Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken
Steinmetz, die "Kinkelinitiative"
und Weiterstadt:
Hatten die Gefangenen überhaupt
eine Chance?
Nach Bad Kleinen
kam Stück für Stück die Geschichte des
Spitzels in die Öffentlichkeit. Wir wissen natürlich
nicht, was davon in allen Einzelheiten korrekt ist, und
was zwecks weiterer Desorientierung lanciert wurde. Sicher
sind wir uns aber, daß vieles von dem, was dann
im "Spiegel" und anderen Zeitungen nachzulesen
war, in den entscheidenden Fakten nicht falsch war. Für
uns ergibt sich das aus unserer Einschätzung der
politischen Situation in den ersten Wochen nach Bad Kleinen.
(September 1993)
Der Staatsschutzapparat drohte aus den Fugen zu brechen.
Das Szenario des "größten Fahndungserfolgs
der letzten 10 Jahre" endete auch für den Staatsschutz
in einem einzigen Desaster. Die Verantwortlichen standen
eine Zeitlang mit dem Rücken an der Wand - und dies
nur aufgrund der dilettantischen Verschleierungskampagne
seitens des Staatsschutzapparates selbst. Das Volk hielt
die staatlichen Exekution für wahrscheinlich. Umfragen
in den ersten Wochen machten deutlich, daß gut 70%
der Bevölkerung der offiziellen Selbstmordversion
mißtrauten. Mehr als ein Bewußtsein darüber,
denen "da oben" alles zuzutrauen, beinhaltete
das aber auch nicht. Die offenkundige Gewißheit,
über die Erschießung eines schon gefangenen
Militanten, bedeutete noch längst nicht Protest oder
allgemeine Empörung. Für viele war das auch
völlig in Ordnung, nur glauben sie die Geschichten
der Regierung schon längst nicht mehr. Dieses Klima
weitgehender gesellschaftlicher Akzeptanz eines Mordes
- mit Ausnahme einzelner zaghafter Appelle demokratischer
Interessensvertretungen -, war allerdings nicht unbedingt
absehbar. Auch wenn sich diese Öffentlichkeit in
der jüngsten Vergangenheit höchstens noch für
die "Stasi-RAF-Connection" oder den "Mythos
RAF" interessiert hat.
Seitens der
politischen Führung bestand unmittelbarer Handlungsbedarf.
In der bürgerlichen Logik stand die Verfolgung der
revolutionären Linken, und die dabei zu Tage tretende
Brutalität des Staatsschutzapparates und seiner Spezialkommandos,
zu offensichtlich im Widerspruch zu den eher nachsichtigen
Gerichtsurteilen gegen verhaftete Jungfaschisten der mörderischen
Pogrome der letzten Jahre.
Die Politik der "inneren Sicherheit" verlangte
eine Wahrheit, mit der alle Demokraten leben können.
Aber, der BKA- und VS-Apparat taktierte, was das Zeug
hält. Nicht nur seine Legitimität stand auf
dem Spiel, auch die politische Führung selbst drohte
unter Beschuß zu kommen. Seiters ist früh genug
gegangen, um wiederkommen zu können und mit der Absetzung
einer Figur wie von Stahl kann das politische Establishment
leben, die SPD allerdings nicht mit einer Staatsaffäre
gegen ihren letzten Kanzlerkandidaten Scharping, der zugleich
auch politischer Chef des VS-Rheinland-Pfalz ist, und
gegen die Engholms erzwungener Rücktritt nur eine
Lachnummer gewesen wäre.
In den ersten
3 bis 4 Wochen nach Bad Kleinen kamen immer neue Stories
und Geschichtchen an die Öffentlichkeit. Es wurde
Politik gemacht. Ging es zu Anfang noch darum, den "3.
Mann" aus allem rauszuhalten und hielten sich die
Medien an ihre Schweigepflicht, brach nach der ersten
Woche der staatstragende Konsens von Geheimdiensten, Politikern
und Medien zusammen. Die Medien stellten fest, daß
sie handfest belogen wurden. Die Stellungnahme von Zuber,
Innenminister von Rheinland-Pfalz, am 17.7.93. war nicht
mehr als eine Flucht nach vorn: Klaus Steinmetz arbeitete
seit 1985 für den VS Rheinland-Pfalz, mit der RAF
hat er sich drei mal getroffen. Erstmals Ende 1991, dann
im Frühjahr 1993 und schließlich in Bad Kleinen.
Scharping wurde erst danach informiert. Er wußte
von nichts, und von der in den Medien lancierten Meldung,
dem VS-Rheinland-Pfalz wäre der Angriff gegen den
Knast in Weiterstadt vorher bekannt gewesen, hat Zuber
nichts gewußt. Scharping erst recht nicht. Und nur
das zählte in der Logik der Macht. Zumindest für
die SPD. Der Leiter des Bundestags-Innenausschusses Benrath
brachte es auf den Punkt, als er meinte, er hätte
sicherlich anders gefragt, wäre er vorher informiert
worden, daß der Spitzel in einem SPD-Bundesland
seinen Arbeitsvertrag hatte. Aber auch die Regierung hatte
kein Interesse. Ihr geht es um die Legitimität staatlicher
Verfolgungsorgane, im Zeichen "innerer Sicherheit"
und der Ausweitung gesetzlicher Kompetenzen für ihre
Geheimdienste.
Allein nur die
wiederholte öffentliche Frage, um das Wissen des
VS von Aktionen der RAF, mit einem Fitzel vermeintlicher
Glaubwürdigkeit - und das völlig unabhängig
davon, was die RAF selbst dazu sagt und was die revolutionäre
Linke denkt und für ausgeschlossen hält - hätte
Konsequenzen für die ganze politische Führung
zur Folge gehabt. Mit einem Millionenschaden wie Weiterstadt
ließe sich da vielleicht noch leben, auch wenn zumindest
der Bund der Steuerzahler heftigst protestiert hätte,
allerdings mit der Erschießung der eigenen Eliten,
mit Wissen der Geheimdienste, nicht mehr. Für Scharping
aber wäre schon Weiterstadt das Grab seiner Kanzlerkandidatur
geworden. Die SPD hätte die Wahl abschreiben können.
Kohl die reibungslose Ausweitung der Geheimdienstkompetenzen
mit gesetzlicher Abhörlizenz und V-Leuten allerdings
in der geplanten Form auch.
Viele GenossInnen
fragten nach Bad Kleinen, warum die Bullen - wenn ihre
eigenen Angaben stimmten - erst nach dem dritten Kontakt
zur RAF die Verhaftung planten. Auch Birgit sagt in ihrem
Brief in der TAZ vom 22.7.93, indem sie den Spitzel öffentlich
entlarvt, daß es bessere Situationen zur Verhaftung
gegeben hat. Allerdings scheint die Genossin in ihren
Überlegungen den vermeintlichen Widerspruch nur auf
der militärischen Ebene handhaben zu können:
Es gab für die operative Vorbereitung einer Festnahme,
seitens der Bullen, günstigere Örtlichkeiten
und Situationen als Bad Kleinen. Vergessen, zumindest
spricht sie es nicht an, tut die Genossin dabei, daß
ganz andere, jenseits polizeitaktischer Einsatzplanungen
liegende, Gesichtspunkte den Zeitpunkt, des Zugriffs durch
die Bullen, bestimmt haben. Aus ihnen ist auch der Widerspruch
der Verhaftung erst zu diesem Zeitpunkt, trotz vorheriger
besserer Möglichkeiten für die Bullen aufgehoben:
Die lange Laufzeit des Klaus Steinmetz entsprach dem politischen
Kalkül des VS.
Jenseits aller
Diskussionen in der radikalen und revolutionären
Linken über den Schritt der RAF vom 10.4.92, war
eines absolut klar: Es ist eine historische Phase bewaffneter
revolutionärer Politik in unserem Land. Und sie ist
offen. Die staatliche Interpretation und Lesart dieser
Entscheidung war dementsprechend: Erstmals seit 20 Jahren
existierte die politische Option, daß die RAF den
bewaffneten Kampf einstellt. "Das Gespenst des Terrorismus"
erledigt sich selbst. Diesen Prozeß galt es abzuwarten,
zu begleiten und - soweit möglich - zu beeinflussen.
Das war der Job von Klaus Steinmetz. Eine militärische
Lösung, sprich: Festnahmen mit oder ohne Tote, in
diesem Zeitraum, hätte den staatlicherseits erhofften
Prozeß der Selbstauflösung in jeder Hinsicht
mit unkalkulierbaren Konsequenzen unterbrochen.
Während
in der Öffentlichkeit die entsprechenden politischen
Stellen Entspannung signalisierten und das BKA zähneknirschend
immer wieder den angeblichen 10jährigen Fahndungsnotstand
konstatierte, war der VS mittels des Spitzels schon längst
in den Zusammenhängen der revolutionären Linken
und hatte Kontakt zur RAF. Die Frage, wie oft sich der
Spitzel mit der RAF traf, welche Informationen er hatte
und welche nicht, ist für die Auseinandersetzung,
um die Dimension dieses Verrats und seiner Folgen nicht
entscheidend. Wir wissen es auch nicht. Für die politische
Wahrheit ist das nicht relevant. Seine Stellung und Aktivitäten
in der Widerstandslinken reichen aus, um festzustellen,
daß er in jeder Hinsicht, Teil des Prozesses, Teil
der Diskussion, auch über die Perspektive bewaffneter,
revolutionärer Politik in unserem Land war.
Für den politischen Begriff hat es keine Bedeutung,
was nun in den veröffentlichten Sensationsberichten
von ihm Aufschneiderei oder reales Wissen war. Für
die juristische Verwertbarkeit seiner Aussagen allerdings
schon. Aber das ist eine andere Frage. Sie muß von
denen diskutiert werden, denen unmittelbar durch seine
Spitzeltätigkeit Verhaftung und Knast drohen.
Wir wissen selbst,
wie wir in dem Zeitraum von 1990 bis 1992 überlegt
haben, was unsere Empfindungen waren, welche Chance wir
dem Prozeß gaben und welche nicht. Schon länger
diktierte die tagespolitische Notwendigkeit die eigene
Politik. Und das nicht nur an der Frage der Gefangenen.
Niemand, der sich in diesem Zusammenhang re-volutionärer
Politik begreift, sollte sich da was vormachen oder relativieren.
Der Spitzel hat das mitbekommen und dadurch zwangsläufig
auch mitbeeinflußt, was in einer Phase des Umbruchs
und Überdenkens der eigenen Politik und Strategie
das unmittelbarste ist: Die eigenen Gedanken, Gefühle
und Fragen, das Hoffen auf einen neuen Anlauf, aber auch
die Verbitterung und Resignation über die eigene
Schwäche.
Darauf setzten
die staatlichen Stellen. In den letzten 20 Jahren gab
es immer wieder Phasen, wo das bewaffnete Kommando in
der Illegalität durch Festnahmen und Todesschüsse
militärisch zerschlagen war. Aber immer wieder ergriffen
Genossinnen und Genossen die Initiative und bauten die
Guerilla wieder neu auf. Erstmals schien jetzt eine "politische
Lösung" in Sicht, ohne daß in absehbarer
Zeit neue Leute die Waffe in die Hand nehmen.
Nach dem Angriff auf Weiterstadt war den entsprechenden
Geheimdienststellen klar, daß die RAF vielleicht
perspektivisch alles mögliche macht, das Entscheidende
aber in unmittelbarster Zukunft nicht: die Knarren wegwerfen.
Darum ging es dem Staatsschutz. Das war "das Kalkül
der langen Leine" und bestimmte den Zeitpunkt der
Verhaftung. Das war der wirkliche Inhalt der "Kinkel-Initiative":
Beide Optionen in der Hand zu haben. Die politische: das
Erpressungskalkül gegen die RAF und - wenn sie daran
nicht kaputt geht - die militärische: die Möglichkeit
der Zerschlagung des bewaffneten Kommandos.
Aus dieser Tatsache allerdings eine gigantische Bullenblase
und Verschwörungstheorie zu zimmern, ist genauso
falsch wie irreführend. Es überschätzt
die Bullen und schürt nur Paranoia. Seine grundsätzliche
innere Autonomie gegenüber dem VS hat der Prozeß
nicht verloren; seinen taktischen Entscheidungsspielraum
in den letzten Jahren, gerade auch im Hinblick auf die
"Gefangenenfrage", allerdings schon. Die Behauptung,
daß die RAF sich quasi vom VS die Politik diktieren
ließ, wie wir es auch schon von welchen hörten,
ist dagegen Quatsch und politische Denunziation. Fakt
ist aber, daß der politische Spielraum der letzten
3 Jahre für das Projekt der RAF und die sich, in
diesem Zusammenhang verstehende revolutionäre Linke
gleich Null war.
Eine Chance
hatten allerdings auch nicht die taktischen Bestimmungen
der 10.April-Erklärung und der Weiterstadt-Aktion
durch die RAF. Was immer von einer solchen Politik zu
halten ist, Druck auf den Staat konnte das nicht entwickeln,
weil der ja weitere Optionen hatte. Im Frühjahr hatte
das "Kommando Katharina Hammerschmidt" der RAF
für die mangelnde Durchschlagskraft ihres Schrittes
in Bezug auf die "Gefangenenfrage" die Schuldigen
ganz woanders ausgemacht: "Das, was es dafür
an Wirkung und Grenze hätte sein können, ist
leider gerade von GenossInnen aus dem linksradikalen Spektrum
systematisch demontiert worden." (30.3.93)
Daß die
von der "Koordinierungsgruppe gegen Terrorismus"
(KgT) entwickelte "Kinkelinitiative" nicht zufällig
Anfang letzten Jahres präsentiert wurde, sondern
viel mit der Kraft und dem Zustand der revolutionären
Bewegung, der Guerilla und der Gefangenen - also mit dem
Kampf - zu tun hat, ist nichts Neues. Auch wenn das in
den letzten zwei Jahren kaum zu diskutieren war. Überraschend
kam sie trotzdem, waren doch ein halbes Jahr vorher noch
die Medien voll mit Hetze z.B. gegen die Gefangenen und
deren AnwältInnen wegen eines angeblichen "illegalen
Infosystems".
Das neue Deutschland
auf dem Weg zur Weltmacht - da kann eine revolutionäre
Bewegung, und dadrin eine Guerilla, ein empfindlicher
Störfaktor werden. Selbst wenn sie schwach und relativ
isoliert ist. Ihre militärische Kapazität war
Gefahr genug. Da "reinen Tisch" machen zu wollen,
zu versuchen, mittels des Geiselstatus der Gefangenen,
die RAF zum Aufgeben zu erpressen, schien eine plausible
Erklärung zu sein. Der Hungerstreik '89 hatte auch
gezeigt, daß für viele, die sich für die
Forderungen der Gefangenen einsetzten, ein Motiv auch
war, "die alten Geschichten zu beenden". So
konnte der Staat nicht nur auf eine gewisse Interessengleichheit
bis in weite Teile des linken Lagers setzen. Es gelang
ihm, die Definitionsmacht darüber, wie eine "Lösung"
der Gefangenenfrage aussehen kann, zu erobern. Heute müssen
wir davon ausgehen, daß zu diesem Zeitpunkt der
VS schon melden konnte, daß sie endlich einen direkten
Draht zur RAF und der sich in ihrem politischen Zusammenhang
verstehenden Gruppen haben. Und das in einer Phase, wie
sie dann am 10.4. in der Erklärung der RAF für
eine strategische Feuerpause offen wurde.
Kinkels Parteitagsrede
am 6.1.92 war ein Regierungsbeschluß und auch in
den Kategorien staatlicher Macht eine Wende. Sie einzig
und allein auf die Spitzelei eines Klaus Steinmetz zurückzuführen,
gehört in den Bereich geheimdienstlicher Verschwörungstheorien
und journalistischer Kolportage. Mit Spitzeln allein läßt
sich keine Politik machen. Schon gar nicht eine dieser
Qualität. Mit der Schwäche der revolutionären
Linken und ihrer entsprechenden staatlichen Deutung, der
RAF "das Thema nehmen zu wollen", allerdings
schon. Die Analyse des VS lag schon seit Jahren auf dieser
Linie. Klaus Steinmetz machte den längst gezogenen
Schluß zur Gewißheit, jenseits der Interpretation
von Texten und der akribischen Auswertung von Demonstrations-
und Anschlagsstatistiken. Allein schon darin liegt seine
Bedeutung. Zur Beruhigung der Reaktionäre von CDU/CSU
in den eigenen Reihen, hat die Option der militärischen
Lösung sicherlich auch beigetragen. Als Ergebnis
unterschiedlicher Haltungen im Staat sehen wir das allerdings
nicht.
Die Partitur
dafür hat die revolutionäre Linke selbst geschrieben.
Seit dem Hungerstreik 1989 ist es auf unserer Seite nicht
geschafft worden, die Erfahrung dieses Kampfes in die
Hände zu bekommen. Ein gemeinsamer Abschluß
und damit auch Ausgangspunkt für weitere Schritte,
wurde nicht hergestellt. "Wir lassen jetzt nicht
mehr los" war die einzig verbindende Parole. Aber
wie läßt sich eine Erfahrung festhalten, wenn
niemand darüber diskutieren kann, was denn das Neue
in ihr genau ist? Auf militante Initiativen zu verzichten,
um "die Breite" nicht zu gefährden, kann
es ja nicht gewesen sein. Zudem dies einen bewußten
Entscheidungsprozeß vorausgesetzt hätte. Den
gab es allerdings nicht, obwohl genau dieser Schluß
im Denken und Handeln viele und vieles geprägt hatte.
Es war eine vielfach interpretierte Vorgabe, behauptet
und zur Diskussion gestellt, hat es niemand. So wäre
vielleicht bei einem weiteren Hungerstreik genau das als
Fehler gedacht worden: Die fehlende Militanz? Eine gesellschaftliche
Diskussion, wie hier grundsätzlich was zu verändern
wäre, ist in diesem Hungerstreikkampf nicht organisiert
worden. Das Eigene, was alle eigentlich wirklich selbst
wollen und daraus eine Neubestimmung des Kampfes und Suche
nach KampfgefährtInnen fand nicht statt.
Das blieb verschüttet,
bis zu dem Zeitpunkt, als die GenossInnen der RAF am 10.4.92
auf die sogenannte "Kinkelinitiative" reagierten.
Der Fehler der Guerilla, die eigene Zäsur mit der
taktischen Notwendigkeit, den Prozeß des Aufbaus
von Gegenmacht zu schützen und mit der staatlichen
Haltung gegenüber den Gefangenen zu begründen,
verursachte ein Rauschen im linksradikalen Blätterwald.
Auf einmal schien alles klar, zumindest da, wo die Argumentation
der Guerilla offensichtlich zu kurz griff. Fehlten vorher
eigene, selbständige politische Konsequenzen, so
wurden sie nach der April-Erklärung von den GenossInnen
der RAF selbst eingeklagt. Die "Kinkelinitiative"
bestimmte die Überlegungen von GenossInnen und Gruppen
mehr, als jede andere staatliche Strategie zur Liquidation
des Kampfes in den letzten Jahrzehnten. Wo es nichts eigenes
gibt, oder das Eigene nur in seiner ideologischen Behauptung
existiert, füllt die Interpretation staatlicher Politik
die Köpfe.
Für viele
war die KgT-Initiative ein Riesenschritt des Staates.
Die Hoffnung, daß bald Gefangene rauskommen könnten
-eine Hoffnung, die viele schon längst nicht mehr
hatten - hat sicher auch den Blick dafür verstellt,
sich grundlegend darüber zu verständigen, daß
eine politische Lösung für alle Gefangenen dem
Staat abgerungen werden muß. Das hätte geheißen,
einen Kampf zu führen, um den vorgegebenen engen
justitiellen Rahmen und die Individualisierung der gefangenen
GenossInnen in 2/3-Anhörungen und der gesetzlich
vorgesehenen Überprüfung nach 15 Jahren bei
Lebenslänglich zu sprengen. Weil sich über diese
Ausgangslage nicht offen verständigt werden konnte,
wird das Scheitern der revolutionären Linken an der
Frage des Gefangenenprojekts in ein "Scheitern der
Kinkelinitiative" umgedeutet. Was den öffentlichen
TAZ-FAZ-WELT-Diskurs anbelangt, mag das ja zutreffen.
Für die Reflexion der Krise der revolutionären
Linken ist das jedoch falsche Orientierung oder Lüge.
Oder beides.
Die RAF und
die Gefangenen wurden von uns mit dem Staat alleingelassen.
Bei den RAF-Gefangenen tut sich nichts mehr seit der Freilassung
von Günther Sonnenberg (Mitte `92). Bernd Rößner
wurde unter Vorbehalt aus dem Knast in eine therapeutische
Behandlung entlassen. Bei beiden kann nur endlich gesagt
werden. Sie waren seit Jahren in die Kampagne für
die Freilassung der haftunfähigen Gefangenen eingebunden.
Ihre Freilassung ist vom Staat nur eine arrogante Geste.
Eben längst überfällig.
Nichts ist zu Ende. Die Fragen zu den Anhörungen,
den psychiatrischen Gutachten oder was auch immer, bleiben
aktuell. Irmgard Möller, die Gefangene aus der RAF
die am längsten, nämlich über 20 Jahre
unter Isolationshaftbedingungen gefangen gehalten wird,
wurde bis heute nicht freigelassen.
Die Freilassung
der Gefangenen in Celle und Lübeck steht zwar immer
noch zur Debatte, es fragt sich nur wie und zu welchen
Bedingungen? Diese verschärfen sich bei jedem Gutachten,
bei jeder Anhörung. Eine solch brutale Situation
ist durch die letzten Jahre entstanden. Die Gefangenen
freizukämpfen, ist nur möglich, wenn wir hier
draußen einen starken Kampf entwickelt hätten.
Dafür fehlten schon seit Jahren die Grundlagen. Momentan
sind wir nicht mal in der Lage bei den Gefangenen mit
den meisten Knastjahren auf dem Buckel, die psychiatrischen
Gutachten wegzukriegen. Wir können die Bedingungen
für die Freilassungen öffentlich (verbal) angreifen,
die Stärke sie zu verändern, haben wir nicht.
In den nächsten
Wochen kommen aber vielleicht sechs "Gefangene aus
dem Widerstand" aus dem Knast. Wir würden uns
wahnsinnig freuen. Aber sie werden nicht von uns freigekämpft,
sondern werden, wenn überhaupt, vorzeitig entlassen.
Angewendet würde die im Strafgesetzbuch vorgesehene
Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung nach Ablauf
von Zweidrittel der verurteilten Strafe.
Dieses 2/3-Verfahren
findet in der Situation statt, wo sich die Widersprüche
innerhalb der RAF und der Gefangenen aus dieser Organisation
zu einem selbstmörderischen Gegeneinander entwickelt
haben. Es sieht so aus, daß die Schritte, die einige
Teile im Verhältnis zum Staat unternommen haben,
zum politischen Knockout führen. Darüber kann
sich nur der Staat freuen. Die Saat fleischfressender
Pflanzen, die seit Jahren in die Köpfe und Herzen
der RevolutionärInnen gesät wurde, ist aufgegangen:
Lösungen für gesellschaftliche Probleme werden
nur noch gedacht als Lösungen von Staats wegen; die
Ineinssetzung der "Gefangenenfrage" mit der
Frage revolutionärer Politik hat ihre Möglichkeiten
und Perspektiven zum Spielball staatlichen Kalküls
gemacht.
Wir gehen von
der Einschätzung aus, daß der Ausgang des 2/3-Verfahrens
bei den Ge-fangenen aus dem "Börsen-" und
"Dornier-Prozeß" von gerichtlicher Seite
ein politisches Signal an alle revolutionären Gefangenen
ist und bewußt in diese Entwicklung eingreift. Die
beiden möglichen Entscheidungen - drinlassen oder
rauslassen - stehen jeweils für einen Strang des
weiteren staatlichen Umgang mit den Gefangenen. Einfach
wird es nicht sein, z.B. hatte das Frankfurter Gericht
im Urteil schon reingeschrieben, daß es die Aktion
gegen die Börse 1989 auch als einen Angriff auf eine
"mögliche friedliche Lösung mit der RAF"
versteht.
Wie schon in
den ganzen Jahren läuft eine unmittelbare Erpressung,
die Ergebnisse erzwingen will, die nicht nur für
den oder die einzelne/n Gefangene/n grundsätzliche
Bedeutung haben, sondern für die ganze Politik. In
dieser Erpressung hat das individuelle Verhalten, wird
auf die Erpressung eingegangen oder ihr standgehalten,
unmittelbare Auswirkungen auf die Situation aller anderen
Gefangenen. Es setzt einen Standard, von dem andere Gefangene
entweder ausgehen können, oder den sie erst wieder
durchbrechen müssen. Das ist eine große Verantwortung
- und das sie einzelnen Gefangenen aufgeladen wird, ist
letztendlich das Ergebnis einer Politik aller revolutionären
oder sich revolutionär nennenden Kräfte in diesem
Land, die die Gefangenen damit allein gelassen haben.
Ob revolutionäre
Identität, ob auch die Perspektive emanzipatorischer
Politik Gegenstand einer Anhörung vor Gericht sein
kann, ist keine taktische Frage - in Zeiten wie diesen
schon mal gar nicht. Heute stellt sich die Frage, abschwören
oder standhalten - ein falscher Begriff für etwas,
was nur in der eigenen Bewegung geht, also wenn und daß
sich bewegt wird - für alle Teile der revolutionären
oder sich revolutionär nennenden Linken, drinnen
wie draußen. Aber nur die Gefangenen sind in einer
Situation, wo ihre Entscheidung öffentlich ist, während
sie draußen meist privat ausgemacht wird.
Für uns
ist es nicht so, daß wir die Frage nach der Perspektive
revolutionärer Politik an die Entscheidung der gefangenen
Genossinnen und Genossen, ob sie eine Anhörung machen,
ein Gutachten zulassen..., hängen. Die Gefangenen
müssen sich auch unabhängig von einem solchen
"Ballast" entscheiden können.
Die Möglichkeit
zu nutzen, rauszukommen, ehrlich und offen mit den zwangsläufigen
Widersprüchen in diesen Anhörungen, finden wir
völlig legitim. Na klar brauchen wir jede Genossin,
jeden Genossen für die Auseinandersetzung der kommenden
Jahre. Und mit diesem Verhältnis müssen wir
auch um die Gefangenen kämpfen, die durch den Schlauch
der Anhörung müssen. Wenn es weiterhin so bleibt,
daß die einzelnen Subjekte die Niederlage dieser
dreckigen Prozedur erleiden und das nicht als Teil unserer
Niederlage verstanden wird, kämpfen wir nicht mehr
um- und auch nicht miteinander.
Das Widersprüchliche
von Anhörungen, Gutachten etc. bleibt - es geht um
uns und darum, wie wir kämpfen wollen. Die Zukunft
revolutionärer Politik wird draußen bestimmt
und natürlich mit allen, drinnen wie draußen,
die das wollen.
Auch wenn die
KgT nicht erreicht hat, daß die RAF zu kämpfen
aufhört, sie hat Takt und Inhalt der Auseinandersetzung
der letzten zwei Jahre mitbestimmt. Dadrin war der VS-Spitzel
Funktion und Transmissionsriemen staatlicher Beeinflussungsversuche
gleichermaßen. Und die Operation läuft auf
Hochtouren weiter: VS-Präsident Werthebach plädiert
nach Bad Kleinen weiter für die "Entspannungspolitik".
Die Kronzeugenprozesse werden fortgesetzt.
Wie weit staatliche
Politik im eigenen Denken Platz genommen hat, zeigt sich
auch daran, daß die RAF erst den Knast in Weiterstadt
angreifen mußte, damit niemand mehr fragte, ob die
Guerilla nicht vielleicht doch den Löffel abgegeben
hat. Oder aber, daß es scheinbar für viele
eine Bullenaktion, wie gegen Wolfgang und Birgit gebraucht
hat, um unmißverständlich zu sehen, daß
dieser Staat in der Bekämpfung der revolutionären
Linken an seinem Ausmerzverhältnis festhält.
Bad Kleinen im Großen.