|
Zum ersten Mal demonstrierte am Freitag (29. März) eine große Gruppe von „Refusenikim“, Reserve Offiziere und Mannschaften, welche den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern, vor der Residenz von Regierungschef Scharon in Jerusalem. ...
In Israel: PROTESTAKTIONEN GEGEN MILITÄRISCHE GEWALT
Von Hans Lebrecht, Kibbutz Beit-Oren, 31. März 2002 E-Mail: {hlebr at trendline.co.il}
Zum ersten Mal demonstrierte am Freitag (29. März) eine große Gruppe von „Refusenikim“, Reserve Offiziere und Mannschaften, welche den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern, vor der Residenz von Regierungschef Scharon in Jerusalem. Ein Sprecher der Gruppe, Amit Maschiach, erklärte, dass den Brief, welche vor ein paar Wochen 53 Offiziere und Soldaten unterzeichnet und veröffentlicht hatten und darin mitteilten, dass sie in Zukunft nicht mehr in den besetzten Gebieten dienen werden und an der menschenrechtswidrigen Unterdrückung eines Nachbarvolkes, der Palästinenser, teilzunehmen, bereits von 375 Reservisten unterzeichnet haben. Zusammen mit den schon vorher diesen Dienst verweigerten Reservisten der Jesch-Gwul (Es gibt eine Grenze) Gruppe verweigern bereits mehr als eintausend Reservisten diesen Dienst. Etwa 20 dieser Reservisten sind gegenwärtig in den Militärgefängnissen eingekerkert.
Der Luftwaffen Pilot, Major (Res.) Nachum Carlanski, erklärte während der Mahnwache in Jerusalem, er würde als israelischer Patriot seine Wehrpflicht erfüllen, wenn diese zur Verteidigung Israels gelte, aber er werde bei einem Krieg zur Verteidigung der illegal auf palästinensischem Boden angelegten Kolonialistensiedlungen und zur Unterdrückung des Palästinenservolkes nicht mitmachen. „Die Okkupation verursache einerseits eine Dehumanisierung der israelischen Gesellschaft und zeugt andererseits eine weitere Generation von jungen (palästinensischen) Selbstmordattentätern, welche ihr Leben zu opfern bereit sind, um die Ehre ihrer Nation durch Terroranschläge zu retten“, betonte Major Carlanski.
Am Samstag abend protestierten mehr als 500 Demonstranten des Gusch-Schalom Friedensblockes, zusammen mit der Frauenkoalition für Frieden und der Ta-ajusch Solidaritäts Bewegung vor dem Kriegsministerium in Tel-Aviv. Die auf Transparenten und Plakaten erhobenen Losungen lauteten unter anderem „Die Okkupation (Palästinas) tötet uns alle“, „Die Invasion israelischer Panzer gebiert neue (palästinensische) Attentate in Israel“, „Arafat ist relevant – Scharon nicht“ und „Scharon, sowie alle seine Kabinettsmitglieder sind Kriegsverbrecher“, u.a.m.. Als ein Teil der Teilnehmer die verkehrsreiche Kaplanstraße vor dem Ministerium durch einen Sitzstreik sperrten, kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, während welcher einige der Demonstranten und ein Polizist verletzt wurden. Als die Polizei einen der Demonstranten arrestierte, zog die Menge vor das Polizei Hauptqartier und forderte, mit Erfolg, die Freilassung des Verhafteten. Gerade als die Demonstration sich auflöste, sprengte ein palästinensischer Selbstmordattentäter sich in einem, nur einige hundert Meter entfernten Kaffeehaus in die Luft und verwundete etwa 30, meist junge Israelis.
Zur selben Zeit fand auch eine ähnliche Protestkundgebung der Friedenskoalition (Frieden-Jetzt und andere) vor der Residenz von Scharon in Jerusalem mit mehr als eintausend Teilnahmern statt. Am Freitag nachmittag beteiligten sich auch einige hundert jüdische und arabische Israelis an einer, in Haifa von der demokratischen Chadasch Front organisierten Mahnwache, welche gegen die miliärische Gewalt in den besetzten Gebieten protestierte und die Räumung aller seit 1967 besetzten Gebiete, mitsamt der kolonialistischen Siedlungen forderte.
Eine Gruppe von etwa 60 ausländischen Teilnehmern aus Italien, Frankreich und Deutschland, darunter Ärzte und Krankenpersonal, marschieten von Jerusalem nach dem belagerten Ramallah und dem von israelischen Panzern und Elitetruppen „eroberten“ Sitz der palästinensischen Führung mit Präsident Arafat an der Spitze. Sie protestierten gegen den offenkundigen Bruch der Vierten Genfer Konvention (Schutz der Bevölkerung eines militärisch besetzten Landes) von 1949, das auch von Israel unterzeichnet wurde. Die israelischen Militärs stoppten die internationalen Besucher, welche forderten, den verwundeten Insassen des Gebäudes medizinische Hilfe zuteil werden zu lassen. Aber nach langem Feilschen und der Intervention einiger diplomatischen Vertreter, ließen sie dennoch zwei Ärzte und einige Krankenpfleger zu den eingesperrten verwundeten Palästinensern durch. Die Besatzer erlaubten auch auf Grund der internationalen Einmischung „gnädigst“ einer Ambulanz einige der Verwundeten in ein Krankenhaus zu befördern. Bei dieser Aktion wurde auch ein, zusammen mit Arafat eingekesselter (jüdischer) Amerikaner, Adam Schapiro, durch einen Arzt und einer Krankenpflegerin ersetzt, freigekämpft. In der Gesellschaft von Arafat befindet sich auch eine, schon des Öfteren durch ihren Mut und Tapferkeit ausgezeichnete israelische Friedensaktivistin, Netti Golan.
Bezeichnend für die ach so objecktiven Massenmedien in Israel, wurden und werden all diese Protestaktionen fast vollkommen verschwiegen. Dagegen werden Aussagen der rechtsradikalen Elemente, welche von Scharon fordern, mit noch mehr militärischer Gewalt Arafat und die Palästinser auf die Kniee zu zwingen und die von Scharon und seiner Regierung ultimativ geforderte Unterwerfung zu akzeptieren, oder sogar die ethnische Säuberung von ganz Palästina von ihren drei-einhalb Millionen Ureinwohnern durchzuführen, immer wieder ausposaunt. In dieser Medien Gehirnwäsche spielen die hinterlistigen und zweideutigen Aussagen der Buschmänner im Washingtoner Weißen Haus eine nicht unwichtige Rolle.
Eines aber sollte klar sein – und einige wenige der Medienanalytiker in Israel drücken dies auch aus: Die Einkesselung und Bedrängung von Arafat haben dessen Prestige in der palästinensischen Öffentlichkeit, wie auch in der gesamten arabischen Welt, ungeheuer gehoben. Noch nie bezeugten die Palästinenser eine so einheitlich geschlossene Unterstützung für Arafat, wie jetzt infolge der brutalen israelischen Aggression. Von nicht Wenigen wird dies dahingehend eingeschätzt, dass die ganze, das Völkerrecht mit Füssen tretende Gewaltaktion letztendlich Scharon wie ein Bummerang treffen und niederschlagen werde.
[ document info ]
CopyLeft
© So Oder So
Dokument veröffentlicht am 31.03.2002 um 13:51 Uhr durch Libertad_Saar
zuletzt geändert am
17.06.2005 - 06:31
[HOCH] Artikel
kommentieren (0) empfehlen drucken
verfassen oder
versenden:
|