Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken
Das Leben geht
weiter. Der Kampf auch.
Keine Einleitung, sondern
mittendrin
Wir waren nicht
in Bad Kleinen. Wir haben weder das Wissen der RAF noch
des Verfassungsschutzes. Aber wir sind Genossinnen und
Genossen aus der revolutionären Linken - und von
uns hatten welche mit Klaus Steinmetz zu tun. Das allein
schon verpflichtet, öffentlich für diesen Kontakt
und unsere Handlungen die politische Verantwortung zu
übernehmen - und zur Diskussion zu stellen. Für
uns ist das aufs Engste mit der Frage der Weiterentwicklung
emanzipatorischer revolutionärer Politik verbunden.
Die Wochen nach
Bad Kleinen waren für uns schwerwiegend. Wir mußten
unter uns den Gründen dieses Kontaktes und Verantwortlichkeiten
nachspüren und Konsequenzen ziehen. Heute können
wir sagen, daß bei uns eine Zeit lang die Gefahr
bestand, daß es uns auseinanderfetzt.
Gleichzeitig waren wir vom ersten Tag an in einer heftigen
Kontroverse mit sehr vielen anderen Genossinnen und Genossen.
Aus unserer Sicht lag der Grund nur zu einem kleinen Teil
darin, daß wir sofort auf Klaus Steinmetz als Verräter
kamen und auf die öffentliche Benennung bestanden.
Das nahm zwar anfangs den größten Raum der
Kontroverse ein. Tatsächlich ging es aber unmittelbar
um eine sehr grundsätzliche Auseinandersetzung über
die Politik der revolutionären Linken in den vergangenen
Jahren. Weder für uns, also gruppenintern, noch innerhalb
der Linken waren und sind wir bereit, "Bad Kleinen"
und die langjährige Unterwanderung als bloße
Kette von Fehlern und individueller Unzulänglichkeiten
zu diskutieren. Das macht die Diskussion grundsätzlich
und scharf - aber es ist aus unserer Erfahrung die einzige
Möglichkeit, zu einem brauchbaren Begriff der Vorgänge
und Ursachen zu kommen, der die individuellen wie die
allgemeine Verantwortung faßt und nicht abwälzt.
Erst daraus können Kriterien entwickelt und kollektiviert
werden - erst daraus auch kann die Erfahrung des Kampfes
und der Widersprüche dieser Jahre verfügbar
werden, können sie einfließen in einen Prozeß
tatsächlicher und nicht nur behaupteter Neubegründung
revolutionärer Politik.
Durch die langjährige Zusammenarbeit mit einem Verfassungsschutzspitzel
innerhalb der revolutionären Linken wurde der Genosse
Wolfgang Grams erschossen und die Genossin Birgit Hogefeld
verhaftet. Sie ist seitdem im Isolationstrakt in Bielefeld
den schärfsten Haftbedingungen unterworfen. Wolfgang
Grams' Tod wird heute vom Staat systematisch in eine -
wenn auch völlig unglaubwürdige - "Selbsttötung"
verwandelt. Obwohl diese Staatsschutzaktion gegen die
revolutionäre Linke eine regelrechte Staatskrise
auslöste, war die Linke nicht in der Lage diese gegen
dessen Lügen zu nutzen.
Die Krise der
revolutionären Linken offenbarte sich als tiefgreifender
und schwerwiegender. Die Chance der Wiederaneignung der
politischen Initiative, in dem die Krise staatlicher Politik
durch eigene Vorstöße vertieft wird, wurde
verschenkt. Manches Mal wurde diese Krise auch in eine
bewußte Irreführungskampagne des Staates gegen
die Szene umgedeutet. Das paßte in den eigenen Kram.
Das Erschrecken darüber, daß ein Bulle sich
jahrelang in unseren Reihe herumtrieb und bis zur RAF
kam, ließ sich darüber abmildern. Aber alles
rächt sich: die falschen Konsequenzen aus einer nicht
begriffenen Kampfgeschichte genauso wie die ideologisierte
Unselbständigkeit des Widerstands. Der Erkenntnisschock
- "Steinmetz'sche Einheit" - , daß die
Politik der letzten Jahre unmittelbar verwoben ist mit
einer geschickt inszenierten konterrevolutionären
Taktik des Staatsapparats, und darum und so auch überhaupt
keine Chance für eine Neubegründung hatte, verwandelt
sich in ein Trauma, daß sich bis in die "Abwicklung",
und den "Bruch" von RAF und Gefangenen verlängert.
Scheinbar interessiert das keine und keinen mehr. Nach
der großen Aufregung - wenn auch ohne große
Diskussionen - kommt nun der Gleichmut. Das Leben geht
weiter. Der Kampf auch?
Bad Kleinen
- ein politisches Synonym
"Bad Kleinen"
hatte sich in jeder Hinsicht zu einem großen Skandal
entwickelt, in dem alle Elemente einer Staatskrise enthalten
waren. Tragisch in der Konsequenz, aber nur die Entscheidung
des Genossen Wolfgang mit der Waffe in der Hand zu kämpfen,
brachte die Blase zum Platzen.
Verschiedenste
Apparate und Institutionen des Staates verschleierten
und vertuschten, belogen die Öffentlichkeit und sich
gegenseitig. Ihre Operation, in der die Polizeiaktion
in Bad Kleinen nur einen kleinen Teil ausmachte, war gründlich
schiefgegangen. Jeden Tag kam mehr ans Licht, was versucht
wurde im Dunkeln zu halten: Die Toten von Bad Kleinen
sind nicht einfach in einem Feuergefecht ums Leben gekommen,
möglicherweise wurde Wolfgang Grams regelrecht hingerichtet.
Und: In einer politisch bestimmten UnderCover-Aktion sind
höchste Stellen des Regierungsapparates des Bundes
und eines Landes, nämlich Rheinland-Pfalz, verwickelt.
Der langjährige Kontakt mit der RAF mußte die
Frage hervorbringen, was diese Stellen von Aktionen, möglicherweise
im Voraus, wußten - und was dann die politischen
Interessen waren, die demgegenüber Vorrang hatten.
Darüber stolperte Innenminister Seiters - ausgemacht,
daß der frisch gekürte SPD-Kanzlerkandidat
und rheinlandpfälzische Ministerpräsident Scharping
im Amt zu halten wäre und mit ihm Bundeskanzler Kohl,
war es offensichtlich nicht.
Wie immer man diese Ereignisse bezeichnen wird, deutlich
war, daß sich unmittelbar kein Konsens der verschiedensten
Dienste und politischen Führungsstellen herstellen
ließ. Was als Kompetenzgerangel und Kommunikationsschwierigkeiten
nur schlecht erklärt ist, bildete für einen
kurzen Moment ein äußerst labiles Gefüge,
in dem für die zukünftige Entwicklung deutscher
Innenpolitik sehr viel auf dem Spiel stand.
Politische Initiativen
einer nennenswerten Opposition fehlten in dieser Situation
völlig. Stattdessen wurde in unverantwortlicher Art
und Weise zu den staatlichen Vertuschungen beigetragen.
Nicht nur vom politischen Zusammenhang des Klaus Steinmetz
in Wiesbaden. Wir wissen bzw. können es uns sehr
gut vorstellen, welche gewaltige Anstrengung es bedeutet,
eine Wahrheit zu akzeptieren, gegen die sich alles sträubt.
Sofort sind alle Fragen präsent: langjährige
Freundschaft, Vertrauensmißbrauch, Neubewertung
aller Initiativen und Vorstöße der letzten
Jahre, Konsequenzen usw. Ganz zu schweigen von den möglichen
Folgen des Verrats für die eigene Sicherheit und
Freiheit. Aber objektiv betrachtet führte diese organisatorische
und politische Unfähigkeit zu einer Interessensidentität
der revolutionären Kräfte mit denen des Staates:
es darf nichts herauskommen.
So haben wir
es ausschließlich den Medien zu verdanken, daß
in diesem kurzen Moment der staatlichen Verunsicherung
Dinge ans Licht kamen, die die RAF und der politische
Zusammenhang von Klaus Steinmetz sofort hätten aufdecken
können. Das wäre auch eine Art eigener "Rehabilitierung"
gewesen, die unabhängig von einer moralischen Kategorie
Ausgangspunkt der Rückgewinnung von Glaubwürdigkeit
und politischer Initiative ist. Stattdessen ermöglichte
die wochenlange Verdeckung entscheidender Tatsachen es
den staatlichen Stellen sich wieder auf eine einheitliche
Lesart der Ereignisse zu einigen - und den Tod von Wolfgang
Grams in eine Selbstmordlegende zu verwandeln. Die gelungene
Normalisierung dieses Skandals liegt genauso in der Verantwortung
revolutionärer Kräfte, wie die Ermöglichung
der jahrelangen Unterwanderung durch einen VS-Spitzel.
Die Folgen reichen bis zum heutigen Tag und sie werden
uns noch weiter beschäftigen.
Steinmetz
- Der Fingerzeig auf Wiesbaden weist in die falsche Richtung
"Wir müssen
unsere Fehler zur Diskussion stellen, um lernen zu können."
Denn natürlich hat Steinmetz Wunden geschlagen, auch
bei uns. Der Typ hat Schwächen bloß gelegt,
die Nerven sind gereizt. Wir brauchten die Aufarbeitung
auch für uns.
Der Typ war
nicht gut - unsere Seite war schlecht. Das gilt für
die Jahre bis Bad Kleinen - und für die Wochen danach.
Darin hat der Begriff "Verantwortung übernehmen"
einen sehr großen Stellenwert. Für uns wurde
er zum Kriterium, auch der Zusammenarbeit mit anderen
Gruppen und einzelnen Genossinnen und Genossen.
Für viele ist eine Welt eingestürzt. Der einzige
Schutz dagegen ist, sich zusammen in die Lage zu versetzen
zu reflektieren, zu kritisieren und zu analysieren. Das
ist auf unserer Seite der Barrikade der Lebensnerv. Von
da aus können wir dann überlegen, wie wir dem
Staat und seinen Apparaten entgegentreten.
Mit diesem Verhältnis versuchten wir zu handeln.
Nichts hat für Steinmetz gesprochen. Weder objektiv,
also, wie er als einziger ohne Waffe angeblich entkommen
konnte, noch subjektiv, also, welche Struktur er hatte,
welche Fragen wir ihm gestellt hatten, auf die wir keine
Antwort erhielten. Letzteres ist unser internes Problem
- und doch keines. So wie alle darüber sprechen müssen,
wie wir Beziehungen aufbauen, wie wir zusammen kämpfen,
wie wir uns verändern wollen.
Steinmetz hat
in Wiesbaden gelebt. Im Allgemeinen ist er aber das Problem
des "revolutionären Prozesses" überhaupt.
Die Beziehungsstruktur, in der gekämpft wurde, ist
marode geworden. Die notwendigen Konfrontationen und Kämpfe
wurden - aus unterschiedlichen Gründen - vertagt.
Die Linke wurde getrieben. Ohne inne zu halten, Denkpausen
zu machen, um wieder die Gründe für den Kampf
zu definieren, brauchbare Kriterien zu finden.
Wir behaupten, alle kennen das, wenn sie wirklich mal
genau überlegen. Die Verwässerung eigener Kriterien
hat sich überall breit gemacht. Und es ist ein politisches
Problem, wenn es von der persönlichen Integrität
abhängt, ob sich jemand an Kriterien hält oder
nicht. Darüber müssen wir sprechen.
Aber das Problem
ist nicht das Verhalten der Genossinnen und Genossen des
Zusammenhangs von Klaus Steinmetz. Sicher, sie haben,
weil sie mit ihm unmittelbar zusammen waren, eine besondere
Verantwortung. Politisch aber, ist es eine Frage an den
gesamten Prozeß. Wir behaupten, es wäre überall
im Prinzip genauso gelaufen. Für die Auseinandersetzung
ist uns das wichtig, weil es keine individuelle, örtliche
oder regionale Kiste ist. Wer so daran geht, kapiert nichts,
macht die Krise unserer Politik, die Krise der revolutionären
Linken, zur Macke und Unfähigkeit einiger Leute.
Entscheidend
ist auch nicht, daß welche vor den wiesbadener Leuten
sich sicher waren, daß der Typ ein Bulle ist und
das alle Versuche was anderes zu denken letztlich nur
dazu dienten einen Spitzel zu decken. Dafür kann
sich niemand einen Lorbeer anstecken und angesichts der
realen Katastrophe ist es auch das Unwichtigste in allem.
Das Entscheidende ist, daß zusammen kein anderer
Schluß gezogen werden konnte; daß es Birgit
Hogefeld war, die aus dem Knast heraus die Sache klar
stellen mußte, anstatt daß die es machen,
die draußen waren - und reden konnten.
Wurde in den ersten drei Wochen nach Bad Kleinen die von
wenigen ausgesprochene Gewißheit, Klaus Steinmetz
ist ein Bulle, noch vehement bekämpft, machen sich
die gleichen Leute jetzt in einer Lüge bequem ("er
wußte nicht, was er tat"). Alle die vertraut
haben, auf was auch immer, ohne selbst nachzudenken, fühlen
sich jetzt betrogen. Jede Erklärung wird dann doch
eher zu einer Rechtfertigung von Fehlern.
Der Schlüssel
für Steinmetz' 10 Jahre in den Zusammenhängen
der radikalen und revolutionären Linken liegt in
den 3 Wochen seit Bad Kleinen. In ihnen kulminiert der
eigene Kontinuitätsbruch, indem die Kampferfahrungen
zur individuellen Geschichte verkommen und dann zwangsläufig
auch nicht mehr da sind, wenn die Leute gehen oder nicht
mehr können; all das kommt jetzt auf den Begriff:
einer, der 1984 dreieinhalb Stunden beim Staatsanwalt
quatschen konnte landete bei der RAF. Die zumindest -
wie sie jetzt sagt - von einem Bullenverdacht wußte.
Da gibt es die konkrete Verantwortung derer, die das möglich
machten. Also der Genossinnen und Genossen, die das von
damals wußten und es nicht weiter verfolgten. Und
nicht, weil damals schon klar gewesen wäre, daß
er ein Bulle ist. Sondern vielmehr aus dem, wie überhaupt
unter uns geguckt und geprüft wird wie so einer weitermacht,
was so einer begreift an dem, daß er mit den Bullen
gemeinsame Sache gemacht hat. Weil, klar ist auch: nicht
alle, die mal was sagen bei den Bullen sind gleich selber
welche. So zu denken macht alles irreal und ungreifbar,
weil alle, grad' wenn sie anfangen zu kämpfen, auch
Fehler machen können. Auch so was wie mit den Bullen
reden. Dafür gibt's genug Beispiele aus allen Bewegungen.
Aber auch, daß es besser ist, daß so einer
nicht gerade bei der Guerilla landen muß.
Es geht nicht
darum alle Leute jetzt abzuchecken nach einem Fragenkatalog,
oder etwa Kaderakten anzulegen. Das wäre eine technische
Lösung für ein politisches Problem. Nein, es
ist viel einfacher und dramatischer: es ist möglich
über Jahre dabeizusein, ohne selbständig um
den Prozeß kämpfen zu müssen. Alle, die
ihn kennen sagen das: er war der klassische Handwerker.
Er war verbindlich, er kümmerte sich um Sachen, war
praktisch veranlagt. Wo andere nur quatschten war er da
und machte die Dinge, die notwendig waren. Aber viele
sagen auch: politische Beiträge gab's von ihm kaum.
Überhaupt hat er nicht viel geredet. Natürlich,
viel zu reden ist nun wirklich kein revolutionäres
Markenzeichen, aber wenn einer immer wieder durchkommt,
ohne das er selbständig den Prozeß entwickelt,
also mitmacht, dann sind wir genau beim Kern dessen, worüber
wir reden müssen. Und es ist dann weniger seine Schizophrenie,
worüber einige grübeln und meinen ihn im Nachhinein
noch therapieren zu müssen (oder nur sich selbst?
- es ist für die eigene Geschichte eben behaglicher,
ein vermeintliches Opfer der Bullen, "abgeschnitten
von seinen Lebenszusammenhängen", um sich herum
gehabt zu haben, als einen Bullen - und das auch so zu
nennen), sondern die Struktur in der er sich bewegen konnte
und die ihn zur RAF getragen hat. Eine Struktur, deren
kollektive politische Mechanismen nicht mehr zur Wirkung
gekommen sind, weil sie aufgegeben wurden.
Bad Kleinen
- und die "Abwicklung".
"Die Niederlage
der RAF ist eine Niederlage der Linken" - so hieß
im Sommer 1972 ein Text, nachdem die Genossinnen und Genossen,
die die RAF aufgebaut hatten, weitgehend alle verhaftet
waren. Damals wie heute soll dieser Titel vor allem eines
klarstellen: Es ist nicht möglich eine Niederlage
der RAF als ihr Problem zu reden - wenn die RAF scheitert,
erleidet auch die Linke eine Niederlage. Von diesem Standort
aus muß überlegt, diskutiert und gehandelt
werden.
Damals lagen die Genossinnen und Genossen mit ihrem Text
aber trotzdem daneben. Ihr Begriff von "Niederlage"
orientierte sich an den Verhaftungen und war damit letztlich
militärisch bestimmt.
Daß wir
heute von einer Niederlage der RAF sprechen hat dagegen
unmittelbar mit der Tatsache, daß es einen VS-Spitzel
bei der RAF gegeben hat, relativ wenig zu tun. Es sind
aber die politischen wie subjektiven Gründe, die
diese VS-Unterwanderung ermöglichten: Die objektiv
vorhandene gegenseitige Verkettung der Krise revolutionärer
Politik mit den politischen Vorstößen der Bundesregierung,
die zur Zersetzung der revolutionären Linken (insbesondere
der RAF und den politischen Gefangenen) führen sollten,
und die zeitlich in diesem Zusammenhang bestimmten Schritte
einer "neuen Politik". Das ist auch der unmittelbare
Boden für die Spaltung von RAF und Gefangenen. Bad
Kleinen und das Desaster im Verhalten der revolutionären
Seite hat die Politik seit 1989 auf den Prüfstand
gestellt - und als eine einzige Katastrophe verworfen.
Natürlich
war was ganz anderes gewollt. Wir sind die Letzten, die
das heutige Ergebnis als die Absicht unterstellen. Unsere
Kritik bezieht sich darauf, daß die Umorientierung
viel zu spät kam und nicht unabhängig taktischer
Gesichtspunkte zur Diskussion gestellt war (was sehr wohl
möglich gewesen wäre - lange vor April 1992,
ab da allerdings stand alles, ob gewollt oder nicht, im
Verhältnis zur "Kinkelinitiative"); daß
grundlegende Fehleinschätzungen, insbesondere vom
Zustand der Linken und anderer gesellschaftlicher Spektren,
ihrer Fähigkeit und Möglichkeiten, zu Grunde
gelegt wurden und die allerdings erkennbar waren; daß
aus dem Zerfall des Frontprozesses kollektiver Diskussion
und Entscheidung kein strategischer Wert beibemessen und
dafür kein Rahmen organisiert wurde; daß somit
wesentliche Voraussetzungen, um diese widersprüchliche
Phase meistern zu können, gar nicht existierten.
Wir hatten uns mit unseren Initiativen, Vorschlägen,
aber auch unseren Texten in diesem politischen Kontext
eingebunden. Daß wir zu anderen Einschätzungen
und Schlußfolgerungen kamen wie beispielsweise die
RAF, kann man natürlich als praxis- und verantwortungslose
Besserwisserei abtun. Dagegen können wir uns nicht
wehren, auch wenn es unlauter ist. Das Risiko sind wir
eingegangen, als wir uns entschieden haben, uns auch öffentlich
in die Weiterentwicklung unseres Kampfes einzumischen.
Nichts was seit
1989, aber insbesondere seit April '92, die Politik von
RAF, Gefangenen und Gruppen der revolutionären Linken
ausmachte, kann so noch weitergehen. Politisch war die
Regression aber längst vorher da. Trotzdem war Bad
Kleinen noch mal ein Einschnitt. Nicht, weil Wolfgang
erschossen wurde, sondern weil der revolutionäre
Prozeß den Verrat produziert hat. Das Fiasko ist
der Verrat, bzw. seine politischen Folgen: Nicht reden
zu können, nicht zu sich und der eigenen Verantwortung
zu stehen.
Was macht die
RAF? Die RAF brauchte Monate um den politischen Kontakt
mit KS zu benennen. Erst vor wenigen Tagen hat sie das
gemacht. Bis jetzt blieb der Typ das Problem der Szene
(welcher Szene überhaupt?). Schon nach Birgit's Brief
im Juli 1993 ist doch deutlich gewesen, daß die
RAF länger mit ihm in Verbindung stand. Es war ja
zu verstehen, daß sie überlegen und untersuchen
mußten, aber warum sagten sie nicht wenigstens das?
Zum Beispiel in ihrem Brief zur Demo in Wiesbaden. Dort
nicht mal so einen Satz zu sagen, mußte zwangsläufig
bedeuten: In die Richtung hat die RAF keine Fragen - und
daran haben sich viele orientiert.
1992 hat die
RAF einen in ihrer Geschichte einmaligen Schritt getan
- die Einstellung von Aktionen im Tausch gegen die Freilassung
der Gefangenen in die Diskussion gebracht - und mehr als
einmal ist in den vergangenen Monaten die Frage aufgetaucht,
ob der Spitzel mit dieser Entscheidung was zu tun hatte?
Solange sich die RAF nicht in die Untersuchung einschaltete,
schuf sie den Raum für derartige Spekulationen und
überließ zugleich dem Staat die Initiative.
Die Kinkelinitiative wird unbehelligt fortgesetzt - obwohl
alle schreiben und sagen, daß sie gescheitert ist.
Die Toten in Bad Kleinen, auch wenn sie nicht geplant
waren, sind Teil der Kinkelinitiative - durch den Einsatz
des Spitzels Steinmetz konnten sie ihren Plan überhaupt
soweit führen. Sie haben die Entscheidung getroffen,
wie lange sie warten, bis sie zuschlagen. Nach Weiterstadt
war es dann soweit.
Wie wenig die Kopplung der "Gefangenenfrage"
mit denen der Perspektive der RAF wirklich begriffen und
aufgelöst wurde, belegt die von der RAF tolerierte
und verteidigte "Celler Gesprächsinitiative".
In der ersten Antwort der RAF vom 2.11.93 auf die Mehrheitsgruppe
der Gefangenen aus der RAF zeigt sich vor allem, auf welch
dünnem Eis diese strategische Frage von der RAF angegangen
wurde; die eigenen politischen Vorhaben hingen auf Gedeih
und Verderb vom taktischen Geschick der staatlichen Gegenseite
ab. Dieser in der "Frankfurter Rundschau" dokumentierte
Brief wirkte wie die Rebellion der Jungen gegen die Alten,
denen dann auch vorgeworfen wird, sie hätten bloß
Angst um das Copyright auf den Namen RAF.
Der vor wenigen
Tagen am 6.3.94 veröffentlichte neueste Text der
RAF geht im Einzelnen auf die Entwicklung ihres Verständnisses
notwendiger Neuorientierung und - in diesem Zusammenhang
- auf den Schritt vom April 1992 ein. Mit zum Teil haarspalterischen
Begriffsdefinitionen wird die Begründung der Gefangenen
für die Spaltung widerlegt. Großteils sicher
zu Recht, aber was soll bewiesen werden? Das Entscheidende
ist doch, daß auch die RAF die letzten Jahre ohne
strategisch-taktisches Konzept handelte; von einer Entwicklung
getrieben wurde, die sie nicht in Griff kriegen konnte,
weil sie den Raum für eine grundsätzliche Neubestimmung
öffnete, ihn aber nicht organisierte und gleichzeitig
schloß, weil er zwangsläufig im Verhältnis
zum Staat taktisch sein mußte. Dadurch, und nicht,
weil es so beabsichtigt war, wurden alle ihre Anstrengungen,
Schritte und Aktionen Teil einer "Abwicklung".
Was machen die Gefangenen? Der größte Teil
der Gefangenen aus der Guerilla und dem Widerstand haben
für sich mit der politischen Entwicklung seit April
1992 einen Bruch vollzogen. Sie selbst bestimmten ihn
spätestens an der Initiative der celler Gefangenen,
die im Frühjahr 1993 begannen auf nichtöffentlichem
Weg zu Vertretern der Wirtschaft und Personen des "öffentlichen
Lebens" Kontakte zwecks Möglichkeiten einer
"Gesamtlösung" aufzunehmen, die außer
einer Perspektive für die Gefangenen, auch auf eine
"Lösung" für die Illegalen setzte.
Dies bestätigten die Genossinnen und Genossen aus
der RAF am 2.11.93 ausdrücklich: (An die Gefangenen
gerichtet) "Eure Empörung ist heuchlerisch.
Was ihr heute auf dem Markt als Deal feilbietet, den Gesamtlösungsgedanken
- die Illegalen eingeschlossen - kam auch von Euch."
(FR 6.11.93)
An dem Spiel:
wem nun zu glauben ist - der RAF oder Brigitte Mohnhaupt,
beteiligen wir uns nicht. Die Spaltung läuft im wesentlichen
an dem Fakt der vermeintlichen oder tatsächlichen
Dealerei mit dem Staat. Wir selber können dazu nur
folgendes sagen: wer hinter dem Rücken anderer versucht
eine spezielle Form von Geheimdiplomatie zu verfolgen,
wer das auch noch im vollem Bewußtsein darüber
- wie es Karl-Heinz Dellwo selbst sagt - macht, daß
es von anderen sowieso abgelehnt werden würde, der
muß sich mit der Kritik des politischen Verrats
auseinandersetzen. Daß dieser Schritt im wesentlichen
innerhalb öffentlicher Äußerungen der
Gefangenen der letzten Jahre liegt, relativiert für
uns nicht die Qualität ihres Vertrauensbruchs, allerdings
aber die Argumentation für den Bruch seitens der
Mehrheit der Gefangenengruppe. Es ist eben das Fatale
in der Argumentation der Spaltung, daß sie am Verhältnis
zum Staat entwickelt wird, aber nichts zur eigenen Politik,
zur Politik des Zusammenhangs revolutionäre Linke/Gefangene/Guerilla
der letzten Jahre sagt. Darüber wird der Bruch nicht
begründet, aber darüber müßte er
begründet werden. Das allerdings würde einen
Bruch zur eigenen politischen Entwicklung verlangen.
Was macht die
Widerstandslinke? Die Kontakte zu Reuter, Bubis und wem
auch immer liegen auf der politischen Linie der letzten
zwei Jahre. Dadrin haben alle eine Verantwortlichkeit:
Die RAF, die Gefangenen, die sich als revolutionär
verstehende Widerstandslinke. Der ganze Prozeß -
und wir denken, es ist dringend wichtig es in dieser Allgemeingültigkeit
zu formulieren, sollen es denn etwa alle "für
sich" sagen? - sind Teil der politischen Niederlage.
Es ist unsere Niederlage. Wir können es nur so diskutieren
und es ist für uns absolut notwendig in jeder Diskussion
das als gemeinsamen Ausgangspunkt zu setzen. Der gelaufene
Bruch ist kein Bruch zwischen RAF und Gefangene. Es ist
etwas, was in der Implosion der politischen Widerstandszusammenhänge
der letzten Jahre, immer und immer wieder gelaufen ist.
Der Unterschied ist bloß: hier läuft es lautlos,
die Leute gehen einfach, ziehen sich zurück, machen
andere Sachen. Also soll niemand sagen, daß wäre
nicht unser Problem. Daher sollen auch die, die jetzt
meinen die Schnauze aufreißen zu müssen, glauben
"Partei" beziehen zu müssen, sei es für
die RAF, für die Gefangenen in Celle, Birgit Hogefeld
oder die Gefangenen, die die Erklärung vom 28.10.93
tragen, bloß das Maul halten. Ihr Opportunismus
kommt vielleicht einigen entgegen, politisch aber ist
er nur peinlich. Verantwortlungslos ist es schon längst,
angesichts des Schweigens der letzten Jahre.
Die sich radikal
oder revolutionär verstehende Linke hat die Gefangenen
und die RAF in diesem Konflikt allein gelassen. Schweigen
ist zwar auch eine Form von Politik, mit eigener Anstrengung,
revolutionärer Initiative, hat das aber nichts zu
tun. Die vielen Initiativen, z.B. zu den Gefangenen, der
letzten Jahre, sind letztlich Teil dieses Schweigens.
Das meint nicht, die Sachen hätten nicht gemacht
werden sollen. Das sagen wir nicht. Jede einzelne Initiative
zum Schutz der Gefangenen der letzten Jahre war mehr als
notwendig. Aber daraus allein formuliert sich keine neue
Politik. Vor allem wenn die Leute in den seltensten Fällen
davon reden, was sie wollen, wie sie ihre Initiative im
Zusammenhang der Neuzusammensetzung revolutionärer
Politik bestimmen, bzw. ob sie sich selbst überhaupt
in diesem Zusammenhang denken.
Aufruf zur organisierten
Diskussion
Vor einigen Jahren haben wir uns entschieden, unsere Einschätzungen
der Situation, unsere Überlegungen und Vorhaben zu
veröffentlichen und damit zur Diskussion zu stellen.
Das war für uns ein sehr bewußter Schritt aus
einer von uns beklemmend und lähmend empfundenen
Lage: antagonistische Praxis, die sich selbst nicht diskutiert,
hat keine Chance die gesellschaftliche Isolation zu durchbrechen.
Öffentliche politische Präsenz, die Möglichkeit
erkennbar, überprüfbar und kritisierbar zu werden
sind dafür die Stichworte. Das bedeutete auch eine
Veränderung des Praxisbegriffs selbst. Auch wenn
wir unsere schriftlichen Produkte nie als "Theorie-Arbeit"
begriffen haben, geht es im Kern auch um das Verhältnis
von Theorie und Praxis, und dadrin selbst um einen zentralen
Begriff von Befreiung: Selbständigkeit. In unseren
Texten, "Die Mühen der Ebene", auch auch
schon bei "In die Herzen ein Feuer" dreht es
sich immer wieder darum - und sie sind im unmittelbaren
Zusammenhang praktischer Schritte entstanden. Daraus entwickelt
sich unsere selbstkritische Auseinandersetzung mit der
Praxis der revolutionären Linken genauso wie unsere
Versuche die politischen und sozialen Prozesse in der
Gesellschaft zu analysieren. Handwerkszeug für die
Praxis - und Praxis als Beitrag für Strategie und
Taktik des Befreiungskampfes in den Metropolen.
In der gegenwärtigen
Lage erscheint uns das noch dringlicher. So wie die Diskussion
allein schon um die Entwicklung militanter und bewaffneter
Politik in Deutschland geführt wird, ist es gänzlich
unmöglich zu einer Verständigung zu kommen.
Wir brauchen es zumindest für uns ganz anders. Wo
nur begriffslose Zerstörung stattfindet, ist der
faktischen Entwaffnung die politische vorausgegangen.
Da kann und wird anderen - und sich selbst - zum Weiterkämpfen
nichts in die Hand gegeben.
Wir wissen,
der Appell, sich dessen bewußt zu werden, muß
folgenlos verhallen, wenn es einen organisierten Rahmen
für eine solche Diskussion gar nicht gibt. Das ist
ja auch ein Grund für den inneren Verfall. Gleichzeitig
kann ohne eine organisierte Diskussion kein Befreiungskampf
neu entstehen. Wir gehen davon aus, daß sich die
RevolutionärInnen einen Raum erobern müssen,
um die aufgeworfenen Fragen für einen Befreiungskampf
in den Metropolen überhaupt diskutieren zu können.
Dieser "Raum" muß strategisch gedacht
sein - in Bezug auf die Entwicklung von so was wie einer
strategischen, perspektivischen revolutionären Politik
- und auf seinen Charakter: Ort der Reflexion, Diskussion
und Entscheidung, ohne den jeder auf Umwälzung gesellschaftlicher
Verhältnisse zielende Kampf im Gestrüpp der
"normativen Kraft des Faktischen" verkommt.
Das hat auch was mit bewußter Organisierung der
Bedürfnisse und Fähigkeiten im Kampf zu tun;
allemal auch mit den Notwendigkeiten einer Theorie und
Praxis, die Waffe der Kritik und die Kritik der Waffen
in eins setzenden Organisierung zu tun.
Für uns
ist ein Kampfabschnitt unwiderruflich zu Ende. Schon deshalb
wollen wir keine der überkommenen Strukturen und
Zusammenhänge "rüberretten". Das meint
auch uns. Unsere zukünftige politische und organisatorische
Gestalt ist noch nicht ausgemacht; wir werden uns aber
auch daran orientieren, wie wir mit GenossInnen und Gruppen
aus dem bisherigen Kampfprozeß gemeinsam einen neuen
Abschnitt beginnen können. Wir sind uns allerdings
sicher, es werden nur Einzelne sein. Das geht allerdings
weit über diesen Zusammenhang "RAF, Gefangene,
Widerstand" hinaus, schließt für uns andere
Spektren mit ein.
Eine Plauderstunde
kann das nicht werden; Voraussetzung ist auch, von der
politischen Mitverantwortung der Niederlage der revolutionären
Linken auszugehen. Was immer die Zukunft bringt, mit dem
unselbständigen Getue im politischen Windschatten
anderer muß gebrochen werden. Das bedeutet die Anstrengung,
die eigenen Gedanken und Überlegungen zu formulieren,
sich der Kritik zu stellen und selber zu kritisieren,
d.h. Verantwortung zu übernehmen. Darin bricht die
politische Entwicklung, die zu Individualisierung und
politischem Verrat führte. Wir können uns eine
solche Auseinandersetzung nicht vorstellen, ohne daß
sie selbst ein praktischorganisatorischer Prozeß
ist.
Stoff und Stränge
für die Diskussion gibt es genug, zum Beispiel:
* Was sind Perspektiven revolutionärer Politik in
Deutschland und Europa? Welche Rolle wird dadrin Militanz
und bewaffneter Kampf spielen: Strategie oder Taktik?
* Was ist noch mit dem Begriffspaar "Basis - Avantgarde"
anzufangen - und welche Strukturen und organisierten Wechselbeziehungen
sind notwendig?
* Wie kann die Trennung "revolutionärer Ziele"
und "konkreter Forderungen" aufgehoben werden?
Was ist Basisorganisierung? Müssen nicht langfristig
soziale Organismen aufgebaut werden, die alle unmittelbaren
Ziele und Forderungen aus der Unterdrückung formulieren,
aufgreifen und organisieren?
* Wie kann und muß damit umgegangen werden, daß
es sowohl in den unterdrückten Klassen, wie, als
Teil davon, in der Linken, unterschiedliche und z.T. sich
gegenseitig ausschließende Interessen gibt? Z.B.
in Bezug auf Sexismus, Rassismus und Nationalismus.
* Welche allgemeinen politischen Organisationsformen können/müssen
entwickelt werden? Ist revolutionäre Organisierung
damit identisch - oder muß sie nicht innerhalb/außerhalb
extra geschaffen werden?
* Wie muß der innere Prozeß revolutionärer
Organisierung/Organisation beschaffen sein? Die Frage
informeller Strukturen, von Selbständigkeit und innerer
Demokratie.
* Welche Rolle spielt eine internationale Diskussion mit
RevolutionärInnen anderer Bewegungen für die
Herausbildung eigener Vorstellungen und Vorhaben? Was
ist internationalistische Politik heute? Welchen Grad
von Übereinstimmung und Einheit ist, angesichts unterschiedlicher
Bedingungen und konkreter Notwendigkeiten, überhaupt
möglich?
*Ist es nicht so, daß erst wenn ein praxisorientierter
Prozeß um diese Fragen begonnen hat, auch die "Gefangenenfrage"
ihren Ort hat, von dem aus Lösungen und neue Kämpfe
denkbar werden?
In diesem Prozeß
kann auch der ganze Abschnitt seit April '92 ausgewertet
werden als Erfahrung. Nach Bad Kleinen ist die öffentliche
Diskussion über das Infragestellen eigener Strukturen
und Politikvorstellungen - und darin des jeweiligen konkreten
Verhaltens - unumgänglich. Ohne solche Auseinandersetzungen
ist kaum vorstellbar, wie wir aus dieser Situation von
Mißtrauen, Unklarheiten und selbstbequemen Lügen
jemals wieder herauskommen.
Wir suchen Genossinnen
und Genossen.
Zur Herausgabe
zum jetzigen Zeitpunkt:
Auch natürlich
deswegen haben wir uns entschieden, Texte aus unserer
Auseinandersetzung und Arbeit zu veröffentlichen.
Aber auch, weil eine der Bedeutung der Entwicklung entsprechende
Auseinandersetzung unserer Ansicht nach noch gar nicht
stattgefunden hat. Dazu wollen wir beitragen. Dafür
halten wir es auch für notwendig, "die Wochen
der erwünschten Unklarheit" ins Gedächtnis
zu rufen. Die veröffentlichten Texte sind zu verschiedenen
Zeiten dieser Monate seit dem letzten Sommer entstanden
und haben nicht den Anspruch einer durchgehenden Systematik.
Dadurch gibt es einige Wiederholungen von Gedanken, die
wir auch bei der Überarbeitung nicht gänzlich
beseitigen konnten, ohne den Aufbau der Texte völlig
zu verändern. Der fragmentarische Charakter ist von
uns durchaus gewollt. Er spiegelt die Fülle unterschiedlicher
Ansatzpunkte für die Diskussion wieder: egal von
welcher Seite wir uns nähern - als einen Bericht
über die Wochen nach dem 27.6.1993 oder dem Werdegang
des Klaus Steinmetz in der "linksradikalen Szene",
als Auseinandersetzung mit der Politik der RAF oder des
Staates usw usf - wir kommen immer wieder zwangsläufig
auf den Kern: radikal ist die sich revolutionär nennende
Linke schon lange nicht mehr. Grundsätzliche und
einschneidende Veränderungen sind notwendig.... Da
waren wir am Anfang - und da sind wir mittendrin.
Ein Satz zu
unserem Begriff von Öffentlichkeit und politischer
Diskussion: Nichts von dem, was wir hier veröffentlichen,
ist ein Geheimnis gewesen, sehr wohl aber einiges intern.
Wir wissen, daß ungewöhnlich ist, was wir machen:
"Über so was redet man nicht" - sind wir
jetzt die Verräter, weil wir es nicht für uns
behalten? Nicht weil wir Geheimes ausplaudern, aber in
dem Moment, wo wir uns öffentlich äußern,
haben wir kaum noch Einfluß auf "lachende Dritte".
Egal was wir machen, es gibt immer irgendwen, der oder
die ihr Süppchen darauf kocht. Das kann auch der
Staatsschutz sein, der vielleicht irgendwelche Konstrukte
daraus ersinnt. Und es gibt natürlich noch die ausgesprochene
Drohung des Verfassungsschutzes bzw. Steinmetz' im "Spiegel":
akzeptiert ihr nicht meine Version, dann müßt
ihr damit rechnen, daß ich als Kronzeuge auftrete.
Dieses verlangte Stillhalteabkommen durchbrechen wir bewußt.
Sich an so etwas zu halten, dabei kann die revolutionäre
Linke ohnehin nur verlieren. Wir denken, wir müssen
lernen, die konkrete Diskussion politisch, und die politische
Diskussion konkret zu führen. Auch wir fangen damit
erst an.
Zu dem Medienbegriff
"3. Mann": In Bad Keinen ging es den Bullen
um die Genossin Birgit und den Genossen Wolfgang und eben
um den "2. Mann", ihren Spitzel Klaus Steinmetz.
Aus drei Leuten drei Männer zu machen, ist typisch,
sexistisch - männlicher Macht- und Definitionsanspruch.
Wir benutzen den Begriff nur, weil er bekannter ist. In
den Texten bemühen wir uns, so genau wie möglich
zu sein. Angesichts von Verhaftung und Tod wirkt diese
Feststellung banal und nebensächlich. Aber wir dürfen
die Dimension des Geschehens und seine Brutalität,
nicht der Norm und strukturellen Gewalt gegenüberstellen.
Daß Kämpferinnen in der Sprache, im Denken
und oft auch im Handeln verschwinden, zu Männern
oder zur Nebensache gemacht werden, also im Ergebnis nicht
existieren (sollen!), ist uns eben nicht gleichgültig.
Die Recherchegruppe
in Wiesbaden: Im Herbst letzten Jahres schien es endlich
möglich, mit wiesbadener Genossinnen und Genossen
praktisch zusammenzuarbeiten. Ein Ansatzpunkt war die
Arbeit der Recherchegruppe. Wir sahen die Notwendigkeit,
überhaupt eine Diskussion in der radikalen Linken
zu ermöglichen. Ein noch so detaillierter Lebenslauf
kann nicht ersetzen, was erst die Auseinandersetzung über
die Ursachen einer zehnjährigen Unterwanderung ermöglicht:
die Freiheit, Konsequenzen ziehen zu können, die
mehr sind als die mechanische Schlußfolgerung: demnächst
besser aufzupassen.
Wir verstanden,
daß eine Recherchegruppe diese Arbeit nicht leisten
kann und dafür auch der falsche Ort ist. Das ist
auch eine Frage der konkreten Verantwortung und einer
Diskussion aus einem kontinuierlichen Prozeß. Die
Diskussion eröffnen - das hätten die Gruppen
und Zusammenhänge machen müssen, die mit und
in denen Klaus Steinmetz aktiv war. Wir schlugen deshalb
vor, mit einem Rundschreiben alle Gruppen, Zusammenhänge
etc, die mit dem VS-Spitzel zu tun hatten, aufzufordern,
sich zu äußern. In ihren Stellungnahmen sollten
sie den Charakter der Verbindung und Zusammenarbeit deutlich
machen, die politische Situation kennzeichnen, heutiges
selbstkritisches Überlegen, erste Schlußfolgerungen
usw.
Möglichst
bald veröffentlicht, sollten so sehr viele Genossinnen
und Genossen die Möglichkeit haben, an den inhaltlichen
Fragen zu diskutieren. Das entsprach unserem Verständnis
eines verantwortlichen Umgangs in der Linken. Wir erhofften
uns davon auch, den ganzen Vorgang aus der Ecke der unmittelbar
Betroffenen herauszuholen. Zu einer solchen Veröffentlichung
wollten wir beitragen.
Die Recherchegruppe
stimmte unserem Vorschlag zu, umgesetzt hat sie ihn allerdings
nicht. Die Gründe sind uns nicht bekannt. Inzwischen
liegt ihre "Recherche zum V-Mann Klaus Steinmetz"
vor. Von uns wollten sie dazu keinen Text haben. Viele
unserer Fragen werden nicht berührt. Deshalb veröffentlichen
wir unsere Arbeiten jetzt separat.
März 1994