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"Zuerst habe ich ein Gefuehl des Triumphes..."
Gespräch mit Patricio Ortiz

 

WochenZeitung Nr. 37 Siehe auch www.woz.ch!

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"Zuerst habe ich ein Gefuehl des Triumphes..."
Das Interview fuehrte Geri Krebs


WoZ: Patricio Ortiz, deine Freilassung beinhaltet einen faulen Kompromiss: Du wirst nicht nach Chile ausgeliefert, gleichzeitig aber verweigert man dir die Anerkennung als politischer Fluechtling. Wie fuehlst du dich dabei?



Patricio Ortiz: Zuerst habe ich ein Gefuehl des Triumphes, jenseits von allen verfahrenstechnischen und juristischen Betrachtungen. Der Entscheid der Schweizer Behoerden hat einen klaren politischen Charakter. Im Verlauf dieses Jahres habe ich erlebt, wie in der schweizerischen Zivilgesellschaft immer mehr Leute sich fuer meine Freilassung eingesetzt haben. Dieser Umstand ist fuer mich viel wichtiger als die moeglichen Konsequenzen, die sich aus meiner Nichtanerkennung als politischer Fluechtling ergeben koennten. Ich glaube, dass sich dies in etwas Positives verwandeln koennte - naemlich dadurch, dass die Solidaritaet wach bleibt und weiter waechst. So wird verhindert, dass die Wachsamkeit gegenueber der Asylpolitik nachlaesst.



Es ist sicher kein Zufall, dass sie dich praktisch am Jahrestag deiner Verhaftung freiliessen.



Was das genaue Datum betrifft, habe ich keine konkreten Indizien. Doch lange konnten die Behoerden diesen Zustand nicht mehr aufrechterhalten, denn neben der wachsenden Solidaritaet hier in der Schweiz schalteten sich auch internationale Gremien wie das Europaparlament oder Amnesty International in meinen Fall ein. Das ging so weit, dass am vergangenen Freitag - dem Jahrestag meiner Verhaftung - eine Delegation von Europaparlamentariern angemeldet war, die mich in Dielsdorf besuchen wollte. Es waere sicher das erste Mal gewesen, dass dieses Bezirksgefaengnis so hohen Besuch erhalten haette. Was Amnesty International anbelangt, anerkennt diese Organisation in ihrem juengsten Bericht, dass ich ein politischer Gefangener bin - sie uebernimmt weitgehend die Sichtweise meines Anwaltes. So wurde es fuer die Schweizer Behoerden langsam peinlich. Wie waren deine Haftbedingungen in den drei verschiedenen Gefaengnissen hier in der Schweiz? Alle drei Gefaengnisse sind Untersuchungsgefaengnisse, das heisst, sie unterstehen einer Logik der Nicht-Kommunikation. Du bist 23 Stunden am Tag eingeschlossen, und du darfst eine Stunde >spazieren<.

Unterschiede zwischen den drei Gefaengnissen, in denen ich war, gibt es einzig bezueglich der Groesse und den verschiedenen Stufen in der Kaelte des Personals dir gegenueber. Die Besuchszeiten dagegen sind ueberall gleich: eine halbe Stunde pro Woche, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Familienangehoerige, und immer mit Trennscheibe. Verstaendigung ist nur ueber die Gegensprechanlage moeglich, direkten Kontakt gibt es nicht, dazu kommt eine rigorose Postkontrolle und -zensur. All das dient dazu, dich von jeglichen Kontakten zu isolieren.



Du warst jahrelang in chilenischen Gefaengnissen inhaftiert, wie faellt der Vergleich zu jenen der Schweiz aus?



Das ist schwierig zu sagen. Jedes Gefaengnis ist abscheulich, weil es dem Zweck dient, dich physisch und psychisch zu zerstoeren, es hat keine andere Bestimmung. Historisch und ideologisch gesehen, ist das Konzept des Gefaengnisses gescheitert. Der Versuch, die eingesperrten Menschen zu normalisieren, hat sich laengst ins Gegenteil verkehrt: in die Reproduktion von Delinquenz.



Wie verhielten sich die anderen Gefangenen dir gegenueber?



Wie schon erwaehnt, waren die Kontaktmoeglichkeiten aeusserst eingeschraenkt, doch ich hatte nie irgendwelche Probleme. Klar, von der Sprache her war es einfacher mit anderen Lateinamerikanern, es gab Kolumbianer, Argentinier, Peruaner, Dominikaner sowie Chilenen, daneben aber auch viele Albaner, Algerier und Tuerken. Sie alle erlebte ich stets als sehr solidarisch. Jedes Mal, wenn die Leute vom Komitee >Freiheit fuer Patricio Ortiz< vor den Gefaengnismauern ihre Raketen und Knallkoerper abfeuerten, gab es drinnen ein Riesenspektakel, die Leute schlugen gegen die Tueren und schrien >Libertad, Libertad<. Das waren fuer mich die bewegendsten Momente.



An der Pressekonferenz vom 7. September hast du kurz die Merkwuerdigkeiten der chilenischen Demokratie erwaehnt. Wie sehen diese konkret aus ?



Wenn die chilenischen Behoerden heute von Demokratie sprechen, geht es ihnen darum, alte Mythen und Bilder zu bestaetigen. In Chile gibt es aber schon deshalb keine Demokratie, weil der Rahmen, der das gesamte politische Leben regelt, die Pinochet-Verfassung von 1980 ist. Und diese Verfassung ist sowohl von ihrem Ursprung wie von ihrem Inhalt her zutiefst antidemokratisch. Wie kann man in einem republikanischen System von Demokratie sprechen, wenn das Grundgesetz, die Verfassung des Landes, von einem der groessten Massenmoerder des amerikanischen Kontinents - Pinochet - in Auftrag gegeben wurde, mit dem Ziel, seinen Interessen zu dienen? Inhaltlich bestaetigt diese Verfassung die ewig waehrende Vormundschaft der Armee ueber die Zivilgesellschaft und ihre jeweiligen politischen Organisationen. Wie koennen wir von Demokratie sprechen, wenn die von Pinochet installierte neoliberale Wirtschaftspolitik unveraendert fortgefuehrt wird? Wenn dieselben Institutionen, die angeblich die Verteidigung des Landes und die Einhaltung der Menschenrechte garantieren sollen, direkte Erben der Pinochet-Diktatur sind? Wenn Einrichtungen wie der >nationale Sicherheitsrat< oder >Senatoren auf Lebenszeit< existieren, die sich per definitionem jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen? Und wenn derjenige, der die chilenische Demokratie zerstoert hat, mitten in der Gesellschaft hockt und Straffreiheit geniesst? Demokratie bedeutet fuer mich mehr als nur gerade ein paar institutionelle Garantien, sie bedeutet fuer mich vielmehr ein System, das eine moralische Ordnung in einer moralischen Gemeinschaft beinhaltet. Aber wie kann eine Gemeinschaft moralisch sein, wenn weiterhin Tausende von Angehoerigen der Verschwundenen und Ermordeten nichts ueber deren Schicksal wissen beziehungsweise nicht wissen, wo diese begraben liegen? Und dann gibt es Leute, die unter diesen Umstaenden von Versoehnung sprechen!



Was bedeutet fuer dich der bevorstehende Jahrestag von Pinochets Putsch, der sich am 11. September zum 25. Mal jaehrt?



Ich glaube, die politischen, kulturellen und institutionellen Wunden, die dieser traurige Tag hinterlassen hat, sind in keiner Weise verheilt. Dieses Datum muss uns daran erinnern, dass die Ideen von Salvador Allende und seiner Volksfrontregierung weiterhin gueltig sind, heute vielleicht sogar mehr als damals - und dies trotz der tief greifenden Veraenderungen, die Chile in all diesen Jahren erfahren hat. An diesem Tag hat man uns mit Gewalt das schwachsinnigste und kriminellste System aufgezwungen, das ein fuer alle Mal mit der Moeglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus in Chile aufraeumen wollte. Deshalb sollten wir als Linke diesen Tag zum Anlass nehmen, eine tief greifende Reflexion ueber unsere Geschichte einzuleiten und offensiv gegen die von den Herrschenden verordnete Amnesie vorgehen.



Das Komitee Freiheit fuer Patricio Ortiz ist weiterhin dringend auf Spenden angewiesen. Beim Komitee kann auch eine soeben erschienene 28-seitige Broschuere bezogen werden, die das einzige Interview enthaelt, das Patricio Ortiz waehrend seiner Gefaengniszeit in der Schweiz geben konnte. Komitee Freiheit fuer Patricio Ortiz, Postfach 8712, 8036 Zuerich, Tel. 01 241 77 22, Fax 01 242 08 58. Spenden: Zentralamerika-Solidaritaetsfonds Zuerich, Vermerk: Patricio Ortiz. PC-Konto: 80- 60518-0.


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Dokument veröffentlicht am 30.09.1998 um 13:27 Uhr durch Libertad_Frankfurt
zuletzt geändert am 17.06.2005 - 07:31
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