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Presseübersicht zum Camenisch-Prozess 11.05.2004
Der Prozessauftakt im Spiegel der Presse

 

Aargauer Zeitung: Marco Camenisch weist Mordvorwurf entrüstet von sich, Tages-Anzeiger: Ansturm der besonderen Art im Zürcher Kunsthaus, Basler Zeitung, Neue Zürcher Zeitung: Marco Camenischs beredtes Schweigen, St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung, Limmattaler Tagblatt, Tagblatt der Stadt Zürich: "Öko-Terrorist" gab sich selbstsicher, ...

Presseübersicht 11.05.2004

Marco Camenisch weist Mordvorwurf entrüstet von sich - Aargauer Zeitung
Ansturm der besonderen Art im Zürcher Kunsthaus - Tages-Anzeiger
Camenisch bestreitet Mordvorwurf - Basler Zeitung
Camenisch bestreitet Zöllner-Mord - Tages-Anzeiger
Geschworenengericht in Zürich / Marco Camenischs beredtes Schweigen / Auftakt des Mordprozesses gegen den "Öko-Terroristen" - Neue Zürcher Zeitung
Camenisch bestreitet Mord - St. Galler Tagblatt
Zürich: "Öko-Terrorist" vor Gericht / Ein Auftritt für die Fangemeinde - Neue Luzerner Zeitung
Ohne allzu viel Worte / Camenisch-Prozess beginnt mit der Befragung des Angeklagten - Die Südostschweiz
"Nie einen wehrlos am Boden liegenden Menschen getötet" / GESCHWORENENGERICHT - Camenisch weist Vorwürfe zurück - Limmattaler Tagblatt
Auftakt zum Mordprozess Camenisch Die grosse Show des "Öko-Terroristen" - Blick
Camenisch will von Mord nichts wissen - Die Südostschweiz
Der Prozess gegen Marco Camenisch hat begonnen - Der "Öko-Terrorist" gab sich selbstsicher - Tagblatt der Stadt Zürich
Camenisch bestreitet Mord an Zöllner - Tages-Anzeiger
Proteste vor gut geschütztem Gericht - Tages-Anzeiger




@ Aargauer Zeitung / MLZ; 11.05.2004
Marco Camenisch weist Mordvorwurf entrüstet von sich
ZüRCHER GESCHWORENENGERICHT - Prozess um erschossenen Grenzwächter eröffnet vor vollbesetzten Zuschauerrängen


Attila Szenogrady

Dem heute 52-jährigen Angeklagten brandete von den Zuschauerrängen grosser Jubel entgegen, als er den Gerichtssaal betrat. Um den Prozess gegen den sichtlich gealterten Marco Camenisch mitzuverfolgen, hatten sich zahlreiche Anhänger aus der linksradikalen Szene eingefunden. Sie wurden vom Gerichtsvorsitzenden Hans Mathys ersucht, den Verhandlungsablauf nicht mehr zu akustisch zu beeinflussen. Zu Beginn erfolgte am Geschworenengericht das Verlesen der Anklageschrift. Darin wurde Camenisch einerseits ein Mordversuch vom Dezember 1981 angelastet. Der gebürtige Graubündner verbüsste damals in der Strafanstalt Regensdorf wegen Sprengstoffdelikten eine zehnjährige Zuchthausstrafe. Am 17. Dezember nahm er an einem Ausbruch einer italienischen Räuberbande teil. Dabei wurde ein Anstaltsangestellter erschossen. Ohne Mitwirkung von Camenisch. Im Gegensatz zu einer weiteren Schussabgabe gegen einen zweiten Aufseher, der mit dem Schrecken davonkam. Da der Angeklagte als Mittäter die mögliche Tötung des Geschädigten skrupellos in Kauf genommen habe, ging Staatsanwalt Ulrich Weder von einem Mordversuch aus.

Kaltblütig niedergeschossen

Erheblich schwerer wog der Hauptvorwurf. Demnach hatte der flüchtige Angeschuldigte am 3. Dezember 1989 in Brusio einen 1953 geborenen Grenzwärter kaltblütig mit drei Revolverschüssen hingerichtet. Die letzte Schussabgabe von Camenisch sei erfolgt, als das bereits schwer verletzte Opfer am Boden gelegen sei.
Die Befragung zur Person und zur Sache ging schnell über die Bühne. So bestätigte Camenisch lediglich seine Personalien und verweigerte ansonsten jegliche Aussage. Um die Geschworenen zu informieren, ging Gerichtspräsident Mathys anhand von früheren Gerichtsakten auf das Vorleben des Angeschuldigten ein. Camenisch sorgte 1979 landesweit für Schlagzeilen, als er einen Sprengstoffanschlag auf das NOK-Unterwerk Sarelli bei Bad Ragaz verübte. Der Sachschaden betrug 1,4 Millionen Franken. Der bald erwischte Camenisch galt seither als "Öko-Terrorist" und wurde im Frühjahr 1981 am Kantonsgericht Graubünden zu einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren verurteilt. Nach seiner Flucht aus Regensdorf hielt er sich mehrere Jahre in Italien versteckt. Nach dem Tod seines Vaters - eines Grenzwächters - kehrte Camenisch in die Schweiz zurück. Dann folgte laut Anklage der Mord von Brusio. Camenisch wurde im November 1991 in Italien verhaftet. Während seiner Festnahme hatte er einem Polizisten in den Arm geschossen. Der Bündner kassierte zwölf Jahre Zuchthaus und wurde im April 2002 an die Schweizer Behörden ausgeliefert.
"Justiz ist ein Kindergarten"
Obwohl Camenisch jegliche Aussage verweigert hatte, hielt ihm der Staatsanwalt einige offene Fragen aus der Vergangenheit vor. Ein Vorgehen, das Camenisch dazu brachte festzustellen, dass er sich bei der Schweizer Justiz vorkomme wie in einem Kindergarten. Man könne sieben Mal erklären, dass man nichts sagen wollte. Und dennoch stelle der Ankläger Fragen. Zum Schluss äusserte sich der Angeklagte doch noch. In einer vorbereiteten Rede bezeichnete er sich als Revolutionär und grünen Anarchisten. Er sei ein "Kriegsgefangener des kapitalistischen Systems" und sprach dem Gericht als "Klassenjustiz der Herren des Geldes" jegliche Legitimation ab. Zum Mordversuch äusserte sich der Angeklagte nicht. Im Gegensatz zum eingeklagten Mord, den Camenisch kategorisch in Abrede stellte. Solch eine Niedertracht sei nicht denkbar, sagte er. Er habe niemals einen wehrlos am Boden liegenden Menschen getötet.
Heute wird der Prozess mit der Befragung von ersten Zeugen fortgesetzt.


HOCH


@ Tages-Anzeiger; 11.05.2004
Ansturm der besonderen Art im Zürcher Kunsthaus

Zürich. - Es war Samstag, 16.10 Uhr. Im grossen Bührle-Saal des Kunsthauses genoss eine stattliche Zahl von Besuchern die Hodler-Ausstellung - 72 Gemälde im Gesamtwert von einigen Millionen Franken. Da schepperte im Foyer Glas, und einige Augenblicke später stürmten 20 bis 30 schwarz gekleidete Demonstranten in den Saal, einige voller Blut, begleitet von Tränengasschwaden. Die Jugendlichen hatten sich ins Kunsthaus geflüchtet, um dem Zugriff der Polizei zu entgehen, von der sie draussen nach einer unbewilligen Kundgebung für Marco Camenisch eingekesselt worden waren.

Die Polizisten, die den Demonstranten hinterherhetzten, schlossen die Tür zum Bührle-Saal, sodass niemand mehr den grossen Raum verlassen konnte - weder die Jugendlichen noch die Besucher noch die sichtlich verängstigten älteren Museumswächter, die für einige Minuten eine merkwürdige Schicksalsgemeinschaft bildeten.

Keine besonderen Vorkehrungen

Dann wurden die Demonstranten von der Polizei einzeln herausgefischt, verhaftet und abgeführt. Erst danach konnten die regulären Kunsthausbesucher die Klausur verlassen. Sie wunderten sich nicht nur über die fehlenden Notausgänge, sondern auch über die laschen Sicherheitsvorkehrungen im Haus. "Das Wachpersonal im Ausstellungsraum war nicht in der Lage, Hilfe anzufordern", sagte eine Besucherin.
Tatsächlich trifft das Kunsthaus "keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen", wenn grosse Ausstellungen stattfinden, wie Pressesprecher Björn Quellenberg bestätigt. Zusätzliches Wachpersonal werde nur aufgestellt, wenn es zu einem überdurchschnittlichem Besucherandrang komme, "etwa in der Nacht der Museen". Bei Eröffnung des sanierten Kunsthauses im Juni 2005 wird allerdings das interne Alarmsystem verbessert. Das Aufsichtspersonal kann dannzumal wenigstens die Frau an der Kasse alarmieren und umgekehrt.

Kritische Fragen zum Polizeieinsatz

Dennoch macht man sich im Kunsthaus Gedanken zu den Ereignissen vom Samstag. Man fragt sich etwa, wie intelligent es von den Polizeistrategen war, die Demonstranten ausgerechnet vor dem Eingang zum Kunsthaus einzukesseln - und will diese Fragen auch an entsprechender Stelle vortragen.

Dass kein einziger Hodler beschädigt wurde, hat für Quellenberg mehr mit der speziellen Ausgangslage als mit dem Kunstsinn der ungwohnten Besucherschaft zu tun: "Man attackiert doch nicht, was einen schützt." (res)


HOCH


@ Basler Zeitung; 11.05.2004
Camenisch bestreitet Mordvorwurf

Er sei "in keiner Art und Weise" für die Tötung des Grenzwächters 1981 in Brusio verantwortlich, erklärte Marco Camenisch gestern vor dem Zürcher Geschworenengericht. Weitere Angaben verweigerte er.
Zürich. Der Zugang zum Zürcher Obergericht war mit Absperrgittern verbarrikadiert. Sichtblenden verhinderten den Blick auf die Türe. Die Vorsichtsmassnahme hatte sich aufgedrängt, nachdem am Samstag eine unbewilligte Demonstration für den prominenten Angeklagten ausgeartet war.
Von Stefan Hotz

Gestern Morgen erschienen einige Dutzend seiner Anhänger meist in schwarzer Demo-Kluft vor dem Gerichtsgebäude. Ein paar italienische Anarchisten waren aus Mailand angereist. Während im vollbesetzten Saal die Geschworenen über den Ablauf des dreiwöchigen Verfahrens informiert wurden, spielte draussen eine Gruppe Szenen aus dem bewegten Leben von Marco Camenisch nach. Später ertönten Sprechchöre: "Marco libero".

Aufgrund der wenigen, älteren Aufnahmen, die bekannt sind, hätte man ihn auf der Strasse kaum erkannt. Marco Camenisch betrat den Gerichtssaal gutgelaunt, reckte die Faust und lachte ins Publikum. Der 52-Jährige ist überraschend klein und hager. Die langen, leicht ergrauten Haare trug er über einem weissen, bemalten T-Shirt zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Der Angeklagte drehte wiederholt den Kopf, suchte Bekannte auf den Zuschauerrängen in seinem Rücken, grinste, wenn er jemanden erkannte oder winkte ihm zu. Bei Camenischs Auftritt und nach seiner Erklärung applaudierten die Anhänger im Saal und riefen ihm aufmunternd zu. Die Verhandlung drohte deswegen jedoch nie, aus dem Ruder zu laufen. Der vorsitzende Richter liess es bei einer Ermahnung bewenden.

Für die Befragung war der ganze Tag reserviert, doch reichten zwei Stunden. Der Angeklagte bestätigte nur, er sei der Camenisch, Marco, geboren am 21. 1. 1952 in Schiers (GR), und betonte, ausser einer vorbereiteten Stellungnahme erteile er keine Auskünfte. Er erklärte, er habe keine akuten gesundheitlichen Probleme und denke, den Prozess durchzustehen. Der Gerichtspräsident liess Camenischs Laufbahn Revue passieren; die Anschläge auf Stromanlagen 1979, die Verhaftung im Januar 1980, die Verurteilung zu zehn Jahren Zuchthaus in Chur ein Jahr später, die Flucht aus Regensdorf 1981, die Gefangennahme 1991 in Italien und das Urteil von zwölf Jahren, die Auslieferung 2002. Ergänzungsfragen des Staatsanwalts ignorierte Camenisch.

Anklage spricht von "Hinrichtung"

Die Anklage wirft ihm vor, am 3. Dezember 1989 bei Brusio einen Grenzwächter, der ihn kontrollieren wollte, aus nächster Nähe mit drei Schüssen "hingerichtet" zu haben. Bei den beiden Verhaftungen zeigte Camenisch aufgrund der Akten ein anderes, auch entlastendes Verhalten. 1980 bei der Festnahme in St. Gallen trug er eine geladene und entsicherte Waffe bei sich, verzichtete jedoch, obwohl dafür Zeit gewesen wäre, sie gegen die Polizisten einzusetzen.

In Italien wurde Camenisch wegen Körperverletzung, nicht wegen versuchten Mordes verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er bei der Schiesserei vor der Verhaftung den Carabinieri hätte töten können, den er stattdessen mit zwei gezielten Schüssen in den Arm ausser Gefecht setzte.

Revolutionäre Rhetorik

Camenischs vorbereitete Erklärung erwies sich zunächst als reine Revolutionsrhetorik. In langen, verschachtelten Sätzen prangerte er die Klassenjustiz an, bezeichnete sich als "aufständischen, antipatriarchalen, zivilisationskritischen Anarchisten", der sich dem Kampf gegen die Zerstörung von Mensch und Natur und der "Veränderung der herrschenden Unordnung" verschrieben habe. Dann wurde er konkret: Es sei gerichtsnotorisch, dass er nie auf einen "militärischen Gegner", der unbewaffnet war oder flüchtete, geschossen habe. Die Verantwortung für die Tötung des Grenzwächters in Brusio lehnte Camenisch ab. Dass er laut Anklageschrift auf einen wehrlos am Boden Liegenden geschossen haben soll, sei, so der Angeklagte, ein Verhalten, das für ihn nicht denkbar sei.
Rebell vor Gericht. Reto Camenisch bezeichnet sich selbst als "aufständischen, antipatriarchalen, zivilisationskritischen Anarchisten".


HOCH


@ Tages-Anzeiger; 11.05.2004
Camenisch bestreitet Zöllner-Mord

Der militante Ökoaktivist Marco Camenisch weist den Vorwurf, einen Zöllner getötet zu haben, zurück. Am Prozess in Zürich stellte er die Legitimität des Gerichts in Frage.

Von Peter Johannes Meier

Es gibt nur wenige Angeklagte, die sich mehr für die Zuschauer im Saal interessieren als für die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Einer von ihnen ist der 52-jährige Marco Camenisch. Seit zwölf Jahren sitzt der Bündner ohne Unterbruch in Gefängnissen, wegen Anschlägen auf Strommasten und Körperverletzung in Italien, als Untersuchungshäftling in der Schweiz. Vor dem Zürcher Geschworenengericht wird ihm nun der Mord an einem Zöllner in Brusio (1989) und ein versuchter Mord bei der Flucht aus der Strafanstalt Regensdorf (1981) vorgeworfen. Dort hätte er eine 10-jährige Zuchthausstrafe absitzen müssen für Anschläge auf Anlagen der Schweizer Stromindustrie Ende der 70er- Jahre (TA vom Samstag).
"Marco Libero" schallt es von der Zuschauertribüne, Camenisch schreitet mit erhobener Faust in den Gerichtssaal. Ein schelmisches Grinsen überzieht sein Gesicht, als er alte Bekannte unter den Zuschauern entdeckt, die dunklen Augen funkeln beim Anblick der ihm unbekannten jungen Menschen, die kamen, um sich mit ihm zu solidarisieren.
Gezeichneter Klassenkämpfer
Doch so kämpferisch sich Camenisch an diesem Morgen zeigte - "meine persönliche und politische Identität ist noch stärker geworden" -, so unübersehbar sind die Spuren, die Gefängnis, schwere Krankheit und ein kürzlich beendeter Hungerstreik hinterlassen haben. Die grau melierten, hinten zusammengebundenen Haare geben ein hageres Gesicht frei, das den Anblick so vieler Menschen nicht mehr gewohnt ist. Der weisse Pullover mit Kinderzeichnungen ist kaum Ausdruck unbeschwerter Lebensfreude, vielleicht aber Camenischs unpolitisches Statement für die von ihm erwünschte lebenswertere und gerechtere Gesellschaft.
Unpolitisches gibt es sonst kaum in Camenischs Welt, selbst - oder erst recht - seit sie auf Zellengrösse geschrumpft ist. Und mit Politik meint Camenisch einen mitunter militanten Kampf gegen "die Klassengesellschaft". Und dieser begegne er gerade jetzt in der Form einer "Klassenjustiz", der "jegliche politische, ethische und moralische Legitimation" fehle. In seinem vorgelesenen Statement macht Camenisch aber auch eine für den Prozess relevante Aussage: Er weist den Mordvorwurf klar von sich. "Für die Tötung des Grenzwächters in Brusio bin ich in keiner Weise verantwortlich." Überhaupt habe er noch nie auf wehrlose, am Boden liegende Menschen geschossen. "Eine solche Niedertracht" sei für ihn nicht denkbar. Camenisch schloss sein Statement mit einer Grussbotschaft an die am Samstag bei einer unbewilligten Demonstration verhaftete Aktivistin Andrea Stauffacher.
Angesichts seiner radikalen Grundüberzeugungen erstaunt es kaum, dass Camenisch die Fragen des Gerichtsvorsitzenden Hans Mathys kaum, die von Staatsanwalt Ulrich Weder gar nicht beantwortete. Der Richter rekapitulierte Camenischs diversen Straftaten und Verurteilungen seit Ende der 70er-Jahre, die von Sprengstoffanschlägen bis zum Diebstahl von Elefantenzähnen reichen. Der Staatsanwalt zeigte sich von Camenischs Schweigen unbeirrt - "sie können zwar die Aussage verweigern, es gibt aber kein Recht auf keine Fragen" - und konfrontierte den Angeklagten mit Aspekten zu seinen früheren Taten. Mit dem Hinweis zum Beispiel, dass beim Anschlag von 1979 in Bad Ragaz 7000 Liter Öl in den Rhein flossen, versuchte er vor den Geschworenen an Camenischs Image eines ökologisch motivierten Aktivisten zu kratzen. Verteidiger Bernard Rambert konterte mit dem Vorwurf, Weder missbrauche die Befragung seines Mandanten als Plädoyer.
Neue Expertise aus Zürich
Der Camenisch vorgeworfene Mord in Brusio dürfte kommende Woche zum brisanteren Teil der Verhandlung werden. Augenzeugen der Tat sind bis heute keine bekannt. Letztlich werden die neun Geschworenen wohl auf Grund von Indizien entscheiden müssen. Staatsanwalt Weder bestätigte am Rande der Verhandlung, dass er eine in Zürich verfasste Expertise in den Prozess einbringen werde. Darin gehe es um eine bei Camenisch beschlagnahmte Pistole, die mögliche Tatwaffe. Der Angeklagte hatte bei seiner Verhaftung 1991 in Italien diese auf sich getragen. Zuvor war es zu einer Schiesserei mit Carabinieri gekommen. Dabei verletzte Camenisch einen Polizisten am Arm.
ILLUSTRATION LINDA GRAEDEL
Genossen im Blick: Marco Camenisch vor den Geschworenen (rechts). Hinten in der Mitte Gerichtspräsident Hans Mathys, links von ihm Staatsanwalt Ulrich Weder und Verteidiger Bernard Rambert (ganz links).


HOCH


@ Neue Zürcher Zeitung; 11.05.2004
Geschworenengericht in Zürich
Marco Camenischs beredtes Schweigen
Auftakt des Mordprozesses gegen den "Öko-Terroristen"


yr; Marcel Gyr
Am Montag hat im überfüllten Saal des Geschworenengerichts in Zürich die Hauptverhandlung gegen den 52-jährigen Marco Camenisch begonnen. Ihm werden Mord und Mordversuch vorgeworfen. In einer Stellungnahme bezeichnete der "Öko-Terrorist" die Justiz als totalitäre Institution, der er keine Fragen beantworten wolle. Er hielt aber fest, dass er für die Tötung des Grenzwächters Kurt Moser nicht verantwortlich sei.
-yr. Mit erhobenen Armen hat am Montagmorgen Marco Camenisch den Saal des Zürcher Geschworenengerichts betreten, wo er sich in den nächsten vier Wochen wegen Mordes an einem Grenzwächter sowie wegen Mordversuchs anlässlich eines Ausbruchs aus der Strafanstalt Regensdorf verantworten muss (NZZ 7. 5. 04). Der 52-jährige Bündner, der als sogenannter "Öko-Terrorist" in Teilen der links-autonomen Szene zu einer Ikone geworden ist, grüsste mit seinen erhobenen Armen einerseits die Sympathisanten und nahm anderseits deren Applaus und Zurufe entgegen. Camenisch, von dem es seit elf Jahren keine öffentlichen Bilder mehr gibt, wirkte hager, sein Gesicht war eingefallen - vermutlich das Resultat des Hungerstreiks, dem er sich in den Wochen vor dem Prozessbeginn unterzogen hatte. Das lange, angegraute Haar hatte er im Nacken zu einem Rossschwanz gebunden; er trug ein weisses T-Shirt mit Illustrationen, die an Kinderzeichnungen erinnerten.
Befreiungskampf und Kindergarten
Camenisch bezeichnete sich in einer Stellungnahme, die er dem Gericht vorlas, als "auch bewaffnet kämpfenden Revolutionär" in einem "radikal zivilisationskritischen Befreiungskampf". Er sehe sich nicht als Angeklagten, sondern als Kriegsgefangenen. Das Gericht und die Strafverfolgungsbehörden bezeichnete er in seiner Erklärung als Teil des "politisch-militärischen Repressionsapparates" und sprach ihnen jegliche Legitimation ab. Am Schluss seines 15-minütigen Referats nahm Camenisch überraschend doch noch Stellung zum Vorwurf der Staatsanwaltschaft, wonach er am 3. Dezember 1989 im Puschlav den 36-jährigen Grenzwächter Kurt Moser mit drei Schüssen aus nächster Nähe getötet haben soll. Klar und deutlich lehne er jegliche Verantwortung für diese Tötung ab, sagte Camenisch. Er unterliess es aber nicht, den ermordeten Grenzwächter im selben Atemzug als "zum Töten wohl ausgebildeten und bewaffneten Soldaten des Staates der bürgerlichen Industrie- und Finanzoligarchie der Schweiz" zu bezeichnen.
Während der Untersuchung hatte Camenisch die Tat jeweils nicht bestritten, sondern die Aussage gänzlich verweigert. Auch am Montag schwieg er meistens auf konkrete Fragen von Gerichtspräsident Hans Mathys beziehungsweise von Staatsanwalt Ulrich Weder. Hie und da liess er sich einen kurzen Kommentar entlocken. Doch mehrheitlich ignorierte der 52-jährige Bündner, der die letzten zwölfeinhalb Jahre in Haft verbracht hat, den Prozessverlauf und wandte sich stattdessen seinen zumeist jugendlichen Sympathisanten zu.
Einmal beklagte sich Camenisch, er komme sich vor wie im Kindergarten, weil er immer von neuem wiederholen müsse, dass er keine Aussagen machen wolle. Ein Vergleich mit der Schule wäre allerdings ebenso statthaft gewesen: Camenisch in der Rolle des aufmüpfigen Schülers, der sich in seinem trotzig-pubertären Aufbegehren gegen die an sich gutmütige Lehrerschaft von den schadenfreudig applaudierenden Mitschülern Anerkennung holt.
Viele Fragen, keine Antworten
Unbeantwortet blieb deshalb beispielsweise die Frage des Staatsanwalts, wieso Camenisch bei seinen beiden Verhaftungen - Ende Dezember 1979 in St. Gallen sowie Anfang November 1991 in der Toskana - jeweils einen entsicherten Revolver auf sich getragen hatte. Oder wieso er an der Gerichtsverhandlung in Italien Gewalt als einziges Mittel im Kampf gegen die sogenannte Klassenherrschaft bezeichnet hatte. Eher süffisant wirkte die Nachfrage Weders, was Camenisch - der sich in seiner Stellungnahme unter vielem anderen auch als "grünen Anarchisten" und Anhänger der "Earth Liberation Front" bezeichnete - zur Tatsache meine, dass bei seinem Sprengstoffanschlag auf ein Elektrizitäts-Unterwerk in der Nähe von Bad Ragaz (GR) rund 7000 Liter Öl in den Rhein geflossen seien.
Nach anderthalb Stunden war der erste Akt des Schauspiels am Geschworenengericht bereits zu Ende. Weil Marco Camenisch konsequent keine weiteren Fragen zu seiner Person und zu den ihm vorgeworfenen Straftatbeständen beantworten wollte, brach der Gerichtspräsident die Verhandlung um 10 Uhr 45 ab. Fortgesetzt wird sie heute Dienstagmorgen mit der Befragung von Zeugen, die Aussagen zum Ausbruch aus der Strafanstalt Regensdorf vom 17. Dezember 1981 machen sollen. Damals flohen neben Camenisch auch fünf Mitglieder der berüchtigten "Alfa-Bande", die einen Gefängnismitarbeiter erschossen und einen weiteren schwer verletzten. - Der Mord am Grenzwächter wird voraussichtlich ab kommendem Dienstag verhandelt, die Urteilseröffnung ist für den 4. Juni geplant.


HOCH


@ St. Galler Tagblatt; 11.05.2004
Camenisch bestreitet Mord

Strengste Sicherheitsvorkehrungen bei Prozessbeginn - Angeklagter verliest vorbereitete Erklärung
Er sei "in keiner Art und Weise" für die Tötung des Grenzwächters verantwortlich, erklärte gestern Marco Camenisch vor dem Zürcher Geschworenengericht. Weitere Angaben verweigerte der Bündner "Öko-Terrorist".

Stefan Hotz/Zürich

Der Zugang zum Zürcher Obergericht war mit Absperrgittern verbarrikadiert. Sichtblenden verhinderten den Blick auf die Türe. Die Vorsichtsmassnahme hatte sich aufgedrängt, nachdem am Samstag eine unbewilligte Demonstration für den prominenten Angeklagten ausgeartet war. Gestern Morgen erschienen einige Dutzend seiner Anhänger meist in schwarzer Demo-Kluft vor dem Gerichtsgebäude.
"Marco libero"
Ein paar italienische Anarchisten waren aus Mailand angereist. Eine Gruppe spielte Szenen aus dem Leben von Marco Camenisch nach. Später ertönten Sprechchöre: "Marco libero".
Aufgrund der wenigen, älteren Aufnahmen, die bekannt sind, hätte man ihn auf der Strasse kaum erkannt. Marco Came-nisch betrat den Gerichtssaal gutgelaunt, reckte die Faust und lachte ins Publikum. Der 52-jährige Angeklagte drehte wiederholt den Kopf, suchte Bekannte auf den Zuschauerrängen in seinem Rücken, grinste, wenn er jemanden erkannte oder winkte ihm zu. Bei Camenischs Auftritt und nach seiner Erklärung applaudierten die Anhänger im Saal und riefen ihm aufmunternd zu. Der vorsitzende Richter liess es bei einer Ermahnung bewenden.
Für die Befragung war der ganze Tag reserviert, doch reichten zwei Stunden. Der Angeklagte bestätigte nur, er sei der Camenisch Marco, geboren am 21. 1. 1952 in Schiers/GR, und betonte, ausser einer vorbereiteten Stellungnahme erteile er keine Auskünfte. Er erklärte, er habe keine akuten gesundheitlichen Probleme und denke, in der Lage zu sein, den Prozess durchzustehen. Der Gerichtspräsident liess Camenischs Laufbahn Revue passieren; die Anschläge auf Stromanlagen 1979, die Verhaftung im Januar 1980, die Verurteilung zu zehn Jahren Zuchthaus, die Flucht aus Regensdorf Ende 1981, die Gefangennahme 1991 in Italien und das Urteil von zwölf Jahren, die Auslieferung 2002.
Fragen der Anklage ignoriert
Ergänzungsfragen des Staatsanwalts ignorierte Camenisch. Die Anklage wirft ihm vor, am 3. Dezember 1989 bei Brusio einen Grenzwächter, der ihn kontrollieren wollte, aus nächster Nähe mit drei Schüssen regelrecht hingerichtet zu haben. Bei den beiden Verhaftungen zeigte Camenisch ein anderes, auch entlastendes Verhalten. 1980 bei der Festnahme in St. Gallen trug er eine geladene, entsicherte Waffe bei sich, setzte sie jedoch nicht ein. In Italien wurde Camenisch wegen Körperverletzung, nicht Mordversuchs verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er den Carabinieri hätte töten können, stattdessen setzte er ihn mit zwei gezielten Schüssen in den Arm ausser Gefecht.
Revolutionsrhetorik
Camenischs vorbereitete Erklärung erwies sich zunächst als reine Revolutionsrhetorik. In langen, verschachtelten Sätzen prangerte er die Klassenjustiz an, bezeichnete sich als "aufständischen, antipatriarchalen, zivilisationskritischen Anarchisten", der sich dem Kampf gegen die Zerstörung von Mensch und Natur und der "Veränderung der herrschenden Unordnung" verschrieben habe.
Dann wurde er konkret: Es sei gerichtsnotorisch, dass er nie auf einen "militärischen Gegner", der unbewaffnet war oder flüchtete, geschossen habe. Die Verantwortung für die Tötung des Grenzwächters in Brusio lehnte Camenisch ab. Dass er laut Anklageschrift auf einen wehrlos am Boden Liegenden geschossen haben soll, sei ein Verhalten, das für ihn nicht denkbar sei.
Zeichnung: ky/Linda Grädel
In einem bemalten T-Shirt erschien gestern der "Öko-Terrorist" Marco Camenisch vor Gericht.


HOCH


@ Neue Luzerner Zeitung; 11.05.2004
Zürich: "Öko-Terrorist" vor Gericht
Ein Auftritt für die Fangemeinde


In Zürich hat der Prozess gegen Marco Camenisch begonnen. Dieser benutzte die Gelegenheit zu einer Verbeugung vor seinen treuen Fans.

sda/ap. Der Prozess vor dem Zürcher Geschworenengericht begann gestern unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Nach der unbewilligten Demonstration mit 98 Festnahmen am Samstag wurde auch der Prozessauftakt von Solidaritätskundgebungen begleitet: Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten rund 50 Personen für den Angeklagten.
Dem 52-jährigen "Öko-Terroristen" wird unter anderem vorgeworfen, am 3. Dezember 1989 in Brusio GR einen Grenzwächter, der ihn kontrollieren wollte, erschossen zu haben. Für diese Tat sei er "in keiner Art und Weise verantwortlich", versicherte Marco Camenisch. Er habe niemals wehrlose Menschen angegriffen oder einen unbewaffneten Gegner getötet.
Tosender Applaus
Es stehe vor dem Geschworenengericht "als Kriegsgefangener in einem politischen Befreiungskampf", sagte Camenisch, der den "so genannten Strafverfolgungsbehörden" jegliche "politische, ethische und moralische Legitimation" absprach. Das Gericht sei für ihn ein Ort der freudigen "Begegnung mit meinen Freunden und Genossen", sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung zum Publikum, das ihm seine Ansprache mit tosendem Applaus dankte.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm neben dem vollendeten Mord am Grenzwächter einen versuchten Mord bei der Flucht aus der Strafanstalt Regensdorf ZH (1981) vor. Er hätte dort eine zehnjährige Zuchthausstrafe wegen Sprengstoffanschlägen auf Strommasten verbüssen sollen. Auf seine gezielten Anschläge auf Einrichtungen der Stromindustrie gründet der Ruf Camenischs als "Öko-Terrorist", der sich in all den Jahren eine treue Fangemeinde erhalten hat.
Zehn Jahre nach dem Ausbruch in Regensdorf wurde Camenisch in Italien verhaftet und dort später von einem Gericht wegen Sprengstoffanschlägen auf elektrische Einrichtungen zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im April 2002 wurde er an die Schweiz ausgeliefert.
Delikte vor vielen Jahren
Aus diesen Gründen muss sich Camenisch erst jetzt wegen Delikten verantworten, die viele Jahre zurückliegen. Dieser Umstand macht das Verfahren vor dem Zürcher Geschworenengericht schwierig. Von Zeugen, die nicht mehr erreicht werden konnten oder gestorben sind, können vor Gericht nur die Einvernahmeprotokolle verlesen werden.


HOCH


@ Die Südostschweiz; 11.05.2004
Ohne allzu viel Worte
Camenisch-Prozess beginnt mit der Befragung des Angeklagten


Er sei "in keiner Art und Weise" für die Tötung des Grenzwächters 1981 in Brusio verantwortlich, erklärte gestern Marco Camenisch vor dem Zürcher Geschworenengericht. Weitere Angaben verweigerte der Bündner Ökoterrorist.

von Stefan Hotz, Zürich

Der Zugang zum Zürcher Obergericht war mit Absperrgittern verbarrikadiert. Sichtblenden verhinderten den Blick auf die Türe. Die Vorsichtsmassnahme hatte sich aufgedrängt, nachdem am Samstag eine unbewilligte Demonstration für den prominenten Angeklagten ausgeartet war (Ausgabe von gestern).
Gestern Morgen erschienen einige Dutzend seiner Anhänger meist in schwarzer Demo-Kluft vor dem Gerichtsgebäude. Ein paar italienische Anarchisten waren aus Mailand angereist. Während im voll besetzten Saal die Geschworenen über den Ablauf des dreiwöchigen Verfahrens informiert wurden, spielte draussen eine Gruppe Szenen aus dem bewegten Leben von Marco Camenisch nach. Später ertönten Sprechchöre: "Marco libero."
In geordneten Bahnen
Auf Grund der wenigen, älteren Aufnahmen, die bekannt sind, hätte man ihn auf der Strasse kaum erkannt. Marco Camenisch betrat den Gerichtssaal gut gelaunt, reckte die Faust und lachte ins Publikum. Der 52-Jährige ist überraschend klein und hager. Die langen, leicht ergrauten Haare waren zu einem Rossschwanz zusammengebunden, er trug ein weisses, bemaltes T-Shirt. Der Angeklagte drehte wiederholt den Kopf, suchte Bekannte auf den Zuschauerrängen in seinem Rücken, grinste, wenn er jemanden erkannte oder winkte ihm zu. Die Verhandlung drohte jedoch nie aus dem Ruder zu laufen. Bei Camenischs Auftritt und nach seiner Erklärung applaudierten die Anhänger im Saal und riefen ihm aufmunternde Worte zu. Der vorsitzende Richter liess es bei einer Ermahnung bewenden.
Für die Befragung war der ganze Tag reserviert, doch reichten zwei Stunden. Der Angeklagte bestätigte nur, er sei der Camenisch, Marco, geboren am 21. 1. 1952 in Schiers (Graubünden), und betonte, ausser einer vorbereiteten Stellungnahme erteile er keine Auskünfte. Er erklärte, er habe keine akuten gesundheitlichen Probleme und denke, in der Lage zu sein, den Prozess durchzustehen.
Der Gerichtspräsident liess Camenischs Laufbahn Revue passieren; die Anschläge auf Stromanlagen 1979, die Verhaftung im Januar 1980, die Verurteilung zu zehn Jahren Zuchthaus in Chur ein Jahr später, die Flucht aus Regensdorf Ende 1981, die Gefangennahme 1991 in Italien und das Urteil von zwölf Jahren, die Auslieferung 2002.
Hat er oder hat er nicht?
Ergänzungsfragen des Staatsanwalts ignorierte Camenisch. Die Anklage wirft ihm vor, am 3. Dezember 1989 bei Brusio den Grenzwächter Kurt Moser, der ihn kontrollieren wollte, aus nächster Nähe mit drei Schüssen regelrecht hingerichtet zu haben. Bei den beiden Verhaftungen zeigte Camenisch auf Grund der Akten ein anderes, auch entlastendes Verhalten. 1980 bei der Festnahme in St. Gallen trug er eine geladene und entsicherte Waffe bei sich, verzichtete jedoch, obwohl dafür Zeit gewesen wäre, sie gegen die Polizisten einzusetzen. In Italien wurde Camenisch wegen Körperverletzung, nicht wegen Mordversuchs verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er bei der Schiesserei vor der Verhaftung den Carabinieri hätte töten können, den er stattdessen mit zwei gezielten Schüssen in den Arm ausser Gefecht setzte.
Camenischs vorbereitete Erklärung erwies sich zunächst als reine Revolutionsrhetorik. In langen, verschachtelten Sätzen prangerte er die Klassenjustiz an, bezeichnete sich als "aufständischen, antipatriarchalen, zivilisationskritischen Anarchisten", der sich dem Kampf gegen die Zerstörung von Mensch und Natur und der "Veränderung der herrschenden Unordnung" verschrieben habe. Dann wurde er konkret: Es sei gerichtsnotorisch, dass er nie auf einen "militärischen Gegner", der unbewaffnet war oder flüchtete, geschossen habe. Die Verantwortung für die Tötung des Grenzwächters in Brusio lehnte Camenisch ab. Dass er laut Anklageschrift auf einen wehrlos am Boden Liegenden geschossen haben soll, sei, so der Angeklagte, ein Verhalten, das für ihn nicht denkbar sei.


HOCH


@ Limmattaler Tagblatt / MLZ; 11.05.2004
"Nie einen wehrlos am Boden liegenden Menschen getötet"
GESCHWORENENGERICHT - Camenisch weist Vorwürfe zurück


Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen hat gestern vor dem Zürcher Geschworenengericht der Prozess gegen den "Öko-Terroristen" Marco Camenisch begonnen. Die Anklagepunkte Mord und Mordversuch wies der Angeklagte von sich. Camenischs Ruf als "Öko-Terrorist" gründet auf seine gezielten Anschläge auf Einrichtungen der Stromindustrie im Jahre 1979. Heute muss sich der 52-Jährige vor Gericht verantworten, weil er unter anderem am 3. Dezember 1989 auf der Flucht in Brusio GR einen Grenzwächter erschossen haben soll, der ihn kontrollieren wollte. Für diese Tat sei er "in keiner Art und Weise verantwortlich", versicherte Camenisch in einer persönlichen Erklärung. Er habe niemals wehrlose Menschen angegriffen oder einen unbewaffneten Gegner getötet. Es stehe vor dem Geschworenengericht "als Kriegsgefangener in einem politischen Befreiungskampf", sagte Camenisch, der den "so genannten Strafverfolgungsbehörden" jegliche "politische, ethische und moralische Legitimation" absprach. Der Prozess ist auf vier Wochen angelegt. Für den 1. Juni sind die Plädoyers der Parteien und ein allfälliges Schlusswort des Angeklagten vorgesehen. (lt)


HOCH


@ Blick; 11.05.2004
Auftakt zum Mordprozess Camenisch Die grosse Show des "Öko-Terroristen"

VON VIKTOR DAMMANN UND WERNER BUCHER

ZÜRICH. Für "Öko-Terrorist" Marco Camenisch (52) geht es um Kopf und Kragen. Doch beim Auftakt zu seinem Mordprozess begrüsste er seine Getreuen wie ein Showstar. Er sieht sich als "Kriegsgefangener".
Mit erhobener Faust betrat Marco Camenisch gestern Morgen das Zürcher Geschworenengericht. Seinen jubelnden Anhängern grinst er lässig zu. Doch er wirkt ausgezehrt - Camenisch leidet an Krebs. Seine grauen Haare hat er zu einem Rossschwanz gebunden. Die über zehn Jahre Knast, die er in Italien wegen Sprengstoffanschlägen und Schüssen auf einen Polizisten absass, haben ihre Spuren hinterlassen.
In Zürich muss sich der Bündner Öko-Terrorist wegen Mordversuches an einem Aufseher bei seiner Flucht 1981 aus der Strafanstalt Regensdorf verantworten. Und vor allem: wegen Mordes am Grenzwächter Kurt Moser (36) im Jahr 1989. Staatsanwalt Ulrich Weder wirft Camenisch vor, Moser in Brusio GR mit zwei Kopfschüssen regelrecht hingerichtet zu haben.
Camenisch scheint davon unbeeindruckt. Als die Anklageschrift verlesen wird, "flirtet" er mit seinem Publikum. Wie schon während der Untersuchung weigert er sich auch vor Gericht, Fragen zu beantworten. Selbst als ihm Weder vorhält, bei einem seiner Sprengstoff-Anschläge seien 7000 Liter Öl in den Rhein geflossen, schweigt der "Umweltaktivist". Desgleichen beim Vorwurf, vier Elefanten-Stosszähne geklaut zu haben.
In einem Statement bezeichnete sich Camenisch als "Kriegsgefangener". Er bestreitet, einen "unbewaffneten Gegner" hingerichtet zu haben. Schon gar nicht würde er einem am Boden liegenden Wehrlosen in den Kopf schiessen. Eine solche Niedertracht sei "mit meiner ganzen Härte des revolutionären Kampfes nicht denkbar". Er habe mit dem Mord in keiner Weise etwas zu tun.
Diese Worte hört auch Grenzwächter-Witwe Danila Moser, die dem Prozess beiwohnt. Sie war zur Tatzeit schwanger. "Nach 15 Jahren will sie endlich wissen, wer ihren Mann umgebracht hat", so ihr Anwalt. Der Prozess dauert rund vier Wochen.
Marco Camenisch (v.) vor der Zürcher Obergericht. Auf der linken Seite sitzen (v.l.) Camenisch-Anwalt Bernard Rambert, Guido Lazzarini, Anwalt der Grenzwächter-Witwe, und Staatsanwalt Ulrich Weder. Zweiter von rechts ist Gerichtspräsident


HOCH

@ Die Südostschweiz; 11.05.2004
Camenisch will von Mord nichts wissen

Marco Camenisch hat zu Prozessbeginn in Zürich bestritten, den Grenz-wächter Kurt Moser getötet zu haben.
ap./so.- Vor dem Zürcher Geschworenengericht hat Marco Camenisch gestern jede Aussage abgelehnt, die über sei- ne Personalien hinausging. Er verlas jedoch eine Erklärung, in der er unter anderem festhielt, für die Tötung des Grenzwächters in Brusio im Dezember 1989 sei er nicht verantwortlich. Er habe nie auf Unbewaffnete und Wehrlose und schon gar nicht einem wehrlos am Boden liegenden Menschen in den Kopf geschossen. "Eine solche Niedertracht ist für mich schlicht nicht denkbar", sagte Camenisch.
Nach der unbewilligten Demonstration mit 98 Festnahmen von letztem Samstag gab es auch zum Prozessauftakt Solidaritätskundgebungen von Linksautonomen. Vor dem Gerichtsgebäude, das unter starkem Polizeischutz stand und mit massiven Gittern abgeriegelt wurde, demonstrierten rund 50 Aktivisten. Immer wieder wurde "Marco libero" gerufen. Im Gerichtssaal verfolgten etwa 20 Camenisch-Anhänger die Verhandlung.
Der als Ökoterrorist bezeichnete Camenisch steht in Zürich während der nächsten vier Wochen vor Gericht. Dabei geht es um den Zöllnermord und um andere Delikte.


HOCH


@ Tagblatt der Stadt Zürich; 11.05.2004
Der Prozess gegen Marco Camenisch hat begonnen - Der "Öko-Terrorist" gab sich selbstsicher

Gestern Morgen begann der Prozess gegen den "Öko-Terroristen" Marco Camenisch. Der Auftakt war begleitet von einem grossen Medienrummel und von einer Demonstration. Rund 30 Sympathisanten des 52 jährigen Bündners führten vor dem Obergericht ein selbst inszeniertes Theaterstück auf und forderten die Freilassung Camenischs.
Der Prozess findet unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Vor dem Obergericht sind hohe Gitter aufgestellt, und das Gebäude kann nur nach einer strengen Zugangskontrolle betreten werden. Camenisch muss sich wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten. Der Angeklagte gab sich während der Befragung eher schweigsam, gab dann aber eine persönliche Erklärung ab. Er sei für die Taten nicht verantwortlich, und er sehe sich als Kriegsgefangenen, sagte er. Die "Ansprache" quittierten seine Anhänger mit grossem Applaus. Der Prozess vor dem Geschworenengericht dauert vier Wochen.
Linksaktivisten spielen vor dem Obergericht "Theater". BILD: KEY


HOCH


@ Tages-Anzeiger; 11.05.2004
Camenisch bestreitet Mord an Zöllner

Zürich. - Der militante Ökoaktivist Marco Camenisch hat am Montag die Verantwortung für die Ermordung eines Grenzbeamten in Brusio GR von sich gewiesen. Der 36-jährige Zöllner wurde 1989 auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Der von der Polizei gesuchte Camenisch hatte an diesem Tag sein Heimatdorf im Puschlav besucht. Weitere Fragen wollte der 52-jährige Angeklagte vor dem Zürcher Geschworenengericht nicht beantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord sowie versuchten Mord im Zusammenhang mit seiner Flucht 1981 aus der Strafanstalt Regensdorf vor. Camenisch präsentierte sich vor Gericht als unbeugsamer Klassenkämpfer, hinterliess aber einen angeschlagenen Eindruck. Sein Anwalt behält sich darum vor, einen Dispens zu beantragen. (pjm)


HOCH


@ Tages-Anzeiger; 11.05.2004
Proteste vor gut geschütztem Gericht

Der Prozess gegen Marco Camenisch ist gestern unter hohen Sicherheitsvorkehrungen am Zürcher Obergericht eröffnet worden. Das mit Gitterzäunen verbarrikadierte und von Polizisten bewachte Gebäude konnte nur nach Einzelkontrollen betreten werden. Viele der 60 Camenisch-Sympathisanten fanden mangels Platz keinen Einlass. Sie skandierten ihre Parolen vor dem Gericht und protestierten mit einem Strassentheater gegen die "Kriminalisierung" von Demonstranten, eine Anspielung auf die Verhaftung von 98 Personen am Samstag in Zürich.
Der Prozess geht heute mit Zeugeneinvernahmen zur Flucht aus Regensdorf weiter, kommende Woche wird der Zöllnermord in Brusio thematisiert. Die Urteilseröffnung ist für den 4. Juni geplant. (pjm)


HOCH


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Dokument veröffentlicht am 12.05.2004 um 10:20 Uhr durch OnlineRedaktion
zuletzt geändert am 17.06.2005 - 07:31
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