Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken

"Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf" -
Die vier Wochen der erwünschten Unklarheit



Eine erbitterte Abwehrschlacht fand statt. Sie begann harmlos mit einer Selbstverständlichkeit: Die Zusammenfassung einiger Informationen aus den öffentlichen Medien, ihre Auswertung und Interpretation auf dem Hintergrund von Erfahrungen und Wissen über die Methodik des Staatsapparats, plus die Einholung von Bestätigungen für bestimmte Annahmen - und die Weitergabe des Ergebnisses dieses Vorgangs an uns bekannte Genossinnen und Genossen: die polizeiliche Operation gegen die RAF in Bad Kleinen war lange vorbereitet, sie ist das Ergebnis eines Verrats aus den eigenen Reihen - entweder durch ein Mitglied der RAF oder durch eine Kontaktperson. Wir hielten es für das Wahrscheinlichste, daß es Klaus Steinmetz war.

Schon das wurde als grobe Einmischung verstanden und uns unverantwortliches Handeln vorgeworfen. Nur vordergründig ging es um das Nichtwahrhabenwollen der Möglichkeit des Verrats und des Verräters. In den ersten Tagen waren wir so naiv anzunehmen, angesichts der Ereignisse von Bad Kleinen würden politische und persönliche Widersprüche zurücktreten und sachgerechtem und solidarischem Handeln platzmachen. Uns wäre es bis zum Samstag der ersten Woche nicht im Traum eingefallen, daß Genossinnen und Genossen zu einem anderem Ergebnis kommen könnten als wir. Noch weniger war uns die Vehemenz und Ausdauer der Ablehnung, aber genauso auch die Hartnäckigkeit im Verschließen-der-Augen-vor-der-Wirklichkeit vorstellbar. Aber es war die Realität.

Jeder Hinweis auf die Tatsache des Verrats wurde als Angriff auf die Integrität des eigenen Prozesses verstanden und dem entsprechend reagiert. Die dafür verantwortlichen Genossinnen und Genossen besaßen aus ihrem langjährigen Kampf innerhalb der revolutionären Linken eine hohe moralisch-politische Autorität. Von Anfang an beinhaltete die Auseinandersetzung um den Verrat die Rechtfertigung der eigenen Politik. In diesem Mechanismus kann aber nichts geklärt werden. Jede nüchterne Bestandsaufnahme war blockiert. In einer Phase, in der es zuerst um eine eindeutige öffentliche Bestätigung eines Spitzels ging, wurde bereits die politisch-ideologische Rechtfertigungslinie für die Legitimität des eigenen politischen Prozesses in Anschlag gebracht. Widersprüche und Vorbehalte wogen schwerer als der Verrat. Dadrin - und das müssen wir in dieser Schärfe sagen -, war der verantwortlichen Struktur der Bulle subjektiv näher als Genossinnen und Genossen, die eine Kritik hatten. Es geht nicht um uns. Das ist nicht das Problem. Es geht um den Mechanismus, wie gedacht und reagiert wurde. Gedeckt wurde nicht nur ein Verräter, gedeckt wurde von Anfang an eine politische Entwicklung. Und das zu einem Zeitpunkt, wo der politische Prozeß - seine möglichen Fehler und falschen Schlußfolgerungen - noch gar nicht zur Diskussion stand. Die emanzipatorische Autorität aus dem Kampf schlug um in eine reaktionäre Einforderung von Vertrauen und Loyalität. Kritik oder andere Sichtweise konnten dabei nur als Angriff und unangemessene Einmischung in die "eigenen Angelegenheiten" verstanden werden.

Zerstört wurde dadrin aber nicht nur die Basis der eigenen politischen Offensive gegen das staatlich-mediale Trommelfeuer aus Fakten, Spekulation und Denunziation. Zerstört wurde auch in hohem Maße die Glaubwürdigkeit der revolutionären Linken insgesamt. Wer eine Situation, die staatlicherseits geprägt ist von Rücktritten und Versetzungen zentraler Figuren aus der politischen Führungsebene, nur als geschicktes Manöver zur Inszenierung eines gezielten "Kesseltreibens" gegen einen vermeintlichen Genossen denken kann, wer dadrin alles nur als Mache und Trick zur eigenen Desorientierung interpretiert, wer dabei faktisch sich selbst und andere Genossinnen und Genossen betrügt, der muß sich den Vorwurf gefallen lassen, zumindest objektiv das Geschäft der staatlichen Hinhaltetaktik und Vertuschung mit betrieben zu haben. Der geheimdienstlichen Stillschweigepolitik wird auf gleicher Ebene begegnet: Beide Seiten haben kein unmittelbares Interesse an der öffentlichen Wahrheit. Der Geheimdienst- und Staatsschutzapparat taktiert und lügt, weil das sowieso sein Geschäft ist; die Anderen, die verantwortliche Struktur innerhalb der revolutionären Linken, taktiert und lügt, weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf.

Die Konsequenz dieses reaktionären Mechanismus war die völlige politische Bankrotterklärung der für den Verrat mitverantwortlichen Struktur. Anstatt die notwendige interne Untersuchung wie öffentliche Gegenaufklärung anderen, subjektiv unbefangenen Genossinnen und Genossen zu übergeben, wurde sich an sie wie an einen Strohhalm geklammert: Nur wir können entscheiden! In Wahrheit war es nur der Grad der eigenen Korruption im Verhältnis zu den täglich immer eindeutigeren öffentlichen Fakten, der letztendlich den Zeitpunkt des Eingeständnis des Verrates erzwang. Die Umstände bestimmten den Takt, nicht die revolutionäre Linke. Das ist ihre Niederlage.


Bericht: Die erste Woche


Sonntag, 27.6.93

Nachmittags/abends hören wir in den Nachrichten, daß es in Bad Kleinen bei einer Schießerei zwei Tote gab, vermutlich "Terroristen". Später genaueres und die Namen. Abends dann aus verworrenen und widersprüchlichen Berichten im Fernsehen, die erste Einschätzung: das ist keine Zufallsverhaftung, das war vorbereitet.

Montag, 28.6.93

Morgens ab 4.00 Uhr stürmt das SEK in Frankfurt einige Wohnungen, darunter auch Wohnungen von Genossinnen und Genossen unserer Gruppe. Später erfahren wir, daß auch in Wiesbaden Hausdurchsuchungen stattfanden. Nachdem wir uns über ihren Ablauf verständigen, (unpräzises Vorgehen des Staatsschutzes und schlechte Vorbereitung, scheinbares Suchen nach Personen bzw. Feststellung der Anwesenheit, Desinteresse an der Wohnung außerhalb der Personen selbst usw) bleibt ein anfangs undefinierbares "da stimmt doch was nicht": Das BKA läßt nach jemanden suchen oder überprüfen, also weiß es oder geht davon aus, daß sich eine Person aus dem Kreis der durchsuchten Wohnungen in Bad Kleinen mit der RAF getroffen hat. Die Suche nach Illegalen in diesen Wohnungen kann sofort ausgeschlossen werden, allein schon daraus, wessen Wohnungen durchsucht wurden. So blöd ist auch das BKA nicht. Wenn aber das BKA vermuten kann, aus welchem Kreis oder gar wer sich mit der RAF getroffen hat, wären Wohnungen durchsucht worden um Bestätigungen für diese Vermutung zu finden. Aus diesen und anderen Überlegungen kommen wir zu dem Schluß, daß lediglich der Anschein erweckt werden solle, es würde nach einer Person gesucht werden.
Anfangs konnten wir uns darauf keinen Reim machen. Einen Tag später schon.

Die Zeitungen fragen nach einem angeblichen "3. Mann". Der Staatsschutz schweigt und streut die völlig abwegige Geschichte gefundener MfS-Unterlagen. Aber keiner der "DDR-Heimkehrer" und späteren Kronzeugen hat bei der Verhaftung geschossen - eine völlig absurde Geschichte, deren Wahrheit nur dadrin liegt, daß Bad Kleinen keine Denunziation aus der Bevölkerung zum Vorlauf hatte sondern eine geheimdienstliche Vorbereitung.
Zu diesem Zeitpunkt ist deutlich, daß es sich in Bad Kleinen nicht um einen sog. Zufallszugriff handelte. Erste Informationen einer lange vorbereiteten Aktion der Polizei, plus die dilettantisch durchgeführten "Hausdurchsuchungen" am Montagmorgen, die suggerieren sollen, daß nach einer Person gefahndet wird, lassen für uns nur einen Schluß zu.


Dienstag, 29.6.93

Die "taz" bringt exklusiv den Anruf von Birgit Hogefeld bei ihrer Mutter auf die Titelseite. Von einer Genossin, die an dem Abend Marianne Hogefeld beistand, erfahren wir, daß es sowohl diesen Anruf wie auch die Äußerung von Birgit tatsächlich gegeben hat; es sich nicht um eine Falschinformation der "taz" handelt.
Als am Sonntagabend Birgit mit ihrer Mutter telefoniert, war neben der Genossin aus Frankfurt auch ein Genosse aus Wiesbaden anwesend. Das erfahren wir auch erst jetzt. Ganz offensichtlich erkannten beide nicht die Tragweite der Information, die Birgit am Telefon ihrer Mutter gab: Es ist ein Klaus aus Wiesbaden verhaftet worden, besorgt einen Anwalt für ihn.

Unser Widerspruch ist sofort: Wenn dem so ist, wenn Birgit tatsächlich die Verhaftung von "Klaus aus Wiesbaden" gesehen hat, dann heißt das, daß die Bullen dazu übergehen Genossen "verschwinden" zu lassen, um sie im Geheimen zu Aussagen zu zwingen. Unser Schluß, wenn wir von dieser Möglichkeit ausgehen, muß sofort eine Kampagne losgetreten werden, um Schutz für diesen verschwundenen Genossen zu organisieren und die Bullen zu zwingen, ihn herauszurücken. Wir fragen nach, ob so schon überlegt und was unternommen wurde. Wir erfahren, daß ein Rechtsanwalt beauftragt wurde bei der BAW nachzufragen, ob es einen weiteren Verhafteten gibt. Wir schlagen eine öffentliche Kampagne vor. Nichts passiert.
Dem Satz in der "taz": "Es fehlt kein Klaus in Wiesbaden" geben wir erst dann eine Bedeutung, als wir von einer Genossin bestätigt bekommen, daß ihn tatsächlich GenossInnen in Wiesbaden aus seinem unmittelbaren Umfeld in Umlauf gebracht haben.

Uns beschäftigt am Dienstag nachmittag und abend vor allem dieser Widerspruch: Birgit bezeichnet namentlich einen Genossen - von dem die wiesbadener Leute behaupten, daß er nicht fehlen würde. Wir können uns nicht vorstellen, daß Birgit irgendeine Spekulation am Telefon, von dem sie ausgehen mußte, daß es abgehört wird, sagt. Für sie muß es die Wahrheit gewesen sein. Die Frage war, ob sie vielleicht nur davon ausgegangen ist, daß "Klaus" verhaftet wurde (also z.B. aus den Umständen der polizeilichen Einkreisung geschlußfolgert hat, "Klaus" müßte auch verhaftet sein), oder ob sie es gesehen hat? Zwischen zweien von uns gibt's an dieser Frage einen kurzen Streit: Wenn das erstere zutreffen sollte, hieße das, daß Birgit leichtfertig den Bullen einen Genossen ans Messer geliefert, den sie vielleicht bis dahin gar nicht identifizieren konnten. Aber eigentlich schließen wir diese Möglichkeit aus, wollen aber zur Sicherheit nachfragen, obwohl wir schon davon ausgehen, daß Birgit und Wolfgang von "Klaus" verraten wurden.


Mittwoch, 30.6.93

GBA von Stahl im Bundestagsinnenausschuß: "Daß die GSG 9 und die Einsatztruppen nicht zufällig dort waren, sondern daß dieser Zugriff eine Planungsphase gehabt haben muß... Über diese Vorlaufphase - da bin ich mir mit den Kollegen der Sicherheitsbehörden einig - möchte ich im Ausschuß nicht sagen."

Wir erhalten eine Bestätigung: Birgit hat gesehen, daß "Klaus" gefesselt und mit einer Knarre am Kopf in Schach gehalten auf dem Boden der Unterführung gelegen hat. Ab da ist es für uns keine Frage mehr, daß er sich in den Händen der Sicherheitsbehörden befindet. Aus der beschriebenen Verhaftungssituation ist kein Entkommen mehr möglich.
Am Mittwoch erfahren wir auch, daß sich Klaus Steinmetz in Wiesbaden telefonisch gemeldet hat und behauptet, er sei in Bad Kleinen weggekommen.

Ab diesem Zeitpunkt gehen wir definitiv davon aus, daß "Klaus" der "Dritte Mann" - und mit ziemlicher Sicherheit auch derjenige ist, der die GenossInnen der RAF an die Bullen ausgeliefert hat. Ob er die Bullen bewußt hingebracht hat, also für sie gearbeitet hat oder aus uncoolem Verhalten mitgeschleppt hat, können wir noch nicht sagen. Aus den Umständen der bisher bekanntgewordenen Polizeioperation schließen wir das letzte weitgehend aus, weil die Bullen vor ihm am Ort waren und Vorbereitungen getroffen hatten. Da er behauptet in Bad Kleinen weggekommen zu sein, aber nichts von seiner Verhaftung berichtet, besteht ein absoluter Widerspruch zwischen ihm und Birgit. Ein Widerspruch, der für uns nur darin eine Auslösung finden kann, daß er von den Bullen laufen gelassen wurde. Dann aber: warum?

Wir wissen am Mittwoch abend auch, daß einige GenossInnen in Wiesbaden über die gleichen Informationen verfügen wie wir. Welche Schlußfolgerungen ziehen sie daraus, was unternehmen sie?


Donnerstag, 1.7.93

"Monitor" (ARD) meldet, daß sich eine Augenzeugin gemeldet hat, die gesehen hat, wie Wolfgang Grams auf den Bahngleisen liegend aus nächster Nähe per Kopfschuß getötet wurde.

Wir fassen unsere Befürchtung und immer größer werdende Gewißheit zusammen: Verrat. Entweder innerhalb der RAF - was wir aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aufgrund erster Stellungnahmen des Apparats ausschließen - oder aber durch jenen "Klaus aus Wiesbaden". Ein Verrat ist sicher. Entweder "Klaus" ist der Bulle, wofür erst mal alles spricht, oder - als weitere zumindest theoretische Möglichkeit - jemand anders aus seiner nächsten Nähe. Jemand, der ihm so nahe steht, daß "Klaus" ihm sagt, wo er sich mit der RAF trifft.

Wir sorgen dafür, daß unsere Einschätzung bei Genossinnen und Genossen in Wiesbaden ankommt und fordern eine sofortige öffentliche Stellungnahme. Dazu machen wir verschiedene Vorschläge für den öffentlichen Umgang: daß u.a. überhaupt nach dem "3. Mann" gefragt wird, daß eben von unserer Seite mit den schon bekannten Widersprüchen gearbeitet wird, wenn man sich noch nicht traut, sich festzulegen. Wir machen das Angebot, uns an einer Pressekonferenz dazu zu beteiligen. Andere Überlegungen betreffen die interne Information von Genossinnen und Genossen, Recherche und Auswertung. Unsere Einschätzung ist, daß im Stillhalten auch dem Staatsapparat die Möglichkeit gegeben wird, nach Gutdünken mit dem über den Spitzel erlangten Wissen zu operieren: daß das Genossinnen und Genossen gefährdet.


Freitag, 2.7.93

Ch. Grünning, Präsident des Bundesverwaltungsgerichts - und vorher 20 Jahre u.a. Abteilungsleiter beim Verfassungsschutz - wird von Innenminister Seiters zum "unabhängigen Gutachter" ernannt.
Wir beginnen in der Gruppe eine "interne Untersuchung": Da welche von uns mit Klaus Steinmetz Kontakt hatten, soll versucht werden, die Gespräche zu rekonstruieren. Wir wollen wissen, was der Spitzel von uns weiß und erfahren hat, was bewußt oder unbewußt nebenbei an Infos, Einschätzungen etc gefallen ist.

In der "taz" erscheint ein Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie über ihre Beziehung zu Wolfgang Grams schreibt. Sie erinnert an ihre gemeinsamen Kämpfe und Entscheidungen. Ihr eigener Schmerz und die Trauer um den toten Genossen werden eindringlich spürbar. "Es gibt zu den Ereignissen noch viel zu sagen - aber nicht heute". Daß sie nicht mal die Möglichkeit des Verrats andeutet, wird später benutzt: Wenn mit dem "Klaus" irgendetwas nicht stimmen würde, hätte Birgit es doch gesagt. Oder aber auch: dieses "aber nicht heute" müßte heißen, es ist falsch, diese Sache heute öffentlich zu machen.
Aber vielleicht war dieser Satz bloß eine Aufforderung an diejenigen, zu denen KS gehörte oder an die RAF, daß die was sagt.


Samstag, 3.7.93

Der "Spiegel" bringt als Vorabmeldung der Montagsausgabe, daß sich ein Polizeibeamter gemeldet hat, der Zeuge davon war, wie andere Beamte Wolfgang "hingerichtet" haben.

1. Wir sprechen bei einem regionalen SpinnenNetz-Treffen eine Genossin aus Wiesbaden vom SpN Mainz/Wiesbaden an, weil wir wußten, daß Klaus Steinmetz mit Genossinnen dieser Gruppe zusammengewohnt und eng befreundet war. Wir unterrichten sie über unsere Einschätzung und Begründung: in dem Gespräch können wir den Zeitraum, seit wann er für den VS arbeitet, auf "mindestens seit 1985" ausdehnen. Die Genossin sagt, daß er seit damals in Zusammenhängen der radikalen Linken auftauchte. Im Denken gehen wir dann von der Möglichkeit aus, daß er seit dem für den VS arbeitet, d.h. von Anfang an. Die Möglichkeit, daß er erst später gekauft wurde, schließen wir dabei nicht aus. Wir wissen, daß er spätestens seit der Zeit innerhalb der damaligen Startbahnbewegung aktiv war. Wir wollen wissen, was die Gruppe denkt, zu welchen Schlußfolgerungen sie gekommen ist und was sie unternehmen will. Wir erfahren, daß die Gruppe noch überhaupt nicht daran geredet hat. Die Genossin selbst findet unsere Argumentation schlüssig.

2. Wir bekommen eine Antwort aus Wiesbaden. Die Reaktion auf unsere Einschätzung hin: wartet's ab, unternehmt nichts usw, es muß noch was abgeklärt werden... Wir fragen: was muß denn noch abgeklärt werden? Es ist uns völlig unverständlich, was das sein könnte. Ohne genaueres zu wissen, vermuten und fragen wir, ob es etwa darum geht, sich mit dem Typen zu treffen. Die Antwort ist ausweichend - und uns fährt der Schreck in die Knochen. Das darf nicht passieren, damit wird sich völlig dem Verfassungsschutz ausgeliefert.
Wir geraten in einen heftigen, langen und grundsätzlichen Streit mit der Genossin. Sie verteidigt die wiesbadener Herangehensweise, kritisiert uns, weil wir es gewagt haben, bezüglich der Verhaftungssituation nachzufragen: das sei doch nicht der richtige Weg. "Antiimperialistischer Bürokratismus" ist der Begriff, der uns wütend einfällt: angesichts einer Dimension von - dort höchstens: möglichen - Verrat auf einen Formalismus zu bestehen.
Aus allem ziehen wir den Schluß: sie wollen es nicht wahrhaben, kapieren gar nicht die Dimension, und deshalb begreifen sie auch unsere Fragen, Schritte etc als nur unzulässige Einmischung.
Unsere Vorschläge sind auch nach diesem Gespräch weiter damit verbunden, ihnen deutlich zu machen, daß wir nicht gegen sie, sondern mit ihnen handeln wollen. Wir verabreden, daß auch die GenossInnen in Wiesbaden in Absprache mit uns handeln.

Sonntag, 4.7.93

Seiters tritt überraschend zurück. Warum?, fragen wir uns. Ein Grund ist unmittelbar nicht zu erkennen. Wir vermuten, er tritt zurück für etwas, was noch gar nicht bekannt ist - damit es nicht bekannt wird?, oder: damit es, wenn es zwangsläufig bekannt wird, nicht an ihm hängenbleibt? Unsere Antwort: Wegen dem V-Mann, der hat lange mit dem VS gearbeitet - es werden brisante Fragen kommen nach einer "Mitwisserschaft". Da geht Seiters, als oberster Chef des VS, lieber vorher.

Wir bieten der Verteidigung von Birgit an, zusammen an der Aufklärung der Geschehnisse von Bad Kleinen zu arbeiten, sie zu unterstützen soweit wir es können. Dieses Angebot wird äußerst reserviert aufgenommen.


Bericht: die zweite Woche


Montag, 5.7.93

Der "Spiegel" spricht vom "Klaus" als "freien Mitarbeiter" des VS Rheinland-Pfalz.

Notiz:Medien/Staat

Dienstags (29.6.93) nannte die "taz" den Namen - fast eine Woche, bis zum Montag wurde das von keiner Zeitung aufgegriffen. Nach dem "3. Mann" wurde keine öffentliche Fahndung eingeleitet. Erst der "Spiegel" bezog sich darauf und machte deutlich, daß er tatsächlich schon Informationen hatte: Klaus, Angestellter, "freier Mitarbeiter des VS Rheinland-Pfalz".

Für uns war das ab Mittwoch (30.6.93) die Frage: Warum greift das keine andere Zeitung auf? Warum nicht insbesondere die Medien, die aus der Vergangenheit als "Counterblätter" bekannt waren, z.B. "Die Welt"?
Sie handelten damit völlig entgegengesetzt zu dem, was wir kannten: Aus jedem Zipfelchen Information - und hier aus der authentischten Quelle überhaupt: der gefangengenommenen Genossin - eine Mordsspekulation zu machen. Aber nichts.

Als der "Spiegel" draußen war - und die anderen Zeitungen nachsetzen - war klar warum: Sie wußten ziemlich präzise von dem "dritten Mann", waren aber zu Stillschweigen verdonnert worden, woran sie sich als staatstreue Medien auch hielten. Erst als klar war, daß sie von den Bullen und der Regierung um die Umstände der Verhaftung, insbesondere die Erschießung von Wolfgang belogen wurden, sahen sie sich ihrerseits nicht mehr an die Abmachung gebunden - und es gab kein Halten mehr und Stück für Stück über den "VS-Mann" kam ans Licht.

Dieser Vorgang - eine Woche nichts aus der Information über "Klaus" zu machen - war für uns ein Beweis mehr.

Eine Genossin von uns wird von einer Person aus Wiesbaden aufgesucht, die aus ihrer Funktion, wie der Nähe zum Kreis um das sich bildende "Komitee zur Aufklärung der Todesumstände von Wolfgang Grams" mit ziemlicher Autorität und viel Wissen versucht uns zum Schweigen zu bringen. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit wird der Genossin die Möglichkeit mitgeteilt, daß Klaus Steinmetz in Bad Kleinen entkommen konnte: er sei in dem Chaos mit anderen Passanten zusammen in einen Zug gedrängt wor-den. Wenn wir weiter offen über die Vorgänge in Bad Kleinen reden, würden wir Klaus Steinmetz gefährden. Wir dürften doch einen Genossen nicht ans Messer liefern.
Die Genossin ist dieser Person gegenüber sehr empört über diesen Versuch, uns den Mund zu verbieten und uns Verantwortungslosigkeit dem ganzen Prozeß gegenüber zu unterstellen. Absurd wird es dadurch, daß die Person unter dem doppelten Siegel der Verschwiegenheit, selbst nicht ausschließen will, daß KS ein Bulle ist.


Dienstag, 6.7.93

Zachert (BKA): Es habe "keine Fahndungspanne" gegeben und "kein 3. Mann" sei "flüchtig gegangen".
Generalbundesanwalt von Stahl wird von seinem Posten entlassen. Im Sender NTV ist er fast am Weinen: er versteht nicht, daß er geschaßt wurde; er hätte sich doch korrekt verhalten und wollte alles gleich offenlegen.


Mittwoch, 7.7.93

Wir erfahren, daß KS häufiger als wir bisher annahmen, mit Leuten aus Wiesbaden telefoniert und sie immer wieder verunsichert hat: es würde ihm sehr schlecht gehen, er bräuchte Hilfe, er sei kein Bulle. Wir verstehen nicht, warum die GenossInnen keinen Schlußstrich ziehen.

Die Verteidigung von Birgit unterrichten wir von dem letzten Stand unserer Einschätzung und Schlußfolgerung. Wir fragen noch mal an, ob wir ihr helfen können. Es kommt ein definitives Nein, sie will nicht mit uns zusammenarbeiten.

Notiz: Die Pannen - Ein Apparat kommt ins Rotieren

Eigentlich gibt es nur zwei wirkliche Pannen. 1. die Verwechslung vom Spitzel mit Wolfgang, und 2. sein Tod und der des GSG-9'lers.

Alle nachfolgenden Geschehnisse sind ein Berg von Chaos, Kompetenzgerangel und bewußter Vertuschung. Wie es zu der Verwechslung kommen konnte, wissen wir nicht und ist für uns auch nicht wichtig. Weshalb die GSG'ler, wie von der Kioskverkäuferin beschrieben, Wolfgang ermordet haben, wird nie genau bekannt werden. Geplant wird das nicht gewesen sein. Die Wirklichkeit im Bullenapparat ist brutal genug und braucht keine Übertreibungen. Wolfgang hat sich bis zuletzt bewaffnet verteidigt. Die bei "Fahndungsmaßnahmen" (Stichwort "Killfahndung") in den 70er Jahren Erschossenen hatten dazu meist gar keine Chance.

Der Apparat beginnt in dem Moment der Pannen zu rotieren. Nach dem gebrochenen Stillhalteabkommen mit der Presse, sehen sich jetzt die verantwortlichen Politiker und Bullen, Fragen gegenüber, deren Beantwortung ihnen nach und nach ihren Posten kosten kann. Die politische Dimension einer Frage wie dieser beispielsweise: War dem Verfassungsschutz der Anschlag auf Rohwedder vorher bekannt? Ist ihnen allen bewußt. Innenminister Seiters ging deswegen, früh genug, um noch Kapital und Ansehen daraus zu schlagen. Er übernimmt die politische Verantwortung für etwas, was weder er noch andere Verantwortliche aussprechen wollen.

Als handlungsfähige revolutionäre Linke könnten wir in diesen Tagen in ihr tagtägliches Handwerk pfuschen - so nachhaltig wie schon lange nicht mehr. Aber die eigenen Leute sind genauso am Rotieren wie der Apparat. Eine nüchterne Betrachtung der Situation geht in dem HickHack unter, den Spitzel nicht als Spitzel erkennen zu wollen.


Donnerstag, 8.7.93

In Wiesbaden findet ein regionales Plenum zur Vorbereitung der Demo am 10.7. statt. - An alle Anwesenden wird zur Mitnahme in ihre Städte ein Handzettel verteilt. Dieser Handzettel wird auch bundesweit zusammen mit Unterlagen zur Demo an Infoläden, Gruppen etc gefaxt.

FAX der "Freundinnen und Freunde von Wolfgang und Birgit"

Wir wollen hier jetzt kurz was zu den Gerüchten, die sich zum Teil bis zu Verleumdungen gegen einen Genossen gesteigert haben, sagen.
Die Leute, die diese Verleumdungskampagne in die Welt gesetzt haben, sollten sich fragen ob sie so etwas verantworten können.
Wir verstehen so ein Verhalten nicht.
Die Gerüchte, Birgit hätte vor einem Menschen gewarnt, sind falsch. Sie stammen aus der Zeitung und von Leuten, die sich das ausgedacht haben. Wir erwarten von allen, auch wenn es Fragen zu den Vorgängen in Bad Kleinen gibt, sich nicht an dieser Gerüchteküche zu beteiligen, die die Desinformationsversuche der Sicherheitsbehörden fortsetzt.

Freundinnen und Freunde von Wolfgang und Birgit
c/o Infoladen Wiesbaden


Für dieses FAX will später niemand mehr die Verantwortung tragen: Diejenigen, die sich das überlegt haben, standen nicht am Faxgerät; diejenigen, die es gefaxt haben, wußten nicht wer mit "Leuten, die diese Verleumdungskampagne in die Welt gesetzt haben" gemeint ist... aber in der Verteidigung von Steinmetz als Genossen sind sich alle einig.


Freitag, 9.7.93

Von der Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger verlautet, daß sie am 14.5. und 17.6. von der bevorstehenden Festnahmeaktion unterrichtet worden ist.
Kanther wird als neuer Bundesinnenminister vereidigt.


Samstag, 10.7.93

Demonstration wegen des Mordes an Wolfgang in Wiesbaden: Wir werden von vielen uns bekannten GenossInnen aus anderen Städten angesprochen. Die Meisten vermuteten schon, daß wir mit dem Fax gemeint sind. Aus der Entfernung sehen es einige sehr klar, daß dieser ominöse "Klaus" ein Bulle sein muß. Sie fragen uns, was sie machen sollen: wir sagen, sie sollen nachfragen (was einige tun, sie erhalten als Antwort: "Es fehlt kein Klaus in Wiesbaden"), und versuchen noch am gleichen Tag ein Treffen mit den wiesbadener Leuten zu erreichen und, wenn das nicht läuft - aus Wiesbaden kam schon, daß es nicht gewollt ist - schriftlich anfragen und eine Auseinandersetzung führen sollen.
Auf der Demonstration wird über die Möglichkeit des Verrats öffentlich kein Wort verloren. Auch die Genossinnen und Genossen der RAF schweigen dazu. In ihrer Erklärung und ihrem Brief an Birgit gehen sie auf das, was in Bad Kleinen passiert ist, nicht mit einem Wort ein - als wenn sie keine Fragen dazu haben.

Ein ebenfalls öffentlicher Brief vom 7.7.93 an die Demonstration von Rolf Heißler, Gefangener aus der RAF, erreicht die Demoleitung zu spät. Der gefangene Genosse stellt zu dem Zeitpunkt erstmals öffentlich die Frage nach einem möglichen Verrat, bzw. unterstellt der Medienberichterstattung einen realen Wahrheitsgehalt solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Veröffentlicht wird der Brief erst am 28.7.93 im "AngehörigenInfo".
Ein Genosse unserer Gruppe wird im Anschluß an die Demo von einer wiesbadener Genossin, die eng mit KS befreundet ist und seit Jahren mit ihm zusammenarbeitet, angesprochen: Ob er zu Kein Friede gehört. Welche Gründe habt ihr für die Behauptung, KS sei ein Bulle? Es wird ihr erklärt, aber überzeugen tut sie das nicht. Alle Argumente gegen ihn, sind für sie nicht stichhaltig genug: "Er ist halt so". Gleichzeitig auch bei ihr dieses Phänomen, es doch nicht hundertprozentig ausschließen zu können und doch keine Konsequenzen ziehen zu wollen.
Während die Genossin die Gelegenheit der Demo wahrnimmt, mit uns zu sprechen, uns zu fragen - sind alle anderen, die uns für Denunzianten eines Genossen halten, darauf bedacht, nicht mit uns zusammenzutreffen.

"Die RAF und Birgit sagen nichts dazu - es kann also nicht sein".

Diesen Satz kriegen wir in diesen Tagen hundertmal zu hören - und x-mal als Totschlagargument um die Ohren geknallt. Das Letzte ist nicht der RAF anzulasten - daß sie allerdings nichts sagt, nicht mal eine herauslesbare Andeutung über die Notwendigkeit einer genauen Prüfung macht, schon. Es zeigt sich, zu diesem Zeitpunkt ist sich die RAF nicht im entferntesten der politischen Dimension des Verrates bewußt. Da besteht offensichtlich kein Unterschied zur Szene.

 

Bericht: Die dritte Woche


Montag, 12.7.93

Gespräch mit Genossen, die in der Startbahnbewegung und in autonomen Gruppen in Mainz und Wiesbaden aktiv waren. Sie wollen mit uns reden und uns interessiert, wie sie die Rolle von KS in der Zeit 1985-1987 einschätzen. Welche Rolle spielte KS in der Startbahnbewegung? Inwieweit war er in die Ereignisse um den 2.11.87 (Erschießung zweier Polizisten an der Startbahn) involviert? Wie hat er sich nach den Schüssen - und der nachfolgenden Kriminalisierung verhalten?

Wir sprechen mit ihnen offen über unsere Informationen und Einschätzungen. Wir wollen, daß sie sich selbst ein Bild machen können, um dann zu Schlußfolgerungen zu kommen. Das ist auch wichtig, weil sie innerhalb der bestehenden Antifa-Strukturen keine Antwort auf Fragen erhalten, sondern zum Stillhalten aufgefordert werden. (KS war Mitglied der Antifagruppe Mainz/Wiesbaden, die in der AABO organisiert war)

Mittwoch, 14.7.93

Telefonterror: KS ruft permanent bei Leuten in Wiesbaden an. Das fängt schon am Montag (28.6.93) an und hat die Wochen nie ganz aufgehört. Unsere Einschätzung, als wir von der Häufigkeit und Hartnäckigkeit hören: Der Verfassungsschutz spielt mit der "Szene", um sie dazu zu bringen, dicht zu halten, nicht von sich aus den Spitzel hochgehen zu lassen. Der Apparat braucht Zeit, um eine einheitliche Version abzustimmen. Und KS spielt seine Rolle gut: er kommt an - wie auch später seine Briefe: das war vielen aus der Seele gesprochen.


Donnerstag, 15.7.93

"Panorama" filmt in Zusammenarbeit mit Gerd Rosenkranz, "taz"-Reporter mit guten Geheimdienstconnections, die Wiesbadener Wohnung von Steinmetz und berichtet von seinem Job beim VS Rheinland-Pfalz.

Notiz: Kaiserslautern

Da auch zu Beginn der 3. Woche nach Bad Kleinen die Verschleierungs- und Vertuschungsmanöver aus Wiesbaden nicht aufhören, beschließen wir uns selber mit Genossinnen und Genossen in Verbindung zu setzen, die vielleicht etwas über die Zeit vor 1985 in Kaiserslautern sagen können. Jetzt schließen wir bereits aus, daß Steinmetz kurzfristig angeworben wurde.

Was wir erfahren, alarmiert uns hochgradig und bestätigt unseren Verdacht auch über die Dauer der Unterwanderung. Klaus Steinmetz hatte schon 1985 belastende Aussagen vor der Staatsanwaltschaft gemacht und war auch vom Verfassungsschutz angesprochen worden. Für die GenossInnen war es unmöglich aufgrund seines Verhaltens, nach dem er dazu befragt wurde, diese Aussagen auf Unerfahrenheit zurückzuführen. Sie brachen jede Verbindung mit ihm ab. Die Tatsache, daß er bereits 1985 Aussagen gemacht hatte, halten wir für ausreichend, um eine klare Aussage treffen zu können. Wir wollen deshalb wissen, ob GenossInnen aus Wiesbaden ebenfalls davon unterrichtet sind. Antwort: Ja, zumindest Einzelne, die auch heute noch aktiv sind.

Fragen, auf die wir unbedingt eine Antwort kriegen müssen:
Was haben diese GenossInnen die Jahre über mit ihrem Wissen gemacht?
Warum haben sie bis heute noch nicht selbst diese Tatsache angesprochen?
Wie wird heute in Verbindung mit den Vorgängen um Bad Kleinen die damaligen Aussagen bewertet?
Ist es nicht wahrscheinlich, daß er seit damals für den Staatsschutz arbeitet?
Warum wird diese Möglichkeit, selbst vor dem Hintergrund dieses Wissens, immer noch ausgeschlossen?
Wurde Birgit und die Verteidigung von dieser Information unterrichtet?

Wir fragen die GenossInnen (aus Kaiserslautern), ob sie aktuell nochmal in Wiesbaden Bescheid gesagt haben: Ja, ihnen sei sofort "ihr" Klaus eingefallen, als sie die "taz" vom 29.6.93 gelesen hatten. Auf der Demo am 10.7. hatten sie ihnen bekannte wiesbadener GenossInnen danach gefragt. Sie hätten dann zu hören bekommen, es würde kein "Klaus" fehlen - und dann für sich ausgeschlossen, daß es sich um "ihren" Klaus handelt. Wir fragen sie auch, welche Leute genau in Wiesbaden von 1985 Bescheid wußten. Es waren Leute aus seinem Zusammenhang!


Freitag, 16.7.93

Wir erfahren, daß KS einen Brief an FreundInnen in Wiesbaden geschrieben hat. Dort verbreitet er die Version seiner "Flucht" aus Bad Kleinen, die wir über eine Woche zuvor bereits zu hören gekriegt haben. In diesem Brief versucht er den Verdacht auf andere zu lenken und droht er unverhohlen - aber, soweit wir es hören, nimmt von den Leuten in Wiesbaden dies niemand als versuchte Erpressung wahr, obwohl sich längst alle dadrin bewegen: "Vielleicht habe ich Fehler gemacht, vielleicht haben die Schweine mich benutzt, vielleicht haben sie einen Bullen an mich herangespielt, vielleicht bin ich durch Sceneleute verraten worden, vielleicht war's auch ganz anders, jedenfalls kriege ich das nicht raus, wenn ihr jetzt auch noch Jagd auf mich macht. Und glaubt mir, es geht mir beschissen gut."


Samstag, 17.7.93

Schlagzeile der "Frankfurter Rundschau": "Mainz schleuste V-Mann bei der RAF ein". Am gleichen Tag veröffentlicht die "taz" einen "Offenen Brief an KLaus S." von "Freundinnen und Freunden aus Wiesbaden": "Klaus" wird gebeten die Sache endlich aufzuklären, ansonsten müsse man notgedrungen das Schlimmste befürchten. Man erinnert an die gemeinsame Freundschaft und das Vertrauen ineinander. "Wir möchten Dich als Freund nicht hängenlassen, aber Du weißt, daß die Voraussetzungen einer Freundschaft Ehrlichkeit und Offenheit verlangen".
Am gleichen Abend bestätigt Zuber (Innenminister von Rheinland-Pfalz) offiziell in den "Tagesthemen", daß der "V-Mann Klaus S." seit 1985 vom VS Rheinland-Pfalz geführt wurde.

Zur Presseerklärung des "Komitee zur Aufklärung des Todes von Wolfgang Grams" vom 17.7.93

Das wiesbadener Komitee gibt einen weiteren Brief von KS in einer Presseerklärung heraus.
Dieser Brief ist in Wiesbaden am Vortag angekommen. KS gibt dort seine Version zum Besten: er konnte in Bad Kleinen entkommen - eine "Fahndungspanne". Außerdem: "Alle, die mich kennen, wissen, ich bin kein Bulle und würde solchen Mördersäuen noch nicht ein mal ein Kochrezept verraten, geschweige denn einen Genossen ans Messer liefern". Sein Appell "Laßt mich nicht im Stich" kommt gut an; noch zu diesem Zeitpunkt fühlen sich viele GenossInnen in der Rolle der "guten Menschen, die einen Genossen nicht einfach aufgeben".
Dieser Brief wird veröffentlicht, obwohl die darin enthaltenen Informationen eindeutig gelogen sind. Seine Beschreibung der Ereignisse in Bad Kleinen haben mit dem wirklichen Ablauf nichts zu tun. Von Birgit wissen GenossInnen in Wiesbaden schon Anfang der ersten Woche, daß Klaus verhaftet auf dem Boden lag. Warum kann dann so eine Erklärung veröffentlicht werden? Aber in der Presseerklärung steht ja auch: "Wir halten die von ihm beschriebene Version der Ereignisse für authentisch...".
In Frageform wird die durch KS, vom Verfassungsschutz beabsichtigte, Parteinahme für den Spitzel gepackt: "Wird durch gezielte Streuung von Gerüchten und Halbwahrheiten ein Kesseltreiben veranstaltet, um Klaus seine Lebenszusammenhänge" - hier wird die gleiche Formulierung für den Spitzel benutzt wie die RAF in ihrem Brief vom 8.7.93 für Wolfgang und Birgit - "zu entfremden und ihn als Kronzeugen in die Arme der Verfassungsschützer zu treiben?" Als Frage gestellt, aber es sind die Begriffe in denen gedacht wurde: Kesseltreiben, Lebenszusammenhänge entfremden, in die Arme der Verfassungsschützer treiben. Von vornherein wird der mögliche Spitzel nur als Opfer gesehen; und damit die Behauptung, die Möglichkeit, daß er ein V-Mann ist zu Ende denken zu müssen, ad absurdum geführt. Im Übrigen die Frage: welches Kesseltreiben - und natürlich welche Lebenszusammenhänge?


Sonntag, 18.7.93

Eine Vorabmeldung des Nachrichtenmagazins "Focus" bestimmt die Schlagzeilen der Sonntagszeitungen: "Neue Rätzel um den V-Mann. Angeblich in RAF-Anschlag von Weiterstadt verwickelt." (FAZ) "Am Tag nach der Polizeiaktion in Bad Kleinen habe die BAW erwogen, alle Einzelheiten über den V-Mann der Öffentlichkeit mitzuteilen. Dies sei jedoch durch den politischen Druck aus Mainz und Bonn verhindert worden."

Das "Komitee zur Aufklärung des Todes von Wolfgang Grams" veröffentlicht eine erweiterte Fassung der Presseerklärung vom Samstag. Dadrin:
- "Es ist in dem, was du schreibst nicht nachvollziehbar, wie du da weggekommen bist..." - dann wird das Video erwähnt, in dem zu sehen sein soll, wie zwei Personen gefesselt auf dem Tunnelboden liegen. - Kein Wort davon, daß die GenossInnen dieses Video gar nicht brauchten, weil es ja von Birgit selber bekannt ist - und das schon seit der ersten Woche. Damit ist in den Kontakten KS nie konfrontiert worden. Öffentlich wird der Bezug auch nicht hergestellt.
- "Wir müssen in der jetzigen Situation auch die Möglichkeit zu Ende denken, daß du ein V-Mann bist. Es hängt viel davon ab, was du selbst zur Aufklärung beiträgst".
- "Wir gehen davon aus, daß der Name Klaus S. als V-Mann vom Verfassungsschutz über die Presse lanciert worden ist.."
- "Sollte es sich bei dem V-Mann nicht um Klaus S. handeln, ergibt sich die Frage, wer war der "4.Mann"?"
Und zum Schluß: "Niemand kann zur Zeit mit Sicherheit behaupten, ob Klaus S. der V-Mann ist oder nicht". Da wird sich selbst die Absolution erteilt, in dem alle anderen, die nicht so verfangen und blind sind, zu unverantwortlichen Spekulanten erklärt werden.

Bericht: Die vierte Woche


Montag, 19.7.93

Veröffentlichung des Briefes von KS als Dokumentation in der "taz": "Ich entkam...ich bin kein Bulle""Spiegel" und "Focus" bringen ausführliche Artikel zu KS, jede Menge Informationen über Beginn und Stationen seiner Spitzeltätigkeit.

Dienstag, 20.7.93

Nach den Veröffentlichungen aus Wiesbaden am Wochenende entscheiden wir uns, die GenossInnen ultimativ aufzuforden, endlich den Sachverhalt offen zu machen. Was wir bisher abgelehnten, uns autoritär über die wiesbadener GenossInnen hinwegzusetzen, ziehen wir jetzt doch in Betracht. Wir entscheiden uns, ihnen vorher einen fünf Punkte umfassenden Brief zu schreiben, um ihnen die Gelegenheit zu geben, die notwendige Korrektur und Kehrtwendung selbst vorzunehmen.

Was jetzt kommen muß. Öffentlich, unmißverständlich, klar und ohne wenn und aber:

1.Bestätigung des sog. "V-Mannes" mit vollem Namen. Die Aussage von Zuber: Seit '85 ihr Mann, muß ebenfalls als Tatsache angenommen werden. Das ist die Dimension.

2. Entschuldigung für das Fax, was kurz vor der Demo in die Städte ging. De facto wurde ein Spitzel im Namen und so'rum mit der Autorität eines ermordeten Genossen und einer verhafteten Genossin, wofür er verantwortlich ist, gedeckt. Das ist gelaufen und dafür muß sich öffentlich entschuldigt werden. Darauf bestehen wir.

3. Beide Presseveröffentlichungen (Samstags-TAZ 1. Seite, der Zusatztext vom 18.7.) werden ausdrücklich wegen falscher und irreführender Darstellungen zurückgezogen.
Selbstkritik muß sein: Der Hauptwiderspruch von Anfang an war nicht das, was dann immer mehr in die Zeitungen kam, sondern Birgit's Telefonat mit ihrer Mutter noch am Sonntag ("Rechtsanwalt für Klaus aus Wiesbaden"). Das wurde noch am 18.7. nicht zur Grundlage gemacht ("Niemand kann mit Sicherheit sagen...") und muß klar als eigener Fehler benannt werden.

4. Weiter muß erklärt werden: Mit diesem Hauptwiderspruch und auch anderen (keine öffentliche Fahndung usw.) wurde nicht gearbeitet. Stattdessen habt ihr euch durch die Interpretation seiner Kontaktaufnahmen und eigene Aufrufe (TAZ-Brief 17.7.) objektiv zum Spielball des Verfassungsschutzes gemacht. Ihr Kalkül: Zuerst der Versuch ihn wieder reinzukriegen, als das gegessen war, Ruhigstellung und Desorientierung derjenigen, die ihn am ehesten enttarnen konnten, um den aus den Fugen brechenden Apparat wieder auf Kurs zu bringen und den Zeitpunkt der offiziellen Bestätigung selbst zu setzen. Das ging auf. Das war die Funktion seiner Kontaktaufnahmen, darauf zielte sein Brief, der in die TAZ gebracht wurde. Das muß selbstkritisch auf den Begriff gebracht werden. Diese Verantwortung müßt ihr übernehmen.

5. Eine grundsätzliche Erklärung im Sinne von: Es geht nach wie vor um die Aufklärung des Mordes an Wolfgang. Trotz der gemachten Fehler im Bezug auf den sog. "V-Mann" bitten wir alle, die Aufklärung der Todesum-stände weiterhin zu unterstützen und nicht zu denken unsere bisherigen Bemühungen seien unglaubhaft, nur weil wir an einer anderen Frage katastrophale Fehleinschätzungen hatten.

Das ist das erste, was jetzt sofort gemacht werden muß. Dann gibt es wieder Luft, um genau zu überlegen wie weiter. Entscheidend ist nicht, wer wann was gedacht hat, sondern was in den letzten drei Wochen öffentlich gesagt wurde. Es geht darum, daß ihr eure Integrität und Glaubwürdigkeit öffentlich wieder herstellt. Das ist die unabdingbare Voraussetzung, um überhaupt zukünftig mit der ganzen Schweinerei arbeiten zu können und Schutz zu schaffen.
Genossinnen und Genossen, springt über euren eigenen Schatten, habt den Mut diesen Schritt jetzt zu tun!
20.7.93

Wir sorgen dafür, daß dieser Brief über verschiedene Kanäle nach Wiesbaden geht, damit er nicht in den informellen Strukturen "verschwindet". Einfluß können wir damit aber nicht mehr nehmen: Er wird fast einhellig als "unverschämt und anmaßend" empfunden - und nicht diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt kritisieren wir uns bereits, daß wir so lange unterhalb der großen Öffentlichkeit agiert haben: Wir hätten uns einfach über die GenossInnen hinwegsetzten sollen.

Auf einer Pressekonferenz in Mainz stellt Innenminister Zuber klar, "daß sich der V-Mann nach den Vorgängen in Bad Kleinen nicht dem weiteren Zugriff der Behörden entzogen hat, sondern den Behörden weiter zur Verfügung stand". - Die Telefonate, Briefe und die tatsächlichen wie die beabsichtigten Treffen mit wiesbadener Leuten, das war alles ein VS-Spiel.
Das "Komitee zur Aufklärung..." vertritt dagegen noch am Montag gegenüber der "Frankfurter Rundschau" die Positionen ihrer Presseerklärung vom 18.Juli. Eine Sprecherin des Komitee weiß gegenüber der "FR" zu berichten, daß KS nie der RAF angehört habe - sie widerspricht einer These von der "legalen RAF", die im Zusammenhang mit diesen Ereignissen, noch niemand aufgestellt hat.


Donnerstag, 22.7.93

Die "taz" veröffentlicht einen Brief von Birgit, der den Verrat des VS-Spitzels Klaus Steinmetz öffentlich benennt. Wir sind erleichtert darüber, daß sie das endlich gemacht hat, aber auch erschüttert, daß sie es machen mußte. Birgit sitzt in Isolation, muß selber ihre Verhaftung und den Tod des Genossen verarbeiten - und alle Augen hängen an ihrem Mund. Hier haut es Leuten wegen viel geringerer Anlässe den Boden unter den Füssen weg. Als Schweinerei empfinden wir es, daß es ihren Brief brauchte, bis eine schon offenkundige Tatsache auch als solche akzeptiert wird.


Danach, 4.8.93

Ein weiterer, handschriftlicher Brief von KS taucht in Wiesbaden auf. Obwohl jetzt von allen Seiten, der staatlichen wie der revolutionären, die Tatsache des Verrates und der Name des Verräters offen ist, versucht KS weiter "seine Szene" in Wiesbaden zu beeinflussen. In dieser Gefühlswelt und Mentalität kennt er sich gut aus, und spielt immer noch damit. Nicht nur, daß er sich als Opfer des Staatsschutzes deklariert und sich bedankt ("Als ich dann sah, daß ihr hinter mir steht.."); er geht mit der "Klein-Doofi"-Tour hausieren geht und versucht weiter seine langjährige Agententätigkeit zu verdecken. Dabei legt er falsche Fährten ("Die Bullen wußten vom Treff .. oder haben mich verfolgt (Obs oder Piepser..)..") und spricht klare Drohungen aus ("Ihr müßt begreifen, daß die BAW mit mir spielt, wann und wie falle ich um, wobei Ihr an den Fäden zieht. Und das kann weitergehen, das kann sich auf noch mehr Leute ausdehnen. Wenn ich dies sehe, weiß ich nicht, ob ich überhaupt jemals irgendwas spielen kann, mit denen kann man sowieso nicht spielen.")
Gleichzeitig spielt er weiter auf der Leier, von der er weiß, daß sie wochenlang in Wiesbaden gut angekommen ist und die es den GenossInnen leicht gemacht hat, Augen, Ohren und Herzen zu verschließen: KS benutzt die gleichen Vorurteile, Meinungsverschiedenheiten und Widersprüche, wenn er zu den "Leuten aus Ffm" schreibt: ".., die mich laut Stern dieser Woche auch noch suchen, die aus Ffm glaube ich zu kennen und die sollen dies auch lesen, weil sie durch ihr Handeln sich zu profilieren versuchen, wie schon oft in ihrer Geschichte. Wie ich schon einmal ausführte, ich habe weder in der Vergangenheit noch werde ich in der Zukunft jemanden belasten, einen Haß habe ich auf die Schweine, die mir das eingebrockt haben, und auf mich, weil ich Fehler gemacht habe. Z.B. auch Leuten zu vertrauen, die mich jetzt in die Pfanne hauen."

Die Wochen der Unklarheit

Tatsächlich unklar war uns in diesen Wochen nur, warum die Genossinnen und Genossen in Wiesbaden partout völlig entgegengesetzte Schlußfolgerungen zogen.

In den Wochen haben wir mit vielen geredet, aus allen linksradikalen Spektren, insbesondere mit Genossinnen und Genossen aus Wiesbaden und Frankfurt. In den Gesprächen bemühten wir uns, allen die Möglichkeit zu geben selbst zu einer Einschätzung zu kommen. Sicher, wir hatten auch Infos, die eher in die Kategorie "intern" gehörten und daß einigen von uns Klaus Steinmetz nicht unbekannt war, hat uns zumindest erleichtert, ihm das auch zutrauen zu können. Aber dazu haben wir wenig gesagt, weil aus unserer Sicht die zur Behauptung nötige Sicherheit schon aus den Infos kam, die allgemein zugänglich waren und die nur in Beziehung zueinander zu setzen waren.

Verschweigen: "Es fehlt kein Klaus..": Aus einer taktischen Überlegung der Absicherung nur so läßt sie sich nachvollziehen: einen gefährdeten Genossen und sich selbst Raum zu schaffen gegen den Staatsschutz und die Spekulationsinteressen anderer wird ein katastrophaler Fehler. Genossen und Genossinnen in anderen Städten, denen zu der öffentlichen Information über "Klaus aus Wiesbaden" sofort die alte kaiserslauterner Geschichte einfällt, legen ihre Befürchtungen beiseite. Angeblich fehlt ja niemand.


Die RechtsanwältInnen: Zum Teil wußten sie, um welchen Klaus es geht zum Teil wußten sie, daß dieser Klaus S. in Kaiserslautern ausgesagt hatte - zum Teil hätten sie drauf kommen können, wenn auch ihnen gegenüber nicht der Nachname geheimgehalten worden wäre.


Hinhalten und Abdecken der Diskussion: Uns wurde in den Wochen von mehreren Seiten aus versucht, den Mund zu verbieten. Weder wurden wir zu den zumindest, sceneöffentlichen Sitzungen des Grams-Komitees eingeladen um unsere Einschätzung zu begründen, noch setzten sich die für die Diskussion und Weitergabe von Informationen maßgeblichen Genossinnen und Genossen mit uns direkt in Verbindung. Unsere mehrfache Forderung nach einem gemeinsamen Gespräch wurde immer wieder abgelehnt.


Informelle Klüngelei - "Da sind schon welche dran": Dies ist einer der häufigsten Sätze, den wir in den Wochen hörten. Er sollte aussagen: Stellt keine Fragen, vertraut auf die GenossInnen, die "dran" sind. Aber wodran eigentlich? Und vor allem: mit welchem Ziel und welchen Kriterien? Fast niemand stellte diese Fragen denjenigen, die mit diesem Satz gleichzeitig um Verständnis und um Zurückhaltung baten. Aber das sind dann die einzig richtigen Fragen, wenn es überhaupt keine gemeinsame Grundlage und Kriterien gibt, von denen sowohl diejenigen ausgehen, die "dran" sind, wie diejenigen, die darauf vertrauen sollen, daß es die anderen schon richtig machen.
So diente der Satz dafür, daß die einen ihre Absichten nicht politisch entwickeln mußten - also nicht kritisierbar wurden, aber ihnen auch nicht geholfen werden konnte - und die anderen sich darauf ausruhen konnten.


"In unserer Gruppe war er ja nicht", deshalb braucht man sich auch nicht verhalten und erklären. Plötzlich wird die formale Mitgliedschaft in einer Gruppe ein Kriterium. Das geht aber völlig an den Mechanismen und Strukturen der Szene vorbei, in der sich KS bewegte. Formell war er fast nirgendswo dabei - aber dabei war er fast überall. Er war zum Beispiel kein Mitglied in der SpinnenNetz-Gruppe Mainz/Wiesbaden; aber um die Überlegungen und Vorhaben dieser Gruppe mitzukriegen, reichte es völlig, daß er mit welchen von ihnen zusammenwohnte und engste Beziehungen hatte. Über diese Schiene konnte er andere Gruppen kennenlernen - und sei es nur für die Einweisung in die Computertechnik.

Wenn es keine Pannen gegeben hätte...

Mit der "Kinkelinitiative" setzte die Regierung darauf, die RAF durch Erpressung dazu zu kriegen, von sich aus "die Flinte in's Korn zu werfen". Deswegen gab es nicht schon früher eine Festnahmeaktion. Nach Weiterstadt mußte ein Zugriff erfolgen, die repressive Seite der KgT-Initiative trat auf den Plan - ohne sie abzulösen. Wie ein Nußknacker sollten und sollen beide Elemente die RAF zerstören.

Der ursprüngliche Plan war, Birgit in Wismar festzunehmen - ohne Klaus Steinmetz. Einen Zusammenhang zu einem "2. Mann" hätte es nicht gegeben. "Kommissar Zufall" hätte zugeschlagen - kann ja passieren - und der Spitzel wäre wieder nach Hause gekehrt. Die Festnahmeaktion in Wismar war schon angelaufen und wurde kurzfristig abgeblasen, nachdem KS meldete, daß am Sonntag noch Wolfgang dazustoßen würde.

Um Birgit und Wolfgang festzunehmen - und um ihren Spitzel nicht zu gefährden -, mußten sich die Bullen was Neues einfallen lassen. Eine Festnahme aller drei (z.B. in der Bahnhofskneipe) kam nicht in Frage, oberste Zielvorgabe war, daß KS unbeschadet aus der Aktion rauskommt, niemand nach ihm fragt und Birgit und Wolfgang denken sollten, der Typ hat Wahnsinnsschwein gehabt. Geplant war, wie beim ersten abgeblasenen Versuch, daß (sichtbar) wenige Bullen die Festnahmen tätigen und nicht als GSG-9 erkennbar sein dürfen (deshalb z.B. keine kugelsicheren Westen). Der Öffentlichkeit wäre dann wieder "Kommissar Zufall" präsentiert worden. Die Bahnhofsunterführung schien für diesen Plan geeignet. Daß fünf "Dorfbullen" einer durch die Lappen geht und die das nicht mal merken, auf diese Version hatten sie gebaut. Ohne Tote hätte keine Presse vor Ort recherchiert, eine öffentliche Frage nach einem "Dritten" wäre nicht gestellt worden.

Erst dadurch, daß Wolfgang geschossen hat, konnte der Verrat offen werden. Ganz sicher hätte die Guerilla die Umstände der Verhaftungen genau untersucht und an KS hätte es jede Menge Fragen gegeben. So einfach wäre er nicht davongekommen. Allerdings, und die Frage müssen sich alle GenossInnen stellen, in der RAF wie innerhalb seines politischen Zusammenhangs, als was wäre die ganze Sache eingeordnet worden? Aus dem Verlauf der letzten Wochen müssen wir den Schluß ziehen, daß sicher alles Mögliche in Betracht gezogen worden wäre, von einem Zufall bis zu eklatanten Fehlern KS's, aber daß der ganzen Sauerei ein gezielter Verrat zu Grunde liegt, wohl zu allerletzt. Diese Dimension müssen alle denken.


Die Vertuschung der Todesumstände von Wolfgang Grams

Das wochenlange Schweigen zu Klaus Steinmetz und die damit einhergehende innere Lähmung in der Linken, hatte unmittelbare Auswirkungen. Was in Bad Kleinen passierte, was davon an die Oberfläche des allgemeinen Bewußtseins drang, war geprägt von der Machart und Dynamik der großen Medien. Die medienspezifische Herangehensweise, die Sensation, das Geheimnisvolle aufzuspüren und herauszustellen, bestimmte die öffentliche Darstellung und Auseinandersetzung. Schlagzeilen für's Kurzzeitgedächtnis, aufrüttelnd und entlarvend für den Moment.

Die Recherche, die Aufdeckung der fragwürdigen Umstände, unter denen Wolfgang Grams zu Tode kam, war den Medien zu verdanken. In dem Ausmaß - daß es sich zur kurzzeitigen Staatskrise auswuchs - war es im Zusammenhang mit Reaktionen auf die RAF einmalig.
Diese Bedeutung wurde zum Teil nicht mal gesehen, weil die Medienöffentlichkeit selbst als Verschwörung, als gelenktes Manöver verstanden wurde. In absurder Weise ist ein dogmatischer Staats- und Gesellschaftsbegriff durchgeschlagen, in dem die verschiedenen Staatsapparate, auch die ideologischen wie die Medien, keine relative Autonomie haben, sondern nur auf Befehl reagieren.

Die Chancen, die in dieser Situation lagen, wurden nicht genutzt. Es wurde nicht nachgehakt und nicht vertieft. Mehr noch - weil mit den Möglichkeiten nicht gearbeitet wurde, alles in der speziellen Spekulation und journalistischen Sensationsmechanik blieb, hat es die Voraussetzungen für die absehbare "Normalisierung" geschaffen.
Das "Komitee zur Aufklärung der Todesumstände von Wolfgang Grams" hatte seinen Job völlig verfehlt - es war eine Fälschung, weil es ein Komitee zur Verteidigung von Klaus Steinmetz war. Das unmittelbar Notwendige konnte nicht gemacht, auch nicht von anderen gefordert werden: ein bundesweit zusammengesetzter Ermittlungsausschuß und eine internationale Kommission. Als die entstand (und sich nach wenigen Wochen wieder auflöste), war es dafür längst zu spät. Da hätte sie nur noch den Job gehabt, die Durchsetzung der staatlichen Version eines Selbstmordes zu verhindern.

Der Auslöser für die medienmäßige Untersuchung der Todesumstände von Wolfgang Grams war, daß sie von Regierung und staatlichen Einrichtungen in dreister Weise angelogen und benutzt wurden. Die Wende kam, als von staatlicher Seite klare Signale gesetzt wurden: Kohl machte mit der Ernennung von Kanther seine Position deutlich. Der Staatsbesuch bei der GSG-9 am 22.7.93 steckte die Grenzen eindeutig: Staatliche Strafverfolgung kann Fehler machen, aber jegliche Kritik, die darüber hinaus geht, ist ein Angriff auf die Grundlagen der Regierungspolitik. Letztlich hat Kohl alle an ihre Staatstreue erinnert - und damit den Einklang wiederhergestellt.

Am "Spiegel" läßt sich diese Entwicklung sehr gut ablesen."Der Spiegel" trug wesentlich zur Aufdeckung der ganzen Merkwürdigkeiten bei, in dem es einen Zeugen präsentierte, den die bürgerliche Öffentlichkeit akzeptieren konnte: einen Bullen. Eine Kioskverkäuferin reichte ja nicht, die alles gesehen und alles sofort auch gesagt hatte. Es war aber genauso "Der Spiegel", der das Signal zum Rückzug gab. Kohl's Devise war angekommen und wurde sofort, drei Tage später am 25.7.93 umgesetzt: Der Zeuge wurde öffentlich demontiert - und der Zusammenhang zu Klaus Steinmetz ist offensichtlich. Kaum war die Geschichte raus und erkennbar, welche politische Sprengkraft in ihr steckt, kam die Wende.


Wir vermuten, "Der Spiegel" hat ein Tauschgeschäft gemacht: Ihre Version von Bad Kleinen und ihren Zeugen gegen die Exklusivrechte an der Story von Klaus Steinmetz. Eines Tages wird "Der Spiegel" uns damit beglücken.


Abschluß: Dezember 1993