selbst: sich außerhalb der Gesellschaft denken, sehen, handeln - Überhöhung und falsche Vorstellung von Prozeß - Subjektivismus/Militarismus - keine Mechnismen, die die Ungleichzeitigkeit subjektiver Prozesse berücksichtigt... sind dafür die Stichworte.

Wir behaupten, daß die wesentliche Gründe für den Zusammenbruch der Zentralperspektive revolutionärer Politik in unserem Land erst mal in der Politik der Kämpfenden selbst zu suchen sind. Genausowenig wie Abgang von Honnecker & Co nicht allein über eine 40-jährige CIA-Kampagne und imperialistischer Einkreisungspolitik erklärbar ist, genausowenig können wir in der Diskussion um unsere Niederlage die Gründe, mittels der veränderten internationalen Kräfteverhältnisses verobjektivieren.


Golfkrieg - keine antiimperialistische Front in Sicht

Schon seit längerem fällt auf, daß in den verschiedenen Versuchen, die "Krise der Militanten" zu analysieren und Schlußfolgerungen zu ziehen, entscheidende Ereignisse kaum eine Rolle spielen. Der Zusammenbruch des realsozialistischen Staatensystems dient meist nur als Kennzeichnung einer objektiven grundlegenden Veränderung, der sich auch die Linke nicht entziehen konnte. Oder, als Ankopplung, des Entzugs der Voraussetzungen des eigenen Kampfes. Diese Entwicklung mußte uns aber in eine Krise stürzen, selbst dann, wenn die innere Zersetzung noch nicht so weit fortgeschritten gewesen wäre.

Eine revolutionäre Kraft erleidet objektiv gesehen eine strategische Niederlage, wenn sie in dem gewaltigstens Umbruch, der eigenen politischen und staatlichen Verhältnisse nicht präsent ist: Gegenvorschläge nicht nur nicht durchsetzen kann, weil sie nicht stark genug ist, sondern sie nicht mal entwickelt. Gesamtgesellschaftliches Denken - dieser Begriff beinhaltet eine zentrale Frage, die über die behauptete Gegensätzlichkeit von Gesellschaft oder Getto hinausgeht. Denn auf diesen konkreten Zusammenhang angewandt, wäre das Resultat noch verheerender: die in der westdeutschen Gesellschaft vorhandene Ignoranz und Arroganz gegenüber der Bevölkerung der ehemaligen DDR ist - so widersprüchlich das klingt - auch der Boden für den neudeutschen Nationalismus. Es kann also nur um das Spannungsverhältnis gehen, das entstehen muß zwischen den Orten von realer Gesellschaftlichkeit (im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive) und den vielen Segmenten einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft.
Wo diese zu organisierende Spannung und Reibung aus den Augen verloren wird, kann es schnell passieren, daß nachträglich konstatiert werden muß, daß bestimmte Entwicklungen nicht abzusehen waren. So macht es z.B. Lutz Taufer in seinem "Gesellschaft oder Getto"-Papier , wenn er feststellt, daß die faschistische und rassistische Entwicklung in Deutschland selbst für den Zeitraum 1991/92 noch nicht zu erkennen war. Vielleicht hat er das nicht gesehen - und schon ist es objektive Wahrheit, daß es nicht zu sehen war.

Ein für die revolutionäre Linke gewissermaßen wichtigerer Einschnitt bedeutete der Golfkrieg. Das allerdings weniger wegen einer über den Mauerfall hinausgehenden nationalen oder internationalen Bedeutung. Aber aus der Entstehungsgeschichte des radikalsten Teils der deutschen Linken wird das verständlich. Wie fast nirgendwo anders, hat sich gerade in der BRD eine revolutionäre Linke als antiimperialistisch konstituiert. Sich der Rolle des eigenen Staates bewußt, seiner Stärke und Funktion innerhalb von NATO, EG und anderen imperialistischen Zusammenschlüssen, mußte revolutionäre Politik immer dagegen eine kämpfende Front aufbauen. Erst aus den Erfahrungen einer solchen Konfrontation, der damit erkämpften Freiheit, nicht mehr funktional für die Macht des eigenen Staates zu sein, konnten Möglichkeiten für eine Verallgemeinerung revolutionärer Kämpfe entstehen. Nicht nur die Relevanz, sondern auch die Perspektive einer revolutionären Bewegung in den Metropolen, mißt sich daran, inwieweit sie "den Hauptfeind im eigenen Land" bekämpft.

Dieser sehr grundlegende Begriff bestimmte die Politik der 80er Jahre. Die antiimperialistische Bewegung, die Front und andere Teile der Linken handelten aus einer Analyse der Situation heraus, die von einer von den imperialistischen Staaten ausgehenden Kriegsgefahr ausging. Letztlich waren in den analysierten Szenarien der beabsichtigten und vorbereiteten imperialistischen Politik das Ende der Sowjetunion ("Totrüsten") und die militärische Intervention in Teilen der "3. Welt" als permanente Möglichkeit enthalten.

Als genau diese Situation dann eintrat - und sich dadrin die BRD endgültig zur zweiten Weltmacht aufschwang - war die antiimperialistische Bewegung von der Bildfläche verschwunden. Die internationale Entwicklung: Stichwort "Golfkrieg" - und die nationale Entwicklung: Stichwort "rassistische/faschistische Mobilisierung" - waren der offensichtlichste Widerspruch. Fast keine, der aus diesem Spektrum handelnden Gruppen, hatte sich auf diese Situation vorbereitet. Ganz offensichtlich war, daß die inneren Grenzen des Prozesses dazu führten, daß die eigene Analyse der Entwicklung in den Überlegungen keine Rolle mehr spielte. Mit nichts, mit keiner eindeutigen Analyse der Kriegsgefahr im August 1990, mit keinem Aufruf die Sabotage der Kriegsmaschine zu organisieren, mit keiner vorbereiteten Aktion griff die revolutionäre Linke ein. Sie wartete ab, so als wenn sie genau so wie die Bürgerinnen und Bürger darauf hofft, daß "die oben" das schon richten, es nicht zum Krieg kommen lassen werden. Jede revolutionäre Bewegung, jede Gruppe muß sich daran messen, ob sie den Kriegstreibern in den Arm fällt. Hat sie das zehn Jahre lang analysiert, hat sie jahrelang aus dieser möglichen Entwicklung heraus gehandelt, und ist dann in der Situation selber nicht mehr da, nicht handlungsfähig und nicht orientierend trotz aller Schwäche, dann ist das ihre Niederlage.

Eine viel entscheidendere Niederlage als das Knockout in der "Gefangenenfrage".