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MÖRDERISCHE TOLLKIRSCHEN

 

„Duwdewan“ heisst auf deutsch Kirsche. Aber wenn es sich um die althergebrachte Spezialeinheit - oder richtiger gesagt die Duwdewan Terrorbande - der israelischen Besatzerarmee handelt, so sollte diese eher Tollkirsche genannt werden.

MÖRDERISCHE TOLLKIRSCHEN

Von Hans Lebrecht, Kibbutz Beit-Oren - 3. September 2000

„Duwdewan“ heisst auf deutsch Kirsche. Aber wenn es sich um die althergebrachte Spezialeinheit - oder richtiger gesagt die Duwdewan Terrorbande - der israelischen Besatzerarmee handelt, so sollte diese eher Tollkirsche genannt werden. Diese Spezialeinheit und ihre Schandtaten, welche normalerweise wegen angeblicher Sorge um die Sicherheit Israels und der propagandistisch aufgebauschten „Terroristengefahr“ durch scharfe Zensur vertuscht wird, rückte vorige Woche wieder einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Dies geschah nicht etwa wegen der „ganz normalen“ Tätigkeit dieser hochqualifierten Terrorbande der israelischen Armee, nämlich Mord und Totschlag von Palästinensern in den besetzten Gebieten, sondern weil wieder einmal, bei Weitem nicht das erste Mal, während einer solchen Operation im palästinensischen Dorf Assira Shimariya drei, von „freundlichem Feuer“, d.h., durch Schüsse aus ihren eigenen Reihen getroffene Todesopfer zu beklagen hatten. Den von ihnen gesuchte Machmud Abu-Hanud, ein Befehlshaber aus den Reihen des bewaffneten Arms der Hamas Bewegung, Izzadin-al-Qassem, ging ihnen durch die Lappen und konnte verwundet in der nahegelegenen, von der PNA verwalteten Stadt Nablus entkommen. Dort wurde Abu Hanud von der Arafat Justiz Ende der vorigen Woche in einem, juristisch gesehen nicht gerade dem Recht entsprechendem Schnellverfahren hinter geschlossenen Türen zu 12 Jahren Haft verurteilt. Je wie man es nimmt, man kann darin eine Methode sehen, der israelischen Auslieferungsforderung aus dem Wege zu gehen, oder aber eine versteckte Zusammenarbeit zwischen der PNA Justiz und den israelischen Besatzern.

Die angegebene Ursache für den Tod der drei israelischen Soldaten, „durch freundliches Feuer erschossen“ in der Tollkirscheneinheit, wie diejenige in der vorwöchigen Aktion entsteht doch nur allzu leicht durch die Tatsache, dass diese Einheiten im Allgemeinen mit über ihre Uniformen gestülpten Kleidungen, die sie als Araber, oder sogar Araberinnen aussehen lassen, in die „Schlacht“ gegen Palästinenser gehen. Man nennt in Israel diese Einheiten auch „Mistarvim“, auf deutsch etwa „sich als Araber ausgebende“ Kämpfer.

Jetzt gibt es wieder Untersuchungen, wie die Operation Assira Shimariya schiefgehen konnte, wie so etwas passieren konnte. Der Befehlshaber der Besatzerarmee im Westjordangebiet nahm bereits freiwillig seinen Abschied, weil er, ein im Allgemeinen nicht übliches Ereignis in den Reihen der Militärs, die Konsequenzen aus dieser Affaire zu ziehen bereit war. Aber es sollte nicht darum gehen, wie das passieren konnten, oder wer, welcher Offizier oder Unteroffizier für den Tod der drei Soldaten verantwortlich war, sondern es sollte grundsäzlich um die Auflösung dieser, jetzt schon anachronistisch gewordenen Tollkirschen und ähnlicher „Elite“ Einheiten in der Besatzerarmee gehen.

Der historische Hintergrund dieser staatlichen, in den Reihen der israelischen Armee eingegliederten Terrorbanden liegt weit zurück. Die schon vor der Staatsgründung wirkende Palmach Stosstruppen der Haganah „Verteidigungs“ Milizen des organisierten jüdischen Bevölkerungsteils Palästinas jener Tage gingen oftmals als Mistarvim, als Araber verkleidet, in arabische Dörfer und Stadtviertel, um unter diesem Deckmantel angebliche „Vergeltungsschläge“ gegen vermutliche, oder angebliche arabisch-palästinensische „Terroristen“ auszuüben. Nicht unwesentlich dürfte die Tatsache sein, dass diese Palmach Einheiten, damals zuerst unter dem Kosenamen „Nachtbrigaden“ wirkend, von dem britischen Oberst Wingate während des arabischen Aufstands von 1937-39 gegen die britische Kolonialmacht geschaffen wurden. Die Sache trug nicht wenig dazu bei, dass es den Briten und ihrer „teile und herrsche“ Politik teilweise gelungen war, den Aufstand gegen ihre Kolonialmacht in einen arabisch-jüdischen Konflikt umzubiegen. Ihre freiwilligen, gegen aufständische Araber wirkende „Kämpfer“ rekrutierten sich nahezu vollständig aus den sich sozialistisch nennenden zionisischen Kibbuzim, welche dann auch als Helden gefeiert wurden.

Nach der Staatsgründung übernahm die israelische „Verteidigungs“armee die Methode. Schon in den frühen Jahren des Staates Israel wirkten solche staatlichen Terroreinheiten (Einheit 101 und andere unter dem Kommando des heutigen Likudchefs, MK Ariel Sharon). Unter anderem wurden sogar, von der scharfen Militärzensur, oder der von den Herausgebern der damaligen Presseorganen selbst auferlegten Zensur nicht veröffentliche, von Mund zu Ohr verbreitete „Gerüchte“ laut, denen zufolge solche, als Araber verkleidete Soldaten jüdische Bürger umbrachten, um dann danach mörderische „Vergeltungsschläge“ gegen Ziele in den arabischen Nachbarländern, oder im von Jordanien besetzten Westjordangebiet und dem von Ägypten verwalteten Gazastreifen zu verüben. Nach dem für Israel so gelungenem Eroberungskrieg von 1967 machten sich die Kommandeure dieser Terroreinheiten in Veröffentlichungen mit ihren mörderischen Untaten in den Nachbarländern, denen hunderte von unschuldigen Zivilisten zum Opfer fielen, wichtig, ohne natürlich die selbstgeschaffenen Anstöße dafür, die Taten der „Mistarvim“ anzuführen.

Dieser Tage erinnern die israelischen Medien daran, dass auch in der Vergangenheit den “Mistarvim” Einheiten , insbesondere den “Kirschen”, solche Fehler, welche Todesopfer in ihren eigenen Reihen zur Folge hatten, unterlaufen waren. Der Schreiber dieser Zeilen möchte aber auch daran erinnern, dass die Tollkirschen schon früher einige Male durch versteckte Liebhaber Videokameras dabei erwischt wurden, wie sie während ihrer Operationen auch von ihnen vermutete palästinensische “Terroristen” auf offener Straße niederschlugen, diese fesselten und dann durch gezielten Kopfschuss ermordeten. Solche, auch in der israelischen Presse und dem Fernsehen manchmal veröffentliche Szenen regten in Israel nur konsequente Friedensaktivisten auf, oder die Sache wurde von kommunistischen Knessethabgeordnete in der Knesseth angeprangert. Die allgemeine Reaktion der breiten Öffentlichkeit aber, darunter auch gewisser zionistischer Friedenskreise, auf solche Berichte war meistens nur ein Achselzucken mit der Ausrede von “wo gehobelt wird, fallen auch Späne”.

Was aber wirklich dringend notwendig wäre ist doch offensichtlich. In Tagen, während welcher die israelische Regierung ihren Willen bekundet, Frieden mit den Palästinensern zu schließen, während der Weg zu gerechtem Frieden von einer breiten Mehrheit in Israel Unterstützung findet, wer braucht da noch solche Tollkirschen ? Diese wirken doch den Friedensbemühungen, selbst den stolpernden des Regierungschefs Barak, wie ein Bummerang und fallen diesen in den Rücken. Die engültige Auflösung dieser staatlichen Terroreinheiten sollte im Interesse des Friedens und der Wahrung der Menschenrechte dringend auf der Tagesordnung stehen.


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Dokument veröffentlicht am 03.09.2000 um 16:28 Uhr durch Libertad_Saar
zuletzt geändert am 17.06.2005 - 07:31
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