Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken

Psychologen am Werk -
Notizen zum Interview der "Arranca" mit einem wiesbadener Freund von Klaus Steinmetz



Im Herbst 1993 erschien in der von der berliner Gruppe FELS herausgegebenen Zeitschrift "Arranca" ein Interview zu Klaus Steinmetz. Interviewt wurde ein wiesbadener Genosse, der ganz offensichtlich Klaus Steinmetz gut kannte. Die von ihm gemachten Äußerungen, waren die ersten aus Wiesbaden, in denen überhaupt mal eingestanden wurde, daß es sich bei ihrem langjährigen und eifrig verteidigten Genossen, um einen Agenten des Verfassungsschutzes handelt. Gerade wegen dem langen Schweigen und Fintenlegen, hat dieses Interview eine Bedeutung. Das Muster der Auseinandersetzung ist psychologisch - eine Diskussion der politischen Entwicklung des Widerstands in Wiesbaden, also auch der Umstände, aus und in denen sich dieser Bulle zehn Jahre lang halten konnte, wird nicht geführt.
Zu einigen, der in dem Interview gemachten Äußerungen schrieben wir damals spontan etwas auf. Einen LeserInnenbrief an "Arranca" schickten wir dann allerdings nicht ab. So alleine wäre es uns auch zu wenig gewesen.

"Ich glaube, daß man eigentlich über jeden Menschen einiges sagen kann, das ihn verdächtig macht". (Arranca)

So ist das also, jede Genossin und jeder Genosse hat was am laufen, Dreck am Stecken oder hat mal Scheiße gebaut. Ein undurchschaubares Spiel. Und überhaupt: im nachhinein ist immer alles anders. V iele haben vielleicht in ihrer Geschichte auch mal Mist gemacht haben - wir, genauso wie andere auch -, es ist allerdings ein großer Unterschied: Fehler und Schwächen im Kampf und der Schritt zum Verrat, zu Kollaboration und jahrelangem Spitzeldienst.
Es kann jetzt nicht darum gehen zu behaupten, schon vor Bad Kleinen hätte irgendwas klar sein können. Wir können und wollen das auch nicht sagen, wir sagen aber: der Typ war nicht okay. Und nicht in dem Sinne: der Typ war als Spitzel erkennbar, wenn es von uns gewollt und durchdacht wäre, allerdings aber in der Hinsicht, daß wir sagen können: der Prozeß, den wir mit ihm hatten, der Charakter des Kontaktes war nicht korrekt. Und das ist es, was wir hätten früher thematisieren müssen - für uns und auch mit denen, die mit ihm zusammen waren. Und das sagt weniger über ihn, als viel mehr über uns aus, über unsere Struktur und unsere Fähigkeit den Prozeß - und hier den Charakter eines Kontaktes, seine Funktion und Bestimmung - entwickeln zu können.


"Aber wir denken, daß es auch eine allmähliche Verwicklung gegeben haben kann. Daß er zunächst wirklich glaubte, er könne den VS an der Leine führen, und mit der Zeit immer stärker vom VS unter Druck gesetzt wurde". (Wiesbaden)

Legendenbildung und Selbstbetrug. Da wird einer zum Opfer gemacht, zu einem, der eben "unter Druck gesetzt wurde" - also etwas, was ja allen passieren könnte, weil: Daß die Bullen uns erpressen, wenn wir Fehler machen, das wissen ja alle. Aber der wirkliche Dreh - ob jetzt bewußt oder unbewußt - ist in diesem Satz ein ganz anderer: Der Bulle wird zum Opfer gemacht, die ganze Schweinerei wird verharmlost. Der Verräter wird letztlich so zum armen Kerl, zu einem, der sich aus den perfiden Fallstricken der Geheimdienste nicht mehr befreien konnte und dann "unter Druck gesetzt wurde". Eine Legende. Der Grund dafür ist so einfach wie brutal: Es läßt sich eben selbst besser mit einem "Opfer" leben, anstatt mit dem Spitzel, als der er sich entpuppt hat. Mit dieser Tour - der Verräter als Objekt statt Subjekt - wird der wesentliche Fakt entschuldigt. Der Fakt, daß der eigene Prozeß mit einem Verräter gelaufen ist. Da ist nicht einer schwach geworden und man hat es nicht gemerkt, sondern man hat über die Jahre einen Bullen mitgeschleppt, hatte eine Kampfstruktur, in der die Kollaboration immanent war. Das ist es, was wir alle kapieren müssen und nicht diese rührselige Operette des Verlierers, der "erst jetzt die Dimension der Geschichte merkt, erst jetzt feststellt, daß er von seinem Lebenszusammenhang abgeschnitten ist". Das ist der Kitsch, der letztlich alles unbegreifbar, unfaßbar und nebulös machen soll, der Kleister, der die Brüche und Widersprüche - unsere Widersprüche, Fehler und Brüche -, zuschmieren soll.
Nichts und niemand hat ihn von uns "abgeschnitten", nichts ist mit ihm passiert. Er hat gehandelt. Es gehört zum Wahnsinn der letzten Wochen, das überhaupt sagen zu müssen, weil es einfach nicht gesagt wird. Jeden Tag lief der Deal. In jedem Moment dieser gut und gerne 10 Jahre, wo er Zuträger und Informant der Bullen war, hätte er Klartext reden können, hätte er seinen Vertrag offen gegenüber denen machen können, die er all die Jahre über ausgespitzelt hat und denen er vorgab, mit ihnen zusammen zu kämpfen. Bis zum Schluß, bis zum 27.6.1993. Nichts und niemand hat ihn daran gehindert den Job aufzugeben - außer er selbst, seine eigene Kaltschnäuzigkeit und Kaputtheit. Also soll jetzt niemand davon reden, daß er vielleicht nicht gewußt hat, was er da tut. Soweit wir ihn kannten, können wir zumindest eins sagen: Und wenn er vielleicht von nichts hier eine Ahnung gehabt habt, weder von der Organisierung des Kampfes, geschweige denn von unseren Zielen und unseren Kriterien des solidarischen und verantwortungsvollen Umgangs miteinander. Wenn vielleicht sogar alles nur Trick und Mache an ihm war, so hat er doch verflucht genau gewußt, was hier die Konfrontation ist, was die Bullen mit gefangenen Guerillas, mit gefangenen Revolutionärinnen und Revolutionären machen, was Isolationsfolter und die Perspektive des Knasts auf ewig heißt. Das ist Tatsache und deshalb ist so einer auch nicht Opfer irgendwelcher Machenschaften, sondern ganz einfach das, was er ist: ein Schwein. Und wer das nicht sieht, wer das nicht so sagt, ohne Wenn und Aber, sondern letztlich im Ergebnis laviert und relativiert , wo es nichts zu relativieren, aber viel zu sich selbst zu erklären gibt, der muß sich fragen lassen, was er damit bezweckt, welchen Selbstbetrug er da mit sich macht, mit allen macht, die kämpfen und nicht dealen.


"Zum Teil war er ja wirklich ein Zocker, wie es aufreißerisch im 'Spiegel' hieß. Allen war klar, daß er den Nervenkitzel gesucht hat". (Wiesbaden)

Auch so ein Satz, wo alle mal wirklich drüber nachdenken müssen. Wie korrupt, wie kaputt ist eine Struktur, sind unsere Beziehungen, wenn da gesagt werden kann: "Allen war klar, daß er den Nervenkitzel gesucht hat". Also nicht unser Kampf ums Menschsein, um Befreiung gegen diese zerstörerischen Zustände in unserem Land, Wiederaneignung des Lebens gegen die Verdinglichung und Entfremdung, durch die alltägliche kapitalistische Destruktion, Revolutionierung unserer Verhältnisse, unsere Politik gegen ihre Gewalt - nein, das alles nicht, sondern "Nervenkitzel", Hochspannung wie im Krimi, Django und 007: "zocken" statt kämpfen. Daß so was nichts anderes ist, als die bewußte Reproduktion der metropolitanen Verhältnisse, Ausdruck der kapitalisierten Beziehungen, der Käuflichkeit und Korruption, muß nicht besonders betont werden. Daß dies allerdings "allen klar war", bzw. einfach - völlig bewußtlos oder viel schlimmer: mit vollem Bewußtsein - so gesagt werden kann, läßt uns die Frage stellen, wie diejenigen, die so dachten und fühlten, es zulassen konnten, daß so einer in unseren Verhältnissen einen Platz haben kann, was für Verhältnisse wir haben, bzw. was die eigene subjektive Struktur, an dem Punkt, überhaupt von dem Schwein unterscheidet.


"Das fand ich nicht schlecht, daß so lange versucht wurde, Türen offenzuhalten, nicht gleich zu sagen, 'egal ob du vorher oder nachher kollaboriert hast, du bist ein Verräter'. ...Ich fand das eigentlich sehr verantwortungsvoll (nach Bad Kleinen in einem Brief (ihm) noch einmal die Hand auszustrecken)". (Arranca)

Welche Türen wurden offengehalten, wenn einer Mord und lebenslang Knast zu verantworten hat, fragen wir die 'Arranca'? Auf was wurde spekuliert und gehofft, wenn noch Wochen nachher, zu einem Zeitpunkt, wo schon in der Glotze 'Panorama' per Kamera seine Wohnung ablichtet und das Wesentliche längst klar war, an seine Adresse öffentliche Briefe geschrieben wurden? Darauf, daß er zurückkommt, daß er sich uns stellt, wo doch seine jahrelange Entscheidung durch den Verrat von Bad Kleinen schon längst eine andere Materialität bekommen hat? Es ist ein altes Wunschdenken, zu glauben, denjenigen, der sich schon längst entschieden hat, mit guten Worten und solidarischen Appellen noch erreichen zu können. Wir wollen die Absichten der Genossinnen und Genossen, die sich zwei Wochen nach Bad Kleinen in der TAZ erstmals öffentlich und händeringend nach ihm erkundigten und ihn baten, doch bitte die Dinge endlich aufzuklären, nicht in Zweifel ziehen. Aber wir müssen trotzdem feststellen, daß dieser Brief objektiv die Verschleierung und Desorientierung vorangetrieben hat. Es wurde wieder - zum wiederholten Mal - alles offengelassen, wieder wurde ihm die Initiative überlassen, zu sagen, was passiert ist, anstatt es selbst zu tun.


"Mit dem inneren Konflikt, V-Mann zu sein, hat er sich so wenig auseinandergesetzt wie mit seinen anderen Konflikten" (Wiesbaden)

Es ist ja gut zu wissen, daß welche so genau in ihn hineinhorchen konnten, also jetzt meinen, sagen zu können, das er den Konflikt des Verrats nicht mit sich ausgetragen hat. Aber jenseits aller psychologischen Deutungsversuche und Spekulationen über das vermeintliche oder tatsächliche Innenleben eines Spitzels, halten wir es lieber mit den Fakten. Und Tatsache ist, daß es ihm die Jahre über, in denen er sein Geschäft betrieb, zumindest nicht so auf den Magen schlug, daß er das dringende Bedürfnis geäußert hätte, seinen Genossinnen und Genossen zu sagen, was Sache ist. Allein schon die Annahme, daß er einem Konflikt aus dem Weg ging, setzt voraus, daß es für ihn überhaupt einen gab. Wenn er nach Bad Kleinen die Leute in Wiesbaden mit Anrufen und Briefen terrorisiert hat, so sagt das weniger über ein schockartiges Erwachen aus dem jahrelangen Deal oder ein schlechtes Gewissen aus, als vielmehr über die Wahrheit, daß er selbst nach der Exekution von Wolfgang immer noch glaubte, sein Spiel mit uns fortsetzen zu können. Wenn es ihm wirklich Ernst gewesen wäre mit uns allen, mit der Politik und dem Kampf, so hätte er spätestens dann die ganze Schweinerei offen gemacht, um mit sich und dem staatlichen Kalkül der Vertuschung aufzuräumen. Daß es für so einen dann keinen Weg mehr zurück zu uns und in unsere Zusammenhänge geben kann, ist klar, aber zumindest die VS-Legende wär gekippt und die Verantwortlichen hätten Farbe bekennen müssen. Aber selbst das nicht. Auch hier war er nicht das Objekt der Bullen, einer, der sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt, sondern Protagonist staatlichen Mordens und dem Kalkül der Geheimdienste. Daß seine Stories und Geschichten, Tränen und Verzweiflungsrufe allerdings auf ein dankbares Publikum trafen, ist das wirklich Tragische in dieser ganzen Sache und die politische Niederlage der revolutionären Linken im Zusammenhang Bad Kleinen.